von Dieter Farsen
Endlich eine länger anhaltende Hochdrucklage im Mai. Da sich der Alpenraum am Westrand des Hochs über Osteuropa befindet, ist mit südlichen Höhenwinden zu rechnen und die ersehnte Kaltluftadvektion bleibt uns versagt. Trotzdem ist die Flugwettervorhersage für den Raum Tirol/Vorarlberg für den morgigen Samstag vielversprechend:
"DAS FRUEHSOMMERLICHE HOCHDRUCKWETTER BEI SCHWACHEN SUEDLICHEN HOEHENWINDEN HAELT AN: ABGESEHEN VON EINZELNEN MORGENDLICHEN BODENDUNSTFELDERN NUR GERINGE CU MIT HOHER BASIS... DIE CHANCEN FUER THERMIK SIND TROTZ SPAETER AUSLÖSE MAESSIG BIS GUT... NULLGRADGRENZE UM 11000 FT MSL."
Also! Wohin geht's in dieser Zeit, in der viele Seilbahnen noch in Revision sind. Die Auswahl ist nicht sehr groß. Reimar schlägt den Wank vor: "Man könnte ja Richtung Herzogstand, Kochel fliegen." Mir ist das zu wenig bei der guten Wetterlage und so einigen wir uns auf Pinzgau oder Zillertal. Meine Bemühungen herauszufinden, ob die Wildkogelbahn schon geht, bleiben leider erfolglos und so starten wir am Samstagmorgen um halb acht erst mal Richtung Zillertal, da die Penkenbahn angeblich am Wochenende in Betrieb sein soll. Wir, das sind Reimar (Freex Frantic), Bernard (Airwave Fusion - ganz neu) und Dieter (UP Vision), alles Flieger der älteren Generation, teilweise weit jenseits der 50.
Ein strahlend schöner Tag mit wenig Verkehr auf der Salzburger Autobahn läßt uns stressfrei schon gegen 10:00 Uhr in Hippach ankommen. Der Schulbetrieb vom Perler aus schickt schon jede Menge bunte Tücher in die Luft und so wollen wir erst einmal lokale Infos am Landeplatz in Schwendau sammeln. Laut Auskunft der Taxifahrer sind alle Seilbahnen in Mayrhofen und Finkenberg außer Betrieb. Aber wer glaubt das schon, denn ihr Geschäft ist ja die Auffahrt über die Höhenstraße zum Melchboden. Wir würden aber lieber am Penken starten.
Es ist noch früh am Tag und so schwingen wir uns wieder ins Auto und überzeugen uns selbst, daß uns nur die teure Taxifahrt einen schnellen Transport in geignete Startregionen übrigbleibt. Und so quetschen wir uns am Mühlbacherhof zu elft in einen VW-Bus und ab geht die Post. Ganze 140 ATS pro Person kostet jetzt der Spaß unbequem zum Melchboden befördert zu werden.
Zunächst entrichten wir am Kiosk ordnungsgemäß die Start-/Landegebühr von 20 ATS und verlassen den Hauptstartplatz gleich unterhalb des Parkplatzes Richtung NE-Startplatz am Arbiskopf. Erstens haben wir ohnehin eine nordöstliche Windrichtung ausgemacht und zweitens wollen wir uns etwas vom Trubel und der Hektik, die hier bald ausbrechen wird absetzen. Vorbei an den Drachfliegern, die oberhalb der Höhenstraße fleißig ihre Geräte aufbauen, gehts über die Almen etwas höher hinauf. Die fauligen Altschneefelder versuchen wir zu umgehen, denn bis weit über die Knöchel sinken wir ein und holen uns nur nasse Füße.
Schon pfeifen ganz kräftige Ablösungen aus den Mulden unterhalb der Höhenstraße herauf, während wir an unserem Startplatz das Wettergeschehen bei einer Brotzeit beobachten. Erste flache Cumulanten haben sich über den Gipfeln gebildet und lösen sich auch wieder auf. Noch zu früh zum Starten. Also studieren wir nochmals Karte und Gelände. Angesagt ist der sogenannte Zillertaler Rundflug mit seiner großen Querung zum Hamberg für unsere noch nicht so ausgeprägte Streckenerfahrung eine ganz schöne Herausforderung.
Unten am Melchboden geht der Betrieb aber schon los. Einige Fehlstarts sorgen für Kurzweil und die ersten Dummies zeigen uns, daß wir noch ein Weilchen warten sollten. Um halb eins kleben aber die ersten Schirme an der Basis und auch Drachen gehen schon raus. Jetzt wirds auch für uns Zeit in die Luft zu kommen. Die Ablösungen sind sehr kräftig hier, und man muß die richtige Phase abpassen.
Bernard mit seinem neuen FUSION ist der erste, der sich in die Turbulenzen vor uns stürzt. Gleich nach dem Start dreht er Richtung Süden und versucht über dem Melchboden was zu finden. Aber da ist nichts und so krebst er in Höhe der Straße hin und her. Reimars FRANTIC überschießt und fällt rechts unterhalb von ihm auf ein Schneefeld. Für ihn heißt's erst einmal neu sortieren. Ich habe mehr Glück bei meinem Start in eine Phase zwischen zwei Ablösungen, drehe nach links und dann reißt mich auch schon der Bart aus der Talbachrinne nach oben. Schnell noch einen Überflug über den Startplatz, um zu sehen was Reimar macht: er ist noch mit seinen Leinen beschäftigt und wird wohl noch ein Weilchen brauchen, bis er in die Luft kommt. Zügig hebt mich die Thermik über den Arbiskopf und etwas unentschlossen suche ich das nächste Aufwindfeld.
Aus dem Sidantal zieht jetzt der Hausbart kräftig, markiert durch Schirme und Drachen , die sich gemeinsam in die Höhe schrauben. Bernard hat jetzt aufgeschlossen und auch wir nutzen die Aufwinde aus den schneefreien Südflanken des Arbiskopfes, um an die Basis zu kommen. Das gleichförmige Piepsen des Varios markiert ein gleichmäßiges und eher gemütliches Steigen von 2 m in der Sekunde. Kreisend erreichen wir bald eine maximale Abflughöhe von 2800 m. Einige Gleitschirme und Drachen haben sich bereits auf den Weg nach Norden gemacht und so müssen wir eigentlich nur dem Treck folgen. Bernard hat sogar noch ca. 200m höher zur Basis aufgedreht und fliegt mir vorraus. Die Talquerung zum Öfeleler Joch bringt kaum Sinken, so daß ich ohne einzukreisen direkt weiter Richtung Nord fliege, denn zwischen Gedrechter und Wetterkreuzspitz sehe ich einige Schirme aufdrehen und bis dahin sollte ich es im Gleitflug auch schaffen.
Bernard der noch mehr nach Westen versetzt an der Krete entlangfliegt, tankt am Marchkopf erneut Höhe und fragt über Funk erstaunt bei mir an, warum ich keine Höhe mache. Die Antwort ist einfach: ich will in den Bart an der Wetterkreuzspitz, der jetzt einsam und verlassen vor mir stehen sollte. Nur ein GS-Kollege mit rotem Schirm schräg voraus unter mir strebt in die gleiche Richtung. So doll ist der Bart dann allerdings nicht, zumal ich bis auf Gipfelniveau Höhe verloren habe. Im Nullschieber suche ich den Bart. Als ich ihn endlich gefunden habe, muß ich ihn mir mit einem Segelflieger teilen, der in gleicher Höhe um mich herumsaust. Ganz wohl ist mir dabei nicht, denn manchmal pfeifft der flotte Kollege schon ganz schön knapp an mir vorbei. Ich hoffe, er hat mich auf Paletti.
Anscheinend ist dem weißen Flitzer der Bart mit mir als Hindernis mitten drin zu wenig ergibig und er rauscht ab nach Westen übers Tal Richtung Gilfert. Jetzt kann ich in Ruhe zentrieren und genügend Abflughöhe Richtung Spieljoch machen. Bernard ist längst vorausgeflogen und ich finde ihn weit unterhalb meiner Flughöhe den Finsing Grund queren, dabei hält er ziemlich genau auf die SE-Flanken des Kellerjochs zu. Da ich hier schon mal fast abgesoffen wäre, halte ich mehr nach NE und möchte über dem E-Grat des Onkeljochs ankommen, wo ich auch den roten Schirm wieder treffe.
Während ich noch auf 2200 m am Onkeljoch den Lift nach oben suche meldet sich Bernard über Funk aus 3000m Höhe über dem Kellerjoch. Zwischenzeitlich hat sich auch Reimar gemeldet. Er befindet sich auf dem Weg zum Dürrjoch, dem ursprünglich geplanten Absprung über das Zillertal zum Hamberg hinüber. Nach meiner Warnung an Bernard nicht weiter westlich in die CTR-Innsbruck einzudringen, dreht er um und meldet sich ab zur großen Talquerung. Ich allerdings muß noch weiter Höhe machen. Aber die Wolke über dem Kellerjoch beginnt sich aufzulösen und zwischen Onkeljoch und Kellerjoch geht´s nicht mehr so recht höher. Mit 2800 m glaube ich genug für den Talsprung zu haben und haue ab.
Endlos lang erscheint mir der Weg übers Tal. Immer wieder schaue ich senkrecht nach unten, um festzustellen wieviel ich schon geschafft habe, aber noch immer bin ich nicht über der Talsohle. Allerdings läßt der ruhige Gleitflug mit durchschnittlich 1,5 m/s Sinken etwas Zeit zur Entspannung. Über das Inntal hinweg schweift mein Blick hinüber zum Rofan, einem meiner bevorzugten Fluggebiete wegen seiner unvergleichlich schönen Ausblicke über den Achensee und das Karwendel. Hellblau schimmert der See aus dieser Perspektive zu mir herüber. Der Wasserspiegel ist noch abgesenkt und so leuchtet der trockenliegende flache Südteil beigebraun wie ein ausgedehnter Sandstrand in der Sonne. Auch über Karwendel und Rofan haben sich flache Cumulis gebildet und im leichten Dunst verliert sich die Sicht hinter Hochiss im Rofan und Seebergspitze auf der Westseite des Sees.
Über das Alpachtal hinweg kann ich im Osten Wörgl erkennen und mache auch die Hohe Salve aus, wo ich bereits Ende März vier Stunden in der Frühjahrsthermik gesegelt bin. Weiter wandert mein Blick nach Südosten bis zu den Hohen Tauern. Hell glänzt die breite, schneebedeckte Pyramide des Großvenedigers in der Mittagssonne. Westlich davon markieren die Gerlosspitzen den Alpenhauptkamm. Unbeschreiblich schön ist dieses gewaltige Alpenpanorama von diesem exponiertem Beobachtungsplatz aus.
Wieder blicke ich durch meine gespreizten Beine hindurch möglichst senkrecht nach unten. Immer noch befinde ich mich westlich der Zillertalstraße über Kapfing südlich von Fügen. Gegen die Sonne sind die Konturen der hohen Zillertaler im Süden etwas verwischt. Dafür erkenne ich jetz einige Kilometer südlich von mir einen weißen Schirm über dem Tal in Richtung Hamberg streben. Dabei kann es sich nur um Reimar handeln, der am Dürrjoch genügend Höhe gemacht hat und jetzt bereits mir etwas voraus ist. Über Funk gebe ich meine Position durch. Wie er mir später berichtet, glaubte er aber mich direkt auf seiner Kurslinie unterhalb von ihm ausgemacht zu haben.
Zwischenzeitlich habe ich die braunen Schmelzwasser die sich im Bett der Ziller dem Inn entgegen wälzen überflogen und ich suche zur weiteren Orientierung den vorausfliegenden Bernard. Er müßte längst an der Westflanke des Hambergs aufachtern. Tiefer als gedacht erkenne ich seinen hellen Schirm vor dem dunklen Wald. Offensichtlich ist der Talwind heute nicht stark genug ausgeprägt und mit dem von Torsten Hahne beschrieben Aufsoaren an der Westflanke ist wohl nichts, denn Bernard versucht so schnell wie möglich auf die Südseite zu kommen und dort, wo über dem Märzengrund bereits einige Kollegen kreisen, Höhe zu machen. Auch Reimar fliegt direkt die sonst im Lee befindliche Südseite an.
Sieben Kilometer fliege ich jetzt schon geradeaus und sinke immer tiefer. Nur noch 1500 m zeigt das Vario an und ich spüre noch keinerlei Aufwind, allerdings sind es auch noch ein paar hundert Meter bis zu den tannenbestanden Hängen des Hambergs. Natürlich schwenke auch ich stärker nach Süden, aber die Höhe wird nicht reichen um bis südlichen Hänge des Gattererberges oder noch weiter in den Märzengrund hinein zu kommen. Auf 1400 m komme ich oberhalb Bärenbad an und suche verzweifelt nah am Hang in den Aufwind zu kommen. Etwa 100 Höhenmeter unterhalb von mir gibt der rote Schirm, der ebenfalls vom Spieljoch hier rüber geflogen ist, auf und segelt ab ins Tal Richtung Stumm. Ich denke mir, das kann es doch nicht gewesen sein. Jetzt heißt es kämpfen!
Vorsichtig, vielleicht zu vorsichtig, versuche ich mit flachen Achten dicht überm aufgeheizten Nadelwald den schwachen Aufwind zu nutzen. Ein paarmal heben mich die kurzen Ablösungen aus den steileren Waldschluchten der Südwestflanke nach oben. Jedes weitere Vortasten in diese Richtung bringt aber unweigerlich neues Sinken mit sich. Also wieder zurück und lieber langsam aber Meter für Meter nach oben. Mittlerweile ist es bereits kurz vor 14:00 Uhr und ich fürchte, daß sich doch der Talwind langsam stärker durchsetzt und über die nördlich von mir befindlichen Flanken herüberschwappt und mich wieder runterdrückt.
Längst haben sich die Kollegen, die ich viele hundert Meter über mir über dem Gipfel kreisen sah, weiter Richtung Osten verzogen. Auch Reimar und Bernard sind nicht mehr zu sehen. Ich fühle mich ziemlich einsam. Nach endlosen Achten kriege ich endlich den Aufwind aus dem Haselbachtal zu fassen. Jetzt geht's zügig mit 2 Steigmetern pro Sekunde dem Gipfel entgegen. Die Thermik hat wohl eine Weile schlapp gemacht, denn die Wolke über dem Hamberg ist nun vollständig zerfallen. Ich versuche mein Glück zusammen mit einem Drachen südlich des felsigen Gipfelaufbaus.
Erst fünfzig Meter über dem Gipfelkreuz atme ich auf und sondiere erst mal die Lage. Ein Pulk von mindesten 5 Schirmen und einigen Drachen kreist unter einer flachen Wolke die mindestens sechs bis siebenhundert Meter über der Sagtaler Spitze steht. Auch Reimar und Bernard befinden sich in diesem Pulk und kündigen mir gerade über Funk ihren Abflug nach Süden Richtung Schartenjoch aus 3000 m Höhe an. Auch der Rest des Pulks löst sich auf. Einge fliegen mit meinen beiden Freunden gen Süden, andere verschwinden nach Osten ins Alpachtal.
Nur 2 km sind es dem NE-Grat folgend bis zur Sagtaler Spitze und ich hoffe auch noch was von der Wolke abzubekommen. Knapp über dem Grat, mal nach Süden mal nach Norden Aufwind suchend, mache ich mich auf den Weg. Doch nur vermindertes Sinken empfängt mich. Schließlich hoffe ich auf Ablösungen aus den steilen Wiesenhängen der südlichen Hänge. Aber ich sacke immer tiefer und fliehe zurück zum Hamberg, wo der Drachen jetzt ordentlich an Höhe gewonnen hat. Es bleibt mir nichts anderes übrig als wieder auf Gipfelkreuzniveau unter ihm einzusteigen und bis zu der jungen Wolke aufzudrehen. Es dauert gar nicht lange da richtet auch der Drache über mir seine Nase nach Süden und zischt mit Fullspeed über den Märzengrund dem Schartenjoch und Kreuzjoch entgegen.
Gute fünfhundert Meter habe ich jetzt den Hamberg überhöht, genug um das Schartenjoch hoch genug zu erreichen. Ich will so schnell wie möglich wieder den Anschluß finden. Also 5 km bestes Gleiten, den Beschleuniger trete ich nur ein wenig um nicht zuviel Höhe zu verlieren. So geht's also zügig über den Märzengrund. Vom angeblichen Hammerbart weiter östlich im Tal spüre weder ich etwas noch haben Reimar und Bernard, die ja direkt von der Sagtalerspitze abflogen, etwas gespürt.
Knapp oberhalb der Waldgrenze bei der Brunnalm spüre ich den leichten Aufwind, der an den Westhängen des Schartenjochs aus dem Zillertal hochstreicht. Zu wenig, um zu zentrieren. Vielmehr fliege ich mit geringem Steigen an der Schneegrenze entlang Richtung Süden. Noch sind die freien Almen vom Frühjahrsschnee bedeckt. Nur an den felsigen Rippen und dort wo noch vereinzelt Bäume oder Latschen wachsen ist es aper. Ich folge der Geländekontur um das Kapauns-Joch herum. An den jetzt südwestlich ausgerichteten Hängen drehe ich ein paar Kreise. Aber 1,5 m/s ist eigentlich etwas wenig um an die Basis, die jetzt bestimmt über 3000 m liegt zu kommen. Also weiter an der 2000er Höhenlinie entlang, schließlich kann ich im Süden über dem Gerlostal schon einen großen Pulk Gleitschirme, Drachen und auch Segelflieger erkennen, die in einem starken Bart nach oben kurbeln und bestimmt bereits alle über Dreitausend sind.
Unter mir sind die Lifte des Zeller Skigebietes am Kreuzjoch zu erkennen. Hier hat sich Sylvia im Januar bei ihrer letzten Abfahrt einen Bänderriß am linken Daumen zugezogen, während Bernard und ich an unseren Schirmen ins Tal hinab schwebten.
Plötzlich meldet sich mein Vario mit hektischem Piepsen. Sofort einkreisen, zentrieren und dann habe ich den Lift nach oben erwischt. Mit satten 4 Sekundenmetern lasse ich mich mit der Blase zum Kreuzjoch hin versetzten. Der Grat liegt jetzt unter mir. Erstmals seit ich am Hamberg weggeflogen, bin ist der Blick frei ins Pinzgau. Was für eine Strecke! Steht auch noch auf dem Programm. Noch kann ich die Aussicht nicht so recht genießen. Ich will den Bart nicht verlieren, zumal keine Wolke über mir anzeigt, wohin ich mich orientieren soll. Der Analogzeiger des Varios steht jetzt am Anschlag (5 Meter pro Sekunde). Dem Gefühl nach sind es sicherlich 6 Meter.
Und dann sind wir wieder alle zusammen. Der Bart kommt aus dem Gerlostal und erreicht die Basis fast über dem Kreuzjoch. Einige der Drachen und auch die Segelflieger haben sich schon wieder auf Strecke begeben. Alle Himmelsrichtungen sind angesagt. Reimar fragt über Funk an, ob wir nicht die Gunst der Stunde nutzen sollen und den Sprung ins Pinzgau wagen sollten. Der Gedanke klingt recht verlockend wann bekommen wir hier wieder so gute Abflugbedingungen (3.500 m MSL)? Aber es ist schon nach drei Uhr nachmittags und außerdem ist auch zur Vollendung des "Zillertaler Rundfluges" noch eine ganz schöne Strecke zu bewältigen. Auch wenn wir keine Strecken-Cracks sind und weder an Wettbewerben teilnehmen, noch unsere Strecken ausschreiben und dokumentieren, will ich die mir selbst gestellte Aufgabe nach Möglichkeit vollenden. Und so stelle ich meinen beiden Kollegen frei, ins Pinzgau zu fliegen. Ich würde dann auch den Rückholer spielen. Letztendlich fliegen wir dann doch gemeinsam weiter Richtung Gerlosteinwand.
Im Formationsflug queren wir das Gerlostal und können uns per Zuruf unterhalten. Bernard hat wohl unterwegs zuviel getrunken und möchte eine P-Pause am Gerloskogerl einlegen. Mir erscheint es aber zu riskant, von dort noch mal richtig hoch zu kommen und so überrede ich ihn weiter zu fliegen und nicht dran zu denken. Über der Gerlossteinwand und dem Hochfeld ist nicht viel zu finden. Reimar kreist jetzt sogar schon ziemlich weit unter mir. Die Funkverbindung zu ihm ist schon seit einiger Zeit abgebrochen, weder Bernard noch ich können ihn erreichen. Aber er wird schon noch nachkommen, und so entschließe ich mich zum direkten Weiterflug über den Ausgang des Zillergrundes Richtung Filzenkogel. Dort wird mich der anstehende Talwind schon wieder nach oben schieben.
Die Querung ist dann auch kein Problem und ich kann die Aussicht auf die noch tief verschneiten Kare der Ahornspitze genießen. Vielleicht ist dieser imposante Gipfel mit seinen fast 3000 Metern ja heute noch zu erreichen. Wunschträume eines Tuchfliegers. Immerhin habe ich im vergangenen Jahr schon mal aus der Ferne beobachten können, wie einige Schirme um den pyramidenförmigen Gipfelaufbau herum geflogen sind. Aber die Welt die sich jetzt vor mir ausbreitet sieht doch schon recht hochgebirgig aus und flößt mir ordentlich Respekt ein. Andererseits kenne ich den Fluchtweg vom Filzenkogel nach Mayerhofen schon von früheren Flügen her.
Stur geradeaus halte ich auf die Bergstation der Ahornbahn zu, komme knapp über dem Plateau an und kann auch langsam wieder aufdrehen. Behutsam versuche ich mich über den Filzenkogel hinaus an der Filzenschneide entlang Richtung Toreggenkopf zu schieben, um dann von dort aus die Ahornspitze anzugehen. Aber die Aufwinde aus dem Föllenbergtal sind zu schwach oder ich kann sie nicht finden und so fliege ich wieder zurück zu den weniger bedrohlich wirkenden Kuppen des Hahnenpfalz. Jetzt haben auch Bernard und Reimar aufgeschlossen. Über den waldigen Flanken des Hauser Berges machen wir etwas Höhe, aber gewaltig ist das nicht mehr. Der Bart ist auch ziemlich Richtung Talmitte, Richtung Finkenberg versetzt. Allzu stark kann also der Talwind des Zillertales, der mich in niedrigeren Höhen auch schon rückwärts fliegen ließ, nicht ausgeprägt sein.
Etwas unentschlossen kreisen wir so umeinander herum, Reimar schießt noch ein paar Photos von Bernard und mir, dann gebe ich das Zeichen zum Weiterflug, indem ich meinen Kurs auf den Penken zu richte. Es ist jetzt schon halb vier vorbei und die Sonne steht tief. Eigentlich finde ich mich schon damit ab, zum Landeplatz am Mühlbacher Hof in Schwendau abzugleiten, denn das Gipfelplateau des Penken werde ich nicht erreichen. Ich muß meinen Kurs nördlicher richten und peile nun den gut 150 m tiefer gelegenen Gschößberg an. Da werde ich wohl so eben über den Zirbenweg ins Hoarbergtal huschen. Mal sehen was da noch zu machen ist. Für Bernar und Reimar bin ich jetzt der Dummy. Sie können deutlich erkennen, daß ich da nichts erwische und fliegen selbst weiter westlich ins Tuxertal hinein. Funkverbindung habe ich jetzt keine mehr. Sinds meine Batterien? Ists der Berg zwischen uns? Egal, jeder fliegt jetzt für sich.
Ein paarmal sehe ich noch Reimar knapp über dem Penken, so siehts jedenfalls von meinem Standort aus. Außerdem hab ich jetzt genug mit mir selbst zu tun, denn die paar Höhenmeter, die ich über den Wipfeln des Lärchenwaldes gut machen kann sind schnell wieder verloren, wenn ich versuche weiter nach Westen zum Penken hin vorzudringen. Gerade als ich mich entschließe von hier aus Richtung Höhenstraße vorzustoßen, und wenn da nichts geht, halt einfach zum Landeplatz abzugleiten, sehe ich gut fünfhundert Meter über mir nach Westen hin versetzt Bernard mit seinem zart lilafarbenem Fusion auf gleichem Kurs zum Arbiskopf segeln. Das kratzt ja nun doch ein wenig an meinem Selbstbewußtsein. Mein Ehrgeiz wird nochmal angestachelt, zumal ich Bernard über Funk höre, wie einfach alles geht in seiner Höhe.
Mit bestem Gleiten, ich mache mich so klein wie möglich in meinem Sitz, versuche ich so hoch wie möglich an der Brindling Alm, dem langgezogenem Rücken vom Melchboden bis hinunter zum Perler, anzukommen. Tatsächlich erreiche ich die Wiesen am Brindling Stüberl und kann ganz langsam aufsoarend weiter Höhe machen. Während Bernard mutterseelenallein hoch über dem Arbiskopf auf fast 3000 m die Aussicht genießt, quäle ich mich knapp über den Wipfeln in die baumlosen Hänge unterhalb des Melchbodens. Fast schaffe ich auch noch die Abflughöhe von heute Mittag, als mir der Stress einfach zu groß wird und ich Kurs auf Schwendau zu nehme.
Entspannt fliege ich Richtung Talmitte, freue mich an dem schönen langen Flug, über vier Stunden sind wir jetzt schon unterwegs, und der geschafften Runde. Die tiefstehende Nachmittagssonne erwärmt die gegenüberliegenden Hänge. Entsprechend weich sind die Farben, vom Grün des Tales über das Braun der aperen baumlosen Hänge des Kreuzjochs bis hin zum gelblichen Weiß der noch verschneiten Gipfel. Zackig begrenzen auch die Schneegipfel des Alpenhauptkammes im Süden und Südosten den Horizont. Tief sauge ich die Bilder in mich hinein. Wer weiß, wie lange ich davon zehren muß.
Mit reichlich Höhe komme ich über dem Landeplatz an und will schon die Steilspirale einleiten, um genußvoll einige Meter zu vernichten, als ich einen weißen Schirm ausmache, der an den nach Westen ausgerichteten Waldhängen des Ramsberges entlang kratzt. Das kann doch nur unser Fliegerkollege Reimar sein, den ich schon längst am Boden stehend vermutete. Da Bernard seine luftige Höhe über dem Arbiskopf verlassen hat und ebenfalls Richtung Ramsberg zufliegt, will ich nicht als erster landen. Also gleite ich hinüber zu den sonnenbeschienenen waldigen Rinnen, die zur Gerlossteinwand hochziehen. Nur noch 1000 m MSL zeigt mein Vario als es wieder zart zu piepsen beginnt. Ich muß schon recht nah ran an Berg, um die Aufwinde zu erwischen. Solange Reimar oberhalb von mir noch was findet, denke ich mir, werde ich nicht abdrehen Richtung Landeplatz.
Es dauert gar nicht lange und da gesellt sich knapp unterhalb von mir auch Bernard in das Aufwindband. Gemeinsam kämpfen wir uns höher und höher. Dann erwische ich einen kräftigen Bart, kann zentrieren und habe schon nach wenigen Kreisen Reimar auf Gipfelniveau erreicht. Aber irgendwie ist es hier oben recht ruppig, außerdem beginne ich müde und hungrig zu werden. Die Konzentration hat merklich nachgelassen und ich merke wie verkrampft ich hier herumdüse. Jetzt wirds entgültig Zeit abzudrehen. Meine Augen suchen die Kameraden. Die Höhendifferenz zwischen uns ist nicht sehr groß. Offenbar spüren alle das Gleiche, denn wir fliegen alle Richtung Talmitte und bauen massiv Höhe ab. Neben mir spiralt Reimar ab und dann auch Bernard.
Knapp hintereinander stehen wir nach gut viereinhalb Flugstunden und einem Rundkurs von ca. 60 km mit etwas wackligen Beinen aber glücklich und wohlbehalten am Boden.
Nachsatz:
Am nächsten Tag versuchten wir dann von der Höhenstraße aus ins Pinzgau zu gelangen. Ziemlich gleichzeitig mit Jürgen Stock und seiner Mitfliegerin Sabine Kröll verließen wir den Bart auf 3.200 m Höhe am Arbiskopf. (siehe auch Thermik/Gleitschirm 9/98 "Neue Europabestleistung mit dem Tandem", oder wars 8/98?).
Leider verlief der Flug nicht so wie geplant. Nach der Querung gabs ruppige Aufwinde nur in den südlich ausgerichteten Rinnen am Oberberg. Ohne zu wissen, wer die Tandembesatzung war, glaubten wir den Wegweiser gefunden zu haben. Aber die Bedingungen waren für uns zu schwierig. Zunächst versenkte sich Bernard mit einem Frontstall zwischen den Bäumen oberhalb der Hochspannungsleitung. Über Funk meldete er, daß nichts passiert sei (übrigens war keine Hilfe zur Stelle, wie Jürgen Stock, der den Unfall aus nächster Nähe beobachtet hat, in seinem Bericht schreibt).
Reimar und ich kämpften noch eine Weile vor der Hochspannungsleitung, konnten aber nicht genügend Höhe aufbauen um mit Sicherheitsbastand wieder zum Hang zu gelangen. Ich entschloß mich zu Umkehr, Reimar folgte mir bald. Mittlerweile hatte wohl der Gerloswind eingesetzt und wir wurden kräftig nach unten gespült. Es war klar, das Zillertal war nicht mehr zu erreichen. Die Querung hinüber zum Hainzenberg wäre wohl die Rettung gewesen, erschien mir aber angesichts des unlandbaren Geländes unter mir zu riskannt. So versuchte ich also möglichst weit am Hang entlang Richtung Zillertal zu kommen, um dann auf einer steilen Wiesen nahe der Straße an der Stackelgruben zu landen.
Die Windverhältnisse waren für mich nicht ganz eindeutig und so wollte ich entgegen meiner Flugrichtung gegen den Gerloswind landen. Wenige Meter über dem Boden erwischte mich dann ein massiver Klapper und ich donnerte in die Wiese. Der dynamische Aufschlag ließ mich wie ein Taschenmesser zusammenklappen, wobei der Wirbelkörper des ersten Lendenwirbels zertrümmert wurde. Ich habe viel Glück im Unglück gehabt und hoffe im Frühjahr '99 wieder abheben zu können.