Montag 20.06.2000
Start: 12:10 Uhr Schmittenhöhe (GS-Startplatz an der BS Breitecklifte. 1900 m)
Wendepunkt: 15:00 Uhr Kreuzjoch/Bergstation (2558 m)
Landung: 17:30 Uhr LP Fürth/GH Schett
Strecke: 120 km
Pilot: Dieter Farsen
Schirm: Swing Astral 2.28
Hoch Axel
Freitag 16. Juni 2000: Hoch Axel macht sich über Mitteleuropa breit. Da muss doch was gehen, am Wochenende! Es wehen kräftige Winde aus Nord bis Nordwest, allerdings mit abschwächender Tendenz. Das Hoch wird wohl ein paar Tage das Wetter bei uns und in den Bergen bestimmen, und so verabrede ich voller Optimismus mit Johannes einen Mehrtagestripp Richtung Gasteiner Tal, das wir bisher nur vom Skifahren her kennen.
Aber mehr als eine Wanderung auf den Stubnerkogel über blühende Bergwiesen war nicht drin, außerdem war es empfindlich kühl. Der Sonntag brachte dann brauchbare Bedingungen (alles blau) mit Basishöhen bis 3000 m am Hauptkamm, und so konnte ich einen kleinen aber interessanten Ziel-Rück vom Fulseck zum Graukogel abschließen. Johannes hat es leider schon auf dem Hinweg mangels ausreichender Abflughöhe erwischt und er musste am Badesee einlanden.
Auch heute am Montagmorgen ist der Himmel von keinem Wölkchen getrübt, aber der Tag verspricht noch wärmer und etwas labiler zu werden. Schon gestern nachmittag hat sich eine leichte Ostströmung eingestellt, außerdem ist die 2. Sektion der Fulseckbahn wie angekündigt in Revision und so machen wir uns auf den Weg zur Schmittenhöhe in der Hoffnung bei guten Bedingungen eine kleine Strecke, vielleicht bis zum Wildkogel zu schaffen.
Schmittenhöhe
Biegt man aus dem Gasteiner Tal kommend links ab Richtung Zell am See, hat man das Gefühl es gehe ständig bergab obwohl wir doch entlang der Salzach bergauf fahren. Vielleicht liegt es daran, dass das zunächst recht enge Tal zunehmend breiter wird und sich ab Taxenbach ins weite Pinzgau öffnet. Taxenbach bis hierhin schaffen es also die Cracks vom Wallberg über Rofan und Zillertal. Über 120 km sind das. Für uns eine schier unvorstellbare Strecke. Während wir noch so darüber sinnieren, schließlich liegt mein persönlicher Rekord bei gerade mal 70 km, sage ich zu Johannes, dass ich irgendwann einmal auch mal einen Hunderter fliegen möchte, nicht ahnend, dass es heute möglich ist.
Wir sind noch früh dran, fahren erst mal zum Landeplatz an der Straße nach Kaprun gegenüber dem Gasthaus Schett. Vielleicht erwischen wir ja noch eine Mitfahrgelegenheit zur Seilbahn. Zunächst stoppen wir an der Areitbahn, die zwar in Betrieb , aber doch nur bis zur Areitalm fährt. Und nach 500 Höhenmeter Fußmarsch mit schwerem Gepäck ist uns heute nicht zumute. Am Landeplatz sind zwar einige Flieger-Autos geparkt, jedoch keine Menschenseele zu sehen. Auch der Gasthof ist leer gefegt sind wohl alle schon oben. Da rollt ein Kleintransporter der Schmittenhöhenbahn auf den Parkplatz und ich schöpfe Hoffnung. Leider wird meine höfliche Bitte, uns mit zur Bahn zu nehmen, vom Fahrer und Angestellten der Schmittenhöhenbahn ziemlich schroff abgewiesen. Naja, das Passt ja zu den überzogenen Tarifen der Bahn.
Jetzt sind von unserem Standort die ersten Schirme über dem Berg auszumachen und es sieht nicht so aus, als ob sie runter fliegen. Also rein in Johhannes Nobelkutsche und ab nach Zell am See. Doch ach, oh Graus: an der Ampel vorm Tunnel gibts ein Hinweisschild, dass die Ortsdurchfahrt wegen Bauarbeiten bis zu 20 Minuten Wartezeit erfordert. Zum Glück fahren wir nach dem Tunnel dann gerade in der richtigen Richtung und kommen so zügig zur Talstation. Am oberen Parkplatz spuckt ein Bus jede Menge Touris aus und wir schaffen es gerade noch vor deren Ansturm auf die "Kassa", unsere "Auffahrtberechtigungen" für je 220 öS zu ergattern (220 öS sind viel Geld im Vergleich zu den 85 öS am Wildkogel mit 200 Hm mehr). Flugs sind wir in der nächsten Gondel, zusammen mit einer Reihe anderer Flieger, und schon gehts himmelwärts. In der Bergstation nehmen wir dann noch den Lift und sind "On The Top".
Start
Die Fahnen am Gipfel zeigen Nordwest an und Johannes steuert zielstrebig den zugehörigen Startplatz an. Schließlich läßt er sich dann doch davon überzeugen, dass es sich nicht um die Hauptwindrichtung handeln kann und es besser für uns ist, zunächst den Startplatz unten an der Bergstation der Breiteckbahn aufzusuchen.
Obwohl heute Montag ist, haben sich eine ganze Menge Piloten eingefunden. Angelockt wahrscheinlich durch Hoch "Axel". Trotzdem ist es nicht so überlaufen und auch nicht so hektisch wie an anderen Tagen. Alle haben ausreichend Platz und Zeit, gemütlich in die Luft zu gehen. Außerdem ist der Tag noch jung und die Cumuli-Bildung über den Gipfeln eher zaghaft. Die Gipfelwolke über der Schmittenhöhe löst sich immer wieder auf.
Einige Schirme sind schon oben und fliegen raus und übers Tal um Startphotos zu schießen. Zur Kreuzung Fürth, ein beliebter Startpunkt, sind es hin und zurück immerhin fast 8 km. Gott sei Dank sind wir reine Fun-Flieger und entziehen uns dem Doku-Stress. So haben wir auch noch Zeit in Ruhe abzuwarten, bis uns die ersten Hobby-Piloten den sicheren Aufstieg zur Basis anzeigen. Nach unserem zweiten Frühstück machen wir uns so langsam fertig, denn der erste Pulk geht schon auf Strecke Richtung Westen.
Obwohl die direkt vor uns gestarteten Dummies noch einige Mühe haben, um sich aus dem Kessel des Fürthbaches heraus zu arbeiten, nutzen wir die nächsten Ablösungen und gehen in die Luft. Der Hausbart vorne an an der Waldkuppe des Wengerberges trägt uns nach oben. Allzu rasch versuche ich Richtung Gipfel Höhe zu machen und muss zusehen wie Johannes weiter draußen zügig an mir vorbei steigt und dann über mir und dem Gipfel ankommt. Mir fehlen noch ein paar hundert Meter, als sich ein kleiner Pulk von etwa fünf Schirmen, darunter auch Johannes, auf den Weg nach Westen absetzt.
Flug zum Pass Thurn
Endlich habe auch ich die 2.800 m Höhe erreicht, die Basis liegt wohl noch etwas höher, aber an der Schmittenhöhe ist keine Wolke, die mir hilft. Also mach ich mich auf den Weg um den Pulk einzuholen. Auch Oldies sind dabei, so habe ich vorhin einen Apache II und einen Finesse ausgemacht. Über dem Gernkogel (2176 m) steht ein flacher Cumulus, unter dem heftiges Kreisen angesagt ist. Also rein in den Beschleuniger und nichts wie hin! Als ich endlich tief unter der Wolke ankomme, fliegt der Pulk gerade weiter, ich kann noch ein bisschen Steigen mitnehmen, bevor die Wolke ins Stadium der Auflösung wechselt. Also versuche ich weiter vorne an der Krete einen neuen Bart zu erwischen um meinen Höhenverlust auszugleichen. Endlich bin ich wieder hablwegs oben und hetze dem Pulk hinterher, der lustig unter der nächsten Wolke aufdreht.
Leider wiederholt sich das Spiel von vorhin, und ich entschließe mich, etwas langsamer zu fliegen und mit mehr Geduld die maximale Höhe auszukurbeln, genau das, was ich vor kurzem meinem Kompagnon Johannes als Erfolgsrezept für einen Streckenflug gepredigt habe.
Am Hochkogel (2249 m) sind die ersten 10 km fast geschafft,und es heißt erneut Höhe zu machen, um die Hochspannungsleitung auf dem Rücken des Bärensteigs mit genügend Sicherheitshöhe zu überfliegen, bevor einen die thermischen Ablösungen, die von Uttendorf hochziehen, wieder an die Basis bringen. Zwischenzeitlich fliegen auch dicht hinter mir versetzt zwei Kollegen und ich hoffe, dass sie mich überholen, so dass ich direkt vor mir erkennen kann, obs rauf oder runter geht. Aber den Gefallen tun sie mir nicht, und so fliege ich mit starkem Sinken über die Hochspannungsleitung und finde erst über der Sonnbergalm wieder kräftiges Steigen.
Mit der fortschreitenden Zeit ist die Basis weiter angestiegen und auch die Cumuli, obwohl flach, saugen etwas besser. Der Pulk vor mir hat sich von der Nordseite des Bergkammes weit ins Tal versetzen lassen, was wohl für den einsetztenden Tiroler Wind von Nord spricht. Segelflieger und Drachen sausen in beiden Richtungen neben mir und unter mir dahin, und von der sicheren Höhe aus schweift mein Blick weit nach Norden über Hinterglemm hinweg, an den Loferern vorbei bis zum Chiemsee. Der Blick nach Süden wird begrenzt durch die mächtigen Schnee- und Eisriesen der Hohen Tauern mit der herausragenden, weißen Pyramide des Großvenedigers.
Vom Manlitzkogel (2247 m) gleite ich über das Mühltal mit der Bürgl-Hütte im Talschluß hinweg Richtung Schellenberg. Den Gaißstein, mit seinen immerhin 2.363 m höchste Erhebung auf dem bisherigen Weg, lassen wir rechts liegen und fliegen direkt den Schellenberg, letzter Gipfel vorm Pass Thurn, an. Bis dorthin habe ich den Pulk fast eingeholt, und auch Johannes markiert vor mir fliegend den Flugweg. Bis hierhin sinds 22 km und für einige ist das auch der Wendepunkt, so dass der Pulk etwas auseinander fällt.
Schlüsselstelle Pass Thurn
Höhe kann offensichtlich an verschiedenen Stellen gemacht werden. Weiter draußen, ins Tal versetzt, kurbeln einige. Ich selbst drehe direkt über dem Gipfel nach N versetzt auf über 3.000 m hoch. Über uns und vor uns ist jetzt alles blau, und es fällt schwer, die richtige Route Richtung Wildkogel zu wählen. Mit einer Abflughöhe von 3200 m peile ich direkt die Resterhöhe an, während ein, zwei Schirme es weiter nördlich Richtung Kleiner Rettenstein versuchen. Auf der 5 km langen Querung verliere ich über 1200 Höhenmeter und komme nur knapp über dem Gipfel an. Johannes fliegt jetzt hinter mir und ich bekomme nicht mehr so ganz mit, wie sein Flug verläuft. Nordseitig ist an der Resterhöhe kein Blumentopf zu gewinnen, also muss es irgendwo südseitig gehen. Tatsächlich gehts dann weit draußen über dem Mühlbachtal zwischen Resterhöhe und Wildkogel wieder aufwärts und Johannes und ich drehen langsam wieder auf.
Östlich des Wildkogelgipfels sind zwei Schirme auszumachen. Einer kurvt ziemlich tief direkt am langgestreckten Rücken des östlichen Wildkogelausläufers rum und der andere ist von mir aus gesehen nördlich über dem Wildkogelgipfel. Ganz im Hintergrund an der Südwestflanke des Wildkogels zum Tal hin versetz, kreisen weitere Schirme. Deshalb entschließe ich mich, direkt über das Mühlbachtal den Wildkogel anzufliegen. An der Filzenhöhe erreiche ich den Grat zum Wildkogel und lasse mich nordseitig hochtragen, über den Gipfel hinaus und hinüber zur Bergstation. Am Startplatz unterhalb der Bergstation liegen noch ein paar Schirme startbereit, aber der Windsack am Skilift zeigt guten Nordwind an.
Vom Wildkogel über den Gerlos zum Kreuzjoch
Im Leebart des Wildkogels gehts zügig hoch auf weit über 3.000 m und bald ist eine ausreichende Abflughöhe Richtung Gerlos geschafft. Keine Frage der angesagte Kurs heißt weiterhin West. Soweit erkennbar, sind auf dieser Route nur noch drei Schirme unterwegs. Dem roten Kameraden lass ich den Vortritt, so dass es mir leichter fällt, auf rasantes Sinken im Bereich GerlosPass zu reagieren. Johannes bleibt weiterhin etwas zurück und ich kann seinen Flug nicht weiter verfolgen.
Am Trattenbacheck (2.059 m) gehts vorbei zum Gernkogel (2.267 m) mit einer schönen Wolke. Die Basis ist weiter angestiegen und liegt über 3.500 m hoch. Am Wolkenrand läßt sich gut aufdrehen, und nachdem von Westen kommende Segelflieger im Delphinstil zur Talmitte hin versetzt gen Osten zischen, halte auch ich mich mehr am südlichen Rand der Wolkenstraße. Die Aussicht ist jetzt gigantisch, Westendorf liegt praktisch im Gleitwinkelbereich und die Hohe Salve wirkt wie ein flacher Grasbuckel. Weit reicht der Blick über den Gerlosberg in die Zillertaler hinein.
Ronachgeier (2.236 m) und Königsleiten (2.315 m) sind die nächsten Stationen. Die Fliegerei ist bei dieser Basishöhe hinreichend einfach und wir kommen flott voran. Der Durlassspeicher links unter mir zeigt an, dass ein langgehegter Wunsch, nämlich den Gerlos-Pass zu überfliegen, in eerfüllung gegangen ist. Vor zwei Jahren endete ein erster Versuch von der Höhenstraße aus Richtung Ost auf einer Bergwiese in Gerlosbergeben unterhalb des Enzianhofes mit einem Lendenwirbelbruch drei Monate Gips und eine fliegerische Pause von fast einem Jahr waren die Folge.
Noch einmal drehen wir über der Königsleiten auf, den zusätzlichen Aufwind aus dem Gerlostal nutzend, bevor es fast im Geradeausflug bis vor zum Kreuzeck geht. Satte 3.600 m sind jetzt erreicht, und langsam werden die Finger etwas steif obwohl die Nullgradgrenze sicherlich noch einige hundert Meter höher liegt. Immer noch fliege ich dicht hinter oder neben dem roten Schirm. Johannes teilt mir über Funk mit dass er uns beide gut sieht und sich ebenfalls auf dem Anflug zum Kreuzjoch befindet. Erst als wir den kreisrunden Innertsee unterhalb des Kreuzjochgipfels (übrigens eine beliebte Wendemarke) überfliegen zieht der "Rote" mehr nordwestwärts und verschwindet Richtung Zillertal.
Entscheidung am Kreuzjoch
Ich fliege noch weiter bis über die Bergstation des Kreuzjochliftes um wenigsten auf der Zillertaler Seite gewesen zu sein. Jetzt muss entschieden werden, wies weitergeht. Vielleicht bis Innsbruck- von meiner Position aus sieht alles so nah aus! Aber wie genau umfliegt man die CTR Innsbruck auf der Südseite? Im Norden liegt der Achensee keine 30 km entfernt vor mir. Dahin müsste es doch zu schaffen sein. Aber noch nie habe ich das Inntal von Süd nach Nord überquert, immer nur umgekehrt und dann die Frage: geht das am späteren Nachmittag überhaupt noch es ist schließlich schon drei Uhr? Wie wärs mit einem Dreieckskurs über die Wildschönau nach Westendorf und weiter über die Kitzbühler zurück ins Pinzgau? Alles ganz gut und schön, aber der Rückweg bei einem (höchstwahrscheinlichen) Absaufer irgendwo in der Pampa wird zeitaufwendig. Hier am Gerlos und im Pinzgau wissen wir doch jetzt genau dass es gut geht. Außerdem, mit der jetzigen Höhe sollte es ein Leichtes sein, zurück in den Pinzgau zu gelangen. Sollte der Flug schon in Krimmel zu Ende sein, können wir gemütlich mit der Schmalspurbahn bis Zell am See zurück fahren.
Die Faulheit siegt, und gleichzeitig steigen unsere Chancen, heute noch die 100 km-Marke zu überfliegen. Über Funk stimme ich mich mit Johannes ab, auch er ist einverstanden, und so drehe ich noch ein paar Kreise überm Kreuzjoch, bevor ich Richtung Ost abdampfe. Da entdecke ich auch schräg unter mir die türkis-blaue Kappe von Johannes Richtung West fliegen. In wenigen Minuten wird auch er den Wendpunkt am Kreuzjoch erreicht haben und ich freue mich über seine tolle Leistung bis hierhin (60 km) einer seiner weitesten Flüge, wenn nicht d e r weiteste.
Mit Vollgas zurück ins Pinzgau
So dauert es auch nicht lange bis er mir mittteilt, dass auch er sich auf dem Rückweg befindet. Nur mit seiner Standortangabe komme ich nicht ganz klar, denn er meldet, den Durlassboden rechts neben sich zu haben und das ist von meiner Position ganz genauso, außerdem kann ich seinen Schirm weder links noch rechts noch leicht hinter mir ausmachen. Nun ja, denke ich, ist wohl alles eine Frage des Blickwinkels.
Immer noch weit über 3.000 m hoch bin ich siche,r von hier aus Krimmel im Gleitflug zu erreichen. Über dem Gerlospass steht jetzt eine größere Wolke und kündet von der Konvergenz aus den Winden, die von West aus dem Gerlostal und von Osten aus dem Pinzgau heraufziehen und sich hier vereinen. Also nichts wie hin und ordentlich Höhe tanken! In ruhigen Kreisen gelingt es mir, nochmals die 3.600 m-Marke zu erreichen, der Plattenkogel (2.039 m) unter mir wirkt wie eine >brettlebene< Wiese, bevor ich die Wolkenbasis verlasse und erneut in den Beschleuniger trete.
Nächstes Nahziel ist der Wildkogel. Ich fliege jetzt weit weg von der nördlichen Kette zur Talmitte hin versetzt und kann nur schwaches Sinken feststellen. Glücklicherweise markiert am Wildkogel ein stetig kreisender weißer Schirm wieder einmal die Stelle wos gut raufgeht. Keine 10 Minuten später klinke ich mich in den Bart ein, der weit ins Tal hinein versetzt an der sonnenbeschienen Südwestflanke des Wildkogels hochzieht. Im Näherkommen erkenne ich einen weißen Nova (Typ: ???) mit scharzer Startnummer auf dem Untersegel. Aha, denke ich mir, ein echter Crack, brauchst dich nur an seine Fersen zu heften und dich nach Hause ziehen zu lassen. Aber überm Wildkogelgipfel trennen sich unsere Wege, denn er fliegt Richtung Großer Rettenstein weiter nach Nordosten, während ich es vorziehe, erneut die Resterhöhe direkt anzufliegen, zumal ich dort einen orangenen Schirm kreisen sehe, der mir sicherlich gleich zeigt, obs dort hoch geht.
Die Resterhöhe mag mich nicht
Auf dem Weg dorthin vernichte ich viel schöne Höhe und komme nur mit knapp hundert Metern über dem Gipfel an. Auch der "Orangene" müht sich auf der Südseite erheblich ab und kann lediglich seine Höhe halten, während der weiße Nova noch ziemlich hoch ist und im Norden von mir zur Querung des Pass Thurn ansetzt. Meine Hoffnung ist, dass der Pass-Thurn-Wind an den Nordflanken der Resterhöhe hochstreicht und mich zurück an die Basis bringt. Aber das ist ein Trugschluss. Auch nicht das kleinste Heberchen bestärkt mich in meinen Hoffnungen, und ich verliere weiter an Höhe. Südseite, denke ich! Du musst es auf die Südseite des Pinzgaus schaffen. Da bläst dich der Pass-Thurn-Wind wieder nach oben.
Kaum habe ich meinen Kurs geändert sehe ich, wie auch der "Orangene" die Flucht ergriffen hat und bereits weit draußen überm Tal kurbelt und stetig an Höhe gewinnt. Auf dem Weg übers Tal nimmt mein Sinken noch zu, trotzdem stehe ich im Beschleuniger, um so schnell wie möglich rüber zu kommen. Endlich das Sinken wird schwächer, ich raus aus dem Beschleuniger und schon piepst das Vario wieder. In ruhigen Kreisen geht es stetig aufwärts und da meldet sich auch Johannes wieder über Funk, er ist jetzt am Wildkogel und will von mir wissen, wie es weiter geht, nordseitig oder südseitig. Die Frage ist leicht zu beantworten und so empfehle ich ihm, die Talseite zu wechseln, was ich ja auch gerade tue.
Auf der Südseite
Noch vor dem "Orangenen" nehme ich Kurs auf Hollersbach, denn dort sollte es ja keine Schwierigkeiten machen, Anschluß zu finden. Ich selbst bin dort zwar noch nie geflogen, habe aber schon bei anderen Gelegenheiten gesehen wie ganze Schwärme von Schirmen überm Prallhang des Pass-Thurn-Windes rumturnten.
Knapp über der Waldgrenze bei der Pölsneralm auf 1800 m ereiche ich den quer zum Nordwind stehenden Grasrücken, der dann in den Grat zum Pihapper nach Süd hochzieht. Soarenderweise lässt sich Höhe machen, auch der "Orangene" ist angekommen, krebst aber unterhalb der Kante rum, und ich verliere ihn bald aus den Augen. Mit zunehmendem Höhengewinn wird das Gelände auch hochgebirgiger, nicht zu vergleichen mit den runden Grasbuckeln der Nordseite des Pinzgaues. Obwohl ich mich hier etwas einsam fühle und ob der engen Taleinsichten ein leicht mulmiges Gefühl verspüre, bin ich mit der Entscheidung, die Talseite gewechselt zu haben, sehr zufrieden, läßt es sich hier doch prächtig aufdrehen. Auf der anderen Talseite erkenne ich unterhalb der Waldgrenze am Schellenberg einen weißen Schirm. Muss wohl der Nova sein. Ob er sich aus so niedriger Höhe noch einmal befreien kann ist zu bezweifeln. Aber Genaues weiß ich nicht, denn ich habe genug mit mir und diesem für mich völlig neuem Gelände zu tun.
"Am Nachmittag immer schön die von der Sonne beschienen Westflanken der V-Täler anfliegen" heißt es in den Berichten über den "Pinzgauer Spaziergang". Naja, also, dann mal los. Und so laß ich mich von der sanften Nachmittagsthermik, unterstützt vom "Tiroler Wind", auf der Ostseite des Hollersbachtales bis hinauf zur Pihapper Spitze (2.513 m) hochtragen. Weitere 300 m kreise ich nach Osten versetzt auf und schaue weit hinein ins Tal, wo die Bundesstraße sich hochschlängelt, bis hin zum Felber-Tauern-Tunnel. Großvenediger u. Großglockner liegen zum Greifen nah und wirken mit ihren Gletschern kalt und abweisend. Einfach gigantisch!
Wie gehts weiter?
Im Süden und einige hundert Meter höher kreist ein Drachen und zieht dann weiter Richtung Ost. Muss ich auch so hoch fliegen? Oder reichen 2.800 m für den Talsprung über das Felbertal? Außerdem scheue ich etwas vor der schroffen Bergwelt südlich von mir zurück und schließlich bin ich vom langen Fliegen schon etwas steif und müde, da ist es in den wärmeren Gefilden hier unten doch angenehmer. Wenns nicht reicht? Auch kein Problem: die Wiesen östlich von Mittersill liegen im Gleitwinkelbereich und ich bin sicher, bis dahin meinen ersten Hunderter erflogen zu haben ein schönes Ergebnis. Aber eigentlich sollte es an der anderen Seite wieder genauso hochgehen wie eben.
Noch glaube ich nicht wirklich daran, "nach Hause" zu kommen. Aber an den sonnigen Westflanken des Zwölferkogels (2.446 m) werde ich erneut emporgetragen und genieße den phantastischen Blick auf die Eisriesen der Hohen Tauern. Weit hinten im Tal mache ich einen See aus. Später auf der Karte identifiziere ich ihn als Arntaler See, südlich über der Einfahrt in den Felbertauerntunnel. Es ist angenehm warm, 1000 m höher wars doch empfindlich kühler und die Finger wurden steif.
Mit 300 Metern überm Zwölferkogel bin mit meiner Abflughöhe von 2.700 m zufrieden und ziemlich sicher bis zum Landeplatz zu kommen. Ganz entspannt fliege ich in der ruhiger werdenden Abendthermik dahin und genieße die Aussicht von hier oben.
Auf Heimatkurs
Vom Zwölferkogel gehts hinüber zur Lerchwand. Auch hier wieder das gleiche Spiel. Anfliegen der sonnenbeschienen Westflanke so hoch wie möglich, und sich vom ruhigen Aufwind entlang des Kammes empor tragen lassen und über dem 1. Gipfel (hier Lerchwand) nochmals ein paar hundert Höhenmeter rauskurbeln. Noch einmal schweift mein Blick gebannt über das gewaltige Bergpanorama mit seinen 3 ½ Tausendern vor mir im Süden. Ich schaue auf den Tauernmoos-Stausee herab, und in Gedanken lechze ich nach einem erfrischendem Bad. Langsam stellen sich auch Hunger und Durst ein. Aber ich bin kein so ein "cooler Hund", der jetzt die Bremsen loslassen kann, um gemütlich seine Jause auszupacken.
Im Weiterflug taucht plötzlich rechts vor mir das Schmiedinger Kees am Kitzsteinhorn mit seinem Sommerskigebiet auf. Jetzt bin ich doch überrascht so weit südlich zu fliegen und doch so nah am Ziel zu sein. Zur Gaudi setze ich noch einen Funkspruch an Johannes ab und teile ihm mit, dass die Lifte bereits geschlossen haben und wir uns eine Toplandung für einen kleinen Skiausflug ersparen können. Dann fliege ich hinaus ins Kapruner Tal über die Talstation der berühmten Gletscherbahn und gleite dann ganz ruhig hinaus ins Pinzgau, erfreue mich an der herrlichen Aussicht auf den Zellersee mit seinen Segelbooten und den friedlichen Waldbuckeln drum herum. Dahinter allerdings steigen die schroffen Kalkwände der Loferer, Leoganger und des Steinernen Meeres wie eine durchgehende Mauer auf und bilden einen gewaltigen Kontrast zur davor liegenden Landschaft.
Die Luft ist so ruhig und friedlich wie im Winter. Jetzt wird es Zeit die Arme und Beine auszuschütteln, um ein bisschen geschmeidig zu werden für die Landung und letzte Photos vom Zeller Becken zu schießen. Über dem LP habe ich noch über 500 m Höhe die ich, gemütlich an den Hängen über Piesendorf und Fürth entlanggleitend, abbaue und schließlich um 17:30 Uhr - nach fast fünfeinhalb Stunden Flugzeit - gegen den schwächelnden Talwind aus Osten gegenüber dem GH Schett aufsetze.
Welch ein phantastischer Flug! Über Funk zeige ich meine sichere Landung bei Johannes an, der vermutlich irgendwo zwischen Uttendorf und Zell mit der Höhe gegen das Absaufen kämpft und wenig Hoffnung äußert, den Landeplatz fliegend zu erreichen. Nachdem ich zusammengepackt habe, finde ich noch eine Mitfahrgelegenheit bei einem freundlichen Drachenflieger, der jede Menge Flieger in seinem hoffnungslos überfüllten Campingbus zum Autoholen zur Seilbahn karrt.
Zurück am Landplatz stille ich erstmal mit dem restlichen Jausen-Brot und einem Müsliriegel den größten Hunger und verkürze mir die Wartezeit bis Johannes eintrudelt, mit einem kühlen "Radler" und bei Fachsimpeleien mit anderen Fliegern. Nach einem gemütlichen Abendessen im Gasthaus Schett fahren wir zufrieden gen München