Vom Nebelhorn fast bis nach Holzgau

(Von unserem lebenden Flugschreiber Markus S.)

Vorwort: Dies ist keine besonders umfassende Streckenbeschreibung, weil ich die Strecke nur einmal fast erfolgreich geflogen bin, aber immerhin. Berichtigungen und Erweiterungen, auch von Leuten die noch weniger wissen als ich, erbitte ich ausdrücklich, weil ich schließlich nächstes Jahr mindestens über Bach nach Italien kommen will.

Einer meiner ersten furchtlosen Versuche auch mal eine Strecke zu fliegen, begann am 14. Juli 1996 in der Seilbahn am Nebelhorn, als ich einen ungemein beeindruckend muskulösen, braungebrannten, spiegelbebrillten Sportsmann und Tandempiloten an der Gondel beobachtete. Obwohl er sichtlich mit einer Passagierin beschäftigt war, die ich sofort umsonst mitgenommen hätte, wagte ich es doch in meiner Not ihn anzusprechen und um einen Rat unter Kollegen zu bitten. Ich muß zugeben, ich war auf eine Abfuhr oder unergiebige Antwort gefaßt, aber der Typ war OK. Die Nerven beruhigt durch umfassende und angenehme Infos über die Qualität des Tages und des Gebietes an sich, harrte ich der Dinge gelassen. Der angenehme Mensch heißt übrigens Michel Pinn, wie ich später rausfand und er fliegt glaube ich verdammt gut.

Nach einer knappen Stunde Fußmarsch, kann man vom Edmund Probst Haus den Gaißfuß erreichen, der einen erste-Sahne-Startplatz bereithält. Vom Nebelhorn-Gipfel durfte ich damals ohne B-Schein noch nicht starten.

Um 13 Uhr ziehen an einem Tag wie diesem schon lange schöne Ablösungen aus den Rinnen der Südwest Flanke hoch und man sollte schauen, daß man in die Luft kommt. Wenig später am Tag wird der Talwind im Oberstdorfer Tal stärker und schwappt von der Nordseite über den Gaißfuß. Dann startet man ins Lee, und das wollen wir doch nicht.

 loop

Ich bin also hurtig rausgestartet und war ruckzuck auf 2650m oben. Bei Blauthermik war hier schon die Basis erreicht und wie ich so rumkreise, sehe ich über dem nächsten Rücken im Süden ein paar Schirme hängen. Ach ja, der Braungebrannte hatte ja was von einer Clubmeisterschaft erzählt. Wenn die das können, warum ich nicht?

Also ab zum Schattenberg, aus dessen Südseite es tadellos aufwärts ging. Der Wind kam leicht von Süd und schob die Blasen den Hang rauf. Was einmal geht, geht auch zweimal, und der Kegelkopf war mein.

Unten im Tal sah man jetzt die Spielmannsau, und damit die letzten Wiesen und das Ende der Straße. Von hier ab würde ein Absaufer sehr, sehr unangenehm werden. Aber, no risk no fun, schlafen kann ich nur, wenn ich’s probiert habe.

Am Krummenstein, ca. 10 km südlich des Nebelhorns war die nächste Rippe erreicht, aber ich kam leider trotz eifrigen Kurbelns kaum über den Fürschießer hinaus. Höher als 2300 m war nicht zu kommen und so hielt ich einfach aufs Mädelejoch zu, in der Erwartung, aus der dortigen Südseite wieder mit Windunterstützung errettet zu werden. Aber da schnappt die Falle zu. Der Anfangs schon erwähnte Talwind aus Norden schiebt mich zwar schön in 200m über das Joch, aber dann gnadenlos hinunter Richtung untere Roßgumpenalm. Mit 5m/s stürze ich dem Talgrund entgegen und dabei geht’s groteskerweise ruhig zu wie auf einem Sonntagsflug im Winter. Mit meinem Flyair 950, der nicht zu den schnellsten Schirmen zählt, habe ich keine Chance aus dem engen Seitental des Lechtales noch zu entkommen und die Felsschlucht des Simms-Wasserfalles schließt es nach unten unlandbar ab.

Da bleibt nur noch, mich oberhalb der Schlucht zwischen ein paar kleine Bäume zu setzen und wunderbarerweise fiel noch nicht mal der Schirm rein.

Stunden zu Fuß bringen mich zur Talstation der Jöchelspitzbahn, aber dort weht auch schon der Bergwind und ich bin froh, wenigstens einen Lift nach Füssen ergattern zu können. Auf dem Rückweg per DB nach Augsburg bleibt genug Zeit darüber zu sinnieren, wie stressig so ein Abenteuer ausgegangen wäre, wenn ich zum Auto nach Oberstdorf zurück gemußt hätte. 1,5 h geflogen, 3 h gelaufen, 5h gefahren, viel Geld bezahlt aber erfahrener, und glücklich den Allgäuer Hauptkamm überquert zu haben. Fliegen.?..guttt..!, Mit der Bahn.?.. besonders gutt..!

 

 

Im Forum gingen auf diesen Bericht folgende Reaktionen ein:

Ola Markus, ich möchte mich erstmal im Namen aller interessierte Streckenpiloten für Deinen tollen Bericht bedanken. Ich glaube, viele lesen diese „Flugbeschreibungen" aber wollen weiter nichts dazu sagen bzw. schreiben. Für mich ist Dein Abenteuer sehr aufschlußreich. Mir hat nämlich genau dieser Schenkel Bach/Obersdorf noch gefehlt. Ich habe zwar den Frank Leschinski schon mal gefragt, wie es dort entlang funktioniert, aber außer einem tröstlichem „das schaffst Du dort schon" habe ich keine brauchbaren Informationen bekommen. Das das Höhenbachtal (Höhenbachschlucht) eine Bergwind- Nordwindfalle ist,  war mir schon seit längeren bekannt. Ich kann Dir mindestens vier Piloten nennen, die auch schon mal das Vergnügen hatten. Übrigens wird der Wildengundkopf (N von der Mädelegabel) auffallend oft als Wendepunkt verwendet.

Die Richtung Wildengundkopf muß für die Oberstdorfer eine richtigen Rennstrecke sein, hat mir übrigens auch schon mal der Guido Scholz...tschuldigung ich meine der Dr. Guido Scholz geschrieben. Vielleicht könnte uns der Guido auch mal im Forum schreiben wie es dort funktioniert? Und rausreden gilt nicht, ich habe im Rudel seinem Streckenflugkatalog gelesen, daß der Guido min. schon vier Strecken vom Nebelhorn aus für den DHV-Streckenflugpokal eingereicht hat.

(Armin Appel)

 

Hallo Armin, hallo Markus.
Das Nebelhorn ist, wie ich meine und wie vor allem die Flüge von Oliver Rössel (den ich übrigens persönlich gut kenne) zeigen, eines der faszinierendsten deutschen Streckenfluggebiete. Für Dreiecksaufgaben behaupte ich mal, das beste (alpine) deutsche überhaupt. Wer sich überwinden kann die DM 28,- (+ Startgebühr ca. DM 5,-) für die Auffahrt mit der Nebelhornbahn zu investieren, wird an einem guten Flugtag mit Streckenflugmöglichkeiten belohnt, die vom Startplatz weg bereits in drei Himmelsrichtungen führen.

Von solchen Projekten, wie Markus' Vorhaben, den Algäuer Hauptkamm zu überqueren, möchte ich aber dringend abraten. Der Lee-Effekt ist nicht zu unterschätzen und das Flugvorhaben ist in diesem Fall sicher harmloser ausgegangen, als es hätte sein können. Hierfür benötigt man viel Geländekenntnis, die man nur durch intensives Fliegen vor Ort und vor allem ausgiebigen Informationsaustausch mit den einheimischen Piloten erlangt. In der Regel geben diese auch gerne Auskunft.

Geschlossene Aufgaben, natürlich nicht nur vom Nebelhorn, haben auch den Vorteil, daß sie bei Erfolg zum Start und damit meist zum Auto zurückführen und im Verhältnis zur Kilometerleistung mehr Punkte bringen. Die Kombination aus den weit verzweigten Oberstdorfer Tälern und dem Tannheimer Tal bietet bereits genügend Fläche, um Dreiecke bis über 80 km aufzuspannen. Außerdem ist die Infrastruktur so, daß man nach einem Absaufer in der Regel leicht zurücktrampen kann oder zumindest nicht zu lange Fußwege vor sich hat. Nicht zu vernachlässigen ist auch, daß praktisch alle zu überfliegenden oder zu passierenden Täler reichlich gefahrlose Außenlandemöglichkeiten bieten.

Nicht zu unterschätzen ist der Einfluß des nördlichen Ausgleichwindes, der sich nachmittags recht kräftig einstellen kann. Für südseitige Bergflanken (Prototyp: Schattenberg) besteht vielleicht nicht gerade morgens aber auf jeden Fall ab Mittag im eigenen Interesse "Einflugverbot" unterhalb Grathöhe. Gleichzeitig bieten dann die Nordflanken z.B. am Rubihorn oder Schattenberg 1a Bedingungen zum Aufsoaren.

In einem der nächsten Beiträge werde ich dann am besten mit einer Beschreibung in Richtung Norden anfangen, dann ist die Verbindung zum Tannheimer Tal und den zahlreich sich anbietenden Wendepunkten um Hindelang schon mal geschaffen.

(Guido Scholz)

 

Hallo Streckenflugfreunde,

am 7.6.96 bin ich auch (eher ungewollt) von der Jöchel rüber zum Nebelhorn und recht schwierig wieder zurück. Eigentlich hatte ich ein flaches Dreieck Landsberger Hütte-Warth-Sonnenkogel ausgeschrieben. Der Wind kam aber doch recht frisch aus SSW und so entschloß ich mich mit 3.500m Abflughöhe zum Nebelhorn rüber zu fliegen. Mit dieser Höhe von der Jöchel aus sicherlich unproblematisch. Habe am Rauheck irgendwo nochmal aufgedreht und kam dann am Nebelhorn Gipfel mit ca. 150m drüber an. Höher gings dort auch nicht und alle flogen über dem Schattenberg (Ablösungen von der Südflanke). Vom Schattenberg flog ich mit ca. 2100m Abflughöhe zum Riffenkopf dann weiter zum Höfats (alles etwas quälend). Von dort aus weiß ich nicht mehr genau wie es weiterging. Nur errinnere ich mich an ca. 3-4 Anläufe in verschiedene Richtungen um die vor mir liegenden höheren Hindernisse zu überwinden. Irgendwie kam ich dann wohl über den Bettlerrücken (zwischen Kegelkopf und Kreuzeck) ins Lee der Krottenköpfe. Dort konnte ich etwas Höhe machen, sah die Kempter Hütte (ca. 50m drüber und Landemöglichkeiten in Sicht). Hier entschloß ich mich dann (ehrlicherweise gesagt eher etwas desorientiert) durch das vor mir liegende Tal (mit Sicht auf das Lechtal) durch- zufliegen.

Alle Insider wissen jetzt natürlich, daß es sich um das Höhenbachtal handelt und werden aufschreien. Ich wackelte bzw. kollabierte mich durch dieses Tal hindurch und hielt dabei eher auf der Muttekopf-Seite auf. Etwas tief dann bei den Göllwiesen angekommen versuchte ich dort wieder hochzukommen (ist mir auch schon geglückt), musste mich aber geschlagen geben und arbeitete mich gegen den starken Lechtalwind Richtung Oberstockach vor.
So, Ende meiner Story.

(Holger)

 


 zurück zur Hauptseite