XC - Tipps für das Karwendel
PW, Juni 2000

Auf der Suche nach XC-trächtigen Gebieten hat der Alpennordrand bei mir in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Weite Talquerungen (Osterfelder, Wank, Brauneck) gleich zu Streckenbeginn, permanent gegenwindgefährdete Strecken (Wallberg ab Sudelfeld), riesige niedriggelegene Waldgebiete (Wallberg ab Blauberge, Hochfelln), niedrige Basis und Anfälligkeit für die träge, faule Warmluft ab Frühsommer haben mir wirklich tolle Flüge erschwert bzw. den Genuß reduziert.

Allerdings haben mir die Flüge - sollte ich mich mal bis dahin durchgekämpft haben - ab Kaiser, Karwendel und Zillertal immer großen Spaß gemacht, besonders im Vergleich zu den 30 km Tiefflug davor. Warum dann nicht gleich in bessere Thermik mit höherem XC-Potential starten ?

Beim Blick auf die Reliefkarte Österreichs bietet sich das Inntal als markantes langgestrecktes Ost-West-Tal an. Im Inntal ist das Karwendel das von Bayern am leichtesten erreichbare Hochgebirge. Basishöhen zwischen 3000 und 4000 m, gute und selten harte Thermik und ein fast durchgehendes Relief sind weit bessere XC-Voraussetzungen wie unsere winzigen Voralpenhügel mit den riesigen Tälern und dem starken Nordwind,   der geschlossene Aufgaben eigentlich nur im Winter erlaubt.

Startgelände
Die Fluggebiete Seefeld und Rofan sind von München in einer halben Stunde zusätzlicher Fahrzeit (im Vergleich mit Wank/Osterfelder bzw. Wallberg)  zu erreichen. Die Startplätze und Fluggebiete sind allerdings alpine Gelände mit starker Thermik und sollten nur bei entsprechender Flugerfahrung aufgesucht werden. Rofan (Seilbahn von Maurach/Achensee) bietet zwei Startplätze. Der erste oberhalb der Bergstation erscheint harmlos, ist aber ab Mittag sehr turbulenzgefährdet, also höchstens vormittags empfehlenswert. Es gab dort immer wieder Unfälle, zeitweise war oder ist der Startplatz gesperrt.
Der zweite SP (SW, 20 min Fußweg Richtung Dalfaz bis Durrawand) ist ab Mittag empfehlenswerter, wenn auch manchmal leegefährdet. Man startet ab 12:00 direkt in stärkste Thermik, ab 13:00 kann es schon mal die Ausrüstung allein wegblasen. An guten Tagen man schon ab 11:00 innerhalb 5 min bis zur Basis aufdrehen. Wenn man am frühen Nachmittag am Rofan keine Thermik findet, ist entweder schon Spätherbst oder es gibt gerade eine (partielle) Sonnenfinsternis. Seefeld bietet zwei SP: Joch und Härmelekopf. Härmelekopf (neben Seilbahn) hat ein thermisches Startfenster frühestens ab 11:30 wg. seiner Westausrichtung. Ab 14:00 können Starts durch den bayerischen Wind schwierig werden. Thermikanschluß einfach, meist leicht links vom SP. Auch hier gilt: wenn man nicht wenige Minuten nach dem Start unter der Basis ist, hat man einen schlechten Thermiktag erwischt (in den bayrischen Voralpen hätte man dann schon Spinnweben vom Soaren unterhalb Gipfelniveau).

Die andere Startmöglichkeit ist am Seefelder Joch und geht nach Osten. Hier kann man bei leichtem Ost schon ab 9:45 starten und die Höhe halten. Allerdings gibt es hier einiges zu beachten. Der SP an der Bergstation ist wg. Klippenstart und Flugroute (Thermik rechts, Höhenverlust) nicht zu empfehlen. Man sollte den Grat etwa 15 Min. entlang nach oben gehen und an einer großen Wiese starten (etwa in Mitte des Grates). Hier ist Thermikanschluß leichter und für den Fall ohne Thermik kommt man leichter nach links über den Gratausläufer aus dem Karwendel wieder raus. Falls nicht: viel Spaß, große Wiesen und blasenreife Karwendelwanderungen warten !

Der normale LP in Seefeld nebem dem Golfplatz ist manchmal schon ab 14:00 nicht mehr zu empfehlen, unterhalb Gschwandtkopf ist es etwas weniger turbulent zu landen. Für Inntal, Seefelder Plateau und Achensee gilt generell: Bei Landungen ab 15:00 generell sehr "sportliche" Komponenten wie "negative Groundspeed" (Talwinde über 30 km/h) und entsprechende Turbulenz einkalkulieren, bzw. große hindernis- und turbulenzfreie LP suchen. Der dritte Startplatz für das Karwendel ist das Hafelekar bzw. Seegrube bei Innsbruck. Startplätze sind ok, aber der LP ist außerhalb Innsbrucks. Toplanding bei Seegrube ist (vor Bahnbetriebsschluß!) vorzuziehen. Da für Innsbruck allerdings für uns die gleiche Fahrzeit
wie ins Pinzgau und Höhenstraße einzukalkulieren ist, würde ich an guten Tagen dann gleich die Zentralalpen vorschlagen.

Flugroute und Schlüsselstellen
Der Einstieg vom Rofan ins Karwendel Richtung West ist die sportliche Variante. Man muß erst mal 2 Täler queren und sollte daher nur bei wenig Gegenwind und einer Basis ab 2800-3000m überhaupt losfliegen. Nach der Achenseequerung muß man deutlich über Grat am Stanser Joch ankommen. Ohne Gegenwind verbraucht man für diese erste Querung ca. 800 Höhenmeter. Ab dem Frühsommer ist der Bart dort auch nicht mehr  zuverlässig, Wolkenentwicklung beobachten. Die Talquerung ins Weißenbachtal ist eine Alternative der Locals bei niedrigerer Basis, soll auch schon früh am Tag gehen - aber ich habe damit keine guten Erfahrungen gemacht, der Südbart pulsiert entweder oder er versteckt sich vor mir.

Die zweite Querung des Stallentals sieht harmloser aus, hat es aber auch in sich. Man verbrät leider auch etwa 800 m (was bedeutet, daß man nachmittags dann schon im Talwindeinfluß, der dann bis Gipfelniveau reicht, ankommen kann !). Hintenrein bzw. den Grat bis Rappenspitze weiter zu fliegen hat den Nachteil, daß man in die Abschattungen der vorderen Kette geraten kann. Außerdem ist diese Querung, wenn man schon den Achensee geschafft hat, sowieso vorne sicher machbar.

Das dritte Tal - das Vomper Loch - hat etwa die gleiche Breite,  ist aber in westlicher Flugrichtung wesentlich einfacher zu knacken. An der Kante im Talverlauf bei der Huderbankspitze bildet sich  ein zuverlässiger, leicht zu findender Bart. Von dort aus bis zu den zuverlässig thermikspendenden Hängen von Gnadenwald ist ein Katzensprung. Ab dann wird es ein Spazierflug. Diese Flugstrecke liebe ich: Normalerweise ist bei diesem Teilstück das einzige Problem, der Thermik auszuweichen und sich nicht in die Wolken reinziehen zu lassen. Manchmal fliege ich diesen Teil extra langsam, um den Genuß zu verlängern und das Karwendel von oben zu betrachten. Ab Hafelekar sollte man das Träumen wieder beenden. Normalerweise kann man am Gipfelgrat von Solstein und Erlspitze entlang fliegen, aber die Bärte stehen hier nicht so ortsfest und zuverlässig. Sollte sich (bei leichtem Süd) eine große Wolke über dem niedrigeren Hechenberg bilden, hat man hintenrum natürlich  sehr schlechte Karten, ob man da tief noch raus kommt, möchte ich gar nicht wissen. Die Reither Spitze und die dort gelegene Nördlinger Hütte verwöhnt einen wieder mit einem guten, 100% zuverlässigen Bart. Hier hatte ich meist die höchste Basis. Allerdings braucht man die jetzt auch für die dritte Schlüsselstelle.

Zuerst einmal die Info wie es nicht geht: man kann selbst mit orbitaler Abflughöhe direkt geradeaus ohne Schlenker auf die Nordseite der Hohen Munde zusteuern und steht trotzdem dort garantiert am Boden. Auch der Umweg über Arnspitze und Gehrenspitze, d.h. also den großen halbkreisförmigen, nördlichen Umweg um das Plateau zu fliegen, bringt nichts. Selbst ohne Gegenwind und bei bestem Wolkenbild habe ich dort nur wenige Höhenmeter gewonnen und bin wieder an der Nordseite der Hohen Munde gestanden. Beides wurde mir von Locals bestätigt. Das komplexe Windsystem über dem Seefelder Plateau erlaubt nur den direkten Flug von Munde zu Reither Spitze, aber nicht in umgekehrter Richtung. Auch der Umweg bringt nichts wegen des bayerischen Windes, der alle Thermiksuche dort trotz bester Wolkenbilder zum Lotteriespiel macht.

Es gibt aber eine bessere Alternative: Thermik über Seefeld-Ort mitnehmen und einen starken Monsterbart etwa zwischen Wildmoosalm, Brunschkopf und Hochspannungsleitung anfliegen. Von der zweiten Möglichkeit, der Konvergenz über dem Inntal in Höhe Mösern ist dringend abzuraten, selbst für den Fall, daß sich ein kleines Zipfelchen der Konvergenz noch außerhalb der CTR befinden sollte. Der Bart auf der Nordseite der hohen Munde bildet sich oft erst spät (nach 15:00), wenn man Pech hat, trägt es nordseitig noch nicht, obwohl südseitig die Leefalle schon längst aktiv ist. Auch hier gilt daher: über Grat ankommen ! Die nachfolgenden Querungen sind wieder etwas einfacher, da vom Talwind unterstützt (Tschirgant, Venet) und zum Teil auch Rippen im Talwind Thermikquellen bieten (Wolkenbild beachten). Die Schweiz wartet.

Der Karwendelflug Richtung Ost von Seefeld (und auch vom Hafelekar) das Karwendel entlang ist bis zum Bettelwurf die sichere Variante. Der Thermikeinstieg ist traumhaft einfach und die ersten 25 km ist keine Schlüsselstelle bzw. Talquerung zu bewältigen. Aber auch hier sollte die Basis deutlich über Gipfelniveau sein. Bis Hafelekar gilt die obige Beschreibung, danach ist wieder Genußflug angesagt. Bettelwurf, Hundskopf und Huderbankspitze sind normalerweise machbar, dann heißt es hoch bleiben, weil beim Flug zum Rofan neben den Talquerungen auch noch der Talwind zu beachten ist. Sicher vorm Talwind ist man nur über Grat, ab 2000 bis 2500 m sollte man sich nicht im Lee von Vorsprüngen befinden. Besonders gilt dies für Hochnißl, da die Südseite unter Grat nachmittags komplett bis oben hin vom Inntalwind überspült wird. Auch der letzte Talsprung zum Rofan kann kritisch sein, an guten Tagen ist das Rofan teilweise vom Inntalwind überspült und man sollte sich dort auf Leethermik einstellen. Ebnerspitze ist spätnachmittags besser anzufliegen. Hat man es übers Stanser Joch geschafft, kann man am Bärenkopf bis Sonnenuntergang im Nordwind soaren, erreicht aber auch keine großen Überhöhungen.

Dafür ist spät am Tag ab Ebnerspitze (nordseitig anfliegen) der Weiterflug bzw. die Querung zum Zillertal wesentlich  einfacher. Vermutlich durch Konvergenz von abendlichem Nordwind über Achensee und dem Inntalwind gibt es hier nur geringen Höhenverlust. Die Zillertalostseite ab Wiedersberger Horn gibt zwar dann keine Thermik mehr ab, aber wird dafür vom Bergwind der gegenüberliegenden Seite gespeist. Die 30 km und mehr bis ans Talende sind dann ein abendlicher Bonus-Spazierflug für diejenigen, die nichts von geschlossenen Aufgaben halten oder einen freundlichen Chauffeur haben, der dem Piloten netterweise hinterher fährt (Danke Jörg). Wer hoch genug ist, kann sich im Gerlostal auch noch in die Konvergenz über Speicher Gmünd reinmogeln.

Thermikgüte
Die Thermik im Karwendel ist mäßig bis gut und über Grat ohne nennenswerte Turbulenzen. Rofan und Kaiser bilden im Vergleich hierzu stärkere, aber auch ruppigere Bärte mit deutlichen Randturbulenzen. Das Karwendel ist durch die Verbindung zum Flachland über das Inntal auch anfälliger für die stumpfe Luft. Im Sommer wird diese Strecke immer schwieriger, da das Inntal als Staubsauger für die stabile, faule Festlandsluft wirkt. Wenn man Richtung Osten fliegt, sollte man daher neben der starken Talwindkomponente des Inntals auch auf schwächer werdende Thermik achten. Der Ostteil des Karwendels kann evtl. schon thermisch unergiebig sein, selbst wenn Kaiser und Rofan noch die schönsten Wolken zeigen !

Aufpassen
Föhn: Patscherkofel-Werte abfragen, Austrocontrol Innsbruck. Cb: Kaiser und Wetterstein beobachten, sind meist zuerst dran. Schwarze Schafe vor allem am Wochenende: manche Segelflieger drehen in die Wolken, Thermik-Drehrichtung und Flugregeln gegenüber Gleitschirmfliegern werden oft wie vor vielen Jahren noch von etlichen Drachenfliegern mißachtet. Es gibt im Tagesverlauf hochreichenden Talwind, er kann bis über 2500 m gehen, Talknicke dann im Lee bzw. überspült. CTR und erlaubtes Segel-/Thermikfluggebiet beachten. Falls Absaufen/Landung: in CTR möglichst lang am Hang bleiben bzw. in Hangnähe landen, Inntal zwischen Jenbach und Telfs ist den Motorfliegern vorbehalten.

Danke
an die wirklich guten Piloten - also die, die ihre Erfahrungen und Informationen weitergeben. Kommunikation unter uns Piloten über Gefahren und XC-Möglichkeiten sollte noch selbstverständlicher werden ! Ich habe hier Informationen aus meinen Flügen mit denen der der lokalen Piloten und globalen Cracks zusammengefaßt. Falls jemand noch weitere Infos, Kritik, Ergänzungen oder Korrekturen hat: ich bin unter peter@peterwieczorek.de zu erreichen und für jedes Feedback dankbar.

XC = tolle, unvergeßliche Flüge
Wenn wir uns gegenseitig informieren, werden sicher mehr auf Strecke gehen, eines der tollsten Erlebnisse, die es gibt - unabhängig von der Streckenlänge. Mit Adlern im gleichen Bart fliegen, aus 100 m über Talgrund wieder bis zur Basis aufdrehen - von jedem Flug bleiben einmalige Erinnerungen.

Peter Wieczorek


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