Oh, what a week!!!

Fr., 30. Juli: Die Drachen-WM am Monte Cucco ersäuft im schlechten Wetter, aus den Berichten, die ich täglich lese spricht viel Frust. Bei uns dagegen seit Tagen Bomben Wetter. Also los, Wetterbericht einholen: DWD sagt klar "fahrt nach Höxter. Mäßiger Ostwind."

Die Kumpels sagen komm mit an die Winde, Höxter hat zu wenig Wind. Die Kumpels haben im Zweifel immer Recht. An der Winde viel Seitenwind. Genau für Höxter richtig. Sch..., egal aufbauen, schleppen. Ich mache den ersten Schlepp. Leichter Ansatz zum Lockout, aber nach dem Umklinken. Also kein Problem: Ausklinken in ca. 60m, zurückfliegen, rein in die Landevolte. Eben noch vor dem Queranflug vor dem Wald die VG ziehen. Oh, ist ja thermisch vor der Waldkante. Sch..., es ist so thermisch, dass ich den Drachen mit gezogener VG beim Queranflug auf den Wald nicht einen Millimeter nach links um die Ecke kriege.  Also mit gut 2m über den Baumspitzen verschwinde ich über den Wald mit rund 500m Ausdehnung. Sch..., aber das sagte ich glaube ich schon. Der Wald fällt ab, ich bin voll im Lee, der Drachen fliegt wie ein welkes Blatt. Welchen Aufbaufehler habe ich wohl gemacht geht mir durch den Kopf. Tatsache ist aber: wenn die Höhe über den Baumspitzen unter 2-3m geht, wird das Gerät ruhig und gleitet gut dahin. Mir dämmerts. Wenn ich den Drachen schnell und tief im Baumeffekt halte, dann kann ich es schaffen mit dem Gefälle den ganzen Wald abzugleiten. Echt genial. Es funktioniert. Direkt hinter dem Wald haue ich mich auf den Acker. Schnell das Handy raus, anrufen, dass ich gut hinterm Wald gelandet bin. Die suchen mich bestimmt schon im Wald. War auch so und auch ein Suchtrupp im Auto kommt schon gefahren, die auf der anderen Seite des Waldes mit der Suche beginnen wollten. Also Drachen gescheckt, Ergebnis fehlerfrei, wirklich nur eine starke Ablösung, bei diesem kolossalen Wetter ja auch kein Wunder. Die ASH25 von den Segelfliegern ist seit 11:00 Uhr auf 1000km Dreieck unterwegs. Schnell abgebaut, zurück zum Platz, schnell wieder aufbauen.

Die anderen Jungs lassen sich jetzt einer nach dem anderen hochschleppen, kurbeln auf und verschwinden zur rund 2300m höher gelegenen Basis. Peter, der vor lauter Geldverdienen spät kam und ich sind der lausige Bodensatz. Wir beide schaffen den Anschluss trotz noch je zwei Versuchen nicht mehr. Verschwitzt, frustriert geben wir auf und bauen ab. Die Anrufe mit den Ergebnissen der Streckenflüge kommen rein. Die meisten sind einfach nach Hause geflogen. Na ja, so viel Flugspass hätte ich auf der WM sicherlich auch haben können. Egal, ich bin genervt, verstört, gefrustet. meiner Frau erzähle ich, dass ich morgen nicht fliegen werde, sondern mit dem Hund zur Hundeschule gehe. Sie freut sich. Hund auch.

Sa., Nachmittags 15:00Uhr. Sch..., man soll keine voreiligen Versprechungen abgeben. Von 2-3 Uhr bei Brüllhitze mit dem Hund duch die Wiese getobt, in angekündigten 2.800m stehen 2-3/8 Cumulus. Was sind schon Versprechen an die Frau bei solchen Wetterbedingungen? Ich meine mal ehrlich, kann sie da irgendwie erwarten, dass ich mich daran halte? Aber jetzt ist eh alles zu spät.  Wie war das noch mit der Drachen-WM? 15:05 der erlösende Anruf bei Gerd. Heute sitzt er ausnahmsweise auch in Höxter. Ich sage ihm, ich rase, komme noch raus, auch wenn eh alles zu spät ist. Ihr wisst ja, der Trieb schafft den Täter. Gerd ist ehrlich lieb zu mir. Er sagt, dass er jetzt nicht mehr empfehlen könne zu kommen. Der Wind wäre sehr schwach und er glaubt nicht das etwas gehen wird. Ich lege auf, der Tag ist gerettet. Mit Frau und Hund im Garten in die Sonne legen, ein Eis schlabbern, das sieht doch von den Aussichten her wesentlich besser aus als das, was man von der WM hört. Tja die Armen tun mir wirklich leid. Außerdem war ich doch Heute artig, oder? Habe doch mein Versprechen mit dem Familientag kolossal gehalten. Wenn mir das nicht das Recht auf einen tollen, familienfreien Flugsonntag gibt, dann weiß ich auch nicht mehr.

So., 01. August. Die Rechnung geht auf. Wetterbericht sagt Bodenwind Ost, 15-20 km/h. Ideal für Höxter. Frau sieht alles ein, der Mann der war ja so brav gestern, zur Belohnung bekommt er noch ein geschmiertes Brötchen, ein Äpfelchen und einen Kuss. 10:15 nichts wie ab jetzt. Die ganzen letzten Tage waren die besten Flüge die frühen, auch wenn Bernd und Gerd nicht leid werden mir zu sagen, dass es in Höxter immer spät besser geht.
11:15 bin in Höxter und es läuft tadellos. Es ist noch ein Rauffahrschild da, fast gleichzeitig kommen drei Gleitschirmflieger an, einem ist es eventuell zu windig. Er will doch lieber erst mal schauen. Ob er mein Auto wieder runter fahren kann, wenn er vom Schauen genug hat? Sicher, kein Problem. Also ab die Post. Bernd ist schon oben und baut auf. Lernfähig, was das frühe Starten anbetrifft? Scheinbar. Schnell, schnell aufgebaut, in die Startliste eingetragern, 10,00 DM gezahlt. Startmeldung? Bernd ist auch fertig und drängt auf schnellen Start. Recht hat er, also keine Startmeldung. Nach den Absaufern der letzten Woche wohl auch besser so. Es gucken einfach zu viele hin. Zu peinlich sowas. Peinlich und arrogant genug sieht es ja eh schon aus, das ich auf 250m über dem Mehresspiegel bei 30° im Schatten mit Daunenjacke und Skihandschuhen an den Start gehe (Bernd fliegt im luftigen Kniehänger, sieht doch um einiges lässiger aus bei diesem Wetter.)  Egal, der Wetterbericht hatte von 0°-Grenze in 3000m gesprochen und da will ich doch hin oder? Also auf nach Hause. Nach dort sind es 69,4 km, 15° zum Wind. Wenn es also wirklich geht, warum nicht?
12:05 Airborn. nach 5 min. im dynamischen Hangaufwind eine Ablösung, der Bart hat Versatz, aber er zieht gut durch. Über mir bilden sich gerade die ersten Cumulus Wolken. bester Startzeitpunkt! Juchhu!! In 1500m NN wechsel ich eine Wolke weiter, meine löst sich schon wieder auf. Nun zieht der Bart duch, es geht, mittlerweile in Nienburg an die Basis in 2.600m. Nicht schlecht Herr Specht, wenn man bedenkt, das das Gelände unter mir nur ca. 200-250m NN hoch ist, doch eine beachtliche Basishöhe. Also mitten durch das blaue Loch direkt rüber nach Bad Lippspringe. Ich gleite gut 1000m einfach im Geradeausflug ab, dann bin ich am anderen Rand des blauen Loches. Dabei fliege ich am Schleppgelände auf dem Flugplatz in Vinsebeck südlich vorbei. Es ist aber kein Drachen zu sehen. Mit ein bisschen Geduld und Suche finde ich den Anschluss, treibe beim kreisen über den Truppenübungsplatz Sennelager und die Autobahn Bielefeld - Paderborn hinweg. Es geht rauf bis auf 2600. An der Basis bin ich noch nicht. Aber warum die Zeit mit lächerlichen 2m vergeuden. Lieber etwas tiefer, mit mehr Übersicht über die Wolkenentwicklung im weiteren Verlauf fliegen. Was die Gegend unter mir betrifft: ein Dorf wie das andere, ich verliere, nicht weit von Daheim, ein wenig die Übersicht.

Also GPS angemacht, GOTO LIP020. 14,2km nach Süden. Jetzt sehe ich auch die A2 unter mir und die Autobahnauffahrt. Alles klar, das ist Rheda Wiedenbrück. Kurzes Nachdenken. Daheim ist hier aus rund 2000m kein Problem, der Endanflugrechner sagt Gleitzahl 6 quer zum Wind. Es ist 13:30, also früh am Tag. Der Schnitt liegt bei rd. 40km/h, inclusive Aufkurbeln nach dem Start. Ich war doch gestern ehrlich lieb, oder? Also: Gas und weiter. In Rheda drehe ich über der Autobahn rauf auf 2600, die Basis noch deutlich über mir. Es geht jetzt flott voran, über Ahlen, nach Hamm, südlich von Münster erreiche ich bei der Kreuzung des Dortmund-Ems-Kanals mit der Autobahn Köln - Bremen den höchsten Punkt: 2850m NN, es ist echt Sau kalt hier oben, zumal ich die letzte ¾ Stunde nie unter 2000m war. Die Basis ist noch ca. 100m über mir. Die Segelflieger sind heute eine gute Hilfe, da auch sie hoch bis zur Wolke drehen. An anderen, schlechteren Tagen sparen sich die Segler oft die letzten 400m, da ihnen 400m Arbeitshöhe in gutem Steigen völlig reichen im Kampf von Wolke zu Wolke. Uns leider nicht.

Die Wolken stehen heute weit auseinander, aber was juckt es mich. Steigen wird nur noch bei 3m und mehr drehend mitgenommen. Wenn es mal schlecht geht, geht es runter bis auf 2000. Na und! Zwischen Münster und Dülmen dann der Hammerbart des Tages: 4,3 m/s im 30s Mittel. Und dabei sanft, wie unser Hund, wenn der mir die Füße leckt. Doch wenn es zu gut wird, dann soll man aufhören, bevor es überentwickelt. Genau das tut es aber. Hinter Dülmen eine riesige ausgebreitete Wolke, min. 20 km keine Sonne, sieht nicht gut aus. Also noch mal Höhe Tanken, versuchen am Südrand langzufliegen. Möglicherweise kann hier auch noch ein bischen aus dem Ruhrgebiet heraus tragen. Das GPS, das ich angelassen hatte, sagt mir jetzt Lip020 in 70km. Also die 100er Marke habe ich auf jeden Fall hinter mir und ich bin schnell. Neue Ziele setzen: Der Rhein, evtl. die Nordsee? Es sieht nicht gut aus vor mir, also Ziel des Fluges: Start mit Blich auf die Weser, Landung mit Blick auf den Rhein. Verlange ich zuviel? Ich nehme jetzt jeden Zipfel Steigen mit und hangele mich bis auf die SW-Seite der Wolke, habe die A43 inzwischen überquert. Hinter der großen Wolke, die ich mit 2200m verlasse erwartet mich ein ausgedehntes blaues Loch, auch wieder schätzungsweise 15-20 km. Der Schattenrand der nächsten auch wieder völlig überentwickelten Wolke steht in Flugrichtung genau über Borken. Luft anhalten und durch. Das wir sicher kritisch. Und wie es dann weitergehen soll - keine Ahnung.

Sonne ist dahinter überhaupt nicht mehr in Sicht. Jetzt kommt auch noch eine abschirmende Wolkenschicht in der Höhe hinzu. Mit 750NN komme ich am Wolkenrand hinter Borken an. Die Wolke zieht nur ganz schwach, zerfasert am Rand, die Abschirmung breitet sich aus. Ein Motorsegler macht mich völlig kolone. Er umschwirrt mich wie Motten das Licht, hat jedoch den Quirl an und zeigt mir überhaupt nicht wo ich mich etwas hochmachen könnte. Sch... Touries!!! ich komme mir echt vor, wie ein seltener Vogel in der Voliere im Zoo. Langsam gewinne ich an Höhe, muß aber ständig nachfassen und versetzen um im gequirl höherzukommen.

Endlich: ein Segelflieger gesellt sich um 400m versetzt hinzu und beginnt ein permanentes Kreisen. Das ist ein gutes Zeichen. Ich bleibe wo ich bin, da er auch nicht besser steigt als ich. In Flugrichtung sehe ich allersings nun einen ca. 2km breiten Vorhang herunterhängen, der bis ca. 800m über Grund hängt. Ohne Zweifel: die Wolke an deren Leeseite ich hänge regnet großflächig ab. Ich drehe weiter, so lange es noch geht.  Bei 1500 NN ist schluss. Aber nun ist das Ende der Wolke am Boden sichtbar. Am Westrand der Wolke sehe ich durch den Vorhang hindurch die Sonne - und ein silbernes Band: der Rhein schneidet mit 15° meine Flugrichtung. Die Freude ist fast grenzenlos. ich weiß, das ich mit der Abflughöhe und Wolkenentwicklung keine Chance habe das andere Rheinufer und das dahinterliegende Wetter zu erreichen. Aber ich möchte durch den Regen, in den ich jetzt hineingekommen bin noch durchgleiten und in der Sonne am Rhein landen. So fliege ich noch über Bocholt hinweg und lande auf der ersten sonnenbeschienenen Wiese hinter dem Regen, der mich doch ziemlich durchnässt hat, 3km vor der holländischen Grenze am Rhein. Es ist 16:25Uhr, ich war also 4h 20min in der Luft. Die Koordinaten von Höxter habe ich nicht. Wie weit wird es wohl gewesen sein?

Nach der Landung beginne ich gleich mit dem Abbau, da mich die ersten Böen der durchflogenen Wolke bereits erreichen und ich einpacken will, bevor es regnet. Doch im laufe der nächsten Stunde erreichen nur noch ganz einzelne Tropfen den Boden. Alles bleibt trocken. Da kommt auch schon jemand gelaufen und ruft: Alles in Ordnung, sind sie verletzt? Der Herr kommt neugierig näher, zeigt auf die Häuser in der Nähe und lädt mich auf Kaffe und Kuchen ein. Supertoller Empfang hier in Bocholt, muss ich schon sagen. Aber zunächst muss ich einige Anrufe tätigen: Wie komme ich jetzt nach Hause? Meine Frau nach Höxter schicken, Auto mit Dachträger von dort holen, dann nach Bocholt fahren lassen, dann alles retour? Bei geschätzten 180km Flugstrecke peile ich kurz. Das müßten etwa 700km ergeben, inklusive Autotausch. Unmöglich. Also als erstes Gerd anrufen, der wohnt nur 30min von Höxter. Was habe ich doch für ein Riesenschwein. Gerd war heute nicht fliegen, sondern mit einem Brik, Typ EVA1 auf einem Ausflug, Fahrtrichtung Höxter. Gerd hat nämlich ein eigenes Auto gebaut, für das er auf dem Typenschild als Hersteller eingetragen ist. Als er mit seinem im Volksmund Batmobil genannten offenen Zweisitzer beim TÜV zur Einzelabnahme war, sollte er eine Typbezeichnung angeben. Da ihm keine einfiel, fragte ihn der TÜV-Mann nach dem Namen seiner ersten Freundin. Gerd hat außerdem sein Handy dabei und außer Spazierenfahren nichts weiter vor. "Gerd, kannst Du mich evtl. abholen, mein Auto steht in Höxter am Landeplatz." "Klar, wo stehst Du denn?" Diese Worte sollte er bereuen, denn bis er wieder in Höxter in Eva1 einsteigen konnte, mußte er zunächst 550km rückholen. Nachdem das also geregelt war, der Anruf daheim: "Frauli, ich bin gelandet, aber es wird sehr spät werden, bis dein Held Hase III. Klasse zur Tür rein kommt." Sie trägts mit Fassung, aber mal ehrlich, war ich nicht gestern sehr lieb mit dem Hund zum üben gewesen, ganz freiwillig und ohne zu murren? Na also. Nun noch der Anruf bei Dirk, meinem fast perfekten Wetterpropheten für das Sauerland. Aber Dirk hat eben auch andere Funktionen und hält die Fäden in der Hand. So ist er eben auch der Wächter über die Streckenkilometer für den Vereinspokal. Für den brauche ich, dem Himmel sei's gedankt, keine aufwendige Dokumentation. Also Landeort durchgeben. Ich soll in zwei Stunden noch mal anrufen, dann sagt er mir, wie weit es war. Nun kann ich in Ruhe Kaffee trinken und der Einladung folgen.

Als ich mich verabschieden will, um in die Stadt zu gehen und ein geeignetes Lokal als Treffpunkt und zur Stärkung zu suchen, werde ich mit dem Ruf das ist doch viel zu weit in's Auto
verfrachtet und in die Innenstadt gebracht. Der gute Mann ist mit dem Wirt befreundet und sofort erhalte ich einen Tisch im völlig überfüllten Lokal. Der Wirt kommt gleich mit der Speisekarte und empfiehlt mir, ohne mich lesen zu lassen, nachdem er meinen Appetit erforscht hat, einen Räuberteller. Unter den neidischen Augen der Nachbartische, die als ich kam schon längst bestellt hatten, erhalte ich weit vor ihnen als erster mein Essen. Also ehrlich, denke ich mir bei soviel Glück, was wollen die eigentlich da unten bei der WM? Gerd kommt sehr zügig durch, Dirk hat 193,5km als Distanz ermittelt und um 02:22 lege ich mein Haupt zufrieden in das heimische Ehebett.

Thees Wullkopf

 


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