Von Dieter Farsen
Sonntag 19.06.2000
Start: 14:00 Uhr Fulseck (2035 m)
Wendepunkt: 15:30 Uhr Graukogel (2492 m)
Landung: 16:30 Uhr LP Dorfgastein
Strecke: 32 km
Pilot: Dieter Farsen
Schirm: Swing Astral 2.28
Die Entscheidung
Freitag 16. Juni 2000: Hoch Axel macht sich über Mitteleuropa breit. Da muß doch was gehen am Wochenende. Es wehen kräftige Winde aus Nord bis Nordwest, allerdings mit abschwächender Tendenz. Das Hoch wird wohl ein paar Tage das Wetter bei uns und in den Bergen bestimmen und so verabrede ich voller Optimismus mit Johannes einen Mehrtagestripp Richtung Gasteiner Tal, das wir beide bisher nur vom Skifahren her kennen.
Auch die Wetterberichte am Samstagmorgen sagen bei strahlendsdem Sonnenschein noch viel Wind voraus. Aber wir (hauptsächlich ich) reden uns die Sache schön, von wegen Abdeckung des Tals durch das Steinerne Meer, die Leoganger, Loferer und so weiter. Im Chiemgau entdecken wir dann auch noch einen einsamen Flieger (übrigens den einzigen den wir an diesem Tag zu Gesicht bekommen) vorm Sulzberg, was unsere Hoffnungen auf einen Flugtag im Gasteiner Tal bestärkt.
Gegen Mittag sind wir in Dorfgastein. Es ist ziemlich frisch, der kräftige Talwind läßt nichts Gutes ahnen, und es sind auch keinerlei Schirme oder Drachen in der Luft. Es sieht auch nicht danach aus, dass heute viel geht, und so fahren wir schließlich noch weiter Richtung Badgastein um den Stubnerkogel etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Entschließen uns dann aber endgültig für einen Wandertag.
Wandern statt Fliegen
Vom Parkplatz im Angertal machen wir uns mit leichtem Gepäck auf die Socken und kommen auf der Skipiste flott voran (bequemes Gehen, gleichmäßige Steigung wie bei einer Skitour). Ein paar Kühe betrachten neugierig uns Exoten in ihrem Revier. Herrlich blühende Bergwiesen und der klare Blick auf die Eisriesen des Alpenhauptkammes sind die Belohnung für unsere Mühen.
Trotz riesiger Startflächen am Gipfel in unterschiedliche Richtungen will auch hier heute keiner fliegen. Natürlich geht unser Blick auch zurück zum Fulseck über Dorfgastein. Aber auch dort zeigt sich kein buntes Segel. Und so sind wir mit unserer Entscheidung, uns lediglich warm zu laufen, ganz zufrieden. Warm ist es am Gipfel ganz und gar nicht und so machen wir uns nach kurzer Rast über die Zitterauer Scharte an den Abstieg. Nicht jedoch ohne vorher auf der gegenüberliegenden Talseite den möglichen Streckenverlauf für einen Flug vom Fulseck zum Graukogel und weiter begutachtet zu haben. Die Erkenntnisse sind eher gering. Sicher ist lediglich, daß es besser ist, das Tal östlich von Badgastein zu queren, als es auszufliegen.
Umgeben von Enzian, Schusternagel, Hahnenfuß, Sumpfdotterblume, blühendem Almrausch und anderen bunten Bergblumen geht es locker bergab und auch diesmal freuen wir uns über die Einsamkeit, die uns umgibt (fast wie beim Fliegen), denn andere Wanderer treffen wir nicht auf unserer Route.
Familie Andexer
Quartier beziehen wir in Dorfgastein im Gästehaus Untermüllnergut der Familie Andexer, direkt oberhalb der Landewiese neben dem Parkplatz Fulseckbahn und dem Schwimmbad. Früher ein Sägewerk, ist die urige Unterkunft heute halb Pension halb Bauernhof. Den Andexers gehört auch die Landewiese. Paul, der Hausherr begrüßt uns ganz herzlich und beschenkt uns mit je einem interessanten Brocken grünen Schiefergesteins mit eingelagertem Glimmer, das er kürzlich beim Brunnenbau aus 10 m Tiefe zu Tage gefördert hat und nun zur Dekoration seines Gartens nutzt. Blankgewaschen sehen die Steine wie lackiert aus, was auch zunächst meine Vermutung war. Aber damit bin ich ganz schön ins Fettnäpfchen getreten. Allerdings war das dann auch der Auslöser für die Schenkung.
Nach einem deftigen Abendessen im benachbarten Almstadl und einem Rundgang durchs Dorf mit Besuch einer Hochzeitsfeier im Gemeindesaal wollen wir noch unsere Fußballnationalmannschaft gegen England kämpfen sehen. Aber der alte Fernseher im Frühstücksraum läßt nur schemenhaft erkennen, daß sich bunte Männlein hin und her bewegen und so werden wir kurzerhand ins familiäre Wohnzimmer eingeladen, wo eine kabelgespeiste Glotze für Klarheit sorgt.
Im Gegenzug revanchieren wir uns mit einer Flasche Bordeaux aus meinem Reisegepäck und so stoßen wir mit Paul und Brigitte auf Du und Du an. Das Spiel ist enttäuschend langweilig, die Engländer führen mittlerweile 1:0 und unsere Jungs wissen nicht, was sie kochen sollen. Da trifft es sich gut, das die eigentliche Attraktion des Abends eine andere ist, und so ergötzen wir uns so gegen zehn Uhr Abends zusammen mit Brigitte, Paul und ihren drei kleinen, fröhlichen Kindern an den Johannisfeuern auf allen Bergen des Tales. Wahre Feuerketten ziehen sich über die Bergkämme und klimmen steile Felsrinnen empor. Auf einer Bergwiese über dem Ort prangt ein feuriges Dorfwappen. Eine wirklich gelungene Vorstellung. Nur Andexer Junior ist etwas enttäuscht, da das erhoffte Abschießen von Feuerwerksraketen wie zu Sylvester ausbleibt.
Um uns Mut zu machen wettet Paul mit Johannes, daß die Deutschen zwischenzeitlich ein Tor geschossen haben. Natürlich bleibt es beim 1:0 für England und so kommen wir zu einer neuen Flasche Roten für den nächsten Abend.
Vom Fulseck zum Graukogel
Am anderen Morgen hat der Nordwind stark nachgelassen und es ist absolut blau, wie schon gestern. Der Tag wird wohl fliegbar, aber was ist mit der Thermik? Schon früh stehen wir am Gipfel. Einige erwartungsvolle GS-Piloten sind auch schon da und auch Drachenflieger bauen ihre Geräte auf. Fliegen will noch keiner. Im Windschatten auf der sonnenbeschienen Ostseite des Gipfels versuchen wir zunächst Johannes Funkequipment in Ordnung zu bringen. Mit meinem schweizer Messer gelingt es mir schließlich, das durch einen Wackelkontakt gestörte externe Mikrofon kaputt zu reparieren. Als Notbehelf dient jetzt das Mikro von Reimar, allerdings muß die Sendetaste direkt am Funkgerät benutzt werden, was während des Fliegens etwas umständlich ist.
Die ersten Dummies hauen sich raus und gleiten zu Tale. Also, weiter warten. Schließlich kommt noch die Flugschule hoch, um Höhenflüge und Prüfungen durchzuführen. Auch diese Kandidaten zeigen keine Thermik an. Es ist bereits nach 13 Uhr als sich erste Flieger soarend halten können. Unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt.
Erst als einige Schirme deutliche Überhöhung erflogen haben und sich auch entlang der Krete verteilen, machen wir beide uns startklar. Und so ist es schon fast 14 Uhr als ich mich, dicht gefolgt von Johannes, in die Lüfte schwinge. Es geht auch ganz gut aufwärts und schon bald kreisen wir mit einigen anderen Schirmen des Pulks "on the top". Eine erste Gruppe löst sich vom Fulseck und fliegt entlang der Krete nach Süden. Auch Johannes und ich sind dabei. Aber ich spüre rasch, dass meine Ausgangshöhe wohl kaum ausreichen wird, um die nächste Aufwindquelle am Laderdinger Gamskar sicher zu erreichen, denn die vor mir fliegenden Schirme geraten auf dem Weg dorthin mächtig ins Saufen.
Über Funk gebe ich Johannes Bescheid, dass ich umdrehe, um erneut über dem Fulseck Höhe zu tanken, was auch gelingt und mit 2.800 m habe ich eine gute Chance weiter zu kommen. Vom zuvor abgeflogenen Pulk ist nicht mehr viel zu sehen. Eine Schirm ist auf dem Rückflug Richtung Landeplatz. Auch Johannes krebst bereits verzweifelt tief über den Waldhängen des Bürgerwaldes oberhalb von Bad Hofgastein.
Bis ins nach Nordwest hin offene Kar zwischen Gamskarspitz und Gaißkarkopf muß ich gleiten bevor es wieder aufwärts geht. Gemeinsam mit einem Drachen kurble ich hoch zum Gaißkarkopf und mit satten 400 m Überhöhung kann ich mich weiter Richtung Süden vorarbeiten.
Johannes hat zwischenzeitlich die Talseite gewechselt und hofft an den vom Nordwind angeströmten Hängen des Stubnerkogels hochzukommen. Ich kann ihn nicht mehr ausmachen, zu sehr bin ich mit mir selbst und meinem Obenbleiben beschäftigt. Aber er unterrichtet mich per Funk von seinen Aktionen. Leider auch schon allzu bald über seine Landung am Gasteiner Badesee, zwischen Bad Hofgastein und Badgastein gelegen.
Bei mir gehts jetzt flott voran, am 2.467 m hohen Gamskarkogel, einem Grasberg mit der exponiert gelegenen Badgasteiner Hütte, kann ich nochmals auf über 2.800 m aufdrehen, bevor ich den Sprung über das Kötschachtal zum Graukogel im Südosten von Badgastein wage. Über Funk gebe ich mein nächstes Flugziel an Johannes weiter und erhalte die Bestätigung, daß er mich vom Boden aus visuell verfolgt. Der Alpenhauptkamm mit dem 3.248 m hohen Ankogel liegt jetzt zum Greifen nah vor mir. Für eine Überquerung wird wohl die Basis heute etwas tief liegen, außerdem stehen im Südosten hinter dem Hauptkamm mächtige Lentis - also Nordföhn in Kärnten. Im Westen hinterm Hocharn erhebt sich majestätisch das Großglocknermassiv mit seinem fast 3.800 m hohem, schneebedecktem Gipfel.
Ich rechne damit, daß der Talwind schön am Graukogel ansteht und mache mir kaum Sorgen um meinen Höhenverlust. Die gut 6 km lange Querung bis über die Waldgrenze des Graukogels kosten mich immerhin gute 1.800 Höhenmeter. Dafür kann ich aber das prächtige Panorama genießen und entdecke nun auch zwei Vorflieger im hochalpinen Bereich hinterm Graukogel. Habe mich schon recht einsam und auch ein wenig unsicher gefühlt, schließlich fliege ich zum ersten Mal in dieser Gegend und da weiß man ja noch nicht so recht, wo welche Gefahren auf einen lauern können.
Knapp oberhalb der Baumgrenze streicht die Thermik unterstützt vom Talwind an den glatten Felsplatten des Graukogels hoch und es ist ziemlich easy hier Höhe zu machen. Als ich über den Gipfel steige eröffnet sich mir eine hochalpine Gebirgswelt mit mehreren kleine Seen und riesigen Karen, die langsam Richtung Ankogel ansteigen. Während ich noch so kreise fliegt der eine Schirm, ein weißer Nova, hoch über mir Richtung Norden. Zum einen weiß ich jetzt, dass die Basis hier noch höher liegen muss als am Gamskarkogel, also bei oder über 3.000 m, und zum anderen denke ich einen Vorflieger für den Rückweg gefunden zu haben.
...und zurück
An der Basis habe ich nochmals Funkkontakt mit Johannes und er freut sich mit mir über die schöne Höhe, die ich gemacht habe. Genug, um noch ein wenig nach Süden zu fliegen. Aber schon bald gerate ich in eine Abwindzone und es geht mit mehr als 5 m/sek nach unten. Jetzt entdecke ich auch den zweiten, violetten Schirm wieder. Er krebst ziemlich tief an der südlichen Krete des Palfner Kars entlang und begibt sich gerade auf einen Kurs zurück Richtung Graukogel. Ich fliege das Kar aus und muß mich auch geschlagen geben - nichts zu finden. Also schleunigst zurück zum Graukogel, erneut Höhe machen und dann ab in die Heimat.
Gemeinsam nutzen wir die kräftigen Aufwinde am Graukogel. Johannes verlangt nochmal nach meiner Position, da er mich aus den Augen verloren hat. So dicht am Fels konzentriere ich mich aber lieber aufs Fliegen, zumal noch ein Schirm in meiner Nähe rumturnt. Erst in sicherer Höhe melde ich mich zurück, habe auch den weißen Nova wieder im Blickfeld, der zwischenzeitlich wieder an den Südwestflanken des Gamskarkogels angekommen ist. Allerdings scheint er ziemlich in der Luft zu stehen.
Mit über 3.000 m Höhe setze ich um halb vier Uhr zur abermaligen Querung des Kötschachtales an und hoffe hoch genug am Gamskarkogel anzukommen um nochmals aufdrehen zu können. Der lila Schirm ist hinter mir noch weiterhin am Kurbeln und der weiße Nova vor mir verliert zusehends an Höhe ohne recht vorwärts zu kommen. Über Funk wird mir das von Johhanes bestätigt. Es ist wohl besser nicht so nah ans Gelände heran zu fliegen. Wahrscheinlich hat, wie bereits erwartet, der Wind auf Ost gedreht und ich werde eher eine Leesituation vorfinden.
Tatsächlich gehts dann auch an der Südseite des Gamskarkogels über der Bäckenalm wieder nach oben. Der Leebart lässt sich sogar ziemlich gut zentrieren und jetzt ist auch der lila Kollege wieder bei mir und gemeinsam kämpfen wir uns nach oben. Kaum über der Tofernscharte angekommen, kriege ich furchtbar einen auf den Deckel, mindestens 60% der Fläche sind weg, und ich falle etwas nach hinten. Mit dosiertem Bremseinsatz kann ich den Schirm stabilisieren und durch Pumpen füllt sich die Kappe rasch wieder. Zum Glück spielt sich der Schleudergang weit genug vom Gelände ab und ist auch schnell wieder vorbei. Trotzdem sitzt mir der Schreck noch in den Gliedern und ich weiß, daß ich da durch muß. Also laß ich besondere Vorsicht walten und schaffe es ohne weitere Störung über die Badgasteiner Hütte. An der Windfahne bei der Hütte ist deutlicher Ostwind auszumachen, trotzdem ziehe ich es vor, auf der Leeseite im Gasteinertal weiter zufliegen, denn ein Absaufer im Nachbartal, dem Großarltal bedeutet einen erheblichen Umweg nach hause. Da nehme ich doch lieber eine vorzeitige Landung im Gasteiner Tal in Kauf.
Der lila Kollege kennt sich wohl besser aus und wechselt auf die Ostseite, fliegt dort weit ins Großartal versetzt dahin und macht beständig Höhe, aber ich traue mir den Wechsel jetzt nicht mehr zu. In einer längeren Funksequenz versucht mir Johannes seine genaue Position am See zu beschreiben, aber ich kann ihn nicht entdecken. Er macht sich jetzt auf den Weg zur Bundesstraße um nach Dorfgastein zurück zu trampen und möglicherweise noch einen Abendflug vom Fulseck zu machen. Wegen des Ostwindes rate ich ihm davon ab, außerdem wird es knapp mit der Zeit, denn die letzte Bahn geht wahrscheinlich um 16 Uhr.
Auf Kammhöhe kämpfe ich mich von Rippe zu Rippe in ruppiger werdender Leethermik. Auf dem Weg von der Gamskarspitze (immer weit ins Tal hinein versetzt) nach Dorfgastein sinke ich immer tiefer und habe den Talwind bald voll auf der Nase. Jetzt heißt es den Beschleuniger durchzutreten, um wenigstens noch den Landeplatz zu erreichen. Je weiter draußen ich fliege, desto weniger ziehts mich runter und so komme ich doch tatsächlich auf Höhe der Brandlalm, gut 500 m über der Landewiese, an und kann diesen schönen Flug noch ein Viertelstündchen soarenderweise an den vom Talwind angeströmten Nordwesthängen ausklingen lassen.
Ende gut, alles gut
Am Landeplatz findet sich kurz nach mir auch der lila Kollege ein - wir hatten bereits am Startplatz ein wenig geplaudert- und können jetzt unsere Eindrücke austauschen, insbesondere was die Routenwahl ab Gamskarkogel betrifft. Viel Zeit dazu bleibt uns allerdings nicht, denn noch während wir zusammenpacken trudelt sein Kamerad, der weiße Nova, ein, gefolgt von Johannes. Gemeinsam sind die beiden im Bus von Hofgastein gekommen und haben ihren Erfahrungsaustausch bereits hinter sich.
Für diesen eher stabilen Tag war das ein herrlicher Flug in einem für mich völlig neuem Fluggebiet mit weiterem Potential. Im kleinen aber feinen Schwimmbad gleich neben dem Landeplatz genieße ich im Warmwasserbecken die entspannende Massage an den Einlassdüsen bevor ich noch ein paar Bahnen im fast leeren 25m-Becken absolviere, um dann in der warmen Abendsonne noch ein kleines Nickerchen vor dem Abendessen zu machen.