Das Hammerwochenende - Fiesch '98
Konzipiert war alles als Vereinsausflug der FUD (Flugfreunde Ulm-Donautal), doch aufgrund des guten Kontaktes des Vereins zu dem aus Ochsenhausen (Oberschwabakei) und dank des Internets fand sich eine locker gemischte Gruppe flugbegeisterter aus halb (Süd)Deutschand ein. Neben den Vereinlern waren da noch Karlsruhe, Augsburg und München vertreten, auch der German Cup hatte einige Freundschaften entstehen lassen, und so klingelte eigentlich ständig das Telefon und wir wurden immer mehr.
Der Dank für die Organisation und Einweisung der Fiesch-Novizen geht an Armin, der auch rechtzeitig die WPs und Strecken rüberschickte. Und wenn man sein GPS auf "dd mm.mmm" gestellt hat und nicht auf "dd mm.sss" - ja dann passen die WPs auch, gelle Volker?
Alles in allem waren diese vier Tage im August das absolute Sahnehäubchen, selbst
Fieschkenner wie Frank Leschinski (mit "e" vorne und "i" hinten!!)
bestätigten die auch für Fiesch außergewöhnlich guten Bedingungen.
Wer jetzt eine "Fiesch-Gebrauchsanweisung" erwartet kann getrost das Lesen
einstellen, nach vier Tagen Tips über Fiesch zu geben ist gelinde gesagt idiotisch, zu
komplex und unterschiedlich sind die Bedingungen, die herrschen können.
Aber ein Abenteuer einer Lahmen Ente kann ich anbieten:
Aller Anfang ist schwer - part 1
Mittwoch früh Feierabend machen, noch einkaufen, den treuen Transporter beladen,
sämtliche Batterien laden. Schweizer Franken vom multikulturellen Bankomaten holen, bald
kommt gottlob der Euro. Ach ne, da nicht. Schnell noch Norbert aufsammeln und los. Wir
haben Gepäck für eine Weltreise, trotzdem fehlt die Hälfte. Noch auf der deutschen
Autobahn wird das Handy unser Freund: "Bring noch Besteck mit." "Der
Schlafsack fehlt." Gut, daß wir noch eine Nachhut haben.
Immer weiter in die Berge schnauft der Diesel, Oberalp, Furka, Grimsel und endlich sind
wir im Wallis, gerade bei einsetzender Dunkelheit. Schnell ist der Campingplatz gefunden,
Notaufbau um keinen zu stören und erstmal ein Bier. Verdammt kalt hier, hoffentlich
kommen die anderen bald mit dem fehlenden Schlafsack.
DER Campingplatz? Nein, EIN Campingplatz! Wer kann ahnen, daß Reckingen nicht Ritzingen
ist, kling das doch so ähnlich.
Nach Mitternacht der Anruf: "Wo seid Ihr denn, wir sind auf dem verabredeten
Campinglatz?" Mist, und wir haben schon die Pferde scheu gemacht und der
Campinghostess irgendwas von Riesenausflug und Riesenplatzbedarf erzählt. Also am
nächsten Morgen heimlich bezahlen und ab zum nächsten Platz. Und da tobt das
Fliegerleben, unbeschreiblich viele Fliegermobile und eine absolut einmalige Stimmung, nur
zu vergleichen mit Arcachon, aber ernster, weniger Party, früher Bettruhe. Leistungscamp
eben.
Aller Anfang ist schwer - part 2
Donnerstag, der erste fliegerische Fieschkontakt. Armin erzählt alles wissenswerte, alle
lauschen respektvoll. Für manche ist es schon fast zu viel der Infos, leichte Hektik
stellt sich ein. "Cool down, niemand wird zum Streckenmachen gezwungen, Tagesziel ist
obenbleiben und den Aletschgletscher sehen." Lächerlich, obenbleiben. In einem
Gebiet, in dem selbst um Mitternacht noch die 12m-Bärte abgehen. So ein Unfug - wir sind
in Fiesch!
Also raus, suchen, achtern, kreisen, kämpfen, kratzen, suchen, verblüfft sein.
Gegenanflug, Queranflug, Endanflug, Sch... - man KANN in Fiesch absaufen! Also noch mal
rauf, jetzt geht immerhin 1,5 Stunden auch für uns was - nur diesen Gletscher, den gibt
es nicht, touriwirksame Fotomontage, fertig aus. Wer die Eselskappe des Tages hatte,
braucht wohl nicht mehr erwähnt zu werden.
Ein Traum aus Eis
Das Tagesziel des zweiten Tages stand damit fest, sollte es tatsächlich diesen Gletscher
geben, wollte ich ihn sehen.
Es gibt ihn! Und groß ist er und schön. Mit zwei "Panzerspuren" darin und im
oberen Teil schön sauber. Gut, daß ich noch einen leeren Film eingelegt hatte, aber ein
Foto versagt bei solch einem Anblick.
Leider hatte ich mal wieder nicht die Gedult, die von Armin empfohlene Höhe zu machen und
flog relativ tief ab. Nach der Querung des Fieschertals war dann auch fast Ende, aber
irgendwie arbeitete ich mich wieder in den Himmel und setzte die Reise nach Osten fort.
Bis zum Grimsel-Stausee bin ich gekommen, und sogar wieder zurück. Das
"zurück" gestaltete sich allerdings etwas sehr knapp, schrammte ich doch die
meiste Zeit an der Waldgrenze entlang, mit 55km/h ground und weniger als 1m/s Sinken hat
man schon einen fantastischen Gleitwinkel. Die ganze Kette trug und der Talwind schob, und
so verzichtete ich auf die Vernunftslösung "Landung am Camping" und hielt auf
Bellwald zu. Kurz davor schnupperte ich plötzlich den würzigen Duft von Nadelbäumen und
schon piepste mein Vario lustvoll. Dieser 200m-Heber schubste mich über Bellwald,
allerdings konnte ich auch ohne Brille die Autokennzeichen lesen...
Der Landeplatz war dann ein sehr schöner Anblick und glücklich schwebte ich ein.
"Super, einmal das Wallis rauf und runter" (naja...), das Grillfleisch schmeckte
trotz bedenklicher Qualität hervorragend.
Eine fliegerische Eselskappe gab es diesen Tag eigentlich eher nicht und so wurde der
Absaufer des vorangegangenen Tages wieder und wieder bemüht, um für Stimmung zu sorgen.
In der Zwischenzeit waren dann auch alle eingetroffen und mein Vorzelt wurde endgültig zur Partyzone umfunktioniert. Lustig vor allem, daß sich viele überhaupt nicht kannten, was allerdings am nächsten Tag zur Falle wurde.
Klaus war am A...
Am nächsten Morgen packte uns dann die erste Welle von Ehrgeiz, allgemeines
Streckenplanen und -ausschreiben war angesagt. Und so lies ich mich denn von Klaus
überreden, einen Zielrück auszuschreiben, ganz unverbindlich, habe ich doch schließlich
gar kein Vario mit Barograph. Als Start wählten wir die Kirche im Fieschertal,
idiotensicher auf Hin- und Rückflug Richtung Osten. Wendepunkt sollte die Bidmer-Alm
sein, einen Grat weiter als das Ende der Landebahn Ulrichen. Für mich kein Problem, die
WPs waren im Dji-Pi-Es und das Ding zeigt irgendwann auf eine Hütte und ich weiß, ich
bin da. Der Zielrück gelang sogar und im Gegensatz zum Vortag auch mit komfortabler
Resthöhe über dem Landeplatz.
Euphorie und Ernüchterung: Wir sind gerade einen tollen Zielrück geflogen aber jeder
wußte heute wäre mehr drin gewesen, die Aufgabe war zu klein. Tja, das ist eben
richtiges Ausschreiben, wir alle lernen noch.
Und wie: Markus hat nach drei Fotos eine Batterieerschöpfung, da er das Display seiner
Kamera falsch interpretiert hat, ich und einige andere schreiben definitiv zu wenig aus
und im Rückholen sind wir auch noch nicht weltklasse. Ich gehen duschen und gebe
Karlheinz mein Telefon, Volker ruft an, er steht nahe Lax und kommt nicht weg. Karlheinz
und Volker kennen sich nicht. Armin ruft an, wer denn wo sei, Karlheinz teilt ihm mit,
Holger (!) stehe nahe Lax. Armin wundert sich, fährt Richtung Lax, sieht irgendeinen
Flieger und fragt "sollen wir Dich mitnehmen?". Natürlich ist die Antwort
"ja", der Kollege kommt gut heim, Armin irgendwann auf dem Camping an, immer
noch sich wundernd, wer denn dieser Holger war, Volker steht noch immer in Lax...
Und die Eselskappe? Nun ja, einer flog in Ermangelung eines GPS' und guten
Kartenstudiums am WP vorbei und fotografiert irgendwas am Ende des Tals vor dem Grimsel.
Und wie hieß das Fleckchen Erde, daß Klaus so stolz abgelichtet hat?
Kein Witz, auf der der Karte steht eindeutig lesbar und in schwarzen Lettern
"Arsch".
Klaus war natürlich an selbigem aber imerhin nicht in diesem und auch nicht der.
Iiiiiaaaaaa, iiiiiiaaaaa, iiiiiiiaaaaa...
Gran finale
Sonntag, früh aufstehen, packen (= Bierflaschen einsammeln) und ab an den Berg. Blos
nicht im nirgendwo absaufen, die Rückfahrt wird so schon spät genug zuende sein. Aber
auf der anderen Seite keine Limits, man ist nicht jeden Tag in Fiesch und schließlich
sind die Bedingungen bis jetzt jeden Tag besser geworden. Also schreibe ich just for fun
ein 56km flaches Dreieck aus, meinen ersten 50er. Und der Tag hält, was wir uns
versprochen haben! Über 4000m war wohl jeder, der wollte, so mancher auch auf 4500m und
mehr.
Das Dreieck fiel einem quasi in den Schoß, die 50km sind überwunden. Wahnsinn!
Armin fliegt ein fast-100er und viele andere auch persönliche Bestleistung. Ein
gigantischer Tag.
Um 1.00Uhr nachts sind wir daheim, den ganzen nächsten Arbeitstag stehe ich neben mir.
Erst gegen Abend realisiere ich, was passiert ist und sehe mir immer noch schläfrig das
Fiesch-Video von Roland Würgler an.
Und da war ich auch, genau da, nur höher...
Dienstag merke ich zunächst die totale Euphorie und dann, was ich Montag bei der Arbeit alles hätte anders machen sollen. Aber immerhin merkt es kein anderer. Abends im Biergarten sortieren wir erstmal die Gedanken - immer noch schwierig.
Martin
Literatur:
Video XC, Streckenfliegen im Wallis, zu beziehen über das GS-Magazin, CH
Artikel von Roland Würgler über das Wallis im GS-Magazin und DHV-Info