Prolog
Am 29.5.99, inzwischen wissen es ja schon alle, war im Allgäu wirklich ein Tag für echte Helden. Logisch was wir da taten, Heldentaten natürlich, was sonst. Und das geht so:
1. Aufzug
Früh aufstehen, früh nach Bach gurken, schnell hochfahren, zum Startplatz schnaufen, mit den anderen vom Entenclub schlau rumschauen und coole Sprüche klopfen, sehen daß es nichts hilft und erst mal ausschreiben. Bach Talstation, Ellbogner Spitze, Hahnenkamm Sender. Kostet ja nix, aber wenn ich gewußt hätte, daß das 10 km weiter ist als meine größte Strecke bislang in Fiesch, ich hätte den Schwanz eingezogen.
Wer zu spät kommt, den.... also schnell raus sobald die ersten Cracks aufdrehen. Den nagelneuen sonnengelben Arcus durch den Dreck geschleift und weg. Puh, langsam läßt der Streß nach und ich drehe problemlos auf und schieße das Startfoto. Zurück am Berg sehe ich einige recht tief rumkrebsen, aber oben gehts gut und ich fliege mit 3000 m ab zur ersten Wende. Zu früh bin ich wirklich sehr selten gestartet.
2. Aufzug
Den Weg zur Ellbogner Spitze, zurück, und in die andere Richtung bis zur Klimmspitze habe ich ja schon letztes Jahr ausführlich beschrieben. Das war alles recht easy und der Mähdrescher von der Roten Tenne war wohl gerade in Reparatur. Wärmstens empfehlen möchte ich bei der Gelegenheit den Bart am Bälschtesattel zwischen Rotwand und Kreuzkarspitze. Die SW-Rinne geht bei mir immer wie Hölle. Die Klimmspitze allerdings, die Karlheinz noch 15 min vorher auf 3500m gehievt hatte war bei mir eher faul und ich flog mit 3100 zur Stallkarspitze. Wenn man hoch genug ist, fliegt man drüber und der Bart geht in den flachen Rinnen nördlich weg. Die Südseite des Grates zur Grubachspitze ist allerdings auch ok.
Weiter ging de Reise zur Leilachspitze, die soll klasse sein und ich, auch gleich einen Bart erwischt, sehe wie aus der felsigen Westflanke ein P7 zu mir aufdreht. Nach kaum ein paar Minuten kreisen wir so lustig auf 3000m als das Steigen plötzlich aufhört.
3. Aufzug
Der Mann zögert nicht lange und entschwindet flugs Richtung Horizont. Ich allerdings, man ist ja ein Kämpfer, versuche noch ein bisschen höher zu kommen, und versuche, und versuche, und versaufe, und versuche, und bin zu tief zum Weiterfliegen, und weiß jetzt warum der andere weggeflogen ist und könnte nur noch Scheiße brüllen. Wieso bin ich Idiot nicht gleich weitergeflogen. Blödes Sicherheitsdenken. Inzwischen habe ich unglaubliche 1250m verbraten an der von allen so gelobten Leilach und es bleibt nur noch die Flucht nach vorne. Jetzt weiß ich warum es dort in der Karte die Flurbezeichnungen kleine Notländ, Gappenfelder Notländ und Weissenbacher Notländerkar gibt. Karlheinz, der mich mal wieder versägt hat und schon auf dem Rückweg ist funkt, der Waldrücken zum Hahnenkamm vor ginge gut, ich versuche es und tatsächlich die Rettung kommt. Natürlich, sonst hätte im Titel ja nicht "75,4 Km Dreieck" stehen können. Leider habe ich das vorher noch nicht gewußt, sonst wäre ich entspannter geflogen.
Mit guter Höhe rüber zum Hahnenkamm, Sender geknipst, und nach etwas Rumgegurke zurück Richtung Rettungs-Waldrücken war unspektakulär aber langsam. Der NW Wind, der herwärts so schön geschoben hatte war jetzt für mein Schirmchen schon recht knackig und ich macht mich in Gedanken schon mal auf eine baldige Landung gefaßt. Karlheinz war bereits über alle Berge und ich erinnerte mich an zwei frühere Flüge von hier aus. Einmal querte ich das Tal zur Schwarzhanskarspitze, und soff im Talwind ab. Das andere mal versuchte ich den Rückweg wie ich hergekommen war und soff auch ab. Was nun?
4. Aufzug
Ich raffte all mein Wissen zusammen: Wind, steht auf der Schwarzhanskar. Talwind, ist tiefer als ich ankomme. Sonne, scheint auf die Schwarzhanskar. Wind, schiebt bei der Talquerung. Alles spricht fürs Rüberfliegen, aber meine Erfahrung sagt, es geht nie da wo Du denkst. Aber ich kann mich doch nicht ins mystische flüchten, also los. Lange Querung mit immer mehr Sinken je näher ich meinem Ziel komme, Zweifel, Schrecken, Ärger, Fatalismus, es geht doch nie wo es gehen müßte, 100 m bis zur Felsflanke, Ruhe, noch 50 m, piep, kreisch, Kreisch, KREISCH. Wie doch so ekliger Lärm schöner als die schönste Musik klingen kann.
2000 Höhenmeter steige ich in einem Zug. Vorbei an den Gipfeln, vorbei an den Wolken, vorbei an den Sternen. Stop, stop. Vorbei an der Wolke und in 4030m weitergeflogen, auch schon ein Grund zum jubeln.
Dem Himmel so nahe, das Allgäu grün und weiß wie eine Gorgonzola-Pizza unter mir, gelobe ich meinen Kameraden einen auszugeben, wenn ich heimkomme. Die Gefahr ist gering, denn der Wind bläst mir gnadenlos ins Gesicht. Für den ersten Talsprung nach Westen zur Mittagsspitze verbrate ich satte 2000 m. Gleitzahl 3, beschleunigt natürlich. Da zeigt sich der Unterschied zu einem Hochleister, wenn uns die Werbung auch immer weismachen will die 1-2er würden genau so gut fliegen.
Gott sei Dank geht es dort auch schön dynamisch hoch und über dem Gipfel thermisch weiter.
Es geht schon auf sechs zu, als ich immer so von Rippe zu Rippe springend langsam aber sicher dem Ziel näher komme. Der Höhenverlust ist meist kraß, aber es ist auch ein tolles Gefühl auf eine Flanke zuzustechen und fast im Geradeausflug auf den Gipfel zuhaltend genau so steil zu steigen wie der Berg. So stelle ich mir die Düne in Arcachon vor. Nur viel kleiner.
Die Anderen funken schon Hunger und so drehe ich die Ruitelspitze im Abendlicht nicht mal mehr ganz aus sondern gebe meiner Matratze die Sporen für den Endspurt. Noch ein paar torkelige Wingover und nach 6h10min bin ich unten. Platt. Und glücklich.
Epilog
Geradeaus laufen kann ich nicht mehr, so schwankt der Boden des Lechtales. Wie wenn ich jetzt schon besoffen wäre.
Da gibts doch dieses "High ohne Drogen" Programm des SHV. So machen die das also.