Flaches Dreieck: 56km im Wallis

Wer kennt es nicht, das Streckenflugparadies Wallis, verkörpert durch den kleinen Ort Fiesch? Ein Fiescher, der vor 10 Jahren ausgewandert ist, und nun in seine Heimat zurückkehrt, würde wohl einem Kulturschock erliegen, wäre er nicht zufälligerweise nach Andelsbuch gezogen. Im Ernst, mehrere Hundert Piloten sind an guten Wochenenden wirklich keine Seltenheit und somit stellt die Kollisionsgefahr ein erhebliches Risiko dar. Dabei ist der Startzeitpunkt nicht beliebig herauszuzögern, nicht nur wer weit fliegen will muß früh starten, auch wer sicher und ohne böige Ablösungen starten will. An guten Tagen löst sich das bunte Treiben aber schnell auf, denn "Bergkleber" gibt es so gut wie nicht in Fiesch. Außerdem ist das fliegerische Niveau ausgesprochen hoch und so sehen die bunten Trauben wirklich schlimmer aus, als sie sind.

Kurz beschreiben möchte ich ein flaches Dreieck, daß ich selbst dort geflogen bin, so eine Art Klassiker der Fieschaufgaben: Kirche Lax - Bidmer Alm - Riederfurka Castle
Die Wendepunkte und die Route gibt es hier (WAYPOINT+), ein Track fehlt aufgrund der technischen Unzulänglichkeit des Autors...

Der Start in Kühboden sollte aus den erwähnten Gründen zeitig erfolgen, man muß ja nicht starten, wenn die ersten Hochleister sich gerade so halten, aber dann tickt die Uhr. Bei einem Flug kam ich nach 1,5h wieder an Kühboden vorbei und überlegte, auf einen Kaffee zu landen. Als ich die Piloten am Start ihre Schirme an einem Ohr haltend bändigen sah, war der Gedanke ausgedacht...
Unter sinnvollen Bedingungen ist der Start aber problemlos, der Hang ist ideal geneigt und riesengroß. Am Startplatz gibt es außerdem noch ein Sanitär- (nicht Sanitäts- !!)häuschen, für alle die Wasser brauchen oder welches loswerden wollen.
Ist man zu spät dran und die Thermik tobt bereits, sollte man den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und nach ausreichender Stärkung gegen Abend wiederkommen.

Ist man erstmal in der Luft, gilt es Höhe zu machen, und das nicht zu knapp. Allgemein gilt für die Gegend: Höhen, mit denen man anderswo der König ist, sind hier nichts wert, stehen doch 4500er in Weg 'rum! Also "think big" und immer etwas höher als es nötig erscheint, den wo es satt bergauf geht, geht's auch gut 'runter. Den Startpunkt Kirche Lax sollte man erst mit 2800-3000m angleiten, je nach Saufen kommt man so gut wieder auf Startniveau an. Die Kirche selbst ist sehr fotogen und auch aus großer Höhe kaum zu übersehen. Hat man das Startbild im Kasten gleitet man zurück zum Hang, und für das Luftbild des Gerätes ist auch genug Zeit. Ist man am Hang angelangt, startet man wieder bei Null und schraubt sich empor, meist läßt man sich dabei nach hinten Richtung Eggishorn oder nach Osten Richtung Deltastart versetzen. Und bei aller Euphorie und allem Ehrgeiz muß jetzt ein Blick für den Großen Aletschgletscher 'drin sein, sonst hat man Perlen vor die Säue geworfen!

Mit mindestens 3000m fliegt man ab über das Fieschertal Richtung Gegenhang, den man nach Möglichkeit südseitig trifft. Generell kann man sagen, daß wer unterhalb der Baumgrenze ankommt ein hartes Stück Arbeit vor sich hat. Ab hier hängt der Flugstil und die -route stark von den Bedingungen ab. Als wir im Wallis weilten, konnte man sich quasi aussuchen, ob man die hohe Route weiter nördlich (Arbeitshöhe nie unter 3000m) wählt, oder die Buckelspringerei weiter im Tal, für die eine Flughöhe zwischen 2500m und 3000m ausreicht. Sicherer gegen Absaufen ist man bestimmt weiter oben, schneller wahrscheinlich etwas weiter unten. Und wenn's nicht höher geht ist die Entscheidung ohnehin gefallen.

Immer der Kette folgend geht es voran bis zum Ende der Landebahn des größeren Flugplatzes. Der nächste Ausläufer zum Tal hinter dieser Landebahn beherbergt die Bidmer Alm, einen schönen Wendepunkt,  kommt man doch nahezu zwangsläufig an einem Bart vorbei bzw. stößt auf einen solchen. Ist die Alm im Kasten heißt es wieder aufdrehen, denn meist hat man beim Gleiten in den Fotosektor einige Höhe verbraten. In dieser Gegend am Ende des Goms fliegt man nahe am Grimsel mit ausgezeichnetem Blick auf den Grimselstausee, das sollte man sich stets vor Augen halten. Bei Anzeichen für Grimselwind oder sonstige Wiedrigkeiten gilt wie immer: Safety first! Weg und runter!

Großer Ententip: Wer Beiträge wie diesen mit Interesse liest, für den ist der Grimsel die absolute Deadline, ein Weiterflug hier setzt sehr gute Kenntnisse der Orografie, der Windsysteme und des Fliegens im Wallis voraus!

Für den Rückweg gilt das gleiche wie für den Anflug, je nach Bedingungen weiter oben oder unten. Kommt man hoch am Fieschertal an, kann man nach Querung vorsichtig (!) die N-W-Seite des Eggishorns gletscherseitig anfliegen, die zu dieser Tageszeit besser geht. Das eine Notlandung auf oder am Gletscher ein absolut unkalkulierbares Risiko darstellt, muß hoffentlich nicht näher erläutert werden.

Hat man am Eggishorn wieder ordentlich getankt, geht es weiter die Kette entlang bis zum zweiten WP Riederfurka Castle, einem markanten schloßartigen Gebäude. Hier noch der Snapshot, nochmal aufdrehen und ab die Post zurück zu Kirche Lax. Die Route ist Geschmackssache, wahrscheinlich fliegt man sicherer die Kette zurück und sticht dann in den Sektor. Ich habe mit einer Ausgangshöhe von über 3800m den direkten Gleitflug gewählt, bin aber fast bestraft worden. Der Talwind kann kräftig und hochreichend aus Ost kommen und frißt mit Vorliebe Gleitschirme im Sektorendanflug. Von meinen 3800m waren an Kirche Lax auch nicht mehr viele übrig, sodaß die Landung nicht wie geplant in Fiesch, sondern noch in Sichtweite der Kirche erfolgte...

Wie auch immer, schließlich steht man wieder in diesem kleinen Dorf in der Schweiz namens Fiesch, dessen Name schon fast eine Gänsehaut erzeugt, das schon so viele Rekorde gesehen hat, das aber ganz bestimmt mit seinen herrschenden Bedingungen niemals unterschätzt werden darf.

 

Martin


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