Einer flog übern Hochkönig
von Jürgen Specht
Wetterinfos
DasWetter am sonnigen und warmen Freitag, den 17.5.2002: eine Südwestlage mit einem Hoch über dem Balkan
und einem Tief über dem Atlantik. Der Hochdruck schwächt sich langsam ab.
Schwach windig aus West bis Südwest. Hervorragender Temperaturgradient von
annähernd 1,0 zwischen 1000m und 3500m Meereshöhe – ein Hammertag.
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Der Flug
Sepp Gschwendtner startet am Hochfelln, fliegt den Pinzgauer Spaziergang ab,
passiert den Hochkönig und landet nach mehr als 8 Stunden in Schladming. Der Flug mit dem Gin
Boomerang wird mit 194,76 Kilometern und 299,4 Punkten im OLC
bewertet. In der folgenden Grafiken stehen rote Kreise und Linien für ausgekurbelte Bärte
(je größer der Höhengewinn, desto größer der Kreis), Dreiecke zeigen dabei die
Sonnenrichtung (nach wahrer Ortszeit der Position) an, die blauen Linien sind Gleitstrecken.
Karte
Start am Hochfelln
Sepp startet um kurz vor 11:00 MESZ mit seinem Gin Boomerang und findet nach
knapp 5 Minuten und minimalen Höhenverlusten den ersten Bart 300m südlich des
Gipfels, der ihn 200m höher bringt. Ein ergiebigerer Bart 1250m südöstlich des
Hochfelln trägt ihn von 1677m auf 2706m. Jetzt kann’s losgehen.
Karte
Gurnwandkopf
Sepp gleitet 4,725km mit einer Gleitzahl von 6 zum Gurnwandkopf und kommt gute
200m überm Gipfel an. Nach einem schwächeren Bart kurbelt er knapp 500m südöstlich des Gipfels auf
2320m. Weiter geht’s.
Karte
Dürnbachhorn, Hochgimpling
3,2km Gleitstrecke, Gleitzahl 6,6 und schon ist Sepp knapp 250m über und 176m
westlich des Lembergschneidgipfels angekommen. Der Bart bring 426m.
1,1km Gleitstrecke, Gleitzahl 3,7, der nächste Bart ist erreicht: 675m
nordwestlich des Hochgimpling (1539m) mit einer sicheren Höhe von gut 400m über Grund trägt die
Thermik auf von 1957m auf 2487m. Mit knapp 1000m Luft unterm Hintern steht eine
größere Gleitstrecke an.
Karte
Schwarzeck
6,1km Gleitstrecke, Gleitzahl 7. Zunächst vermutet Sepp einen Bart über dem
Ganiskopf (1510m), findet aber schnell einen ebensolchen über dem Schwarzeck
(1565m): 420m östlich des Gipfels geht’s von 1620m auf 2853m.
Karte
Sepp bewältigt diese schwierige Strecke zwischen Hochfelln und Waidring
trotz taktischer Fehler (siehe Kommentar) meisterlich,
denn beim selben taktischen Fehler wären viele andere wohl irgendwo am Boden gestanden .
Zielstrebig steuert er kräftige Thermikauslöseorte an und kommt dabei immer mit
einer sicheren Höhe von mindestens 50-100m über Grund an. Wer hier nicht sicher
ist, hat mit wenig Landemöglichkeiten und langen Fußmärschen zu kämpfen –
nichts für Unerfahrene. Bis hier sind knapp 20km geschafft, weiter geht’s.
Ulrichshorn
Sepp gleitet knapp 7,5km (Gleitzahl 5,8 und 7,2) unter Mitnahme eines kleinen
Bärtchens (+51m) westlich des Elfer- und Zwölferhörndl vorbei. Dort findet sich
ein weiterer Bart, wieder an einem Südosthang (Sonnenrichtung 164°, ca.12:30
MESZ), einen knappen Kilometer westlich des Zwölferhörndls steigt Sepp von 1700m
auf 2169m. 431m weiter östlich (Gleitzahl 11,6) findet Sepp den ersten Bart am
Ulrichshorn. Er befindet sich jetzt auf 2132m gut 300m nördlich des Gipfels und
steigt um 76m. 635m weiter südöstlich (Gleitzahl 12) geht’s dann von 2155m auf
2517m. Auffallend ist der Windversatz dieses Bartes, nämlich in östlicher
Richtung (also Westwind) und nicht wie die meisten bisherigen Bärte in
südlicher Richtung (also Nordwind). 1,3km weiter südöstlich (Gleitzahl 3,8)
findet sich der nächste Bart, wieder an einem optimal zur Sonne ausgerichteten
Hang trägt es von 2179m auf 2868m mit Westwindversatz. Jetzt sind die Loferer Steinberge
überhöht und der nächste Bart über dem Geiselhorn trägt mit Nordwindversatz von
2837m auf 2955m. Ingesamt gestaltet sich das Kurbeln an den Loferer Steinbergen
doch einigermaßen kompliziert – wiederum nichts für Unerfahrene.
Karte
Buchensteinwand
Zielstrebig steuert Sepp diesen
Thermikkollektor
an: Gleitstrecke 6km, Gleitzahl 4,3. Wieder hat Sepp eine sichere Ankunftshöhe
von 1558m, also knapp 100m über dem Gipfel (1462m). Der Bart bringt satte 1421m
und somit eine gute Abflughöhe von 2979m. Bei einem Aufzeichnungsintervall des
IGC-Tracks von 20s scheint es mir gut möglich, dass Sepp bereits hier zwischen 13:15:22
und 13:15:42 die 3000m geknackt hat.
Karte
Wildseeloder
Gleitstrecke 5,4km südwestlich, Gleitzahl 5,2, 700m über Grund nimmt Sepp den
ersten Bart mit (+325m, Westwindversatz). Inzwischen ist es ca. 13:30 MESZ,
die Sonne steht in 195° und hat schon die maximale Höhe von 62° erreicht,
der Bayerische Wind dürfte schon deutlich ausgeprägt sein und die Winde laut
Sondenaufstieg von München W bis SW 22 bis 35km/h dürften sich auch bemerkbar
machen). Sepp ist auf Thermiksuche 1,2km NNW vom Wildseeloder und er findet
nichts! Das erste mal seit anderthalb Stunden Flugzeit ist Sepp im Suchmodus.
In der Nähe der Platte (1906m) fliegt Sepp hin und her, verliert Höhe um Höhe
insgesamt gut 300m und findet die ersehnte Ablösestelle dann einfach etwas
weiter nordöstlich, was mit gut 500m Höhengewinn belohnt wird.
Die Schwieigkeit lag in der abgeschatteten Sonne (siehe Kommentar).
Hier Außenlanden ist sicher auch nicht lustig.
Aber Sepp findet weitere Bärte, die größte ausgekurbelte Höhe ist 3100m.
Schließlich entscheidet er sich 1,8km südwestlich vom Wildseeloder zum
Weiterflug.
Karte
Saalkogel, Gamshag, Schellenberg
Sepp bewegt sich nur noch oberhalb 2000m. Die Gleitzahlen Richtung Südwesten
sind mäßig (4 bis 5). Erst als sich Sepp nach Überhöhen des Schellenbergs
(2240m auf 2538m) erhöht sich die Gleitzahl sprunghaft mit Rückenwind auf über
10. Sepp setzt zum Delphinstil an.
Karte
Manlitzkogel, Schmittenhöhe
Sepp fliegt jetzt nach Osten, dreht noch mal auf 3400m auf düst den Pinzgauer
Spaziergang entlang. Für die Strecke vom Schellenberg zur Schmittenhöhe braucht
er grade mal eine halbe Stunde. Die Gleitstrecke verlängert er bis zum
Hundsstein auf 20km, ohne einmal einzudrehen, Gleitwinkel 27,6, Geschwindigkeit
51,5km/h (diese Angaben beziehen sich immer auf die kürzeste Verbindung
zwischen Start- und Endpunkt).
Karte
Hundsstein
Dort angekommen findet Sepp prompt den nächsten Bart. Die Sonne steht jetzt in
242° und arbeitet mit dem Wind zusammen. Oberhalb des Taubenbachs, 2,5km WNW
vom Hundstein geht’s von 2772m auf 3644m. Kurz vor Erreichen des Hundssteins
ist er „links abgebogen“. Woher weiß der das? Stephan Bocks, der Sepp während
des bisherigen Fluges mehr oder weniger begleitet hat, findet „seine“ Thermik
direkt am Hundsstein.
Karte
Hochkönig
Gleitstrecke 11,7km, Gleitwinkel 14,3. Sepp kommt 2,6km westlich des Gipfels
auf 2821m an, also ca. 600m über Grat. Hier tobt eine Hexenküche aus starker
Thermik aus den Südseiten und dem Nordwind aus dem Saalachtal. Also nur was für
die wirklichen Könner! Der Westwindversatz der Thermik ist jetzt sehr deutlich. Sepp steigt
auf 3473m und dann beim Gipfel sogar auf 3658m. Was für ein Gefühl muss das
sein, den Hochkönig (2941m) zu überhöhen! Sepp fliegt weiter nach Osten und
steigt bei der Mandelwand noch mal von 3215m auf 3469m.
Karte
Hochgründeck
Gleitstrecke 4,4km, Gleitwinkel 9,5, Geschwindigkeit über Grund 53km/h. Die
Zahlen dürften tatsächlich besser sein, da Sepp über Bischofshofen eine
langgestreckte Kurve fliegt. Die Ankunftshöhe über dem Hochgründeck (1827m) ist
2080. Dort geht’s bis auf 2293m.
Karte
Reitdorf
Es folgen weitere Bärte bis zum Bart des Tages: über Reitdorf, eine Ortschaft auf 865m, geht’s von 2293m auf 3933m! Ist
mir ein Rätsel, da keine typische Ablösestelle in der Nähe ist, möglicherweise
war ja eine fette Wolke über dem Tal.
Karte
Oberberg bei Forstau
Gleitstrecke 13,7km, Gleitwinkel 8,2. Sepp wechselt nördlich des Predigtstuhls die
Talseite gräbt prompt einen weiteren Bart aus am Westhang des unscheinbaren
Oberbergs. Es trägt von 2273m auf 2884m. Die Sonne kommt inzwischen aus 267°
und hat nur noch eine Höhe von 30°. Osthänge könnten bereits im Schatten liegen.
Es ist 17:30 MESZ. Sepp ist seit 6,5 Stunden in der Luft.
Karte
Steinkarzinken
Sepp nutzt seine Höhe für eine Gleitstrecke von 7km, Gleitwinkel 11,8,
Geschwindigkeit 52,5km/h. Wieder kommt er über Grathöhe an und findet noch davor den Aufzug nach oben von
2293m auf 3596m. Was für einen Gelegenheitspiloten das größte Erlebnis der
Flugsaison ist, spult der Sepp am laufenden Band ab. Interessanterweise ist der
Windversatz des Bartes bis zum Gipfel vom Talwind, ab dem Gipfel vom Oberwind
bestimmt und knickt regelrecht ab.
Karte
Krahbergzinken, Bartalspitze
Nach kurzer Gleitstrecke kurbelt Sepp auf 3390m. Natürlich wieder am
Westhang. Gleitstrecke 2,3km, Gleitwinkel 18,5, Geschwindigkeit 52,4km/h. Der nächste Westhang, der nächste
Bart: 3264m auf 3493m. Sieht irgendwie einfach aus. 18:00 MESZ, die Sonne
scheint aus 272° und hat nur noch eine Höhe von 25°. Das Ende dieses grandiosen
Flugtages ist nicht mehr weit. Sepp gleitet 7km und macht dabei noch knapp 100m Höhe
gut. Geniesst er jetzt seinen Rekordflug?
Karte
Kochofen, Jauereck
Auf knapp 3500m über dem Kochofen (1916m) angekommen gibt er noch mal Gas, aber am angesteuerten Ziel, dem
Jauereck (1715m) bläst ihm der hochreichende Ennstalwind aus Osten entgegen
(siehe Kommentar).
Sepp ist nun 7,5 Stunden unterwegs. Er wendet und stellt seinen Flügel in den Rückenwind.
Karte
Landung im Ennstal
Sepp fliegt die Enns entlang Richtung Schladming. 18km wird er noch
weiterfliegen und nutzt dazu die Umkehrthermik über der Talmitte. 5 mal geht’s
hoch bis auf 1300m bis 1600m, das Tal hat 750m. Er überfliegt Schladming und
landet direkt an der Durchgangsstraße, in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs.
Karte
Kommentare, Verbesserungsvorschläge an Jürgen Specht. Dieser Artikel soll nicht so verstanden werden, dass ich mich als erfahrenen Streckenflieger präsentieren möchte, da ich über nennenswerte Streckenflugerfahrungen derzeit nicht verfüge. Den Piloten des Fluges Sepp Gschwendtner kenne ich nicht persönlich. Ich habe schlicht versucht, möglichst nah an den Fakten des IGC-Files zu bleiben. Weitere Angaben und Warnhinweise zu den Fluggebieten stammen nicht aus meiner praktischen Erfahrung, sondern aus Quellen wie Torsten Hahnes Artikeln, diversen Internetseiten, dem Fliegerforum und Tipps von Fliegerkollegen. Die Grafiken habe ich mit der Austrian Map erstellt. Sepp war so freundlich, den Text zu kommentieren und ich habe dann meine diversen Irrtümer korrigiert.