Das
Geheimnis des offenen Schenkels
ein Allgäudreieck, geschlossen von Markus Schmidt
In
der guten alten Zeit, so vor 4 Jahren, als es im Allgäu Piloten gab die mehr
wussten als andere las ich mal in einem Heftchen einen Riesen-FAI
Streckenflugbericht eines bekannten Cracks. Genau hatte er beschrieben wie er
viele, viele Kilometer vom Nebelhorn durch die Welt gegurkt war, aber in seiner
Karte mit der Flugroute hatte er einen kleinen Teil ausgespart. Geheimnisvoll
verbarg er vor der Öffentlichkeit, wie er abends vom Lechtal kommend gegen den
aus Norden überschwappenden Talwind den Allgäuer Hauptkamm überquert und
gesiegt hatte.
Als interessierter Streckenflugaspirant war ich natürlich neugierig und hielt
meine Ohren offen. Den Geg, so munkelten einige hatte man hinterm Hochvogel
verschwinden sehen. Andere behaupteten, die Rote Spitze wäre die Lösung. So
recht wusste keiner was und wenn verriet er es nicht.
Irgendwann erzählte mir einer, dass es überall gehe, nur meistens in die Hose.
Glück brauche man eben und mir schien der noch am meisten davon zu verstehen.
Am 16.5.2002, ein Tag der am
Nebelhorn nicht mal so besonders gut war versuchte ich mal wieder mein Glück
und weil es im wesentlichen geklappt hat, will ich hier endlich mal breit
austreten was ich über den geheimnisvollen letzten Schenkel weiß. Vielleicht
finden sich ja noch Leute die mehr dazu sagen können.
Der Vollständigkeit halber allerdings beginne ich von Vorne und bitte bei
meinen Ausführungen immer auch die hervorragenden Berichte übers Nebelhorn und
das Tannheimer Tal von Guido Scholz und anderen im Bereich XC-go
far zu beachten.
Vom Nebelhorn bis zum
Imberger Horn gibt's da nichts neues, außer dass bei mir letzteres um 12.30
mausetot war. Immerhin am Iseler ging's hoch und der Weg über Bschießer
Ponten, Gaißhorn zur Sulzspitze war wie immer einfach. Zum ersten mal war die
eigentlich zuverlässige Sulzspitze allerdings ohne jeden Heber, so dass ich
geradewegs den Grat entlang zum Litnisschrofen glitt. Hier konnte ich mich im
N-Talwind dynamisch halten, bis aus der Südseite doch noch ein paar hundert
Meter raussprangen.
Man braucht ja nicht viel Höhe, um über die Krinnenspitze zum Hahnenkamm zu
gleiten und wie immer bei mir gab erstere nichts her. Bei normalen Bedingungen
reicht es allerdings dicke, am Hahnenkamm auf halber Hanghöhe anzukommen und
ich flog erfolgreich wie eingezeichnet die linke Rippe an. Der Berg gab dann zum
einzigen Mal auf diesem Flug 3000m her und ich düste über den Gaichtpass den
langen waldigen Rücken Richtung Lailach vor. Der trägt meistens ein wenig und
da wo der Wald aufhört und sich der Grat aufsteilt steht ein zuverlässiger
Bart.
![]()
Ab hier ging bei früheren
Flügen immer der Mist los und es scheint mir einfach so zu sein, dass der eben
beschriebene Bart der einzige an diesem meinem Schicksalsberg ist. Letztes Jahr
bin ich zweimal zu tief (deutlich über Gipfel!) in die wunderschöne Südseite
geflogen und mir fast mein Grab geschaufelt. Alles tot oder Lee.
Diesmal flog
ich in einem W-Bogen weiter Richtung Stallkarspitze und erwischte knapp auf
halbem Weg fast in Talmitte über einem Ausläufer der Steinkarspitze einen sehr
ruppigen Bart der wohl öfter da steht. Die Fahrt ging südlich an der Saldeiner
Spitze vorbei direkt zur Stallkarspitze und dort bin ich diesmal erfolgreich die
westliche Nordrippe angeflogen. Ich weiß nicht so recht wo dort der zarte Bart
herkommt, aber ich wurde einige Stockwerke höher dort schon früher gut
bedient. 2700m gaben dort die ausreichende Ausgangshöhe für die finale Lösung
des Geheimnisses her.
Ganz zart und vorsichtig, wie man das mit schwierigen Schenkeln eben so macht tastete ich mich ohne Belohnung am Grat entlang zum Hochvogel vor, Die Höhe schmolz dahin und reichte gerade noch so über einen kleinen grasigen Rücken der südöstlich des Gipfelaufbaues ins Hinterhornbachtal ragt. Er bildet mit der S-O Flanke des Hochvogels eine vom Talwind geschützte Mulde, aus der ein passables Leebärtchen hochzog. Bis knapp unter Gipfel mogelte ich mich so hoch, aber oben war die Thermik durch den Wind sehr zerrissen. Ein Ausflug in die S-W Flanke war ein Fehler und ich rettete mich bösem Höhenverlust zurück in meine Rinne.
Eigentlich hatte ich
abgeschlossen und überlegte schon mal wie viele Leute aus Hinterhornbach wohl
unter der Woche abends noch in die Disco nach Reute fahren würden. Das Ergebnis
motivierte mich ungemein. An Laufen mochte ich gar nicht denken.
Irgendwann konnte ich dann doch noch 100m Gipfelüberhöhung rausschinden und
flog nun, meinem Ziel schon sehr nahe über den Gipfel weiter nach Westen. No
Risk no Fun.
Wenn man mal hier ist, heißt Absaufen ein Fußmarsch Richtung Hinterstein und
der ist auch nicht von schlechten Eltern. Gott sei Dank trug der Grat zum
Großen Wilden überraschenderweise ein bisschen und mit angehaltenem Atem, die
Arschbacken zusammengekniffen rutschte ich mit 70m durch die tiefste Stelle im
Grenzgrat zum Oberstdorfer Tal. Dass es mich bei dieser Querung nicht
runtergespült hat finde ich sehr überraschend und ich hoffe das ist immer so.
Eventuell hatte die Südkomponente im Höhenwind hier eine mildernde Wirkung.
Der Weg vom Großen Wilden vor zum Nebelhorn ist nicht schwierig, wenn man aufpasst dass man nicht ins Lee hinter eine der scharfen Rippen fliegt. Auf den Luvseiten geht's dafür prima hoch und es reicht jeweils Gipfelhöhe um sich vor bis zum Edmund Probst Haus zu hangeln.
Das Resumee dieses glücklich
vollendeten Fluges scheint mir zu sein, dass man auf dieser Strecke definitiv
nicht ohne die Bereitschaft ein langes langes Tal herauszulaufen erfolgreich
sein kann.
Der Talwind am Landeplatz in Oberstdorf war an diesem Tag eher stark, aber ob er
das auch oben am Grat war weiß ich leider nicht. Wenn er stärker um den
Hochvogel herumdrückt, ist vielleicht der Bart dort nicht fliegbar und dann ist
meine Lösung keine Lösung.
Ich hatte eine Basis von ca. 2800m. Weniger darf es sicherlich nicht sein.
Kommentare und Verbesserungen erwünscht!