Die Bilder sind vom
Team Chef Stefan Mast,
danke Stefan.


Willi Schierle
17.12.51/30.04.01







von Ulrike Bäuerlein01.05.01
Lieber Willi!

Als heute die Nachricht durch das Netz ging, dass Du nicht mehr bei uns bist, konnte ich es nicht fassen.

Doch der erste Gedanke, die schwache Hoffnung, dass sich wieder jemand einen üblen Scherz erlaubt hat, bestätigte sich nicht. Willi ist tot.

Ich habe das Gefühl, dass ich Dir schreiben muss, und ich weiß, dass Du trotzdem irgendwie bei uns bist und diesen Brief bekommst.

Ich weiß noch, als ich Dir zum ersten Mal begegnet bin. Das muss vor drei oder vier Jahren gewesen sein. Deinen Namen kannte ich da längst. Voller Ehrfurcht habe ich seit Jahren schon die Strecken verfolgt, die Du eingereicht hast, alleine oder in den letzten Jahren immer mehr mit dem Tandem.

Und dann stand ich mit Dir beim Staufen-Cup eine halbe Stunde an der Mittelstation in Bezau, draußen im Nieselregen, wir sahen über die Wolken im Tal, während die anderen in der warmen Stube saßen. Du hast freundlich "Hallo" gesagt, dich zu mir gestellt und unvermittelt angefangen zu erzählen von deiner letzten Strecke. Ich habe dir staunend gelauscht und stark gezweifelt, ob ich Dich ernst nehmen soll. In diesem breiten schwäbischen Idiom, in deiner unnachahmlichen Art hast Du mir von einem gerade absolvierten Flug über die Alpen erzählt, als ob Du gerade über die Straße gegangen wärst zum Bäcker.

Ich war hin- und hergerissen und nicht ganz sicher, ob dieser komische Kauz mir nicht irgendeine Story an die Backe drückt. Wie Du schon ausgesehen hast: ein älterer Herr mit merkwürdig leuchtenden Augen, mit dieser unmöglichen Wanderer-Mütze auf dem Kopf, die Dreiviertelhosen, das hochgeschlossene karierte Hemd – einfach schräg und ganz sicher nicht so, wie ich mir einen Streckencrack immer vorgestellt habe.

Erst später habe ich erfahren, wer mir da diese Story erzählte, und ich habe viel gelacht über ganz ähnliche Geschichten, die mir andere über ihre Begegnungen mit Willi Schierle berichteten. Tommy zum Beispiel, ein blutjunger frisch gebackener Wettkampfpilot, der mit Dir ein ähnliches Erlebnis hatte: Als Du auf einen Berg kamst und ihn an einem heftigen Tag fragtest, wie es aussieht, und er Dir raten wollte, es in Deinem Alter doch lieber zu lassen heute, nicht so ganz astrein. Er bekam dann schier eine Kiefersperre, als Du mit deinem Schlapphut ein CrossOver und einen Boomerang aus dem Packsack gezogen und dich auf Stecke gemacht hast, während er noch zögernd herumstand, und dann ein paar Stunden nach ihm mit einem Hunderter im Gepäck gelandet bist.

Willi, wie oft haben wir seitdem ein Schwätzchen gehalten und wie oft noch habe ich Dir staunend zugehört, wenn du berichtet hast von Deinen Flügen. Weiß der Himmel, wo wir uns seitdem überall begegnet sind in den Bergen, immer stand irgendwo unverhofft dein grüner Mercedes mit der Waiblinger Nummer. Du warst keiner, der geprahlt hat, aber Deine Stories waren auch in deiner alltäglichen Erzählung schon unglaublich genug. Ich weiß nicht, wie du mit den jungen wilden Wettkämpfern zurecht gekommen bist, aber ich bin immer gerne hinmarschiert zu Dir und habe Hallo gesagt – für mich warst Du ein ganz Großer, und ich wollte Dir unbedingt mal auf einer Strecke hinterher. Dass hat nie geklappt, und auch mein Papa, den Du schon lange mal als Passagier mitnehmen wolltest bei einem großen Streckenversuch, ist nie zu diesem versprochenen Flug gekommen.

Du hast mir auch ganz schön wilde Sachen erzählt von Harakiri-Aktionen, und ein paar Mal habe ich gedacht, dass du Deinen Schutzengel schon arg strapazierst. Du warst keiner, der es mit Gewalt darauf angelegt hat, aber Du bist bewusst Risiken eingegangen, die andere vielleicht nicht auf sich nehmen würden. Man kriegt immer einen Kloß in den Hals, wenn ein anderer sagt – "und wenn es vorbei ist, ist es vorbei" – bei Dir klang es nicht so, als ob Du dran glauben würdest, dass Dir was passieren kann. Es gibt sicher Leute, die Dich viel besser und viel länger kannten und das besser wissen.

Aber für mich war es wichtig, zu wissen: Da ist ein Alter, der schon so viel erlebt hat, der immer noch gnadenlos angefressen ist, und der kann Dir so unglaublich viel mitteilen, von dem kannst du Dir was abgucken, und sei es die Bescheidenheit, Gelassenheit und Bodenhaftung, die Du Dir bewahrt hast und die Du ausgestrahlt hast.

Vor zwei Jahren traf ich Dich in Fiesch, da hattest Du auf Gleitschirmfliegen überhaupt keine Lust mehr, weil die Saison so schlecht gelaufen war, und hast mir was vom Aufhören erzählt, vom Segelfliegen und vom Motorfliegen – denn schließlich bist du fast alles geflogen, was Flügel hatte. Und letztes Jahr, als es wieder gut lief bei Dir, bin ich dir begegnet, als du gerade in Sillian am Thurntaler runtergefallen bist – in ein Schneeloch, zum Glück. Den Retter hattest Du erst ein paar Meter über dem Boden geworfen, weil Du den Schirm wieder aufkriegen wolltest – der Retter lag neben dir im Schnee, noch im Container. Auch da hast Du gewusst, dass es anders ausgehen hätte können. Beeindruckt haben Dich solche Erlebnisse wenig, Du bist weiter geflogen ohne Bremse im Kopf – und hast dieses Jahr noch so unglaublich erfolgreich beendet. Sicher gibt es welche, die jetzt sagen, das hat so kommen müssen mit dem Willi. Die sollten einfach die Klappe halten.

Denn du hast so gelebt, wie Du es gewollt hast, und Du hast gewusst, was Du tust. Was dir jetzt passiert ist, hättest Du wohl kernig schwäbisch kommentiert.

Willi, ich fasse es nicht. Ich trauere um Dich und wünsche mir, dass das Leid, das Deine Angehörigen jetzt tragen müssen, irgendwann verblasst und der Schmerz der lebendigen Erinnerung weicht – an all das, was Dich zu einem solch unverwechselbaren Charakter gemacht hat.

Ulrike



von Markus Dörr 06.05.2001
Lieber Willi,

es war der letzte Tag im April und es hätte der schönste werden können.

Gemeinsam verabredeten wir uns zum Fliegen in Neresheim. Als ich am Start stand und nochmals einen Blick zur Seite warf hast Du gerade Deinen Packsack geöffnet. Alles war ganz selbstverstädlich und nie hätte ich gedacht, dass dies die letzten Bilder sein sollen die mich an Dich erinnern werden.

Auf dem anschliessenden Flug zusammen mit einem weiteren Fliegerkameraden dachte ich einige male an Dich. Wie oft hatten wir versucht im Flachland gemeinsam auf Strecke zu gehen, irgendwie wollte es nie klappen. Unsere Landung erfolgte in Sichtweite Deines Hauses. Ein grosser Traum von Dir neben all den Strecken-rekorden war es immer auf der grossen Wiese dahinter zu landen.

Ich freute mich schon darauf Dir davon zu erzählen und zu erfahren was Du erlebt hast.

Doch dann klingelte das Handy und plötzlich verblasten alle Farben und es schien als bliebe die Welt für einen Moment stehen.

Es ist seltsam --- manchmal begreift man erst wie wichtig einem ein Mensch ist, wenn er nicht mehr unter uns weilt.

Unvergessen bleiben jedoch unsere gemeinsamen Erlebnisse: Der Tandemflug über die Alpen, der Streckenflug im Segelflugzeug, die vielen Flüge am Einkorn, die Abende bei Dir zu Hause.... und erst am Karfreitag der gemeinsame Ausflug zum Hesselberg und die anschliessende Rückholtour von Deinem letzten Thermikflug.

In dieser schweren Zeit gilt mein tiefstes Mitgefühl Deiner Mutter

Fassungslos und unendlich traurig

Dein Fliegerfreund

Markus



von Stefan Mast:
Willis Tod bedeutet einen tragischen Verlust für unseren Sport und alle
die, die ihn persönlich kannten. Willi ist einer der Menschen, die ich
kennen gelernt habe und nie vergessen werde.
Er war ein begeisterter Pilot, der nicht nur durch seine Kenntnisse und
Leistungen im Wettbewerbsport auffiel. Gerade mit den Erzählungen von
seinen Alleingängen auf den Montblanc erzeugte er bei vielen von uns den
Wunsch dabei gewesen zu sein. Sein Tod wird eine bleibende Lücke
hinterlassen,

in Betroffenheit
Stefan Mast

Auf Wunsch vieler Piloten, werde ich den Unfallhergang schildern, wie ihn
mir einer der Augenzeugen beschrieben hat.

Unfall Willi Schierle:

Aufgrund der starken Bedingungen wartet Willi mit seinem Start bis kurz vor
17:00 Uhr.
Er weißt den Windenfahrer an, den Schlepp mit geringen Zug durchzuführen.
Vor dem eigentlichen Schlepp, wird Willi noch mal vom Seil genommen, da ein
Leinenüberwurf am Segel von den Helfern in Ordnung gebracht wird. In diesem
Zusammenhang wird ein Klinken Test durchgeführt.

Der darauf folgende Schlepp erfolgt wunschgemäß mit geringem Zug
(Flachschlepp mit geringem Steigwert) und läuft anfangs normal ab, an
beiden Hinterkanten des Segels ist das Stabilisieren des Segels mittels
Bremsen erkennbar.

Dann beginnt der Schirm langsam nach rechts, in den Wind zu drehen, ohne
erkennbare Gegenmaßnahme des Piloten. Es wird beobachtet wie Willi am
Gurtzeug hantiert und der Schirm weiter nach rechts dreht. Als weiterhin
keine Korrektur durch den Piloten erkennbar ist und der Schirm die
kritischen Punkt (ca.90°) erreicht hat, kappt der Windenfahrer das Seil und
Willis Oberkörper macht eine sichtbare Bewegung zur Kurven Innenseite. Der
dadurch erfolgte Steuerimpuls (Gewichtsverlagerung) beschleunigt den Schirm
und zieht, in einer Höhe von ca. 25m, die Kurve zu. Die Eintrittskante
zeigt nach unten, der Schirms ist komplett geöffnet bis zum Aufschlag des
Piloten.

Eventuell war Willi, als das Seil gekappt wird, im Begriff zu klinken, sein
Klinkengriff war auf der rechten Seite des Gurtzeuges angebracht. Die
Kriminalpolizei hat ein Obduktion angeordnet um einen möglichen
Schlaganfall oder Infarkt auszuschließen.

Horst Barthelmes ist mit der Unfall Untersuchung beauftragt, sollten hier,
oder bei der Befragung weiterer Augenzeugen neue Erkenntnisse ergeben werde
ich euch selbstverständlich informieren.

Eine Beerdigung wird auf Wunsch seiner Mutter nicht stattfinden.
 


Willi Schierle
Gleitschirm Stecken-, Wettkampf- und Ligapilot.
Gewinner des DHV-GS-Streckenflugpokal 2000

Willi Schierle ledig, keine Kinder, wohnhaft in 70734 Fellbach mit seiner fast 90 jährigen Mutter und Frau Martens. Von Beruf Mathematiker bei Daimler Benz. Ende 2000 kündigte Willi sein Arbeitsverhältnis, um sich voll und ganz der Fliegerei zu widmen. Neben dem Gleitschirmfliegen war er: Segelflieger, Motorsegelflieger, Motorflieger und Ul-Pilot. Hier ein kleiner Auszug seiner sportlichen Leistungen:
1996 Platz 6 DHV-Streckenflugpokal
1997 Platz 6 DHV-Streckenflugpokal
1998 Platz 8 DHV-Streckenflugpokal, Platz 1 Tandemwertung.
1999 Platz 6 DHV-Streckenflugpokal, Platz 12 Deutsche Gleitschirmliga.
2000 Platz 1 DHV-Streckenflugpokal  Platz 12 Deutsche Gleitschirmliga, PWC-Mieussy , PWC-Charmonix.
2001 All Afrikan Open Platz ? auf alle Fälle vorne mit dabei.
 



Willi im Segelflieger. Bild  von Stafan Traut. Danke Stafen.