One day stand: Thin Red Line Alpine 600
Irgendwo hatte ich schon einmal etwas über eine kleine kanadische Firma namens Thin Red Line gelesen, auf der Thermik '99 dann hieß es plötzlich "hast Du schon gesehen, am Stand von Aerosport gibt es so ein komisches leichtes Gurtzeug?". Also hin und staunen, ein federleichtes Häuflein Gurte hing da am Simulator. Hartmut von Airbase war auch da und berichtete von seinen guten Erfahrungen mit dem Sitz, ungläubiges Staunen. Kopfschüttelnd gingen wir schnell weiter und Hartmut kam sich wahrscheinlich ziemlich unverstanden vor, für mich war es eine Nischenlösung für Himalayafetischisten oder Extremparaalpinisten. Etwa 10 Minuten später hatte ich die Existenz dieses Produktes aus meinem teilweise etwas überlasteten Gedächtnis gestrichen.
Als ich vor einer Woche dann mit Uli telefonierte und unser Gespräch auf Gurtzeuge kam erzählte sie mir, wie begeistert Hartmut nach wie vor von seinem seltsamen kanadischen Leichtgurt ist. Plötzlich fiel mir die ganze Geschichte wieder ein und spontan beschloß ich, mir diesen Exoten mal genauer anzusehen. Am nächsten Tag konferierte ich zunächst per email und dann mit dem guten alten Telefon mit Hans Bausenwein von Aerosport, dem Thin Red Line (TRL) Importeur. Wie es der Zufall wollte fand ausgerechnet an diesem Wochenende ein Testival bei Peter Geg (Oase) mit Teilnahme von Aerosport (als Ozone-Importeur) statt, also ein ideales date für ein klassisches one day stand...
...and here we are, im shop von Peter in Obermaiselstein. Etwas
unverständlich schien auf Peter mein Wunsch nach dem Knäul dünner Gurte schon zu wirken
und um ehrlich zu sein konnten wir uns das Grinsen auch schon wieder nicht verkneifen.
Mein erster Versuch in das seltsame etwas zu schlüpfen (keine Schlösser an den Gurten,
Einstieg durch Brustgurt und Beingurte wie in eine Latzhose!) brachte dann auch spontane
Lacherfolge.
Mir
blieb das Lachen im Halse stecken als ich im Simulator die dünnen Gurte betrachtete und
mir vorzustellen versuchte, ich habe jetzt 500m Luft unter dem Sitzbrett...wenn es denn
eins hätte, denn die Beine sind einzeln in...tja...sagen wir mal Halteschlaufen
aufgehängt, wie in einfachsten Schulungsgurtzeugen von Anfang der 90er Jahre. Nur der
einschneidenden Schmerz, den ich vermutet habe, der blieb aus. Ganz im Gegenteil, verdammt
bequem das Teil. Und nach dem Aufstehen einfach weg, trotz des SupAir BumpAir an meinem
Rücken nicht zu spüren, genial. Schnell noch versuchshalber den Frontcontainer (auch
SupAir) montiert stand mein Entschluß fest: Den Kick gebe ich mir!
Da die Schlange an der Nebelhorn-Talstation etwa bis Obermaiselstein reichte fuhren wir ans Neunerköpfle, was mir ganz recht war, ist doch der Bodenabstand dort nicht so beängstigend und die Flugzeit geringer, falls sich die einschneidenden Schmerzen doch spontan einstellen sollten. Am Parkplatz bastelte ich erstmal ein Minimalspeedsystem an den Sitz (Schnur, Schlauch, Knoten - aus Maus!) und verpackte meine Ausrüstung im XXL (SupAir kommt heute gut weg). Zum ersten Mal habe ich den Sinn der Kompressionsgusrte erkannt und auf dem Weg zum Lift dachte ich mindestens 100 Mal "die Hälfte fehlt", so federleicht und spielerisch kam mir mein Gepäck vor. Ich blieb auch nicht wie üblich im Drehkreuz am Bahnzugang hängen und schließlich konnte ich den Sack im Sesellift auf den Schoß nehmen ohne in meinen Innereien Leberpastete zu erzeugen. So langsam sammelte das eigenartige Ausrüstungsstück Pluspunkte, aber noch war ich ja auch nicht damit geflogen. Als nächtes kam die Logistikfrage auf mich zu, wohin mit dem ganzen Zeug im Flug? Dank meines Frontcontainers war die Instrumentierung gesichert, die Cockpitlösung gefällt mir ohnehin immer besser. Notrakete, Rettungsschnur, Kappmesser und Telefon kamen in den Overall, blieb nur der Packsack, denn Stauraum gleich welcher Art sucht man vergebens am Alpine 600 (600 ist das Gewicht, in Gramm wohlgemerkt, allerdings ohne Protektor!). Die Lösung war einfach, zusammenrollen und zwischen die Befestigungsgurte und den Protektor selbst schieben, Bauchgurt des Packsacks zum sichern zusammenklicken, fertig.
Nun die erste Hürde, anziehen (im wahrsten Sinne des Wortes). Mit Overall und Fliegerstiefeln auf Schnee etwas gewöhnungsbedürftig aber dank gazellenhafter tänzelnder Einlagen dann doch problemlos und gut als "Aufwärmhüpfer" zu tarnen. Sumo-Ringer sollte man allerdings nicht sein. Schirm auslegen und Leinen sortieren war dann eine Pracht, wie ohne Gurtzeug läuft es sich und doch ist man vorbildlich fertig eingegurtet unterwegs. Keine schnaufenden Schritte, kein Brett sticht einem in die Kniekehlen, kein Beingurt quetscht die empfindlichen Stellen, nichts klingelt, rasselt, klimpert. Der Startlauf ist eine wahre Freude, leichten Schrittes kontrolliert man den takeoff und unterläuft spielerisch, wo man sich sonst erschöpft fallenläßt und einfach hofft, der dumme Schirm möge tragen. Drei Mal bin ich an diesem Tag vorwärts gestartet und trotz Seitenwinds hatte ich keinen Abbruch, wer mich kennt weiß, das hat Aussagekraft. Und es hat Spaß gemacht, das hat noch mehr Aussagekraft, der Start ist nämlich sonst für mich lediglich ein notwendiges Übel um in die Luft zu kommen (und ich glaube da bin ich nicht allein). Nach dem Abheben muß man schon ein wenig herumrutschen, um optimal in diese dünnen Gurte und das Rückenteil aus zähem Kunststoff gebettet zu sein, aber dann stellt sich richtig gute Laune ein. Bequem wie ein normales Gurtzeug hat man ein intensives Gefühl des Fliegens, wie ich es gar nicht kannte. Man fühlt sich als Einheit mit dem Schirm, nicht als Ballast am unteren Ende, die seperate Beinaufhängung ist mit dem starren Sitzbrett nicht zu vergleichen, so als wenn man die festgezogenen Kreuzgurte das erste Mal im Fliegerleben lockert. Man wird nicht vom Gurt gefressen und von der Außenwelt abgeschottet, man ist einfach "in der Luft", mit einem sauguten Gefühl der Einfachhheit und des freien Fliegens.
Viele, die die Anfänge unseres Sports kennen, haben mir versucht zu erklären, wie schön es damals war und wie es sich verändert hat, ich habe das immer als "früher war alles besser"-Geschichten abgetan. Bei diesen drei Flügen stellte ich fest, daß ich ihnen Unrecht getan habe und das es einen Unterschied gibt. Fliegt mit einem FreeX Control Mmmuhhh (modernes Schmähwort für Jahrtausend) und dann mit dem TRL Alpine - wüßte man es nicht besser würde man sagen man hätte zwei verschiedene Sportarten probiert!
Zurück zu den Tasachen. Beim ersten Flug gelang es mir leider nicht, den Beschleuniger einzusetzen, und ich zweifelte abwechselnd an meiner und der geistigen Verfassung des Konstrukteurs, hob es doch beim Treten des Gaspedals lediglich meine Beine auf Kopfhöhe. Beim zweiten Flug straffte ich die Schultergurte (Brustgurt und Beingurte sind fix, Schultergurte und pro Seite zwei Verbindungen zum Rückenteil verstellbar) um nur wenige Centimeter und siehe da, ab ging die Post, und zwar dank einfachster Umlenkung gleich bis "Rolle auf Rolle". Muß man halt kennen, den Trick. Die meiste Zeit der Flüge schredderten wir dann Ohr an Ohr übers Tannheimer Tal um herauszufinden, ob nun ein Epsilon besser gleitet als ein Booster oder ein Electron beschleunigt stärker sinkt als ein Saber. Aber das ist nicht unser Thema, obwohl es auch viel Spaß gemacht hat. Nach den Gleitorgien folgte das 'runterprügeln, und auch dabei machte der leichte Kanadier tierisch fun. Wingover, anspiralen, nicken, alles in direktem Kontakt mit dem Schirm und vor allem mit unerwartet großem Vertrauen in die hochfesten Materialien und den DHV-Gütesiegel-Test. Besonders beeindruckt haben mich aber die Klapper. Normale Testklapper von etwa 1/3 Fläche muß ich mit Sitzbrettgurten gegenbremsen, um auf Kurs zu bleiben. Das TRL Alpine verfügt hier scheinbar über ein ESP oder sowas, ich nehme an durch die seperate Beinaufhängung stützt man sich völlig automatisch auf der "gesunden" tragende Seite ab. Ein schiefes Brett, auf dem man abkippt gibt es ja nicht, der Elch kann also kommen. Auf jeden Fall flog die Kiste zu meinem riesigen Erstaunen einfach geradeaus weiter und öffnete bis auf die obligatorischen letzten Zellen wieder, faszinierend!
Die Landung ist natürlich auch spielerisch einfach und auch ein eventuelles Mitlaufen bei drehendem Wind oder einer Fehleinschätzung der Verhältnisse endet nicht zwangsläufig in einer kugelnden Darbietung, nur weil man mal wieder vergessen hat die Sitzbrettverlängerung herunterzuklappen...
Kommen wir zu einem einzigen sehr unangenehmen Punkt: Der Preis. Individualität hat seinen und jeder Kopf auch, die 1200.- Deutschmark Liste für die rund 600 Gramm Gurt + BumpAir scheinen aber auch angesichts des schwächelnden Euro gegenüber dem Dollar völlig maßlos. Da hilft es auch nicht sich einzureden, man kauft ein Stück Philosophie, Freiheit und fliegerischer Kultur, das schmerzt einfach. Also vergessen wir diesen Aspekt lieber.
Schließen wir mit einem Zitat aus dem Cross Country Magazine, in dem die
600 Gramm Weltanschauung "product of the month" wurden: "Thin Red Line
have rediscovered the roots of paragliding but kept the comfort of a modern harness."
Dem ist nichts hinzuzufügen, auch wenn Peter abends bei der Rückgabe etwas ungläubig
fragte "wie, Du bist das wirklich geflogen?". Ja, bin ich, und ich glaube,daß
werde ich in Zukunft häufiger tun. Um es mit den Worten von Hartmut zu sagen, für das
Alpine gibt es nur eine treffende Beschreibung: "Geil!"
Sehr viel mehr Erfahrung im praktischen Einsatz hat Hartmut von Airbase, wo es das Stück Freiheit auch zu kaufen gibt
Importeur ist Aerosport in Brannenburg, auf den Seiten findet Ihr alle relevanten Details
Sehenswert ist die locker gemachte Seite von Thin Red Line, interessant auch das review "my new harness came in an envelope!" im Cross Country Magazine (pdf)