All you need is Speed? One-Day-Stand: Independence
Speed
Schirm: Independence
Speed Tandem, 140-220 KG, DHV 1-2
Der
Pilot: Gunther Lawer
Flugerfahrung:
5 Jahre, fliege regelmaessig in wechselnden
Fluggebieten
Startgewicht:
ca. 170 kg bzw. ca. 190 kg
Gewohntes
Gerät:AireaFat
Willy
Gurtzeug: Sup
Air BiEvasion
Die Story:
Seit
Oktober suchen Rainer und ich nun schon nach einem neuen Tandem für
unsere Haltergemeinschaft. Im Pflichtenheft stehen dabei vor allem gute
Start- und Landeeigenschaften, markieren diese doch vor allem aus Passagiersicht
einen gelungenen Tandemflug. Aber auch der Stress beim Piloten fällt
deutlich geringer aus, wenn er sich in diesen Phasen auf sein Gerät
verlassen kann – vor allem wenn die Bedingungen mal nicht so optimal sind.
Oder einfach ausgedrückt: Eine Startsau
kommt uns nicht ins Haus…
Natürlich
wollen wir auch einen Schirm, der ein gutes Thermikhandling hat und auch
in unruhiger Luft gut gleitet. Schließlich soll Tandemfliegen auch
dem Piloten Spaß machen und nicht zur lästigen Pflichtübung
werden. Da wir den Schirm ausschließlich zum privaten Vergnügen
mit Freunden nutzen, sind diese Punkte sicher für uns etwas wichtiger
als für jemanden, der den Tandem als
gewerblichen Lastesel nutzt. Und mal ehrlich: Das Herz des Tandempiloten
schlägt höher, wenn er die Monos
innen auskurbelt…
Akro-Fliegen
spielt dagegen für uns keine Rolle. Außer eher harmlosen Wingovers
steht da nichts auf dem Programm. Im Zeitalter der SAT-Bewegung wohl eine
eher konservative Haltung….
Schon
im Dezember hatte ich erstmals Kontakt mit Alexander Grotz
von fly-market, dem Vertrieb von Independence.
Damals stand der Speed jedoch noch nicht
als Seriengerät zur Verfügung. Jetztim
Februar nahm ich dann wieder Kontakt mit ihm auf und reservierte mir einen Speed
zum testen für das Wochenende 16./17.02 in der Hoffnung auf gutes
Wetter. Alexander schickte mir den Schirm völlig unbürokratisch
zu. Vielen Dank an Ihn und Fly-market für
diesen tollen Service!
Die
Chancen auf fliegbares Wetter waren nach
einem Blick in den Kaffeesatz (die Prognosekarten waren mal wieder ihre
Rechenzeit nicht wert) für’s Allgäu
größer als für’s mitteldeutsche
Flachland, also machte ich mich auf den Weg zu Rainer nach Landsberg am
Lech.Nachdem wir’s Samstag verzockt
hatten und am Hahnenkamm dank hartnäckigem Hochnebel aufSkifahren
ausgewichen waren, fiel unsere Wahl am Sonntag auf den Berg für alle
Fälle: DasNeunerköpfle – bei uns schon
bekannt als der Berg, dessen Name nicht genannt werden darf….,
weil er eben immer als Ausweichlösung herhalten muss.
Der
Schirm:
Bei
der Suche nach Geräten auf den diversen Web-Seiten der Hersteller
klapperte ich natürlich die technischen Daten ab. Da weckte der Speed
schon mal meine Neugier: Zum einen ist die ausgelegte Streckung mit 5,4
für einen Tandem ungewöhnlich hoch, zum andern sollte er laut
Hersteller über ein Beschleunigersystem verfügen, dass sowohl
von Hand als auch per Fuß bedient werden kann. Die Zellenzahl bewegt
sich mit 48 im üblichen Bereich.
Die
Grundkonstruktion der Kappe ist eine klassische V-Tape-Kiste: Jede zweite
Zelle ist aufgehängt, der Rest wird über V-Tapes auf allen vier
Ebenen abgespannt. Die Leinengeometrie zeigt mit 2D, 3C, 3B plus Stabi
und 3A auf geteilten A-Gurten keine Besonderheiten und ist beim Sortieren
dank farblicher Trennung recht übersichtlich.
Am
A-Gurt ist ein Beschleuniger-System angebracht, das auf den gesamten A-Gurt
wirkt. Damit fallen die A-Gurte oberhalb der Teilung recht kurz aus. Auffällig
ist die doppelte Auslegung des Flaschenzugs. Der Beschleuniger teilt sich
auf zwei Umlenkrollen statt der sonst üblichen einfachen Konstruktion.
Damit sollten die Kräfte im vertretbaren Rahmen bleiben.
So
ganz fertig designed scheint uns das System
auf den ersten Blick nicht. Da hab’ ich nun also einen Beschleuniger am
A-Gurt statt der üblichen Trimmer auf D. Gut. Und wie bedien’ ich
den jetzt? Irgendwelche Rollen zur Umlenkung an der Spreize, die das ganze
zum Pilotengurt führen könnten, sucht man vergeblich. Abgesehen
davon kenne ich keinen Tandemgurt der dafür vorgesehen wäre.
Die
telefonische Rückfrage bei Alexander ergab folgendes: In Zukunft soll
der Speed mit Schlaufen ausgeliefert werden,
die der Passagier oder der Pilot dann von Hand bedienen kann. Des Weiteren
ist eine Variante zur Fußbedienung durch den Piloten angedacht, evtl.
mit getrennten Trittsprossen für links und rechts. Eine fertige Lösung
für die Fußbedienung liegt aber noch nicht vor.
Meiner
Meinung nach sollte hier für die Piloten, die dass Beschleunigersystem
regelmäßig nutzen wollen (gegen den Wind, das große Saufen
etc.), eine gute Lösung zur Fußbedienung gefunden und auch fertig
geliefert werden. Ansonsten wird der an sich gute Ansatz eines echten Beschleunigers
am Tandem eher ungenutzt bleiben. Einem unbedarften Fußgänger
drück’ ich den Beschleuniger jedenfalls nicht in die Hand – bei eingespielten
Teams ist das was anderes.
Eine
weitere Nachfrage bei Michael Nesler, dem
Konstrukteur des Schirms, ergab folgende Varianten zur Bedienung des Beschleunigers:
1)
Passagier bekommt Griffe
2)
Passagier bekommt Speedsystem
3)
Pilot (hinten) bekommt Griffe
4)
Pilot bekommt Griffe, die über eine kleine Rolle an der T-Bar umgelenkt
werden:
So wird das Speedsystem durch hochschieben
der Griffe betätigt
5)
Pilot hat zwei getrennte Pedale
6)
Pilot benutzt das normale Speed-Pedal,
muss aber die Seile verlängern
Michael
benutzt 4) und 6) und findet beides praktikabel.
Die
Verarbeitung des Gerätes ist tadellos. Angenehme Tragegurte, keine
außen liegenden Nähte, Nahtband an der Hinterkante, ordentliche
Versteifungen an der Eintrittskante.
Lediglich
die Magnetknöpfe an den Bremsschlaufen trüben hier etwas den
positiven Gesamteindruck. Die könnten etwas mehr Haftkraft besitzen.
Ich musste die Bremsschlaufen öfter vom Boden einsammeln als mir lieb
war.
Das Fliegen – aus Pilotensicht:
Genug
gefaselt. Ab in die Luft. Wollen doch mal sehen, ob die hoch gesteckten
Erwartungen erfüllt werden. Beginnen wir mit einem gemischten Doppel
bei ca. 170 kg Startgewicht.
Start:
Unsere
Startbedingungen waren leider nicht so schlechtwie
wir es uns gewünscht hätten…Nicht
das wir auf SM stehen würden, aber die Starthürde beim Tandem
ist der Nullwind-Start. Hier zeigt sich oft die grausame Wahrheit - und
die Spurtstärke des Tandemteams.
Beim
ersten Start hatten wir anständigen Wind von vorn mit einer leichten
Seitenwindkomponente von rechts. Korrigiert man das mit der Position zum
Schirm etwas aus, so kommt der Schirm auch brav grade hoch. Ich habe dabei
nur die inneren Tragegurte zum Aufziehen benutzt. Was sofort auffällt
ist, dass der Schirm während der Steigphase einen enormen Druck aufbaut
und damit das Laufen massiv stoppt. Das ist bei wenig Wind angenehm, da
es einen optimalen Startablauf unterstützt und verhindert, dass man
dem Schirm quasi wegläuft. Man muss hier den Passagier nicht besonders
anweisen, es passiert eben von ganz alleine. Ist der Schirm oben und die
Kontrolle abgehakt, geht’s mit dem Laufen weiter. Die Startstrecke ist
bei diesen Bedingungen angenehm kurz und die Abhebegeschwindigkeit
habe ich als eher niedrig empfunden.
Beim
zweiten Start hatten wir nur noch ganz leichten Wind von vorn rechts. Diesmal
lassen wir den Schirm bewusst etwas schlampiger liegen und korrigieren
auch die Position zum Schirm nicht aus, sondern stehen einfach in der Mitte.
Aufziehen wieder nur über die inneren Gurte. Wie erwartet kommt der
Schirm jetzt nicht ganz grade hoch und muss leicht links unterlaufen werden.
Die Startstrecke und die Abhebegeschwindigkeit
bleiben auch bei schwächelndem Wind
weiterhin sehr angenehm. Der Schirm nimmt erst nach dem Abheben so richtig
Tempo auf, aber ohne dabei unangenehm durchzutauchen.
Der
Nullwindstart blieb leider aus. Ich kann auch nicht sagen, ob der starke
Druckaufbau während der Steigphase bei Starkwind Probleme macht, bin
da aber etwas skeptisch.
An
die Referenz im Startverhalten, den BiBeta2 reicht der Speed
nicht heran. Der BiBeta2 zentriert sich auch bei Seitenwind praktisch ohne
Pilotenzutun über dem Tandempaar und muss nicht unterlaufen werden.
Das ist vielleicht der Tribut, den man an die deutlich größere
Streckung zahlt.
Unsere
Anforderungen an den Start sind aber erfüllt und das Startverhalten
ist bei den getesteten Bedingungen als gut und angenehm für Pilot
und Passagier einzustufen.
In der Luft:
Nach
dem Start fällt mir erstmal die, auch für einen Tandem, subjektiv
recht hohe Trimmgeschwindigkeit auf. Gemessen habe ich nichts, aber wir
sind doch überdurchschnittlich flott unterwegs. Auf dem Weg zur Mittelstation
finden wir Thermik und können zügig eindrehen. Damit sind wir
die ersten, die heute aufdrehen und das erste Plus ist im Kasten.
Thermikfliegen
mit dem Speed macht wirklich Laune und
das Tandemfliegen zum Vergnügen. Man vergisst fast, dass man einen Bi-Place
fliegt. Der Speed zieht richtig sauber mit
einem tollen Biss in die Thermik rein – kein Aufstellen oder Nicken. Das
Kappenfeedback ist Klasse, und erinnert eher an einen
schönen Mono – nicht zuviel und nicht zu wenig. Man weiß
wo’s hochgeht und auch das Nachzentrieren in der noch zerrissenen Thermik
geht prima. Gewichtsverlagerung und Steuerleinen werden gut angenommen
und variieren von Kurvenradius und Schräglage
sind jederzeit gut möglich. Ich fliege in der Thermik gerne eher schnell,
was mit dem Speed hervorragend geht und
dem Schirm vermutlich eher liegt als ein starkes Runterwürgen und
Rumhungern.
Auch
Entlastungen und unruhige Luftmassen werden sauber an den Piloten weitergegeben.
Der muss hier natürlich etwas mehr tun um die Ruhe im Passagiergurt
zu wahren als bei einem stärker bedämpften Tandem, klar. Aber
einerseits sollte das für einen Tandempiloten keine Herausforderung
darstellen und andererseits bekommt er hier ein wirklich angenehmes Feedback
und damit einen guten Bezug zur Realität um ihn herum. Mir ist es
jedenfalls so lieber.
Thermikfliegen
ist eine echte Stärke des Speeds. Das
bestätigte sich auch bei unserem zweiten Flug am späten Nachmittag
bei schon schwächelnder Thermik. Hier
haben wir so manchen Mono abgezogen und ausgekurbelt – und das obwohl ich
grade kein Vario dabei hatte. Das geht
eindeutig auf das Konto des guten Feedbacks und der hervorragenden Thermikeigenschaften.
Ok. Speed
heißt das Ding. Na, dann wollen wir doch mal sehen was der Beschleuniger
so hergibt. Wir hatten nichts an den Beschleunigerstrippen eingehängt,
also mussten wir’s mit Handbetrieb versuchen, was uns dann auch gelungen
ist. Mit Schlaufen sollte ein Handbetrieb problemlos möglich sein.
Bei einmal gezogenem Beschleuniger sind die Haltekräfte problemlos
zu schaffen. Der Geschwindigkeitszuwachs ist deutlich vorhanden, reicht
aber nicht an die von heutigen Monos
gewohnten Werte heran. Ich denke mal so ca. 5-7 km/h wird der relativ kurze
Beschleuniger wohl bringen. Das ist nur ein subjektiver Eindruck. Messungen
fehlen und das Gütesiegelprotokoll liegt mir noch nicht vor.
Leistung:
Leistungsmäßig
mischt der Speed bei den Tandems sicher
vorne mit und braucht sich auch vor Monos
nicht zu verstecken. Die Steigleistung ist Klasse. Der Schirm gräbt
weder beim Drehen noch beim Achtern. Außer bei den ganz kleinräumigen
Blubberblasen hatten wir nie Nachteile gegenüber den Monos.
Ohren anlegen:
Die
geteilten A-Gurte erleichtern das Ohrenanlegen. Greift man aber nur oben
die geteilten A-Gurte, so steigt die Sinkrate mäßig um ca. 1m/s.
Wer mehr will muss entweder gleich höher in die Leine greifen oder
Nachziehen. Die Haltekräfte sind gering und die Ohren öffnen
nach dem Freigeben der Gurte von alleine.
Steilspirale:
Wenn’s
der Passagier mag – der Schirm mag’s… und
macht dem Piloten Freude. Einleitung und Ausleitung lassen sich super soft
gestalten und die Sinkrate lässt sich prima kontrollieren.
Rollverhalten:
Der
Schirm lässt sich gut aufschaukeln und das Rollverhalten ist flüssig.
Hört man einfach auf ohne das ganze sauber zu Ende zu bringen, so
pendelt der Schirm leicht nach.
Landung:
Leider
blieb uns auch der Feind Nr.1 des Tandempiloten, die Nullwindlandung, versagt,
obwohl dieses Grauen mir sonst wirklich bei jeder Gelegenheit auflauert.
Bei nur leichtem Wind von vorn ist eine stehende Landung jedenfalls kein
Problem und der Schirm lässt sich gut zum weichen Aufsetzen ausflaren.
Das Fliegen – aus der Passagier-Perspektive:
Zwischen
meinen beiden Flügen als Pilot bin ich bei Rainer ins Passagierkörbchen
gestiegen um ihm den faulen Passagier zu machen. Faul? Ääh,
ja, das kann ich…
Das
Startgewicht liegt in dieser Kombination bei ca. 190 kg.
Am
Start ändert sich nichts. Der Weg in die Luft bleibt kurz und erfordert
keine Sprinterbegabung. Insgesamt bestätigt Rainer meinen Eindruck
vom Start.
Jetzt
heißt es wieder Aufdrehen. Auch Rainer ist vom Thermikverhalten begeistert,
und das bleibt selbst dann noch gut, wenn ich auf faul mache und einfach
mittig im meinem Passagiergurt verharre.
Insgesamt
kann ich mich Wohlfühlen im Passagiergurt und habe ein ruhiges Plätzchen
ohne unangenehme Schaukeleien, wobei Rainer
natürlich einen aktiven Flugstil an den Tag legt.
Auf
dem Weg zum Landeplatz machen wir noch ein paar Kurven und Rollversuche
mit faulem bis bockigem Passagier (Äh, das bin ich….). Ich bleibe
also mittig im Gurt oder steuere sogar mit dem Gewicht leicht gegen. In
Schwierigkeiten bringe ich Rainer damit nicht. Der Schirm bleibt problemlos
zu steuern.
Fazit:
Der Speed
ist ein Tandem mit einem absolut gelungenem Flugverhalten
und macht das Tandemfliegen zum echten Vergnügen. Wer neue Abhängige
für unseren Sport jagt hat hier eine fantastische Einstiegsdroge.
Mit diesem Tandem sollte man auch problemlos auf Strecke gehen können.
Ich
denke der Schirm eignet sich besonders für Piloten die vorwiegend
im privaten Bereich mit Freunden oder der Familie fliegen. Für den
rein gewerblichen Einsatz bietet meiner Meinung nach der BiBeta2 wegen
des noch besseren Startverhaltens Vorteile. Der Flugspaß in der Luft
ist für meinen Geschmack beim Speed
höher, wobei ich mit dem BiBeta2 nur Flüge in vorwiegend ruhiger
Luft hatte.
Wer einen
neuen Tandem sucht, sollte sich auf jeden Fall einen Testflug mit
dem Speed gönnen.
Wenn
Independence jetzt noch eine gelungene Lösung zur Bedienung des Beschleunigers
nachlegt ist der Speed ein wirklich rundes
Produkt.
All you need is Speed!
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