Geräterefahrungen: Gurtzeug Sit In
Seit längerem ist es mal wieder an der Zeit, eines der unzähligen neuen Gurtzeuge auf dem Markt vorzustellen - das Sit In vom Parashop Kössen.
Wie bereits im FreeFlight-Bericht erwähnt habe ich mich dort verstärkt nach Gurten umgesehen und diverse probegesessen. Das Sit In auf dem Stand der Gasteigers gefiel mir auf Anhieb recht gut und so traf es Anfang Juni bei mir ein.
Die Gütesiegel-Zulassung des Sit In nach der FreeFlight hatte sich etwas verzögert, da nach Intervention des DHV noch eine Änderung vorgenommen werden mußte: So ist der seitlich angebrachte Außencontainer leider nicht mehr - wie noch auf dem Messe-Proto - durch vier Klickverschlüsse befestigt und daher für Düne oder Übungshang leicht zu entnehmen. Da es laut DHV Verwechselungen mit der Einbaurichtung geben kann mußte die Oberkante des Außencontainers am seitlichen Neopren festgenäht werden, damit ist die geniale Idee leider wirkungslos - schade.
Dieses
Befestigungssystem gibt es an beiden Seiten des Gurtes, ursprünglich konnte man also auch
blitzschnell von Rechts- auf Linksauslösung umbauen und es gab auch nur ein Modell für
Rechts- und Linkshänder. Die jeweils andere, also nicht-Retter-Seite, enthält unter der
seitlichen Neoprenverkleidung eine Tasche mit Reißverschluß für das
"Kleinzeug", so kann man Geldbeutel, Handy und Autoschlüssel z.B. stets in
dieser Kombitasche belassen und in der Außentasche des Packsacks mitführen, um sie dann
vor dem Start einfach und Griffbereit (Handy) in's Gurtzeug zu "clicken".
Praktisch!
Feste Stauräume gibt es am Gurt vier, neben einem auch für sehr große Packsäcke ausreichenden Rückenfach zwei seitlich integrierte für z.B. Rettungsschnur und Notraketen sowie eine Fototasche in der rechten Neoprenseitenverkleidung, die sich als sehr praktisch erwiesen hat. Ein weiteres angeklettetes Behältnis ist daher nicht notwendig, eine Ursache für Leinenverhänger weniger! Die Fototasche ist mit einer eingenähten Schlaufe für die Sicherungsschnur versehen, für die festen Außentaschen behilft man sich eben mit der üblichen Sicherheitsnadel.
Der
Faktor Sicherheit lag den Konstrukteuren ganz besonders am Herzen, so ist der Gurt mit
einem T-Schließmechanismus für den Bauchgurt ausgerüstet, der auch bei
offenen Beingurten ein Herausfallen unmöglich macht (allerdings bei Piloten die
anschließende Gründung einer Familie auch, aber das ist ja eher sekundär...). Weiterhin
serienmäßig sind zwei Seitenaufpralldämpfer, die den Hüft-/Beckenbereich im Falle
eines Falles schützen und ein DHV-geprüfter Rückenprotektor mit beruhigender Dicke. Die
Rettung ist, wie heute üblich, an den Schulter aufgehängt und bringt den Piloten nach
dem Wurf zwangsläufig in eine hängende Position, die ein Verletzungsrisiko der
Wibelsäule minimiert. Der Griff des Retters ist zwar nicht im Sichtbereich, aber intuitiv
zu finden und gut zu greifen. Die Verbindungsleine Griff-Innencontainer ist eine der
kürzesten, die ich je gesehen habe und steht den Frontcontainer in nichts nach. Woher ich
das alles weiß? Sicherheitstraining!
Der
Protektor ist im Übergangsbereich zum Rücken mit einem Gelenk versehen,
das eine Anpassung an die Körperhaltung ermöglicht. Das Sit In gehört nämlich zu den
Gurten, die beim Beschleunigen in eine liegende Position "shiften", also zu den
Sitz-/Liegegurten. Ermöglicht wird dies durch das sogenannte DSS, das direct speed
system. Die Schultergurte laufen dabei im Bauchgurtbereich (ich sage bewußt wegen der
tiefen Anbringung nicht Brustgurt) durch eine Führung, die ein Verschieben der Geometrie
ermöglicht. Beschleunigt der Pilot nun in der sitzenden Position und macht sich
"lang", wandert die Kreuzung Schultergurt-Bauchgurt nach unten und der Pilot
kippt langsam, je nach Beschleunigungsgrad in die liegende Position. Der minimale
Anstellwinkel ist dabei über die seitliche Verstellung regelbar, von "richtig"
liegend (90°) bis fast aufrecht getreckt ist alles drin. Die Veränderung der Geometrie
"frißt" natürlich
einen
gewissen Beschleunigerweg, eine Sprosse ist daher empfehlenswert, falls der
Beschleunigerweg des Schirmes sehr lang ist. Eine der großen Herausforderungen an die
Konstrukteure ist nach wie vor die sich im liegen bildenden Rückenfalte, die auch beim
Sit In nicht ganz vermieden werden konnte. Als wirklich störend empfand ich sie aber
nicht, allerdings stehe ich auch nicht stundenlang im Speed. Die liegende Position beim
Beschleunigen ist nicht zwangsläufig, wer mag kann auch wie gehabt sitzende Gas geben.
Der Beschleuniger selbst verläuft innenliegend und tritt erst neben der Hauptaufhängung wieder aus der Versenkung hervor, ein sehr ordentliches System ist die Folge. Auch behindert keine zusätzliche Schnur die Retterauslösung. Um das Gaspedal immer kurz und beim Start aus dem Stolperbereich zu halten wird es unter dem Sitzbrett, das übrigens keine extra Verlängerung braucht (kein Hantieren nach dem Start!), mit zwei Gummizügen gebändigt. Braucht man es beim Flug, kann man es leicht mit dem Fuß angeln, weit weg sein kann es ja nicht.
In wie weit sich diese liegende
Position tatsächlich aerodynamisch gewinnbringend auswirkt weiß ich nicht, allerdings
ist sie beim speeden einfach sehr angenehm und dazu schon rein psychologisch effektiv, da
man bei Gegenwindpassagen nicht stets das Gefühl hat es ginge nicht vorwärts
(subjektiv). Auch kann man sich bei längeren Flügen mal ein wenig räkeln und strecken,
und damit einer Verkrampfung und Verspannung vorbeugen.
Die Hauptaufhängung des Sit In ist sehr tief, dadurch ist eine sehr feinfühlige und dosierte Gewichtssteuerung möglich, das aktive Fliegen wird einem wirklich sehr einfach gemacht (gutes feedback). Etwas ungewohnt ist zunächst der sehr tiefe Bauchgurt, beim Start hat man das Gefühl es fehle etwas. Sitz man aber erst ist alles wieder an seinem Platz und das am Bauchgurt befestigte GPS ist genau im Sichtbereich. Die Sitzposition ist irgendwie gemütlich, man hat durch das große Sitzbrett und die leichte Rücklage ein sehr "geborgenes" Gefühl. Auch bei heftigen Schüttlern und Schleuderern sucht man nicht gleich panisch den Halt im Gurt.
Resümee: Auch wenn mir der direkte Praxisvergleich fehlt möchte ich das Sit In als ein Top-Gurtzeug auf dem Markt bezeichnen. Es begeistert durch durchdachte Details, ein großes Potential an passiver Sicherheit und die Sitz-/Liegeoption durch das DSS. Die Aufhängung ist zeitgemäß tief, daher die Schirmkontrolle und das feedback sehr gut. Der Komfort ist hoch und der Stauraum auch der Ausrüstung eines Streckenpiloten angemessen. Vermißt habe ich lediglich die Schleppschlaufen, die der Flachlandflieger aber bestimmt bei den Gasteigers nachrüsten lassen kann.
Martin