Album ’97

Alle blicken zurück, warum nicht auch wir? Was war das für ein Jahr 1997, und was bleibt uns in Erinnerung?
Was war gut, was weniger?

Wetter: Alles in unserem Sport hängt vom Wetter ab, meistens war es aber nicht so schlecht, wie wir es gemeinhin bei
Rückblicken machen. Nach dem Katastrophenjahr '96 konnte es auch nur noch besser werden, und das wurde es. Nach
durchwachsenem Frühjahr eine längere Pause, und dann - etwas spät aber dafür länger als sonst - der Sommer. Glück
hatte, wer seinen Sommerurlaub in Frankreich verbrachte und erst im August, September oder Oktober die Alpen aufsuchte.
Hier waren bis in den Herbst hinein schöne Flüge möglich, auf Nord- und Südseite!

Schlagworte: So, wie sich der nichtfliegende Normalbürger an den "Reformstau" und natürlich den "Elchtest" erinnert,
beiben bei uns die "neuen 2er" im Gedächtnis. Viel wurde gesagt und diskutiert, die Szene erbebte wie seit der
Leinenproblematik nicht mehr. Ähnlichkeiten zwischen den "neuen 2ern" und der A-Klasse hat aber niemand erkannt!?
Das Unwort des Jahres entleihe ich aus der Szene-G-Kolumne. Eigentlich ist es kein einzelnes Wort sondern eine Wortform,
die den Zustand in eine Tendenz wandelt. Ich meine gefährliche Konstruktionen wie "föhnig" und "gewittrig", die so
manchen Flug in ein Überlebenstraining verwandelten. Dazu noch die Aussage '97 von Andy Hediger nach dem tragischen
Tod seiner Freundin: "Es war ein Tag, auf den man fliegerisch hätte verzichten müssen."

Geräte: Die GS-Intermediates wurden schneller und dynamischer und waren plötzlich keine Intermediates mehr, die
Schulungsschaukeln wurden leistungsstarke Flügel und waren plötzlich des Fliegers liebstes Kind. Weniger im Brennpunkt
die Hochleister, Quantensprünge gab es dort nicht. Bei den Deltas hat es sich herumgesprochen, "turmlos oder chancenlos".
Ohne Erwähnung blieben '97 Gleitsegel mit Schlauchholm und Skyfloater, dafuer gab es in der Starrflüglerfraktion neuen
Wind!

Wettkampf: Größere Medienpräsens bei den World Air Games, dafür leider keine bei der GS-WM in Castejon. Bei
den Drachen endete die Ära Suchanek-Ruhmer durch den Rückzug des Tschechen, Youngster Guido Gehrmann weist den
Weg ins nächste Jahrtausend. Der DHV-XC-Pokal geht erstmals an einen reinen Flachlanddrachenpiloten, bei den Schirmen
ist nach wie vor ohne Fiesch kein Staat zu machen. Eines bleibt: Viel zu viele zweifelhafte Durchgänge und viel zu viele
Unfälle. Kaum ein Bericht über einen grossen Bewerb ohne schwere oder gar tödliche Abstürze, sowohl bei Deltas als
auch bei Gleitsegeln. Alleine Guido Gehrmanns Tagebuch im F&G läßt zwei Male kräftig schlucken, die Situation
erinnert an die F1 der 60er Jahre, wo statistisch sicher einer von 10 Piloten das Jahr nicht überlebte. So kann es auf Dauer
nicht weitergehen, Leistungssport hin oder her.

Sicherheit: Nicht besser die Lage bei den Freizeitpiloten. Zwar steht der offizielle Unfallbericht des DHV noch aus,
eines ist aber gewiß: Er wird erschreckend ausfallen. Patentrezepte gibt es nicht, zumal wir uns nach Jahren der sinkenden
Unfallzahlen auf dem richtigen Weg wähnten.

Forum: Neu seit Anfang '97 unser Forum. Für uns sicher auch ein Stück Realität, tägliche, wöchentliche oder
monatliche, je nach Geschmack und Zeit. Natürlich gab es "Hänger", gerade in der Zeit mit den vielen "B's". Wenn Berge,
Bärte, Bier und Bratwurst rufen bleibt der Computer eben aus, aber als die Tage kürzer wurden wuchsen die Einträge
auch wieder. 1998 wird sich dann zeigen, ob der Diskussionsbedarf von Dauer ist. Für mich aber ist klar: Wo auch immer
es mich hin verschlägt, das Forum ist schon da.

Persönliches: Jeder sieht das Jahr anders, für viele bedeutet '97 eine Zahl freudiger Erlebnisse, für viele aber auch
weniger erfreuliche. Manche sind vielleicht gar nicht mehr zum Fliegen gekommen, andere waren stets am falschen Ort zur
falschen Zeit, nicht eben verwunderlich, wenn man im Januar den Urlaub für August planen muß. Mancher hat sich einen
Traum erfüllt und ist vielleicht über seine Heimat geflogen oder über einen ganz besonderen Berg, Paß oder See,
mancher hat seinen persönlichen Streckenrekord eingestellt oder den längsten Flug seines Gleitschirmlebens erlebt.
Andere haben sich vielleicht verletzt und mußten die beste Zeit des Jahres mit einem Gipsbein betrachten und wieder
andere haben vielleicht sogar einen guten Freund verloren.
Ich persönlich erinnere mich an schöne Soaringflüge in Brunas und Arcachon, erste Gehversuche im Streckenfliegen in
den Vogesen, eine Gipfelkreuztour in Westendorf, einen ewigen Abendthermikflug in Kössen und an Steilspiralen über
dem Ossiachersee. Ein tolles Erlebnis war auch ein Flug in einem Segelflugzeug über das heimatliche Weserbergland.
Weniger gerne erinnere ich mich an einen völlig unkontrollierten Rückwärtsstart mit Ausheben in der Mittagsthermik von
Millau, obwohl der für Außenstehende bestimmt etwas sehr profihaftes zu haben schien. Überhaupt nicht gerne erinnere
ich mich an zahlreiche Unfälle von mir unbekannten Fliegerkollegen, die allerdings gottlob alle mehr oder weniger
glimpflich abliefen.

Und 1998?: Schnell fällt mir ein "höher, länger und weiter". Aber schon beim schreiben der drei Worte zweifele ich an
der bestechenden Einfachheit der Stammtischparolen einer Leistungsgesellschaft. Wichtiger ist, dass ich 1998 keinen
höheren Preis für die Fliegerei zahlen muß, als im vergangenen Jahr. Weder möchte ich, daß einem Freund oder mir
etwas zustößt, noch seinem oder meinem Material. Außerdem möchte ich auch weiterhin so mit dem Flugsport umgehen
können, daß ich es nicht bereue, wenn ich an einem wolkenstrassenübersähten Sonntagmorgen einfach nicht in der Lage
bin zu fliegen, weil ich mit guten Freunden eine Nacht ausgelassen einen Geburtstag gefeiert habe. Und ich möchte mich
auch weiterhin über schöne Flüge freuen können, deren Charakter und Wert jenseits meßbarer Größen liegt.

Martin


 zurück zur Hauptseite