Ritter der Luft
(Ein melancholisches Märchen)

 

1. Prolog
Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, da verschlugen die Zeitläufte einen jungen Recken (genaugenommen war er schon nicht mehr ganz so jung und auch eher etwas vollschlank....) aus einem Lande namens Ostgermania in ein Städtchen im Osten des Reiches Austria, dort, wo die mächtigen Alpen allmählich in das sanfte steirische Hügelland übergehen. Unser Recke hatte von klein auf einen Traum: Frei und unbeschwert über den Himmel reiten zu können zu können, wie die Vögel fliegen ! Diesen Traum hatten in Ostgermania viele Menschen, aber ein sehr um die Sicherheit in seinem Reiche besorgter Herrscher traf eine strenge Auswahl: Nur den Würdigsten unter seinen Landeskindern, vielfach geprüft und durchleuchtet, wurde erlaubt, sich in Vögeln aus Holz und Polyester in die Lüfte zu schwingen. Aber selbst sie mußten für eine Stunde Flug viele Stunden auf der Erde fronen, und der freie Flug mit Flügeln aus Tuch blieb auch ihnen verwehrt. So war es kein Wunder daß unser Recke, auf dem der Blick des Herrschers wenig wohlgefällig geruht hatte, kaum in Austria angekommen freudig zu einem Zauberer eilte, die Kunst des Reitens in der Luft zu erlernen.

 

2. Felix Austria
Zunächst lernte unser Recke, Riesen aus Stoff und Schnüren zu bändigen. Er lernte es, ergraute, aus Urzeiten stammende MAXI's über Wiesen zu schleifen, mit CORVETTEn erste Schritte in der Luft zu machen und sich schließlich, einem APOLLO gleich, zum ersten Höhenritt für einige Minuten in die Luft zu erheben. Als er die Schwertleite, auch "Schulungsbestätigung" genannt, erhalten hatte, kaufte er sich sein erstes Luftroß, einen großen, gutmütigen Riesen namens "CLASSIC" aus dem Geschlecht der CONDORen. Er war zwar etwas träge und ihm fehlte der Segen des germanischen DHV, aber unser Recke war's zufrieden, trug er ihn doch einen Winter und einen Frühling lang sicher über Gebirg' und Ebene, verzieh fast alle Fehler und ließ es unseren nunmehrigen Piloten kaum spüren, wenn er einmal die Ohren hängen ließ.
Weit waren sie ja nicht, die Luftritte, und oft auch nicht lang. Aber die Menschen im Osten Austrias waren freundlich, die Seilbahnkarten billig und oft gab es abends eine Auffahrt gratis, sodaß unser Held (tja, das war man damals noch...) nach über hundert Ausritten im Sommer bereit war, für mäßige Gebühr den Ritterschlag des Sonderpilotenscheines zu empfangen.

Jetzt begann ein herrliches Leben ! Hatte unser Ritter bis jetzt schon die Kameradschaft des kleinen "Fliegenden Häufleins" und die Selbstverständlichkeit, mit der ihn sein Reitlehrer auch nach der Ausbildung unterstützt, geleitet und auch oft für ein Bier oder gute Worte die eine oder andere Kleinigkeit zugesteckt, eine Leine ausgetauscht oder ein Spannband ersetzt hatte, dankbar geschätzt, so lernte er jetzt die Weisheit der Regierung kennen, die ihm per "Allgemeinverfügung" die ganze Weite der Alpen erschloß, ihn überall starten und landen ließ und sich, von regelmäßigen Besuchen beim Medizinmann abgesehen, nicht groß um ihn kümmerte. Noch waren die Wegelagerer, die bereits in Tyrolia an den Startplätzen nahe der Seilbahnen Zoll heischten, nicht bis nach Styria vorgedrungen, die lärmigen Typen in bunten Gewändern für eine Zeit wieder von den Startplätzen verschwunden, und mit den wenigen Gleichgesinnten am Startplatz ließ sich trefflich auskommen.

Wem selbst sie zuviel waren, der konnte ein leicht' Gepäck schnüren: Das Roß, ein frugales Gurtzeug, wenig Stoff und Bänder, das auch beim Klettern in der steilen Felswand seinen Dienst tun konnte, ein kleiner Rettungsschirm im Rundcontainer, obenauf ein kurzes Seil und ein paar Haken, insgesamt nicht mehr und nicht weniger als ein wohlgepackter Tourenrucksack: So ging es zu Fuß bergauf, mit dem Roß bergab, und wieder bergauf. Unser Ritter ritt vom Dachsteingletscher zum Oberen Eissee, erklomm den Ochsenkogel, startete wieder, erreichte dank günstigen Winden den Krippenstein und landete im Abendlicht in Obertraun, nicht ohne, dem weisen Rat seines Reitlehrers folgend, wieder einmal über dem See B-Stall und Steilspirale trainiert zu haben. Er machte Hüttentouren im Tennengebirge, auf der Hochschwab, auf der Rax- und Schneealpe und freute sich diebisch wenn die Hochtouristen, die ihn beim Aufstieg ob seines Gepäcks mitleidig gemustert hatten, am Abend mit schmerzenden Beinen in der Talhütte ankamen, wo er schon seit Stunden beim Bier saß....

Langsam wuchs der Wunsch nach größeren Taten: Nicht nur vom Berg ins Tal, nein, auch hoch über die Berge wollte unser Ritter reiten ! Die Zeit war günstig: "Hochleister" genannte Rosse erschienen auf dem Parcour, der VECTOR, das PHANTOM, der TORNADO.... Stark waren sie, ohne Zweifel, aber ungebärdig. Ihre Herren ließen sie keinen Moment im Zweifel darüber daß, wer sie nicht bändigen konnte, ihr Opfer werden würde. Unser Recke beschloß, nach einigen Proberitten in turbulenter Luft und dabei durchgesch...witzten Hosen, doch lieber nur ein unbekannter kleiner statt ein berühmter toter Ritter zu werden. Trotz allem, auch mit sein neue, zahmeren Roß aus dem Stalle NOVA erlebte der Ritter viele Abenteuer in Austria, flog weit über Berge und Täler, erlebte Thermik und Absaufer, mußte aber auch einmal seinen Schutzengel bemühen....
Schneller als gedacht endete die Zeit in Austria, immer öfter rief Germania ihren verlorenen Sohn heim.

 

3. Patria germanica
Ah, Germania! Das ganze Germania, so freiheitlich, so demokratisch, so grundordentlich ! Unser Ritter hatte sich umzugewöhnen. In Germania, dem freien, demokratischen, hausten die Trolle Regularius und Bürokratius und verwandelten stracks jedes Stück Freiraum dessen sie habhaft werden konnten, in eine Gesetzeslücke.
So war es vorbei mit den freien Ritten in der Luft, nur an wenigen zugelassenen Orten, abgerungen den Behörden und Besitzern, beargwöhnt und bedroht von selbsternannten Naturschützern und gepachtet von Vereine war Fliegen möglich. Es fiel unserem Ritter schwer, sich von seinem treuen, erprobten Roß zu trennen, das nicht das Brandzeichen des väterlich über seine Schäfchen wachenden DHV sondern nur die geringeren des SHV und AFNOR besaß. Da aber in Germania kein Gleitschirm- (Verzeihung: Pferde)händler ein Pferd ohne DHV- Brandzeichen in Zahlung nehmen wollte und kein rechter Ritter der Luft es über sich brächte, sein treues Roß so mir nichts- dir nichts dem Abdecker zu überantworten, sandte er es zum Hufschmied NOVA mit der Bitte, die Eisen zu prüfen, neu zu beschlagen und, wo möglich, ein DHV- Brandzeichen aufzudrücken.

Nun kann kein Hufschmied der Welt, auch NOVA nicht, aus einem Maulesel ein Pferd machen. So kam das Roß zwar ohne DHV- Brandzeichen, aber mit gesiegelter Bulle, einer ausgetauschten Leine und einem netten Brief zurück. Die 180 Dukaten, die NOVA dafür heischte, dünkten dem Ritter billig. Er hatte sich, greift man fürderen Hufschmiedsrechnungen vor, nicht getäuscht. Wenigstens, dachte sich der Ritter, nachdem er sein altes Pferd sorgsam eingestallt hatte, habe ich mit einem neuen Roß keine Probleme: Ein Brauereipferd (DHV 1) brauche ich nicht, mit einem Rennpferd (DHV 3) werde ich nicht immer fertig - ein gutmütiges Sportpferd, das soll es sein ! Nun stellten die Sportpferde zwar zahlenmäßig die größte Klasse in Germania, aber unser Ritter wählte schnell, zumal die Pferdehändler der näheren Umgebung nicht eben freigebig mit Proberitten waren. Ein schon zugerittener A4 wurde das neue, DHV- konforme Roß für Ausritte in Deutschland. Unser Ritter, an Sprünge über wilde Gipfel und jähes Aufbäumen seines Rosses, aber auch an viel Luft unter den H...ufen gewöhnt, lernte im flachen Land jeden Höhenmeter zu schätzen, in Nasenhöhe an Waldkanten entlang zu streifen und selbst schwächste Bärte in geduldigen Pirouetten auszukurbeln. Trotzdem wurde ihm nicht gram, liebte er doch, mehr als alle stürmischen und langen Ritte, den Moment, in dem man im Sprung den Boden unter den Füßen verliert. Da tat es auch nichts, wenn nicht jeder Absprung gelang oder wenn man nach wenigen Minuten wieder auf dem Boden stand: Das leichte, geschmeidige Gurtzeug, als erstes angelegt, sorgsam geprüft und erst nach der Landung wieder geöffnet, hinderte kaum die Bewegungen, schob sich wie von selbst in die richtige Lage und war leicht wieder bergauf zu tragen.

Etwas jedoch grämte unseren Helden, der zwar Ritter austriae, aber germanischen Geblüts war: Daß die Deutschen Brüder, vor allem deren Knappenausbilder, sein Rittertum scheel von der Seite ansahen, es wohl gar nur der beschränkten germanischen Ritterschaft gleich setzten und ihm das Recht absprachen, über deutsches Land zu reiten, wo er es doch sonsten überall in Europa ungehindert tun durfte. Auch fiel es ihm schwer zu begreifen, weshalb sein treues, altes Roß ohne DHV-Brandzeichen bei Androhung hoher Kerkerstrafe in Germania im Stall bleiben mußte, wo doch jeder gebürtige Austriake mit Ritterschlag mit ihm in Deutschland reiten darf und es auch ihm in ganz Europa - mit Ausnahme von Germania- nicht verwehrt wird. Darob gab es auch mannigfach Geplänkel zwischen den Ordensoberen in Germania und Austria. Ehe es jedoch zu offener Fehde kam einigten sie sich, daß hinfort die höheren Weihen der Ritterschaft beider Länder gegenseitig voll anerkannt würden. Das tröstete unseren Ritter, auch wenn er sein treues Roß immer noch nicht in Germania reiten durfte. Mit Wohlgefallen vernahm er daß die, bei ihm ohnehin überfällige, Vorstellung beim austriakischen Medizinmann hinfort entfallen würde. Die neue Vorschrift, aller zween Jahre einen Ausritt von einem Kastellan oder einem Knappenausbilder bestätigen zu lassen dünkte ihm leicht, ritt er doch oft und regelmäßig.

 

4. Tempora muntandur
Ein böses Fatum wollte es, daß, von ihm unbemerkt, die Zeit ablief, da er seine austriakische Ritterschaft bei den Ordensmeistern erneut bestätigen lassen mußte. Zwar war dies nicht schlimm, viele austriakische Burgen trugen an, ihm seine Ritterschaft wiederzugeben, aber ach: Wie manch' germanische Burg zuvor, die ihm zusätzlich zur austriakischen die unbeschränkte germanische Ritterschaft versprochen hatten, heischten auch sie viele, viele Gulden und geduldiges Harren unter den Knappen für diesen Dienst.
Unserm Ritter kam ein böser Verdacht. Commercialia ! Das konnte nur Commercialia sein, die undurchsichtige Fee, die zwar den Ihren gab, aber sie auch leicht vom Pfade ehrsamer Kaufmannschaft in das Dunkel des Raubrittertums locken konnte. Der Ritter runzelte die Stirn. Ging nicht auch die Rede von neuen, unerhörten Rössern, stark, schnell, leicht am Zügel zu führen, auf der Reitbahn gutmütig wie Haflinger, die sich jedoch blitzschnell in feuerspeiende Monster verwandeln konnten, griffen ihre Reiter nicht unverzüglich und mit kundigem Griffe in die Zügel ?. Und diese Rösser kamen nicht etwa ohne Brandzeichen aus den östlichen Steppen, nein, eingebrannt trugen sie das altvertraute germanische "DHV 2" - Zeichen. Wehe dem Ritter, der in blindem Vertrauen sein altes 2-er Roß in eine neues 2-er Roß tauschte und unvorbereitet in wilde Luft ritt oder sich im Kunstreiten versuchte ! In steilen, nicht enden wollenden Pirouetten konnte ihn sein Roß ins Verderben stürzen.

Manch einer sprach schon von Roßtäuscherei, und wie bitterer Hohn klang das Verdikt eines Ordensoberen "Ein Normalritter hat auf einem 2er Roß nichts zu suchen !" manch' bravem Rittersmann in den Ohren. Nein, hörte man da von der DHV-Ordensburg, nicht die neuen Brandzeichenkriterien seien schuld: Nur die Rösser seien besser geworden, die Ritter hätten sich dem anzupassen. Es stehe ja jedem Ritter frei, sich in Sicherheitsturnieren mit seinem Roß vertraut zu machen, selbst neue Ordensburgen, kenntlich am "Performance Center" - Panier, würden aufgerichtet, damit hinfort kein Ritter mehr an seinem Rosse zugrunde gehen müsse. Auch seien neue, schwere Panzer erhältlich, ja in Austria sogar vorgeschrieben, die bei einem Sturz vom Pferde schützen. Nur koste dies natürlich einige Taler....Commercialia, sicher steckt Commercialia dahinter, dachte unserem Ritter. Was sollte er tun ? War er noch ein rechter Ritter? Er mußte es beweisen, bald beweisen.

In seiner Not entsann er sich eines alten Kampfgefährten aus manchen Kreuzzügen im Canarischen Archipel, germanischer Burgherr, Knappenausbilder und redlicher Roßhändler. "Mein Freund", sprach der, "sei nicht gram. Siehe, der Brandstempel ist nicht alles, ich habe Rösser im Stalle stehen, gezeichnet wie bessere Brauereipferde, aber schneller und stärker als deine alten Rösser, dabei fromm und nicht tückisch. Auch neues gepanzertes Sattelzeug habe ich, nur wenig teurer als dich die Panzerung deines alten kosten würde. Und siehe, Dein Schutzengel ist alt und grau geworden, auch ihn kann ich Dir wohlfeil ersetzen." Und so geschah es, daß unser Ritter alsbald gegürtet mit einem Satttelzeug aus der Schmiede von AIREA, einem EDELen Roß, einem wahren ATLAS von Gestalt, und einem nagelneuen Schutzengel gen Austria ritt, dem kleinen Städtchens am Ostrande der Alpen, den freundlichen Leuten und dem alten Zauberer, der ihn einst das Reiten in der Luft gelehrt hatte, entgegen.

 

5. Ubi bene, ibi....
In einer Mischung aus Bangen und Erwartung fuhr unser Held in die mächtigen Alpen. Im Gepäckraum seiner Kutsche, dort, wo einst zwei oder drei Turnierausrüstungen Platz fanden, räkelte sich jetzt sein Panzersattel und ließ gerade noch Platz für ein zweites, ängstlich in die Ecke gedrückte alte Roß frei. Der alte Zauberer begrüßte unseren Ritter. Sorgenvoll war sein Gesicht geworden, seit nicht mehr so viele Knappen zu ihm kamen und es verfinsterte sich, als sein Blick auf das glänzende Roß und das blinkende Sattelzeug fielen. Commercialia! schrie es in unserem Ritter, Du auch hier ?!. Aber der Hinweis auf die Brandzeichen auf Roß und Sattel, dem Meister nur vom Hörensagen bekannt, besänftigte ihn, hatte er doch zeitlebens kein solches Roß im Stall gehabt. Nun, der Ritter fand billige Herberge direkt am Reitgarten, freudig begrüßt von alten Kämpen, die neugierig sein Roß musterten. Liab schaute es ja aus, aber viel wurde ihm von den wilden SHV- und ACPUL- Reitern nicht zugetraut. Unseren Ritter ließ es nicht verdrießen: In der folgenden Woche wechselten Flüge mit jungen Knappen, die ihre ersten Weihen erhalten hatten, unter den aufmerksamen Augen des Meisters mit Lustritten und abendlichen Diskursen ab. Manches gab es für unseren Ritter neu zu lernen, manches konnte er beitragen, und anerkennend mußte er bestätigen daß sein neues Roß zwar neue Ansprüche stellte, aber ein wahrer Pegasus verglichen mit dem alten war. Als ihm schließlich, der Wind heulte an diesem Frühlingstag so den Berg hinauf, daß manche Reiter ihre Sport- und Rennpferde selbst am Boden nicht bändigen konnten und deren zween sogar weit draußen deutlich sichtbar an der großen weißen runden Hand ihres Schutzengels zu Boden geleitet werden mußten, ein weiter Ausritt sonder scheuen seines Rosses gelang, war er sich seiner Ritterschaft wieder sicher. Auch die allgemeine Meinung über sein Roß hatte sich entschieden zum Guten gekehrt.

Nur der Panzersattel....- Bequem war er ja, saß man erst einmal richtig darin, und bei den hohen Bergen fiel es auch nicht ins Gewicht daß es etwas länger dauerte, bis man sich richtig darin adjustiert hatte. Nur auf dem Boden war er hinderlich. Unser Ritter, gewohnt zuerst in sein wie eine zweite Haut passendes Gurtzeug zu schlüpfen, es sorgsam zu schließen und erst dann sein Roß in die Startreihe zu stellen, mußte nun dem Beispiel seiner Kameraden folgen und erst zuletzt die Rüstung anlegen. Da auch andere Ritter auf ihren Start warteten, geschah dies oft flüchtiger und mit weniger Sorgfalt, als es dem Ritter lieb war. Auch war es nicht mehr so leicht, dem Tänzeln des Rosses beim Start durch leichtfüßiges mitlaufen zu begegnen. Öfter als in seinem alten Sattel mußte der Ritter sein Roß wieder zu Boden zwingen. So kam es wohl vor, daß unser Ritter, erschöpft vom Ringen, die Zügel schießen ließ, auch wenn sein Pferd noch tänzelte oder ein Ohr hängen ließ. Auch anderen Rittern schien es so zu gehen und ihm dünkte, daß manches Mal der Panzer vor Stürzen schützen mußte, die ohne ihn gar nicht passiert wären. Auch die Mär von unvorsichtigen Rittern, die wegen nicht geschlossenem Harnisch in grauser Höhe von ihren Rössern in den Tod stürzten und die er oft mit einem Kopfschütteln abgetan hatte, kam ihm jetzt erklärbar vor. Hatte er doch selbst, nach mißlungenem Start, seinen Harnisch geöffnet um sich auf dem mühseligen Rückwege Erleichterung zu verschaffen, und hatte ihn nur das in langen Jahre zur Gewohnheit gewordene Abtasten der Schließen vor Aufnahme der Zügel vor einem solchen Schicksal bewahrt !

Da sein alter Lehrer, wiederum gegen geringe Gebühr, und die Ordensmeister in Vindobona ihm gnädig waren und die Bulle seiner erneuerten Ritterschaft mit reitenden Boten gar bald eintraf, konnte unser Held noch viele Orte in Austria bereiten. Er sah über dem Hallstädter See, wo er bescheiden Steilpirouette und B-Zügelstall übte und seinem Roß mal das eine, mal das andere Ohr anlegte, Ritter ihre Rösser zu wilden Sprüngen stacheln und erfuhr, daß dies eines der berühmten "Sicherheitsturniere" währe. Bei solch' wilden Sprüngen, die da manches Roß vollführte, und der Mühe, die der Reiter hatte, es wieder recht in Gang zu bringen, dachte unser Ritter, ist es doch besser, ein Panzergurtzeug zu besitzen. Je weiter er nach Westen vordrang, desto mehr verstärkte sich dieser Eindruck. Ganze Heerhaufen von Rittern, viele aus den Ebenen Germaniens, bevölkerten die Startplätze, ritten auf feurigen Rössern, die sie oft nur mit Mühe in die turbulente Luft brachten, Parforce und brachten sie oft mit großer Mühe gegen den Talwind wieder auf die Erde zurück.

Ein geheimnissvoller Sog schien auf manche dieser Ritter zu wirken, sahen sie nur einen der Ihren in der Luft. Sonder zagen, und mochten auch dräuende Wolken den Horizont umstellen, stürzten sich viele von ihnen in die Luft, den Lemmingen die sich ins Meer stürzen, gleich. Etwas, das besonders die jungen, buntgekleideten Ritter "Kick" nannten, schien viele von ihnen zu treiben. Vielleicht war es aber auch die Angst, nicht als ebenbürtig angesehen zu werde, oder der Geiz, wiederum dem Seilkutscher löhnen zu müssen, fuhren sie unverrichteter Dinge wieder ins Tal ? Gewiß, auch unseren Ritter dauerten die Stunden, die er im Tal oder wartend auf steiler Höh' zubrachte, doch dünkten ihn die Ritte, bei denen er auf seinem Roß von sanften Lüften gehoben wurde, freudvoller als das Bocken des Rosses in wilden Strudeln. Als sich sein Ritt durch Austria seinem Ende neigte, traf er unversehens seinen germanischen Roßhändler inmitten seiner Knappen. Zwei Tage ritt er noch mit Ihnen, und was den Knappen beigebracht wurde, dünkte ihm trefflich. Ob es sich um eines der hoch gelobten "Performance Center" handele, begehrte unser Ritter zu wissen. Nein, gab ihm sein Freund bescheiden zur Antwort, der Preis für dieses Panner dünke ihm zu hoch, er wolle auch fürderhin unter dem bescheidenen Fähnlein der "Alpineinweisung" reiten. Wohl glaube er aber, daß seine Knappen deshalb nicht schlechter gerüstet in den Kampf zögen. Dem konnte unser Ritter nur aus vollem Herzen zustimmen und nachdem ihn auch der Preis dafür sehr, sehr mäßig dünkte ritt er nach Hause, wissend, daß in diesem Tal Commercialia für diesmal nicht triumphiert hatte.

 

6. Finis poloniae
Einen Sommer ritt nun unser Ritter mit seinem neuen Roß und Sattel an den sanften heimischen Hügeln in Germania. Erfreute ihn sein Roß, so war doch das Panzergurtzeug sehr, sehr lästig. Die wenigen Sekunden mehr, die er brauchte, sich in ihm zu adjustieren erwiesen sich oft als fatal und stahlen ihm die wenigen Höhenmeter, die stets nur zwischen Steigen und Absaufen lagen. Auch geschah es immer öfter daß er sich erst spät, spät vor der Landung in den Bügeln aufrichtete, ob der Beschwerlichkeit, die diese Haltung wegen des Panzers bot. Da half auch eifriges nesteln und knüpfen nichts: Die Geschmeidigkeit, die der alte, leichte Sattel bot, wollte sich nicht einstellen. Auch blickten seine Freunde, die Husaren, welche mit kleinen Ponys aus großen Höhen springen und es gewohnt sind, sich notfalls in eleganter Rolle auf dem Boden zu wälzen, mit Kopfschütteln auf das Ungetüm. Mit so einer Schildkröte auf dem Rücken, sprachen sie, wäre nie und nimmer ein vernünftiger Landefall möglich. So empfahlen sie dem Ritter, bei seinem leichten Sattel zu bleiben und stattdessen das Abrollen zu üben.....

Der Ritter tat so, ritt mit leichtem Sattel und gewann sein Pferd mehr und mehr lieb, war es doch bei schwachen Bedingungen im flachen Lande den meisten Rennpferden ebenbürtig, ja überlegen, und von kaum zu übertreffender Gutmütigkeit. Als jedoch der Herbst kam, überfiel den Ritter eine heimtückische Krankheit. Zwar erklärte ein Medizinmann, sie binnen kurzem mit Pülverchen und Mixturen heilen zu können, jedoch müsse der Ritter den Winter über dem Reiten entsagen. So übergab der Ritter Sattel, Zaumzeug und Pferd einem befreundeten Drachenkämpfer, dem mit der Zeit der Aufwand für kurze Kämpfe mit einem Drachen zu hoch geworden war, hoffend, bald wieder selbst in den Sattel steigen zu können. Aber ach, die Hoffnung zerschlug sich, über ein Jahr schon mühten sich die doctores mediciniae und chirugii, den Daemon doloreux aus des Ritters Körper zu bannen, und war doch kein Ende abzusehen....

 

7. Epilog
Einsam saß nun der Ritter auf seiner Burg und betrachtete von fern das Getümmel der Ritterschaft. Viele, zu viele Ritter waren im letzeten Jahr auf dem Felde geblieben. Die Ordensmeister versuchten, mit drakonischen Maßnahmen dem hinfort zu wehren. Der Panzersattel hatte in Austria vielen Rittern die Gesundheit erhalten. Das war gut so, doch würde nun wohl niemend mehr mit leichem Gepäck die Berge besteigen können, um von ihnen herunterzureiten. Immer mehr Ritter würden sich an den Bergstationen der Seilkutschen drängen, im flachen Land würden die Benzinkutschen mehr denn je zwischen Start- und Landplatz pendeln müssen. Auch in Germania war das Ende der leichten Reiterei abzusehen, auch hier wird der Panzersattel bald zur Pflicht gemacht. Immer strenger sollte der Unterricht der Knappen, immer länger der Weg zur Ritterschaft werden. Dabei kostet einen Knappen in Germania die Erringung der Ritterschaft heute schon mehr, als unser Ritter seinerzeit für Schwertleite und Ritterschlag, sein erstes Roß samt Sattelzeug löhnen mußte! Waren doch so viele Studiosi und Scholaren unter den Knappen, die nach dem Ritterschlag sparen mußten und legten sich alte Rennpferde, denen sie nicht gewachsen, die aber wohlfeil zu haben waren, zu.

Traurig streifte der Blick des Ritters den Sattel an der Wand und die beiden alten Rösser in Ihren Boxen. Neue Eisen sind eigentlich auch wieder fällig, fiel es ihm ein, aber lohnt es noch ?

War da nicht der Traum, leicht und unbeschwert wie die Vögel durch die Lüfte reiten zu können ? Sollte es den Rittern der Luft so gehen wie den Ordensbrüdern der Drachenkämpfer, derer immer weniger werden, weil die Drachen immer stärker geworden und für immer weniger Ritter handzuhaben sind ? Sollen wieder Ordensmeister, die vorgaben, nur um die Sicherheit ihrer Landeskinder besorgte zu sein, eine strenge Auswahl treffen, sodaß nur die Würdigsten, vielfach geprüften....

Der Ritter rieb sich die Augen: Konnte das sein ? War er nicht vor vielen Jahren nach Austria gezogen, dem zu entgehen ? Nur schien es jetzt nicht ein böser Landesherr, sondern Commercialia, die Hexe, zu sein, die im Bunde mit Burgherren, Knappenausbildern und Pferdehändlern unablässig neue Weihen, neue Sättel, neue Pferde heischte, die der vielen Taler wegen manchen Landeskindern den freien Flug verwehren.

Würden die Taler, Commercialia geopfert, neue Gesetze, neue Verordnungen, mit denen man Bürokratius und Regularius ein nicht wiederkehrendes Stück Freiheit in den Rachen warf, tatsächlich künftig verhindern, daß junge Ritter auf der Walstatt blieben ? Unser Ritter wagte es zu bezweifeln. So wie immer wieder junge Wagenlenker im waghalsigen Übermut ihre zwei- oder vierrädrige Kutsche, sei sie nun mit zehen oder hundert Pferden bespannt, aus der Bahn werfen, so ist auch der Ritter der Luft immer in Gefahr, die um ihn tobenden Gewalten zu unter- und sich selbst zu überschätzen. Besser als jegliches Verbot wäre es, so dachte der Ritter, wenn die Knappen verstehen lernten, daß jeder Flug, sei er noch so bescheiden, mehr erfüllter Menschentraum ist als vieles, was Gewalt und Technik schufen. Sie sollten lernen, Roß und Reitplatz sorgsam zu wählen, ihren Fähigkeiten und Neigungen nach.

Vorsicht schändet keinen Ritter, und nicht jeder Ausritt ist ein Turnier, in dem man um jeden Preis der erste, höchste, schnellste, weiteste Reiter sein muß. Auch sollte man ihnen sagen, daß nicht das Roß den Reiter macht, denn ein ungeschickter Reiter auf schnaubendem Roß ist ein unglücklicherer Anblick als ein mäßig geschickter auf einem zahmen. Pferdehändler und -züchter sollten sich darauf besinnen, daß viele Ritter ihr Pferd nur selten aus dem Stall holen können. Für sie, nicht für eine Handvoll Profijockays, sollen die Rösser reitbar sein ! Auch sollen die Brandzeichen wieder Wert bekommen: Solange ein DHV 2 - Roß nit sicherer zu reiten geht als eines mit SHV oder AFNOR oder gar eines ganz ohne Brandzeichen, ist's eitel Augenwischerei und Beutelschneiderei.

Nicht ewig, glaubt mir, wird Commercialia ihr blendhaft' Zauberwerk aufrecht erhalten können, daß für jeden Recken Ritterschlag, Sicherheitsturnier und Performance Center unabdingbar zum Fliegen seien ! Wissen doch viele, viele germanische und austriakische Ritter darum, daß es im Frankenland, in Italia, in Espagna, in Slovakia und Slovenia, ja sogar in Austria Kämpen, die nie einen Ritterschlag erhalten noch ein Roß mit Brandzeichen geritten haben, gibt, und die rittern und turnieren doch grad wie die Teuffel. So sei es den Ordensherren an's Herz gelegt, nicht noch die letzten Freiheiten Regularius zu opfern, denn die Luft schert sich nicht an Ritterschlägen und vielfach gesiegelten Bullen: Reiten lernt man beim Reiten und sein Roß lernt man in der Luft und beim Spielen auf der Koppel am trefflichsten kennen. Laßt Platz den Orden der Paralpinisten und den Flachlandfliegern und laßt die freie Wahl der Rosse - wer sich in eitel Prahlerei übernehmen will der tut es, hindern könnt' ihrs doch nicht.

Gebt den Rittern verläßlich Halt und Stütze bei der Wahl ihrer Rosse und hindert Commercialia, sich zu eitel und bunt zu blähen, so habt ihr das Beste für euere Ordensbrüder bereits getan. Wollt ihr mehr tun, so gebt denen, die es wollen, die Möglichkeit sich zu üben, aber drängt sie nicht - wer nicht täglich mit Erlerntem umgehen kann, dem bleibt über's Jahr nur ein Papier und trügerische Sicherheit . Schließlich, ihr austriakischen Ordensherren, dankt dem, der euch die Alpen und denen, die euch die Allgemeinverfügung gaben, opfert nit freiwillg Freiheiten, die ihr nit wiedererlangen werdet, und seid, so gut es geht, zu eueren deutschen Ordensbrüdern gut.

 

Das schrieb, den Freunden zur Erinnerung, den Knappen zur Belehrung und den Ordensmeistern zur Mahnung, in seinem Turme ad loci Jenense im Thermikmond 1999 der Ritter austriae und des germanischen DHV Vasall

Hartmut

 


 zurück zur Hauptseite