Ernstfall: Retterwurf

Wir alle haben einen, keiner will ihn jemals gebrauchen und wenn wir ganz ehrlich sind rechnen wir doch auch alle nicht wirklich damit, oder? Der Retter gehört zur Ausrüstung, ist unsere Versicherung, man klopft vor dem Start noch einmal beschwörend darauf aber in der Beliebtheitsskala rangiert er gleich hinter dem Airbag unseres Autos. Ständig sind wir hin- und hergerissen, wohin mit dem Teil? Weit weg auf den Rücken, da stört er nicht, doch komme ich an den Griff? Was, wenn der Griff mir aus der Hand flutscht und nach hinten weht? Wohl niemand bezweifelt die Effektivität eines Frontcontainers, doch muß das sein? Dieses unaufgeräumte Gebaumel und Geschlacker, die Behinderung beim Start, die Dämpfung durch Kreuzgurteffekt? Und das alles für ein Ding, daß wir doch nur proforma mitnehmen, denn "ausscheiden" tun immer andere, nicht wir?

 

Outing part I
Am 13.3.2000 um 12.30Uhr startete ich am Thurntaler in Lienz, Weststartplatz am Ende des Sesselliftes. Es waren westliche Höhenwinde vorhergesagt, aus NW war frische Kaltluft eingeflossen und in Zusammenarbeit mit den schneefreien Südhängen und der deftigen Märzsonne sollten gute Steigwerte entstehen. Zugegeben, der Wind war schon recht böig und frisch und man konnte auch ein wenig Nordkomponente erkennen, alles in allem waren wir uns aber sicher einen guten XC-Flugtag erwischt zu haben. Die Anwesenheit namenhafter Streckencracks, die Aussagen der sehr hilfsbereiten Flugschule BlueSky und nicht zuletzt ein von einem Einheimischen am Vortag geflogener 65er oneway nach Greifenburg schienen das zu bestätigen. Lange Rede kurzer Sinn, mein Flug endete nach etwa 5 Minuten an der Rettung in der Südflanke des Thurntalers. So why?

Auf besagter Südflanke stand ein monströser Bart mit abrupten 6m/s+. Zusätzlich war er vom frischen Westwind versetzt und man mußte ordentlich Vorhalten und dann schnell kehren, um ihn halbwegs sauber zu erwischen, dann ging die Post aber ab. Bis ich scheinbar (!) bei einer dieser Rechtskehren aus dem Teil fiel und die Kappe trotz moderater Bremse (ca.50%) negativ abriß. Die Reaktion war "Hände hoch - fliegen lassen", es folgte ein mäßiges Vorschießen rechts und dann links, dann schoß das linke Flügelende durch die Leinen bis etwa zur Mitte des Schirms. Der anschließende Spiralsturz ließ sich von mir nicht stoppen und das Abschätzen der Höhe war schwierig, da zum einen die Rotation eine Orientierung erschwerte und zudem nicht nur unter mir sondern auch neben mir Grund war.

Also gab es nur eine richtige und sinnvolle Entscheidung: Rettung 'raus !

Die Rettung öffnete perfekt und ich ging in besagter Südflanke nieder, zwar auf einem Felsen aber dank Protektor unverletzt.

 

Analytisches (soweit sinnvoll und möglich)
Eine Absturzursache im Sinne von "was kann man anders machen, damit das nicht wieder passiert" gibt es meines Erachtens nicht, außer man verzichtet einfach auf derartig heftige thermische Bedingungen. Also versuchen wir mal die Faktoren aufzulisten, die nach meinem Empfinden dazu geführt haben, daß alles glimpflich abgelaufen ist:

 

Resümee

 

Outing part II
Das gehört zwar nicht zum Sicherheitsaufsatz aber ich will es trotzdem loswerden. Ich bin kein Testpilot, ich bin kein Profi und ich bin nicht total wahnsinnig. Und deshalb ist durch diesen Absturz einiges in Unordnung geraten, den Schreck steckt man nicht von einem Tag auf den anderen weg. Ich bin zwar in den folgenden Tagen in Bassano wieder geflogen, aber für mehr als eine Stunde hat das Nervenkostüm noch nicht gereicht. Und wenn es mal ein klitzekleines bißchen gebockt hat war die Panikattacke auch nicht weit. Nun mag es Menschen geben, denen geht das anders. Ich schätze aber den allermeisten geht es ähnlich, zumindest denen, mit denen ich jetzt so gesprochen habe (abseits der Stammtische dieser Welt). Solltet Ihr also auch mal vom Himmel fallen - we don't need another hero! Laßt Euch Zeit und sprecht mit Euren Fliegerfreunden über Euren Zustand. Solltet Ihr keine Fliegerfreunde haben, die das hören wollen, sucht Euch neue!

 

Martin

 


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