Sicher kennen viele dieses Gefühl, die Fliegerei sicher und besonnen zu beherrschen. Schön zu fliegen, wenn's paßt, zu verzichten, wenn's unsicher ist, keine Angst vor Klappern zu haben, weil man den Schirm im Griff hat, viel fliegerisch unterwegs zu sein, etc. kurz, man wähnt sich auf gut trainiertem Stand, der letzte Startabbruch liegt lange zurück und die letzte Hosenbodenlandung auch.
Ich meine gar nicht die Überheblichkeit des "mir kann nix passieren" sondern die Gelassenheit a la "ich suche mir die Bedingungen raus". Zweimal in den letzten sechs Monaten durfte ich allerdings erleben, daß zwischen pefektem Umfeld und haarsträubender Situation nur Sekunden liegen und wer viel fliegt, der kommt früher oder später in so eine Situation. Das ist kein Menetekel "Euch erwischt's auch noch !", einfach eine Feststellung, daß bei aller Vorsicht und Besonnenheit es einfach einen klitzekleinen Moment geben kann, in dem man unkonzentriert ist oder in dem sich die Elemente einfach verschworen haben, und schon hat man zu kämpfen.
Hier eine der beiden Geschichten:
Im Februar dieses Jahres habe ich mich kurzfristig entschlossen, mich einer amerikanischen Fliegergruppe nach Mexiko zu folgen. Übrigens, wer so etwas mal vorhat, dem sei Chris Santacroce an's Herz gelegt. Der Mann ist zwar nicht ganz billig, aber er kann perfekt organisieren. Wir hatten die besten Hotels und die ganze Zeit über drei große Vans für insgesamt 12 Leute mit je einem 2-sprachigen Fahrer ... perfekt ! Und das mexikanische Essen ... rülps, ääh, wow ! Man bekommt in Mexiko als "Gringo" fast alles, gegen Pesos oder besser noch Dollars.
Wie dem auch sei. Es herrschten gleich am ersten Tag perfekte Streckenflugbedingungen. Da ich zu den Frühstartern gehöre, war ich einer der ersten in der Luft und durfte mich gleich vor dem Startplatz in recht ordentlicher Thermik hochschrauben und zur nächsten Tankstelle weiterfliegen. Diese ist ein markanter Felsdom, ca. 1km vor einer Abbruchkante gelegen und etwa 500m hoch, perfekt angeströmt. Da zieht viel warme Luft aus der vorgelagerten Ebene dran hoch und reißt über'm Gipfel ab. Allerdings darf man bei sowas nie nie NIE auf die Leeseite fliegen.
Ich komme gut und bequem vor dem Felsen an und achter in ruppiger und heftiger Thermik Richtung Gipfel auf. Zurückblickend sehe ich meine Freundin, wie sie vom Startplatz her angeflogen kommt, etwas tiefer fliegend als ich. "Na, gleich hat sie mich wieder." denke ich mir.
Über dem Gipfel fange ich an mit Kreisen, da es relativ bockig ist, fliege ich stark angebremst. Ich liege / sitze bequem zurückgelehnt in meinem Gurtzeug und gucke unter mich, abschätzend, ob ich warten soll, bis sie mich erreicht. Ja, denke, zusammen ist's schöner. Ein Kollege dreht inzwischen zwischen dem Felsdom und der Kante weiter auf. "Der ist aber mutig" denke ich " wenn's den da erwischt fällt er durch's Lee in den Wald".
Mein Bart zieht immer besser, es sind schon über 5m/s und es bockt ziemlich. Etwa 300m trennen mich schon vom Gipfel, 800m vom Talgrund. Meine Süße muß kämpfen, vielleicht braucht sie doch länger und ich hatte nur eine gute Phase erwischt. Schade, soll ich dann alleine weiter ? Rechts entlastet der Schirm leicht, wahrscheinlich ein 30%-Kläpperle, nicht der Rede wert, ich bremse leicht, er schnalzt auf und der Gegenklapper ist heftig und aus heiterem Himmel. Ich gebe meine zurückgelehnte Position auf und richte mich auf, es wirbelt mich rum, die Gurte sind vor meinen Augen verdreht. Der Schirm, ca. 60% eingeklappt, taucht vor mir ab. Die Bremse ist offen und irgendwas blockiert sie. Es geht rund. Ich gucke nach unten und sehe mich, versetzt durch den Wind, in Richtung auf das Lee zwischen Felsdom und Kante fallen.
Mir geht nichts durch den Kopf, keine Panik, keine Angst, kein Gedanke außer "Das hast Du nicht mehr Griff !". Der Griff der Rettung ist schon in der Hand und das Paket draußen und schlagartig ist Ruhe.
Dann habe ich viel Zeit, denn mein Weg nach unten durch's Lee beträgt sicher noch 600m. Der Schirm fliegt natürlich wieder, aber es rumpelt dermaßen hier im Lee, daß es mir nicht gelingt, ihn einzuholen, Die B-Gurte, immer noch verdreht, kann ich nicht greifen. Die Stabiloleine zerschneidet mir die Handschuhe. Ich geb´s auf und gucke nach unten. Es wirft mich hin und her, durch die Scherenstellung und sicher auch die kochende Luft um mich rum. Glücklicherwiese ist dichter Wald unter mir und ich habe zwei große Stoffbahnen. Eine davon wird sich sicher (hoffentlich) im Baum verfangen. Da kommt er, und kurz vor'm eintauchen in's Grüne wird es ganz ruhig. Sanft setzt es mich ab, de Schirm links über einem Baum, die Rettung rechts. Vom Boden trennen mich geschätzte 8m.
Das weitere ist dann Knochen- und Fußarbeit. Dank der Hilfe 3er Mexikaner, die mich aus dem Baum pflücken und meine Ausrüstung bergen, sogar meinen Sack tragen. Natürlich für Pesos ...
Ein Fazit gibt es nicht, außer daß man nicht immer voll konzentriert sein kann. Und wenn's dann mal aus dem Ruder läuft sollte man sich so weit vorbereitet haben, zu erkennen, daß man eine Sache nicht mehr im Griff hat und sich dem großen weißen Überraschungspaket überantworten, egal wie hoch man ist.
Die Geschichte ist aber noch nicht aus, wie ich einige Tage später erkennen muß. 3 Folgetage habe ich gebraucht, um wieder Vertrauen zu finden. Ich bin jeden Tag 1-2 Stunden rumgeflogen, habe mir meine Bärte weit weg von Hängen oder Kanten gesucht, immer mindestens 100m Luft unter dem Hintern behalten, den Startbart oft ausgelassen und eine Blase weiter draußen gesucht. Die fand sich auch jedes Mal, so daß ich mich immer weiter rantasten konnte an's richtige fliegen. Eines abends, beim Soaring an der Kante vor'm Startplatz, habe ich mich wieder an die Bäume getraut, bis es so schwach wurde, daß wir alle runtersanken.
Dann saß ich mit meiner Freundin beim abendessen, sie war jeden Tag weggeflogen und hat mir über die Landschaft, das Schmetterlingstal, etc berichtet und ich sagte zu ihr "morgen bin ich wieder dabei !". Da freut sie sich !
Am nächsten Tag läuft's wirklich wieder perfekt. Wir nehmen uns nicht den Startbart, sondern den ruhigeren weiter draußen, dafür zieht der durch bis auf 9500 Fuß (Amerika ...) und während der Rest der Mannschaft unter un's im thermisch durchsetzten dynamischen Wind kämpfen machen wir uns vom Acker, Steffi vorne weg, ich dicht dran und einer der Amerikaner uns auf den Fersen. Wir brettern die Wolkenstraße lang mit Rückenwind, ohne viele Kreise, halten am Ende kurz an. Unser Verfolger ist weg, gelandet. Wir funken uns munter zu, daß es abends nur so neidische Beschwerden hagelt.
Dann gleiten wir in's Blaue, mit megaviel Höhe und sind uns sicher, auf den nächsten Kilometern eine offene Tankstelle zu finden. Tiefer geht's und tiefer, im Funk bekommen wir was mit von einem Retterwurf hinter uns ... schon wieder, aber wohl nichts passiert.
Über einer Kante, perfekt in der Sonne und angeströmt, versuchen wir, was zu finden, aber es geht nichts. Ich gucke runter und sehe, wie Steffi einen Frontstall kassiert, den Schirm einseitig überbremst und der in Folge abwechselnd rechts und links anfährt, jeweils weit vorschießt und jedesmal heftig klappt. "Rettung, Rettung, Rettung" rufe ich in's Funk und da ist das Paket auch schon. Nichts passiert ...
Noch eine Anmerkung: Meine Starkwind-Starttechnik hat in Mexiko sehr stark gelitten, wohl aus psychischen Gründen ("eigentlich will ich gar nicht in die Luft") und 2 Tagen Übungshang hier in Deutschland hatte ich bitter nötig. Mehrere Flüge in den Alpen bei schwachen Bedingungen sowie die Osterwochen in Sillian haben mich inzwischen zu meiner alten Form zurückgebracht.
Die Fliegerei ist immer noch das schönste, was es gibt. Ich hoffe nur, daß das nächste schlechte Erlebnis noch ein Weilchen auf sich warten läßt.