Geräteerfahrung Independence Radical M

Pilot: Tobias Schreiner
Flugerfahrung: ca. 300 Flugstunden, seit heuer Ligapilot
Vorgängerschirme: Graffiti, Mistral, Ventus, Proton
Gurtzeug: SupAir Cocoon, Voody Valley X-Over II
Startgewicht: 103kg.
Flugstunden auf dem Radical: ~30

Story:

Nachdem die Saison 2001 aus streckenfliegerischer Sicht sehr gut gelaufen ist und ich mit meinem Ozone Proton M auch bei einigen kleineren Wettbewerben ganz gut mitgeflogen bin, fiel mir im Herbst der Abschied vom treuen Proton nicht ganz leicht. Da dieser allerdings schon leichte Auflösungstendenzen zeigte, war klar, dass ein neuer Schirm her muss. Welche Kriterien soll er erfüllen?
Zunächst mal soll er Spass beim Fliegen machen, also ein feines Handling haben, was freilich immer ein subjektiver Anspruch ist. Da klar ist, dass ich den Schirm auch in der Liga fliegen will, soll er auch leistungsmäßig vorne dabei sein, dabei aber doch so sicher, dass ich mich beim Fliegen nicht immer so fürchten muss (lt. Werbung sollte eigentlich jeder 1-2er auf dem Markt meine Ansprüche erfüllen ;-).
Irgendwann im August lernte ich im Lechtal Joe Göhl kennen, der dort mit einem Radical seine Runden drehte und kurz zuvor in nicht einmal vier Stunden 100km über den Alpenhauptkamm geflogen ist. Lange Rede - gar kein Sinn:
Ich rief Alexander Grotz bei Independence an, der mir innerhalb von zwei Tagen einen Radical zum Probefliegen zusandte.

Äußerlichkeiten: 

Ausgelegte Streckung 6,0; jede dritte Zelle angelenkt, verhältnismäßig lange Leinen, klassische V-Tape-Konstruktion - also ungefähr das, was den 2-3ern auf dem Markt momentan gemeinsam ist. Die große Streckung wird durch das zweifarbige Design noch betont und verleiht dem Flügel ein recht elegantes Erscheinungsbild. Ein geschickter Schachzug von Independence ist es, auf dem Vorderflügel statt weißer gleich graue Bahnen zu verwenden - mein vormals weißer Proton hatte nach einem Jahr ungefähr die selbe Farbe. Geteilter A-Gurt zum Ohrenanlegen, durch Stäbe verstärkte Bremsgriffe - auch hier nichts Besonderes. Die Eintrittskante mit ihrem "Haifischmaul-Design" sticht dagegen deutlich hervor. Michael Nesler, der Konstrukteur des Schirms, meint dazu:

 
"Der Radical ist eine Weiterentwicklung der von unserem Designteam zur Serienreife entwickelten "Closed - Cell"- Technologie. Für mehr Sicherheit sind nun 40 % aller Zellen halb geschlossen und trotz verbessertem Luftwiderstand bleibt der Innendruck - und somit die Stabilität - annähernd gleich. Der Radical war der erste Gleitschirm mit dieser Technologie, sie hat sich so bewährt dass mittlerweile fast alle Hersteller diese Technik nutzen."


Jetzt aber zum Wesentlichen:

Start/Bodenhandling:

Ich habe mit dem Radical seit November bestimmt 20-30 Stunden nur Bodenhandling gemacht, bzw. versucht, an winzigen Kanten bei Starkwind zu soaren. Nicht, weil der Schirm so schwer zu handeln ist, dass man solange üben muss, sondern weil Handling mit dem Radical dermaßen Spaß macht, dass an Soaringtagen der Flug zur Nebensache wird.
Im Gegensatz z.B. zum Proton hat der Radical bei Starkwind keine Überschießtendenz und hebelt den Piloten auch nicht aus. Er reagiert sofort auf jeden Input über Steuerleine/A,D-Gurte, so dass er sich auch bei schwierigen Windverhältnissen sehr exakt dirigieren lässt. Ich startete den Radical bei meinen Flügen fast ausschließlich rückwärts, auch bei Nullwind. Mit einem kräftigen Impuls kommt er auch hier schön gerade über den Piloten und es bleibt genügend Zeit, sich auszudrehen und zu beschleunigen. Lediglich zweimal war der Rückenwind so kräftig, dass es klüger schien, vorwärts zu starten; auch das kein Hexenwerk. Klar ist, dass man einen Schirm mit dieser Streckung deutlich bogenförmig oder gepfeilt auslegen sollte.

Flugeigenschaften:

Der Radical reagiert hochleistertypisch sehr gut auf Gewichtsverlagerung und geringste Steuerleineninputs. Was mich absolut begeisterte, ist die Thermikleistung des Flügels: er zieht schön gerade in den Aufwind hinein und lässt sich ohne jede Tendenz zum Graben zentrieren - wohl der größte Unterschied zum Proton, der in schwacher Thermik nicht leicht zu fliegen war. Richtige Hammerbärte waren jahreszeitbedingt noch nicht dabei, alles bis 5 m/s ist jedoch ein Traum.
Wie auf dem Stubai Cup zu sehen war, ist der Radical für Acro jeder Art geeignet. Weil ich auf diesem Gebiet noch viel lernen muss, konnte ich mit dem Radical lediglich die Basisfiguren fliegen: WingOver mit sehr hohem Luftstand über der Kappe sind überhaupt kein Problem, symetrische und asymetrische Spiralen sind auch leicht ein- und auszuleiten.

In Turbulenzen gehört der Radical eher zu den weicheren Schirmen, die etwas in sich arbeiten. Was bei der Thermiksuche sehr behilflich ist, weil der Schirm eben nicht ansatzlos einklappt, ist beim Gleiten eher lästig, da es Leistung vernichtet. Nach Rücksprache mit Michael Nesler konnte aber auch hier eine Lösung gefunden werden: mit ca. 30 % Beschleuniger gleitet der Radical in turbulenter Luft deutlich sauberer. Über die absolute Gleitleistung kann ich momentan noch nicht viel sagen, da wird erst der Vergleich im Wettkampf zeigen, was geht. Mein subjektiver Eindruck ist, dass sich die aktuellen 2-3er Geräte alle nicht viel geben und es zu mindestens 80% vom Piloten abhängt, wann/ob er ankommt.

Sicherheit:

Meiner Meinung nach der sicherste 2-3er, den ich je geflogen habe. Freilich will der Schirm pilotiert werden, es ist kein Ballon, an den man sich hängt kann und dann die Hände in die Schoß legt. Großflächige beschleunigte Klapper (simulierte) sind vom aktiv fliegenden Piloten völlig easy zu beherrschen - was aber passiert wenn man nicht eingreift? Keine Ahnung, finde ich in dieser Schirmklasse auch nicht relevant.
Die Steuerwege, die man hat, um den Schirm auf Kurs zu halten , sind relativ lang, verglichen mit dem Proton. Im Geradeausflug steigen die Steuerkräfte zum Stallpunkt zwar schon an, aber nicht so stark wie bei einem Anfängerschirm.
Beim Toplanden konnte ich dann auch erfahren, was passiert, wenn die Strömung unbeabsichtigt abreißt: in ungefähr 10m Höhe wollte ich den Schirm nahe der Sackfluggrenze senkrecht "einparken", als der linke Aussenflügel auf einmal nicht mehr da war, wo er hingehört, sondern schräg hinter mir. Nach sofortigem Freigeben der Bremsen lag die Strömung augenblicklich wieder an und ich konnte ganz normal landen. Man sieht, der Radical verzeiht dem Grobmotoriker auch die eine oder andere Dummheit ;-)

Fazit:

An der oberen Gewichtsgrenze geflogen ist der Radical ein absoluter Spaßschirm, geeignet für alle erfahrenen Piloten, die einen Flügel mit großem Sicherheitspotential suchen. Ich freue mich schon darauf, nächste Woche in Sillian erste Streckenflüge damit zu absolvieren, vielleicht kann ich dann auch noch einiges ergänzen. Im Klassenvergleich auf jeden Fall ein sehr interessanter Schirm mit absolut genialem Thermikverhalten - dem Vergleich mit "echten" Hochleistern (Boomerang etc.) kann er leistungsmäßig freilich nicht standhalten, bietet dafür aber eine erheblich größere Sicherheit.

Ob ich ihn allerdings in der Liga fliegen werde, weiß ich noch nicht: seit zwei Wochen ist der Wettkampfschirm von Independence fertig, der Raptor. Vielleicht...?

Nachtrag:   (22.03.2002)

In der Zwischenzeit konnte ich mit dem Radical in Sillian eine Woche lang knackigste Frühjahrsbedingungen genießen. Wir hatten acht Tage lang schönstes Flugwetter, häufig garniert mit recht starkem Wind und Bärten, die die 10 m/s-Grenze nur knapp verfehlten. Eine recht interessante Mischung also, um dem Thermik- und Extremflugverhalten nochmal gründlicher auf den Zahn zu fühlen.

Während ca. 25 Flugstunden in diesen Bedingungen haben sich meine Einschätzungen des Radical im Wesentlichen bestätigt. Die Steigleistung bleibt auch in absoluten Hammerbärten, die noch dazu stark versetzt sind, hervorragend; der Schirm ist auch in größten Turbulenzen vom aktiv fliegenden Piloten jederzeit gut beherrschbar, ich hatte trotz einiger Klapper keine Probleme mit Verhängern, oder anderen Schweinereien.

Zur Leistung beim Streckenfliegen: Hervorzuheben scheint mir besonders die gute Gleitleistung und Stabilität des Flügels beim beschleunigten Gleiten gegen den Wind. Ansonsten ist die Leistung vergleichbar mit anderen aktuellen 2-3ern, die so in der Luft waren (Omega 5, Proton GT, ...). Viel entscheidender war wiedermal das Glück bei der Routenwahl; wenn es einen Piloten mit einem aktuellen Hochleister nur zwanzig Meter neben dir regelrecht runterwäscht, während du genüßlich in leichtem Steigen geradeaus fliegst, fällt es mir schwer, das auf den Schirm zurückzuführen...

Fazit aus der Woche Sillian:

Der Radical ist hervorragend geeignet, um auch bei knackigen Bedingungen sicher und schnell Strecken zu fliegen (77km Dreieck in ca. 3,5 Stunden bei viel Wind...). Durch die hohe Sicherheit und das spielerische Handling ist der Flug auch in turbulenter Luft immer mehr Lust als Kampf. Achja und nochwas: der SAT ist mit Radical auch einfach zu fliegen (voll geil - danke nochmal Rolf!)

Tobias Schreiner
 
 
DHV Testbericht Gleitsegel 
Musterbezeichnung  Independence Radical M 
Hersteller  Fly-market Flugsport-Zubehör Gmbh & Co KG
Inhaber der deutschen Musterprüfung  Fly-market Flugsport-Zubehör Gmbh & Co KG
Musterprüfnummer  DHV GS-01-0891-01 
Klassifizierung  2-3 GH 
Sitzzahl 
  Verhalten bei min. Fluggewicht (80 kg)  Verhalten bei max. Fluggewicht (105 kg) 
START  1 -- 2  1 -- 2 
Füllverhalten  gleichmässig, sofort  gleichmässig, sofort 
Aufziehverhalten  kommt verzögert über Piloten  kommt verzögert über Piloten 
Abhebegeschwindigkeit  durchschnittlich  durchschnittlich 
Starthandling insgesamt  durchschnittlich  durchschnittlich 
GERADEAUSFLUG  1 -- 2  1 -- 2 
Trimmgeschwindigkeit  36 km/h  37 km/h 
Geschwindigkeit beschleunigt    54 km/h 
Rolldämpfung  durchschnittlich  durchschnittlich 
KURVENHANDLING  2 -- 3  1 -- 2 
Trudeltendenz  gering  gering 
Steuerweg  gering  durchschnittlich 
Wendigkeit  durchschnittlich  durchschnittlich 
BEIDSEITIGES ÜBERZIEHEN  2 -- 3  1 -- 2 
Sackfluggrenze  früh < 60 cm  durchschnittlich 60 cm - 75 cm 
Fullstallgrenze  früh < 65 cm  durchschnittlich 65 cm - 80 cm 
Bremskraftanstieg  durchschnittlich  durchschnittlich 
FRONTALES EINKLAPPEN 
Vorbeschleunigung  gering  gering 
Öffnungsverhalten  selbständig verzögert  selbständig verzögert 
FRONTALES EINKLAPPEN (BESCHLEUNIGT)  2 -- 3 
Vorbeschleunigung  durchschnittlich 
Öffnungsverhalten  - -  selbständig verzögert 
EINSEITIGES EINKLAPPEN  2 -- 3  2 -- 3 
Wegdrehen  180 - 360 Grad  180 - 360 Grad 
Drehgeschwindigkeit  hoch mit Verlangsamung  hoch mit Verlangsamung 
Höhenverlust  durchschnittlich  durchschnittlich 
Stabilisierung  selbständig  selbständig 
Öffnungsverhalten  selbständig verzögert  selbständig verzögert 
EINSEITIGES EINKLAPPEN (BESCHLEUNIGT)  2 -- 3 
Wegdrehen  180 - 360 Grad 
Drehgeschwindigkeit  - -  hoch mit Verlangsamung 
Höhenverlust  durchschnittlich 
Stabilisierung  selbständig 
Öffnungsverhalten  - -  selbständig verzögert 
EINSEITIGES EINKLAPPEN UND GEGENSTEUERN 
Stabilisieren  einfaches Gegenbremsen  einfaches Gegenbremsen 
Steuerweg  durchschnittlich  durchschnittlich 
Steuerkraftanstieg  hoch  hoch 
Gegendrehen  einfach, keine Tendenz zum Strömungsabriss  einfach, keine Tendenz zum Strömungsabriss 
Öffnungsverhalten  selbständig verzögert  selbständig verzögert 
FULLSTALL (symmetrische Ausleitung) 
FULLSTALL (asymmetrische Ausleitung) 
TRUDELN AUS TRIMMGESCHWINDIGKEIT 
TRUDELN AUS STATIONÄREM KURVENFLUG 
STEILSPIRALE 
Einleitung  durchschnittlich  durchschnittlich 
Trudeltendenz  gering  gering 
Ausleitung  Nachdrehen 180 - 360 Grad  Nachdrehen 180 - 360 Grad 
B-LEINEN-STALL  1 -- 2  1 -- 2 
Einleitung  einfach  einfach 
Ausleitung  selbständig  selbständig 
LANDUNG  1 -- 2  1 -- 2 
Landeverhalten  durchschnittlich  durchschnittlich 
ERGÄNZUNGEN ZUR FLUGSICHERHEIT