Vom schlauen Raben, der Mastente und dem Pfau

Früher, also ich meine vor ganz, ganz langer Zeit, als die Vögel noch zu Fuß gingen, da hatten es die Vögel schwer. Zu richtiger Arbeit taugten die Flügel nicht und an's Fliegen dachte niemand. Da kam dann der Urvogel ArcheoOtto auf die Idee, man könne doch mit seinen Flügeln etwas sinnvolles machen. Er erfand das Fliegezeugs. Doch Dann kamen die Kriegskrähen und missbrauchten Ottos Entdeckung und sein Gedanke an freies Fliegen ging fast verloren. Doch Sir Francis, Onkel Bill und seine Freunde entdeckten ihn in einer alten Scheune wieder und belebten den Gedanken des freien Schwebens neu. Und diese Entdeckung sprach sich sogar bin in's ferne Land Regulatien herum. Und nachdem der Michael Schaufel vom Lockkegel, der höchsten Erhebung Regulatiens, erhoben hatte, setzte ein wahrer Freudentaumel in den Gefilden Regulatiens ein; und alle Vögel zogen aus, das Schweben, wie man in Vogelkreisen diese Sportart fortan taute, zu erlernen.  Bald gab es tausende von Schwebern, die sich auch alsbald über ganz Regulatien verteilten.

Doch schon zogen dunkle Wolken auf, von denen die Schweber gelernt hatten, dass es ungesund war, sich ihnen allzusehr zu nähern. Denn es gab in Regulatien eine Vereinigung der Großschweber, die sich auch Fürsten der Flieger nannten, denen waren die ziellos umhergleitenden Kleinschweber ein Dorn im Auge, und sie versuchten das Schweben zu behindern. So durften ab sofort Kleinschweber nur noch mit Stabilisierungsgewichten von 85 Kg am linken Bein und nur in Höhen zwischen 11 und 12 m Höhe fliegen, so dass der Start von ausgemessenen Leitern aus erfolgen musste. Kurz: es war eine unschöne Zeit für Schweber im fernen Regulatien.
Doch es war auch die Zeit des schlauen Raben und seiner Freunde. Er hatte zwar noch kein prächtiges Gefieder, aber er war schlau und propagierte das freie Schweben.  Und die Vögel sammelten sich um Ihn und lauschten andächtig der Worte und Ideen die der Rabe über das Schweben zu erzählen hatte. Als er seine später sogenannte "Große Rede" mit den Worten beendete: "Schweber alle Länder, vereinigt Euch!", da verjagten die Vögel alle zusammen mutig im Chor die Fliegergesellen und gründeten die Bruderschaft der Schweber.

Und die Schweber schwebten froh, und der Rabe bekam ein prächtiges Gefieder, und viele Schweber schwebten an ihm vorbei und huldigten ihm, für seine große Leistung für das Schweben. Und die Freude war groß in ganz Regulatien, und jedes Jahr wurde von nun an ein großes Fest gefeiert, auf dem die Vögel am großen, glänzenden Raben vorbeidefilierten und ihm huldigten. Natürlich konnte der große Rabe nun nicht mehr das ganze Fest selber organisieren, aber er hatte ja viele Freunde, die immer an seiner Seite saßen und der großen Revolution gedachten. Ganz zuvorderst saßen dabei die Mastente und der schöne Pfau.  Und damit das Fest auch sicher schön wird, wurden große Vorbereitungsarbeiten unter der Aufsicht des Raben durchgeführt. Damit z. B. das Fest nicht gestört wird, wurde eine Bannzone in Regulatien verhängt, in der das Schweben während des Festes verboten war, damit es der Rabe genießen kann. Vom vielen fressen und Feiern (man sah ihn in dieser Zeit merkwürdigerweise auch wieder öfters im Kreise der sogenannten Flieger und ihrer Freunde), war der große Rabe zwar mitlerweile schwebunfähig geworden, das fiel aber nicht weiter auf, weil das Volk, das bei der Feier immer am dichtesten bei ihm saß und seiner Worte lauschte, eh nicht mehr so viel mit dem Schweben im Sinn hatte und lieber der Worte des "Großen Vorsitzenden", wie sich der Rabe nun titulieren ließ, lauschte.

Mit den Jahren wurde der Rabe älter und launischer. Er mochte die jungen frechen Schweber nicht besonders, insbesondere dann, wenn sie ihm Fragen stellten, wie die, nach dem Grund des Schwebeverbotes am großen Festtag. Er wollte lieber mit den ihm andächtig lauschenden Volk der "Altschweber", wie sie sich nun fortan nannten feiern und erließ die Regel, die es nur noch eingeladenen Gästen erlaubte am Defiliermarsch der Schweber teilzuhaben. Damit das schöne Fest nicht gestört wird erweiterte er, mit Zustimmung der Altschweber, die Bannmeile. Als sich jetzt zunehmender Protest von tirilierenden Jungschwebern regte, was ihm eigentlich einfiele, diese Bannmeile zu erweitern, ja sie sich sogar erdreisteten zu bezweifeln, dass er das Recht habe sie am Schweben zu hindern, wandte er sich an die Vereinigung der "Großen Fliegerfreunde", dort saßen alle, die in Regulatien wirklich etwas zu sagen hatten, und er stellte sich vor als "Rabe von Altschweb, Herr der Schweber und Großer Vorsitzender". Die Fürsten von Regulatien in der ilustren Runde der Großen
Fliegerfreunde waren sehr beeindruckt, auch darüber, wie perfekt er seine Vereinigung im Griff hatte (hatte doch seit Jahren schon kein Schweber es mehr gewagt am Festtag in Regulatien zu schweben). Ja der große, fette Rabe brüstete sich damit, dass er das geschaft hätte, ganz ohne Gewichte und Flughöhen vorzuschreiben. Damit allerdings auch in Zukunft an den Feiertagen der Fürsten von Regulatien (ich vergaß, mittlerweile war die Bannzone für Schweben auch auf andere Feiertage in Regulatien erweitert worden) schwebfrei blieben, forderte er für sich eine persönliche Kopie des großen Schweberstempels, das güldene Siegel des Allgewaltigen Gockels von Regulatien, im Volksmund auch das güldene Siegel genannt, ein. Dieser Stempel, auf dem ein Stilisierter Gockel abgebildet war, war das Zeichen der Fürsten von Regulatien und durfte nur von Ihnen als Siegel verwendet werden. Zuwiederhandlungen wurden streng bestraft, zumeist mit Kerkerhaft oder, in besonders schlimmen Fällen von unerlaubtem Schweben, mit Flügelstutzung. Natürlich konnte der alte Rabe nicht mehr alle Tätigkeiten in seinem Reich persönlich überwachen, dazu hatte er aber eine ganze Handvoll alter Vasallen um sich gescharrt. Seine Oberscharrführer (sie hießen tatsächlich wegen dieses Sachverhaltes so) bekamen goldene Geschmeide und so manche Vergünstigung, damit sie seine Orders überwachten.  Ganz besonders ist hier die Mastente hervorzuheben, die ihm über lange Jahre schon, schon seit den alten Zeiten, in der die beiden noch eine gemeinsame Schwebeschule unterhielten, treu diente. Aber der Rabe ließ sich auch nicht lumpen und zahlte immer gut für die Dienste.

Als es dem alten Raben zu weit unter seiner Würde erschien, selbst den großen Schwebetag mit den einfachen Schwebern zu gestalten, weil er sich lieber unter seinesgleichen, die Fürsten von Regulatien, mischte, übergab er die Vollmacht in seinem Sinne zu handeln an die treue Mastente, die sich noch lange, lange ständig verneigend, rückwärts von seinem Thron entfernte. Als den großen, alten Raben der unflätige Radau der jungen Schweber beim großen Fest dann noch mehr störte, übergab er nun sogar, allerdings mit klaren Verhaltensvorschriften versehen, das güldene Siegel an den Pfau, einen lustigen Gesellen, den jeder aus den Reihen der Schweber kannte und liebte, weil er das große Schwebefest immer so gemütlich gestaltete. Das beruhigte dann sogar die Radauschweber, die sich freuten, dass sie nun wieder frei schweben konnten, denn der schöne Pfau gab Freibier, und wer Freibier gibt, der ist auch für freies Schweben, so dachten jedenfalls alle.

Aber sie hatten die Rechnung ohne den alten Raben gemacht, der zwar längst alle Federn verloren hatte und Schwebunfähig war, der aber in alle Vollmachten mit Geheimtinte hinter das Wort Vollmacht die Erweiterung geschrieben hatte: "gilt bis auf Widerruf und bis zu der vom Großen Vorsitzenden erlaubten Grenze". In den ganzen Jahren hatte sich die Gemeinde der Schweber stark vermehrt und es war so zu einer Reihe von Schwebeunglücken gekommen. Das war für den Großen Vorsitzenden ein willkommender Anlass gewesen, sich mit dem Problem regularisch auseinanderzusetzen, seine Macht zu festigen und die Wirkung des güldenen Siegels auszuprobieren. Doch ausgerechnet hier hatte sich ein kecker Schweber eingenistet, der doch tatsächlich weder zu den Altschwebern gehörte, noch zu den alten Vasallen, sondern der, ungeheuerlich, tatsächlich die alten Parolen wieder hervorholte auf denen stand "Schweber aller Länder vereinigt Euch" und der der Meinung war, dies sei sein Auftrag, den er umzusetzen hätte. Anstatt die Mastente nach dem Willen des Großen Vorsitzenden zu befragen, arbeitete er fleißig an dem Problem und kam zu einem ungeheuerlichen Schluss: Schluss mit dem güldenen Siegel, Zusammenschluss aller Schweber aller Länder mit dem rein inhaltlichen Ziel, die Unfälle der Schweber, weltweit zu reduzieren.

Das konnte der graue Rabe im so vorbildlich geführten Verband der Schweber, im guten alten Regulatien, natürlich nicht zulassen. Es drehte sich ihm der Magen um. Da wollte doch tatsächlich so eine junge Übelkrähe ihm sein geliebtes güldenes Siegel rauben, unerhört. Sofort verständigte er sich mit dem Pfau und der Mastente und erteilte seine Weisungen. Auf ihre Treue konnte er sich unbedingt verlassen, drohte er doch dem Pfau damit, dass es, sofern das Siegel verloren ginge, keine rauschenden Feste mehr gäbe.   Der Mastente aber drohte er, dass sie ansonsten, bei halber Ration, nur
noch trockenes Körnerfutter erhalten würde. Als Ersten Schritt befahl der Große Vorsitzende (ja, er wurde immer noch so genannt, auch wenn er diesen Titel offiziell nicht mehr führte, aber keiner wollte es sich mit dem alten Raben verderben und mit Schwebebann belegt werden und es war allbekannt, dass ihm der Titel doch immer noch sehr schmeichelte), alle Vasallen aus dem Kreis der Altschweber anzuschreiben und diese ihre Krallen schärfen zu lassen. Außerdem bediente er sich wieder seiner alten Fähigkeiten des Handelns, Feilschens und Intrigierens. Er versprach, je nach Gusto, rauschende Feste, Schwebgenehmigungen (mittlerweile hatte er mit den Fürsten Regulatiens schöne Regeln ausgehandelt, so wurde jetzt nicht, wie in den alten Tagen der Revolution, die Schwebhöhe beschränkt, aber es wurde dem Inhaber des güldenen Siegels gestattet, den Ort des Schwebens zu beschränken, bzw. richtiger andersherum, die Ausnahmeorte des genehmigten Schwebens mit einer Erlaubnis zu versehen.) und anderes. Als Gegenleistung mussten die Kleinfürsten aus dem Kreis der Altschweber ewige Treue auf das güldene Siegel schwören und Meldungen über ungezogene Radauschweber abliefern. Ein Verfahren, das in der Vergangenheit Gottseidank so oft geprobt worden war, dass sich der alte Rabe darauf verlassen konnte, dass es reibungsfrei funktioniert. Insbesondere wurde den verwunderten Jungschwebern auf ihre naiven Fragen, anstelle einer Antwort, auch immer wieder vorgehalten, dass es ohne das güldene Siegel und den Großen Vorsitzenden das freie Schweben in Regulatien überhaupt nicht gäbe und sie sich lieber mit der Kunst des Schwebens beschäftigen sollten, alles andere würde der geliebte Führer schon richten.

Nur einige ganz alte Schweber erinnerten sich noch Dunkel der grauen Vorzeit, als die sogenannten Flieger noch alles richteten, und sie fragten sich, in ihrer dunklen Erinnerung kramend, wo nun eigentlich der Unterschied zwischen der grauen Vorzeit und dem derzeitigen Zustand lag. Und die Mastente sah den dunklen Fliegerfürsten immer ähnlicher, und der Himmel über Regulatien verdunkelte sich zusehends.

Und die Moral von der Geschicht??

Nun, wer dazu einige Sachkundige Lösungsansätze sucht, dem sei George Orwells Farm der Tiere wärmstens an's Herz gelegt.

 

Thees Wullkopf (Ich mag anonymes Schweben nicht besonders)

 


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