Do it yourself: Selbstpackerlehrgang beim DHV

Winterzeit ist Frustzeit. Außer Videos, Zeitschriften und Computer ist keine Beschäftigung mit der Fliegerei möglich, das naßkalte Schmuddelwetter verleidet sogar Aufziehübungen und Windspiele auf dem nachbarlichen Acker.
Da kommt es doch ganz gelegen, wenn man sich inmitten dieser Zeit mal wieder - wenigstens einen Tag - mit seinem Material beschäftigen kann. Und wenn man dann noch das Praktische mit dem Nützlichen verbinden kann, steht doch einer Teilnahme nichts mehr im Wege!

Zugegeben, als mein Wecker am Samstag Morgen (oder besser: Mitten in der Nacht) um 3.30 Uhr zu leuten begann, verfluchte ich diese Idee, nach Köln in die Sporthochschule zu fahren. Spätestens nach dem Treffen an der Autobahn und der gemeinsamen Weiterfahrt kam aber Stimmung auf, und ganz langsam begann ich mich wieder auf den Tag zu freuen. Um 8.00 Uhr wurde die Gruppe aus Delta- und GS-Piloten dann von den beiden Lehrgangsleitern begüßt, und ab dann verrann die Zeit ohnehin wie im Fluge.

Die erste Überraschung: Die beiden Ausbilder kommen gar nicht vom DHV sondern von der Bundeswehr in Altenstadt und sind somit Berufsspringer mit vielen vielen Sprüngen und noch viel mehr Packvorgängen. Echte Profis also! Und bereits bei der Begrüßung wird eines klar: Genauso handhaben sie auch den Lehrgang - absolut professionell.
Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl einer Gaudiveranstaltung auf und schnell wird jedem Teilnehmer klar, um welch prekäre und lebenswichtige Tätigkeit es heute geht - nämlich das Packen der second oder besser last chance!

Die zweite Überraschung: Zu jedem R-Gerät gehört ein Handbuch, in dem alle wichtigen Dinge über das Packen stehen! Nicht nur ich weiß das nicht, fast die Hälfte der Teilnehmer schüttelt den Kopf.
Also: Vorher Flugschule oder Hersteller fragen und schicken lassen!

Dann kam die Praxis: Zunächst bilden sich Pärchen mit gleichem Schirmtyp. Der Leiter macht vor, wir machen nach - bzw. wir versuchen es! Die ersten Handgriffe fallen so schwer wie das Leinensortieren am ersten Tag am Übungshang. Der Erfolg ist aber auch stark abhängig vom Retter-Modell. Einige Typen besitzen netterweise eine Galerie von Schlaufen, die das Spannen über den Hauptgurt ermöglicht, andere nicht. Schier verzweifelt schauen die Kollegen (und ich) mit den Doppelkappen, die im übrigen im Fachjargon "längsgeschlitzte Rundkappen" heißen, drein. Die Schlitze verhindern ein sauberes legen in S-Schlaufen und der Innencontainer ist bereits nach der Hälfte des Schirms voll. Gerade ich mit dem Revolution II habe den Vogel abgeschossen, ist mein Innencontainer doch keinen Millimeter größer als der des kleineren Revolution I. Schließlich habe ich dann doch alles irgendwie in den Container gestopft, doch dann kommt die erste ganz große Erkenntnis: Es kommt nicht darauf an, alles irgendwie in den Innencontainer zu bekommen, es geht darum, daß alles schnell und zuverlässig wieder heraus kommt!

SmileUnd genau das passierte nicht bei meinem Testwurf, ein wiederspenstiges Bündel rutschte über den Hallenboden und war auch durch massives Rütteln und Schütteln nicht dazu zu bewegen, seinen Inhalt preiszugeben. "Tot oder schwerverletzt" schoss es mir durch den Kopf - "pass blos auf, was Du hier tust!"

Also noch mal, diesmal sorgfältiger - viel sorgfältiger. Bahn für Bahn sotiere ich und streiche sie glatt, kontrolliere wieder und wieder den Übergang zum oberen Teil der geschlitzten Rundkappe und siehe da, alles passt schon viel besser in den Container! Eine Auslösung durch den Übungsleiter bestätigt meinen Eindruck, der Schirm wird - die Basis zuerst - schnell freigegeben. Im Ernstfall hätte ich mich auf diesen Retter verlassen können - ein gutes Gefühl! Weitere Packvorgänge folgen, die Handgriffe fallen jetzt leichter. Und am Ende des Tages erhält jeder Teilnehmer seinen Selbstpackernachweis und kann stolz in seinem Packnachweis sortieren "13.12.97., o.B., MüllerMeierSchulz, Selbstpacker".

Der Tag beim Lehrgang hat auf jeden Fall das Mysterium Rettung um einiges realer gemacht, aus der Black Box, die zu bedienen hoffentlich nie nötig sein wird, ist ein verständlicher Ausrüstungsgegenstand geworden, den man beherrschen und warten kann. Wer seine Rettung selbst packt, weiß um ihren Zustand und die Qualität der Packung. Wie oft war auch schon die Rettung samt Gurt unterwegs, wenn der Hammertag unverhofft kam? Auch das entfällt. Und zudem spart man 150-200 DM im Jahr, je nach Saisonlänge und Schirmtyp, aber gerade das sollte nicht zählen.

Ob man die Rettung nun auch wirklich selber packt, oder lieber doch dem Fachman überläßt, muß jeder selbst entscheiden. Denn eines muß uns klar sein: Durch einen 7stündigen Lehrgang werden wir keine Fachleute! Das Prinzip ist klar, aber die Routine fehlt. Und ob ich nach der Winterpause im März noch alle Handgriffe "drauf" habe, sehe ich dann. Eines ist aber klar: Bleibt mir nur der geringste Zweifel an der Richtigkeit meiner Packung, wird auch weiterhin der Hersteller an mir verdienen - schließlich ist es meine last chance!

Martin

 


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