One day stand: Firebird
L
Wettervorhersagen sind so eine Sache. Sie sind schwierig zu erstellen und noch schwieriger ist es, am Abend vor einem Tag daraus abzuleiten, ob es ein Flugtag wird. Nach der Wettervorhersage vom 16.5. für den 17.5. war das eher nicht der Fall. Also schickte ich Staps um 22.43Uhr eine mail, in der ich wegen verschiedener meteorologischer Widrigkeiten unser bzw. mein date mit dem Matrix absagte. Nun sind allerdings Wettervorhersagen oft auch nur Empfehlungen oder wage Anhaltspunkte, besonders was Windrichtung und -geschwindigkeit angeht. Solche Angaben am Vorabend passen in eine Aufzählung mit "Wir haben keine Absicht zu fusionieren" oder "Wir stehen zum Trainer, an eine Ablösung wird nicht gedacht". Also schickte ich um 0.22Uhr die nächste mail, mit der ich die Absage stornierte und dem Glück einfach eine Chance geben wollte.
Und so rollte ich gegen Frühstückszeit mit dem alten Motto "erwarte
nichts vom Tag, dann kannst Du nicht enttäuscht werden" auf den Lippen in Schwangau
ein. Wäre ich nicht zum Fliegen gekommen hätte ich mir eben ein Tegelbergmodell aus
Plastik gekauft, das wahlweise in japanischer Sprache "Neuschwanstein",
"Lederhos'n" oder "Kuckuksuhr" sagen kann. Oder ein anderes sinnvolles
Mitbringsel. So wurde es ein toller Tag bei Firebird.
Schnell ein Kaffee, dann ran an die Arbeit. Die neue Lieferung des selbsternannten Oscar-Preisträgers Matrix L war gerade erst eingetroffen und so packten die Firebirds erstmal einen aus und checkten ihn in der Werkstatt gründlich durch. Das Ergebnis war wie erwartet präzise an den Vorgaben und so stand dem Einfliegen nichts im Weg. Ziemlich gespannt war ich auf den neuen 1-2er der Feuervögel, der dem Raketenzeitalter ein Ende bereitet und in die bunte Welt Hollywoods einführt. Wie zu hören war sollen auch folgende Projekte aus diesem unerschöpflichen Fundus benannt werden, mein spontaner Vorschlag den Wettkampfhochleister "Scream" zu nennen fand allerdings keinen Anklang, der hat ja auch schon einen Namen und heißt bekanntlich "Blade".
Der letzte 1-2er, den ich geflogen bin, war mein guter Discuss 1000. Somit fehlt mir natürlich die Erfahrung in dieser Klasse und ich kann eigentlich immer nur flüchtig mit dem größeren Bruder Booster oder anderen Intermediates vergleichen, bzw. mit einer Generation, als 1-2er noch richtige Bretter, deren Leistungen zweitrangig und auch nicht so toll waren. Lassen wir uns überraschen, ein echtes blind date also! Nachdem ich schon den Wareneingangscheck in der Werkstatt erlebt hatte war ich um so mehr erfreut, daß Staps und ein weiterer Testpilot mich auf den Tegelberg begleiten würden und ich die Gelegenheit haben sollte, den beiden bei der Arbeit ein wenig zuzusehen. Gesagt - getan, rauf auf den Berg und raus.
Die Startvorbereitungen sind firebird-typisch einfach, eine übersichtliche
Leinengeometrie und -sortierbarkeit ist scheinbar ein fester Bestandteil des
Pflichtenheftes, wie ich schon beim Booster feststellen konnte. Der Start selbst ist sehr
einfach und gemütlich, man muß den Schirm vielleicht etwas länger führen als z.B. den
Booster aber dafür hat er wirklich überhaupt keine Tendenz zum Überschießen. Gelassen
und spurtreu nimmt die Kappe ihre Arbeit auf und läßt ausreichend Zeit zum Unterlaufen
und für den Kontrollblick, ohne gleich vor oder hinter einem zu verschwinden. Ich denke
das ist gerade für Einsteiger besonders wichtig, damit der Start nicht in Hektik
verkommt, man bleibt halt gerne doch mal 1-2 Sekunden stehen, wenn man nach oben schaut.
Ich bin zwar schon fortgeschrittener Einsteiger aber ich mag das auch.
Mein erster Flug war dann die Erfüllung eines alten in Vergessenheit geratenen Fliegertraums, nämlich ein Spazierflug über Neuschwanstein. Und der hat richtig gut getan, so satt und vertrauenserweckend steht der Matrix über einem und so gedämpft und gemütlich sind die Bewegungen um die Achsen. Insbesondere das sehr unangenehme Gieren, das ich von verschiedenen Intermediates kenne, zeigte der Matrix in beiden Flügen gar nicht. Über Leistung möchte ich in diesem Bericht nicht sprechen, die Luft war bewegt, die Instrumente zeigten keine mir unbekannten Werte, was soll man da sagen? Neben einander her fliegen in Bassano im Februar hat gezeigt, daß der Matrix ganz vorne mit dabei ist. Der DHV hat die Vmax mit 52km/h gestoppt, ein Wert, den in der Praxis die Piloten dieser Klasse meist eh nicht interessiert. Und wer Polaren wie ein Linael sucht sollte wohl besser bei Schirmen nachsehen, die bei beschleunigten Klappern keine 1-2 bekommen. Also flüchte ich mich mal ironisch in das Repertoir der professionellen Tester und sage "klassenspezisch sehr gut", was soviel heißen soll wie "ich kann eigentlich gar nichts aussagen aber das ein Weltmeisterschirm besser geht ist doch wohl klar".
Meine ersten Kurven waren Jumbokreise, mit Steuerwegen, wie ich sie z.B. vom Booster kenne, kommt man beim Matrix nicht weit, aber das soll ja auch so sein. Hat man sich erstmal an die beruhigend langen Steuerwege und die ansteigenden Bremskräfte gewöhnt läßt er sich aber schön drehen, und das ohne Tricks und Kniffe. So kann man z.B. auf das Anbremsen der Kurvenaußenseite fast oder gänzlich verzichten und dreht trotzdem angenehm flach, wo man mit "wendigen" Schirmen schon Stoppschilder anstatt Kreise dreht. Ich denke dieses Verhalten kommt dem Thermikneuling sehr entgegen und hilft gewaltig beim erfolgreichen Zentrieren der ersten Bärte. Und relaxed fliegen kann man so allemal. Aber damit sind wir auch schon bei Flug zwei des Tages, die Landung nach dem ersten lasse ich mal weg, müßte man hierzu etwas schreiben wäre das für einen 1-2er schon vernichtend. Also problemlos und für mich überraschend mit einem Flairpotential, wie bei einem Intermediate, das konnte der Discuss damals nicht (plumps). Ach ja, nach meiner Runde über das berühmte Königschloß konnte ich dann noch life-3D-und-in-Farbe erleben, wie ein professioneller Testpilot mit so einem Flügel umgeht. Ist schon beeindruckend, vor allem wenn man auf gleicher Höhe zusieht bzw. von schräg oben und nicht wie gewohnt vom Boden. Auch was ich da so gesehen habe hat den sicheren und zuverlässigen Eindruck des Matrix bestätigt.
| So urteilen andere PilotInnen: Gisela: "Ein toller Schirm, er ist super gestartet, ich habe mich darunter wohlgefühlt und am Schluß den Landeplatz getroffen." (Bassano, Februar 2000) |
Besagter zweiter Flug bot dann aufgrund der etwas gewittrigen Wetterlage die Möglichkeit, mal ein paar Abstiegshilfen zu probieren. Als erstes waren Ohren mit Speed dran, das Maneuver ist durch die geteilten A-Gurte einfach und durch kurzes Anbremsen leicht zu beenden. Ich schätze die big ears öffnen auch ohne Bremseinsatz nach einigen Sekunden selbständig, ein "Aufploppen", wie aber noch beim Discuss, scheint es auch in dieser Klasse nicht mehr zu geben (da war Ohren anlegen noch richtiger Kraftsport!). Die Sinkwerte sind im Rahmen dessen, was man gewohnt ist, nur reichten sie nicht aus, um Sinken gegenüber Grund einzustellen, was ich angesichts der im B-Stall der Wolke entgegensteigenden Flugschüler auch nicht wirklich erwartet hatte. Also mal eine Spirale. Die Einleitung ist wirklich einfach und sehr kontrolliert möglich, genau wie die Spirale selbst. Im Gegensatz zu so manchen digitalen Spiralern (an oder aus) hat der Pilot die Möglichkeit den Sinkwert den Umständen und dem Wohlbefinden stufenlos anzupassen, so spiralte ich dann mit -10m/s Vario (also etwa -14m/s in ruhiger Luft) lustig herunter, wärend der besagte Flugschüler unter Funkanleitung den dritten Versuch des B-Stalls unternahm, um dem Flug endlich ein Ende zu bereiten. Dabei verhält sich das Außenohr erstaunlich ruhig und muß nur wenig oder gar nicht gebändigt werden, was ebenfalls dem Maneuver eine gewisse Dramatik nimmt (flatternde und schlagende Geräusche). So endete der Flug völlig unproblematisch und rechtzeitig - und mit einem guten Gefühl.
Und da wären wir auch schon beim Resümee, und das heißt schlicht und ergreifend "gutes Gefühl". Der Flügel vermittelt einfach Sicherheit und macht Spaß, wobei der Spaß nicht nur aus Vertrauen sondern in gleichem Maße auch aus ansprechender Leistung und handling resultiert. Was mit Schirmen dieser Klasse möglich ist hat uns ja Torsten (Streckendoktor) Hahne gerade erst wieder einmal gezeigt, aber auch für weniger ambitionierte Piloten, gerade beim Einstieg in das stressige Streckengeschäft, ist der Matrix ganz bestimmt eine gute Wahl. Einfach mit einem guten Gefühl "auf Strecke" zu gehen, oder um mir von den Kollegen des Gleitschirm-Magazins mal einen Begriff auszuleihen: "Cross Country Light" - diese Idee gefällt mir richtig gut. Für einen Thermik- oder Genußflieger hat der Matrix ohnehin Leistung satt und Spaß pur zu bieten, schon durch seine ausgewogenen Start- und Flugeigenschaften und das überschaubare Extremflugverhalten.
Weitere Infos gibt es auf der Firebird-homepage: http://www.firebird.de/deutsch/produkte/matri_de.htm
DHV-Test-Protokolle: S,
M, L
Technische Daten:
| MATRIX | S |
M |
L |
XL |
| Startgewicht [kg] | 55-80 |
75-95 |
90-115 |
110-137 |
| Fläche [m2] | 26,73 |
29,00 |
31,37 |
33,83 |
| Fläche projiziert [m2] | 23,40 |
25,39 |
27,46 |
29,61 |
| Spannweite [m] | 11,70 |
12,19 |
12,67 |
13,17 |
| Spannweite projiziert [m] | 9,07 |
9,45 |
9,83 |
10,21 |
| Streckung [1] | 5,12 |
5,12 |
5,12 |
5,12 |
| Streckung projiziert [1] | 3,6 |
3,6 |
3,6 |
3,6 |
| Anzahl Kammern [1] | 70 |
70 |
70 |
70 |
| Stammleinen pro Trageurt A/B/C/D [1] | 3/4/3/3 |
3/4/3/3 |
3/4/3/3 |
3/4/3/3 |
| Min Sinken [m/s] | 1,1 |
1,1 |
1,1 |
1,1 |
| Vtrim [km/h] | 37 |
37 |
37 |
37 |
| Vmax ca. [km/h] | 50 |
50 |
50 |
50 |
| Zulassung DHV | 1-2 |
1-2 |
1-2 |
1-2 |