Die Lust und Frust vom Streckenfliegen



Von Hans-Dieter Keim
 
 

Eigentlich waren ja 4 Wochen Spanienrundreise angesagt, geplant und bereits gepackt. Als unerwartet an unserem jüngsten Familienmitglied Kelvin eine Milchunverträglichkeit prognostiziert wurde. Dadurch verunsichert wurden die Regensachen noch zugepackt und auf 16 Tage Urlaub in Greifenburg / Kärnten umgebaut.
Mit Ankunft im Fluggebiet stellte sich auch sofort eine Hochdrucklage ein, so daß ich mich am ersten Tag mit einem 3 ½ Stundenflug in das Fluggebiet etwas einfliegen konnte. Danach wußte ich zumindest, wo zwischen dem Knoten und dem Gaugen, also links und rechts vom Startplatz, die Bärte stehen. Den Talsprung zu den Drei Kammern (rechts) oder zum Stagor (links) hatte ich nicht geschafft. Trotzdem war ich mit mir abends sehr zufrieden.

Der nächste Tag verspricht noch besser zu werden. Leider ist das GPS-Kabel zum Computer defekt und die Wendepunkte nicht eingespielt. Dadurch komme ich mit der gesamten Streckenflugplanung etwas in Zeitverzug. Ohne Fluggeländekarte hat es sowieso fast keinen Sinn. Es wird also blind auf die Koordinaten ausgeschrieben: Startplatz, Ziethenkopf (hinter Oberdrauburg); Klebach Lind Brücke (Richtung Spital) und wieder Startplatz. Dieses Dreieck sollte doch locker über 100 Punkte bringen. Um 14 Uhr gestartet, eingedreht, Startfoto und 10 Minuten später geht es auch locker auf 3100 m zu den Drei Kammern hinüber. Ich komme über dem Grad an und erwische einen für mich fast zu heftigen Bart, der mich in 3 Minuten wieder an die Basis bringt. Die Kammern zum Scharnik ausgeflogen. Jetzt kommt der Talsprung "Kärntner Arschlöchle". Ich fliege in etwa 8 Kilometer Entfernung zum Haupttal dem Bergkamm folgend zwischen Drautal und Mölltal und verliere ständig an Höhe. Schließlich muß ich den Grad verlassen und fliege in Richtung Oberdrauburg. Ich finde einen kleinen Bart, den ich unaufhörlich auf und niedergehend auskurble. Nach einigen Minuten gesellt sich Andreas mit seinem Pegasus hinzu. Andreas sucht durch den besseren Gleitwinkel das Tal nach Thermik ab, findet aber nichts und fliegt Richtung Heimat. Ich gebe ebenfalls auf und erreiche mit etwa 400 Meter über Grund das Haupttal bei Oberdrauburg. Mit dieser Höhe schleiche ich mich eng am Berg 15 Kilometer nach Hause und lande im Direktanflug nach fast 3 Stunden am Fliegercamp. Die Tagesauswertung besagt: 2.50 Stunden geflogen. 141 Kilometer über Grund bewegt. 0 Punkte für den Streckenflugpokal.

Die Wetterlage hält an, so daß wir heute als Wendepunkte: Höferer Hütte, Zwickenberg Kirche und Radlberger Alm ausgeschrieben haben. Alles läuft wieder wie gestern, jedoch liegt heute die Basis auf dem Scharnik auf. Mehr als 2400 Meter sind nicht drin. 1. Versuch die Höferer Hütte anzufliegen gebe ich wegen zu geringer Höhe auf. Ich habe mich wieder in meinen "kleinen Bart" etwa 1 Kilometer davon entfernt gerettet. Mein GPS sagt mir Überflughöhe WP jetzt 60 Meter. Ich fliege darauf zu, schätze aber den Überflug höchstens auf 20 Meter ein und die dahinter verlaufende Starkstromleitung auf 60 Meter. Ich gebe mein Vorhaben zunächst auf und werde regelrecht aus dem Seitental hinausgespült. Verzweifelt suche ich Richtung Lienz nach Thermik. Endlich zentriere ich etwas und erreiche damit fast die Spitze des Ziethenkopfes, den ich heute knapp überfliegen könnte, aber nicht ausgeschrieben habe. Selbst beim 3. Anflug schaffe ich es nicht in genügendem Sicherheitsabstand den 1. WP zu überfliegen. Ich gebe auf und fliege bereits erfahren in niedriger Höhe bis zum Fliegercamp zurück. Das Resultat: 2.30 Stunden geflogen. 120 Grundkilometer. 0 Punkte.
Das Wetter hält immer noch und ich spüre jeden Muskel am Hals und Rücken. Heute starte ich bereits um 13 Uhr um die bessere Sonneneinstrahlung bei Oberdrauburg zu nutzen. Es ist die gleiche Aufgabe wie gestern ausgeschrieben. Ich starte und stehe 20 Minuten später am Landeplatz. Klassisch abgesoffen oder schlecht motiviert?
Es folgen einige Schlechtwetter Tage, die ich dringend zur Regeneration meines Körpers benötige.
Zwischenzeitlich habe ich die Höferer Hütte als Wendepunkt aus meiner Liste gestrichen und es bleibt die Zwickenberg Kirche, Radlberger Alm und Startplatz übrig. Immerhin auch noch über 80 Punkte im Streckenflugpokal.

Am 8. Juni steig ich um 14 Uhr vor dem neuen West Startplatz in den Bart ein und fliege nach Zwickenberg. Komfortablerweise steht fast am Wendepunkt über dem Tal ein Bart, der keinen Gedanken an Außenlandungen aufkommen läßt. Die Drei Kammern sind auch wieder auf Volldampf gestellt. Und so erreiche ich den Startplatz zurück aus Zwickenberg nach einer Stunde. Andreas kämpft stattdessen immer noch unter Startplatzniveau. Ich überfliege stattdessen bereits den Gaugen und springe zum Stagor, der sich aber so launisch zeigt, daß ich bereits nach wenigen Minuten mangels Höhe aufgebe und zum Landeplatz abfliege. Nach zwei Stunden stehe ich am Landefeld und habe immer noch keinen Streckenpokalpunkt. Andreas kommt ziemlich gefrustet eine halbe Stunde später eingeflogen.

Am 9. Juni nach einem gemeinsamen Motivationstraining geht’s los und plötzlich geht alles ganz einfach. Am 1. WP treffe ich noch Andreas. Die Basis ist zwar nur bei 2800 Metern, aber die Bärte sind alle angeschaltet und selbst der Stagor ist nach wenigen Minuten besiegt. Über seinen grünen Hügeln geht’s zügig nach hinten zur Radlberger Alm. Aber da stehen ja mehrere Häuser? Das GPS sagt, ich hätte den Wendepunkt über flogen. Ich schalte es nochmals auf den Wendepunkt. Es kommen bestimmt 5 Häuser in Frage. Ich fliege den Wendepunkt noch 2 Mal an und fotografiere in mehreren Lagen. Sicher ist sicher. Was aber auch ordentlich Sicherheitshöhe gekostet hat. Ich fliege ins Tal, das in Richtung Goldeck sehr gut trägt und lasse mich mit Rückenwind bis an den Gaugen zurückschieben. Am Gaugen in die bekannten Bärte eingestiegen und zur Emberger Alm gequert. Foto und ab nach Hause. Andreas steht schon am Boden und hat die Aufgabe auch im Kasten. So einfach ist das also mit dem Streckenfliegen.

Am 10. Juni ist gute Thermik, jedoch mit zunehmendem Südwind und gegen Abend das Ende der Schönwetterperiode vorhergesagt. Wir schreiben heute: Greifenburg Friedhof, Zwickenberg Kirche, Goldeck Antenne aus. Ein Dreieck, daß uns weit über 100 Punkte bringen wird. Der Friedhof kostet schon fast 1000 Höhenmeter. Aber nach 20 Minuten bin ich zum Abflug nach Zwickenberg bereit. Andreas fliegt weit vorne im Tal mit seinem Gleitriesen. Ich fliege fein säuberlich in ruppiger Thermik am Bergkamm. Die drei Kammern blasen heute gar fürchterlich nach oben. Ich fliege auf den Bart vertrauend direkt nach Zwickenberg. Im sanfteren Bart bei Zwickenberg tanke ich Höhe, winke Andreas zu und lasse mir Zeit mit dem WP-Foto. Ab geht’s zurück. Direktflug 3 Kammern. Andreas fliegt offenbar direkt Richtung Greifenburg. Ich empfinde die heutige Fliegerei auch nicht als sehr komfortabel und spiele auch mit dem Gedanken zu landen. Jedoch bin ich erst eine Stunde geflogen und motiviere mich noch etwas durchzuhalten. Ich fliege gleich durch zum Gaugen, da ich Modellflieger auf der anderen Talseite sehe. Mit wenigen Kreisen bin ich über dem Gaugen und es geht Richtung Stagor. Den Stagor muß ich mir richtig hart erarbeiten. Eng und stark geht’s nach oben und nach unten.
Kurz vor der Radlberger Alm drehe ich bis auf etwa 3200 Meter auf und habe 35 km/h Gegenwind in Richtung Goldeck. Plötzlich wird mir klar, das klappt nie. Hans heute wirst Du
versenkt. Unter Dir ist die Radlberger Alm und vor Dir in unereichbaren 5 Kilometern Entfernung die Goldeckantenne. Aber im Tal draussen kämpft ja der Andreas nicht ganz ohne Erfolg. Mein Gleitwinkel ist gegen den Wind und in der Abwindbewegung absolutly horrible. Nach wenigen Minuten bin ich moralisch und faktisch fast am Boden und versuche dicht über dem Talgrund nach Hause zu fliegen. Eine gute Außenlandung mit einstündigem Fußmarsch müßen heute den Heimflug ersetzen. Andreas kann mit einer Ablösung in etwa 100 Metern über Grund nochmals wegsteigen und erreicht damit im Gleitflug das Fliegercamp.

Die Schönen Tage und der Urlaub waren dann auch schon zu Ende. Ich bin über 1000 Kilometer im Kreis geflogen und konnte 50 Kilometer davon dokumentieren. Es hat Spaß gemacht und ich werde es wohl wiederholen.

Gruß Hans