Die 15 Stunden von Furth im Wald:
DHV Jahreshauptversammlung '99

Ihr könnt mir glauben, in den nunmehr über zwei Jahren Lahme Ente ist mir noch kein Bericht so schwer gefallen, wie dieser. Eigentlich sollte es ihn gar nicht geben, ich wollte die Info auf die gewählten Vorstände und Kassenprüfer beschränken und mich so aus der Affäre ziehen. Auf der Rückfahrt vorhin hat mich Wolfgang überzeugt, doch einige Zeilen zu schreiben. Nach den Merkwürdigkeiten auf der JHV '98 (Thema Finanzen) habe ich versucht, mich ein wenig zu informieren und bin schließlich selbst als Delegierter Südwest nach Furth gereist. Natürlich mit bestimmten Vorstellungen in Sachfragen und gebildeten Meinungen im Gepäck, die ich bei den Abstimmungen dann vertreten habe, ich lasse mich ja nun nicht als Delegierter wählen, damit der DHV meinen Ausflug nach Furth bezahlt. Und damit kann in jeden Satz, den ich tippe, eine Befangenheit hereininterpretiert werden, oder er ist gar aus einer solchen entstanden. Also gibt es heute einen Bericht einer befangenen (nicht ge-) Ente, den jeder so werten möge, wie er es für richtig hält.
Also eine Rezension, keine Reportage!

Wie war es nun also, in den 15 Stunden von Furth im Wald? Dazu mal zwei Meinungen, die man so oder so ähnlich im Foyer des Tagungszentrums hätte hören können: "Der Vorstand plus Geschäftsführer und Justitiar haben wie immer ihre Interessen durchgeboxt und jede Kritik zerredet, verschleppt, erschlagen." "Eine harmonische und sachthemenbezogene Veranstaltung wurde durch ein paar notorische Querulanten und Intriganten verhindert, die unserem Vorstand aus niederen Beweggründen heraus wo immer es ging an's Bein pinkeln wollten."

Nun ist natürlich beides Unfug und stellt lediglich die Polkappen der Meinungsvielfalt dar, 160 Delegierte haben 160 Meinungen, sind 160 Individuen und legen 160 verschiedenen Abstimmungsverhaltensweisen an den Tag. Leider wurde mir zu oft von "zwei Seiten" gesprochen und eine "Schubladisierung" versucht, einige Redner haben sich bereits auf der Versammlung gegen diesen Vorwurf gewehrt und ich möchte dieses hier auch noch einmal tun.

Es kam auf allen Seiten zu polemischen und unsachlichen Entgleisungen, das betraf sowohl Jo (Konrad) als auch Charly (Jöst) und die Hauptvertreter der Meinungskontrahenten dürften damit quitt sein. Etwas traurig fand ich die Fraktion, die bereits nach wenigen Minuten Redezeit von Michael (Stübing) so wertvolle Zwischenrufe wie "wie lange bist DU eigentlich schon im DHV?" lieferte. Führt Ihr das eigentlich als Eure herausragende Leistung bei der nächste Regio zwecks Wiederwahl zum Delegierten an? Traurig auch die drei gezielten, sehr frühen Versuche, die Redezeit zu begrenzen, und der eine spätere, in dem zunächst von 30 Sekunden die Rede war. Und das bei der Begründung der lange und sorgfältig ausgearbeiteten Anträge der Mitglieder.

Ganz besonders traurig hat mich unser Szene-Sepp (G) gemacht, bei dessen Aussagen einem "regelmäßig der Mund offen stehen blieb" (Zitat Jobst (Bäumer)). Claus (Gerhard), immerhin Sieger Deutsche Streckenflugmeisterschaft '99 HG FAI Klasse 2, zu seinem Antrag auf Handicap-Faktoren für HG in der XC-Meisterschaft zu sagen, damit habe sich der Sportausschuß befasst, das seien kluge Leute und da braucht Ihr keine Anträge mehr zu stellen, und danach noch jegliche Diskussion abzulehnen ("keine Lust"), zeugt schlichtweg von einem abenteuerliches Demokratieverständnis. Ich kann mich Jobst nur anschließen, der sehr treffend formulierte, daß genau diese Art von Diskussionsunwilligkeit viele/manche/einige/wenige (???) Mitglieder ärgerlich macht.

Nun also der Reihe nach. Punkt eins, Danksagung. Dem ausrichtenden Verein 1. Gleitschirmverein Bayerwald e.V. vielen Dank für die tolle Organisation, es fehlte wirklich an nichts. Ich hoffe Ihr seid mit dem event zufrieden und könnt die Feierstunde zum 20. DHV-Geburtstag und die JHV '99 in schöner Erinnerung behalten. Seht Ihr es so wie der Vorsitzenden des gastgebenden Vereins 2000 (Rhein-Mosel-Lahn) - "sowas darf sich bei uns nicht wiederholen" - nehmt bitte zur Kenntnis, daß es vielen gefallen hat. Dank zwei an Christiane und Reinhard, unsere persönlichen Gastgeber nahe Deggendorf, die uns alle beherbergt haben. Klasse!

Am Vormittag fand die Feierstunde zum 20. Geburtstag des DHV statt, die rundherum gelungen war. Gute Filmpräsentation der Entwicklung unseres Sports, Grußbotschaften der befreundeten Verbände (Frankreich, Schweiz, Italien, wo war eigentlich Österreich fällt mir gerade auf?) und der CIVL, ein dem Ereignis angemessener würdiger Showteil und die Verleihung der Pokale und Medaillen an unseren Weltmeister Christof (Kratzner), die Deutschen Meister, Streckenflugmeister usw.

Nach dem Mittagessen folgte der verbandspolitische Teil. Nachdem wir uns auf eine Tagesordnung verständigen konnten kam als erster Punkt der Bericht des Vorstandes mit Ausnahme der Finanzen an die Reihe. Für meinen Geschmack zu wenig Bericht über die Tätigkeit des abgelaufenen Jahres sondern ein generelles, flammendes Plädoyer pro "DHV" als Fortsetzungsgeschichte ("pro DHV" ist eigentlich ein irreführender Begriff, ich schreibe wohl besser "pro Vorstand plus Geschäftsführung und Justitiar"). Andererseits ist natürlich richtig, daß vieles schon auf den Regios gesagt wurde, so konnte sich zum Beispiel Karl (Slezak) recht kurz halten. Den kürzesten Auftritt hatte wohl Christof (Kirsch), wer sich auf Ausführungen zum Sportressort gefreut hatte (wie letztes Jahr das 6-Punkte-Konzept), wurde leider enttäuscht.

Auf die Rechenschaft folgte der dicke Brocken Aussprache. Man sprach sich also aus, oder schrie sich aus, oder polemisierte sich aus. Zwei von Kritikern scheinbar sorgfältig vorbereitete Punkte verliefen gleich anfangs im Sande. Der von Remo (Kutz), weil er sich da wohl in etwas verrannt hatte, was aus einer falschen Interpretation resultierte (6-Monats-Frist für Satzungsänderungsanträge), und ein Komplex von Michael (Stübing), der mangels Information und Interesse der Delegierten etwas abgewürgt wurde. Den genauen Jurismus habe ich leider nicht verstanden, aber es ging um das im Ehrenkodex enthaltene Selbstkontraktionsverbot. Das bedeutet wohl nicht, daß es verboten ist, sich zusammenzuziehen, sondern mit sich selbst Verträge abzuschließen. Ich hoffe Peter (Janssen) und Michael diskutieren das noch mal aus und können sich einigen, ob nun Handlungsbedarf besteht oder nicht. Für ein großes Forum war die Kritik zu speziell und fachlich nicht nachvollziehbar, aber das heißt natürlich nicht, daß sie nicht wichtig respektive ernstzunehmen ist.

Ebenfalls Teil der Aussprache war "der Fall Martin Jursa". Software erstellt, inner- oder außerhalb der Arbeitszeit, Forderung dafür berechtigt oder nicht, Abfindung nach Kündigung gerechtfertigt oder nicht. Was fehlte war die Aussage des betroffenen selbst, außer einer von Thomas (Hummels) zitierten email. So richtig Klarheit kam nicht in die Sache und es bleibt die Feststellung, daß Martin für uns weiterhin auf internationaler Ebene verhandelt, was gut ist, weil er gut ist. Und weiterhin werden derartige Entwicklungen wohl in Zukunft wasserdicht vertraglich festgelegt. Damit hat die Sache dann auch ein Ende.

Nachdem nun also jeder gesagt hatte, was er sagen wollte, folgte die Abstimmung über den Antrag von Jürgen (Hansmeyer), der einen Untersuchungsausschuß zu den nach den Rücktritten der Vorstände Jo Konrad/Knut v. Hentig erhobenen Vorwürfen wünschte und eine Vertagung der Entlastung vorschlug. Der Antrag wurde abgelehnt.

Damit konnte dann auch Finanzvorstand Lothar (Schweizer) über sein Ressort berichten, Grundtenor war in etwa "wir konsolidieren uns langsam und schreiben schwarze Zahlen, wobei die Bilanz '98 wegen des Testbooms bei den 1-2ern unerwartet gut ausfällt". Dann folgte der Bericht der Kassenprüfer, den ich persönlich als zu langatmig und wenig prägnant empfand. Es hätte genügt uns zu sagen, ob es festgestellte Unregelmäßigkeiten gab oder nicht und welche Stichproben überprüft wurden. In der folgenden Diskussion wurden mehrere Punkte beanstandet, insbesondere eine Abweichung der vorliegenden Zahlen (Delegiertenpost) zu den refrierten in einem Punkt. Dieser war wohl durch irgendwelche Buchungen zustande gekommen, sorry, ich verstehe nichts von Finanzen und konnte abwechselnd beiden Seiten  Recht geben und schließlich keiner mehr. Weiterhin wurde eine Zahlung an Martin (Jursa) im April '99 getätigt aber im Jahr '98 gebucht, was bei einigen für Verwunderung sorgte. Schließlich gab es laut Thomas (Hummels) Abweichungen zwischen den Summen der Bilanzseiten, je nach dem wie man diese strukturiert, obwohl unter dem Strich die selben herausskommen müßten. Soweit ich das verstanden habe konnte der Punkt nicht erschöpfend ausgeräumt werden.

Nach all diesem folgte die Entlastung der Vorstandschaft mit einem Ergebnis von etwa 3/4 Ja- und 1/4 Nein-Stimmen. Obwohl es eine geheime Wahl war darf jeder wissen, daß ich keinen Grund gesehen habe, den Vorstand nicht zu entlasten. Das nur mal am Rande um hier nicht schon wieder das Zuwerfen einer Schublade zu ermöglichen.

 

Als nächstes waren die Anträge dran, die aufgrund zunehmender Zeitverknappung etwas sehr hastig behandelt wurden/werden mußten. Alle verabschiedeten Anträge könnt Ihr bestimmt bei der DHV-Geschäftsstelle anfordern oder einsehen, außerdem steht ja alles irgendwann im Info.

Antrag der Regionalversammlungen (Resolution zur MZL-Pflicht): Peter (Janssen) erläutert den Stand in Bonn. Man ist dabei den Stand der Technik ohne Adler verbindlich zu machen und definiert diesen jetzt. Ein Kompromiß, mit dem scheinbar alle Interessengruppen gut leben können und bei dem jede glaubt, sie habe ihre Ideale durchgesetzt. Der Glaube kann natürlich täuschen, mal sehen, wen. Der Antrag wurde ganz klar angenommen, trotzdem blieb bei mir der Beigeschmack des "nachträglich absegnens".

Nur ganz kurz: Zwecks Einrichtung der Prüfung von HG wie bei den ULs (dezentral) und desweiteren Anerkennung des UL-Checks für die Fläche als HG wird eine Arbeitsgruppe gegründet. Der DHV wird im Bereich Technik auf eine Certifizierung nach DIN ISO 9000 vorbereitet. Der DHV erwirbt für DM 25.000,- das HG-Museum von Günter Burghardt. Die Mitglieder werden mindestens vier Mal im Jahr über den Stand von Verhandlungen/Entscheidungen unterrichtet. Antragsteller werden zu der Verhandlung desselben eingelanden.

 

Beim nächsten Punkt der Tagesordnung wählten wir einen neuen stellvertretenden Vorsitzenden, nämlich Bodo Genz, und einen neuen Vorstand Technik, und das wurde Christian Blum. Nächstjährige Kassenprüfer wurden Dirk Aue und Thees Wullkopf, damit wurde das "Kontinuitätsprinzip" (der letztjährige Kassenprüfer, der das erste Mal diese Tätigkeit ausgeübt hat, wird wieder Kassenprüfer) durchbrochen.

Schließlich wurde, nach konträrer Diskussion, der Haushaltsplan 2000 verabschiedet.

Am Ende der langen Veranstaltung folgte die Präsentation der Bewerbung für die JHV 2000 der GS-Fliegerfreunde Rhein-Mosel-Lahn, die mit dem schon zitierten Satz "sowas darf sich bei uns nicht wiederholen" begann. Und damit wären wir wieder am Anfang.

Nun läßt sich dieser Satz verschiedenartig interpretieren. Ich unterstelle einfach mal die netteste Intention, daß nämlich im nächsten Jahr nicht wieder eine Situation eintritt, in der aus unterschiedlichen Gründen verärgerte Mitglieder ihre Anliegen Vortragen wollen. Die JHV 2000 wird auf einem Boot stattfinden, und dazu will man alle Mitglieder "in ein Boot" holen. Das wollen die Mitglieder glaube ich auch, mit im Boot sitzen, und zwar gut informiert und deshalb entscheidungsfähig. Keiner will das Boot DHV torpedieren und versenken, nur ist Harmonie und ein anschließendes zünftiges Fliegerfest nicht zu erzwingen oder zu erdeckeln.

Stellt sich in einem Jahr aber bei mir das gleiche Gefühl wieder ein finde ich "sowas" darf sich nicht nur wiederholen, "sowas" muß sich dann (leider?) wiederholen. Ich habe eine anstrengende aber schließlich doch konstruktive JHV erlebt, in der einiges auf den Weg gebracht wurde. Ich habe eine JHV erlebt, in der einiges endlich ad acta gelegt wurde (ich hoffe alle halten sich daran). Ich habe eine JHV erlebt, in der verschiedenste Interessengruppen und Einzelpersonen mehr Transparenz und Information gefordert haben, nicht nur eine Reihe verschworener Internetnörgler, und ich habe schließlich die Hoffnung, daß die Botschaft angekommen ist.

Natürlich hatten wir jetzt zwei Jahre in Folge kein gemütliches Beisammensein und keinen Fliegerplausch, geschweige denn eine ordentliche Fliegerparty, weil bis tief in die Nacht diskutiert wurde. Aber wenn der Bedarf da ist, muß das passieren, nur Mitglieder, die sich gut vertreten fühlen und sich einbringen konnten, bilden einen starken DHV, der sich nicht das ganze Jahr über in Selbstzerfleischung übt und blockiert. Es gab soviel Lob für die Arbeit unseres Vorstandes und die Entlastung spricht ebenfalls für Vertrauen, ich denke wir sind auf auf einem guten Weg in's nächste Jahrtausend, auch wenn dieses Jahr schmerzhaft war. Und schließlich noch eins: Wir werden nicht Delegierte und bekommen die Anreise bezahlt, um möglichst schnell fertig zu sein und danach Bier zu trinken!

Zum guten Schluß möchte ich mich bei den beiden neuen Vorständen Bodo und Christian bedanken, daß sie für diese zeitaufwendige Tätigkeit zur Verfügung stehen. Beide bringen eine hervorragende Qualifikation mit und können dem DHV bestimmt wertvolle Dienste erweisen. Viel Erfolg und Spaß bei Eurer neuen Aufgabe!

 

Martin Völkel

 


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