Licht und Schatten: Die DHV Jahreshauptversammlung '98

 

Ausgerichtet haben die Jahreshauptversammlung die D'Wälder Drachenfliegern e.V. in Titisee-Neustadt, die am 28.11. ins Kurhaus einluden. Alles war perfekt organisiert, in sehr angenehmen Ambiente fehlten weder ausreichend Mikrophone noch Speis und Trank, und somit kann der Veranstalter schon mal vorab als einer der Verlierer der Veranstaltung bezeichnet werden: Die Versammlung zog sich nämlich 10 teils quälende Stunden hin und als um ca. 23.00 Uhr endlich zum Buffet geladen werden konnte, verlief sich die Schar der Gäste doch recht schnell, um wenigstens noch zu halbwegs zivilen Zeiten zuhause zu sein. Das ab etwa 23.30 Uhr noch die Glottertaler Grashüpfer aufspielten, um zur Fliegerparty richtig einzuheizen, wurde allenfalls noch am Rande wahrgenommen. Schade für die Veranstalter, die sich wirklich sehr viel Mühe gemacht hatten.

Eröffnet wurde die Tagung mit einer Hallenflugshow mit einem ferngesteuerten Zeppelin, auch später gab es noch einmal eine solche Einlage mit beeindruckenden Fluggeräten. Infos dazu gibt es hier.

Nach dem obligatorischen Grußwort durch Ausrichter und Gemeindevertreter konnte Charly Jöst als 1. Vorsitzender die Versammlung offiziell eröffnen und nach und nach referierten die Vorstände sowie natürlich 1. und 2. Vorsitzender über ihre Arbeit. Dabei kam es zu einigen interessanten Ergebnissen. So berichtete Jo Konrad über seine erfolgreichen Bemühungen, die EM im Gleitsegeln im Jahr 2000 nach Garmisch zu holen und über den Aufbau einer verbandsübergreifenden Meldestelle für Unfälle, die Flugunfalluntersuchung durch die Kommissionen des LBA ist nämlich seit dem Herbst diesen Jahres weggefallen. Peter Cröniger steht in seinem Amt als Ausbildungsvorstand leider nicht mehr zu Verfügung und referierte zum Abschied über die nach seiner Meinung erfolgreiche Einführung des Performance-Trainings. Stimmen aus dem Kreis der Delegierten gaben ihm weitestgehend recht. In einer späteren Wahl wurde Fluglehrer Waldemar Obergfell als neuer Ausbildungsvorstand ernannt.

Christoph Kirsch als Sportvorstand berichtete über seine Arbeit in diesem Bereich, der letztes Jahr zweifellos durch das tolle Ergebnis der Damen bei der Drachen-WM (Team-Gold und Gold für Corinna Schwiegershausen) und den Drachenweltmeister Guido Gehrmann dominiert wurde. So wurde die Ehrung der Gold-Damen dann auch in diesem Rahmen durchgeführt.
Für den Leistungssportbereich zeigte Christoph ein Konzept auf, daß in folgenden Punkten definiert wird:

Das die Umsetzung dieses Konzeptes noch einen weiten Weg vor sich hat, zeigt sich vor allem im Bereich Sicherheit und damit einhergehend Repräsentationsfähigkeit. Mit dem German Cup und den Challanges wurde es andererseits in der Nachwuchsförderung bereits vorbildlich umgesetzt. Hier greift auch einer der Änderungen für die nächste Saison, so dürfen in den o.g. Wettbewerben nur noch gütegesiegelte Geräte geflogen werden. Für die Streckenflugmeisterschaft ist diese Maßnahme nicht geplant, da dieser Aspekt hier als nicht so kritisch eingeschätzt wird.

Die Ehrung der Gold-Damen wurde dann durch ein Video eingeläutet und unter dem Applaus der Delegierten (und neugierigen Nichtdelegierten) nahm das Nationalteam dann die verdienten Medaillen entgegen.

Die Ehrung der anderen Sportler (Streckenflugmeisterschaft, Liga, German Open) fand an anderer Stelle im Programm statt, soll aber hier kurz angesprochen werden. Punkt zwei des o.g. Konzeptes scheint in den Köpfen der Aktiven noch nicht so manifestiert zu sein, wie anders ist es zu erklären, daß eine nicht unerhebliche Anzahl Sportler zu ihrer Ehrung erst gar nicht erschien? Ausdrücklich ausgenommen von dieser Kritik sind die beiden Weltmeister: Guido fehlte wegen seiner Ausbildung zum Verkehrsflugzeugführer, die ihn derzeit in die USA verschlagen hat, und Corinna erschien trotz des tragischen (Flieger-)Todes ihres Lebensgefährten vor einigen Wochen. Respekt.
Weiterhin fiel zwingend der Altersunterschied zwischen den Gleitschirm- und Drachenfliegern ins Auge. Standen bei den Gleitschirmlern die "jungen Wilden" um Bocksi und Bernie im Rampenlicht, war es bei den Drachenfliegern eher die Elterngeneration. So wurde Rudl Bürgers Aussage, daß es bei den Drachen in der Streckenflugmeisterschaft zu keiner Juniorenwertung kam, dann auch mit breitem Grinsen aufgenommen. Als sehr schöne Geste am Rande empfand ich die Tatsache, daß die siegreiche Mannschaft in der Streckenflugmeisterschaft Gleitschirm ihren Sieg ihrem dieses Jahr beim Streckenfliegen tödlich verunglückten Kameraden Reinhold Bader widmete.

Sicherheitsvorstand Karl Slezak referierte dann über die aktuellen Erkenntnisse zu diesem Thema, wobei er aber schon annähernd resignativ wirkte. Nach Auswertung von hunderten Unfallmeldungen und Eingabe dieser in die vom Technikreferat neu entwickelte Unfalldatenbank kam er zu der Aussage, unser Sport sei wohl relativ risikobehaftet. Hauptgrund für schwere Unfälle mit dem Gleitsegel sind Klapper sowie Starts mit offenen Beingurten, als Abhilfe kann nur immer wieder der Startcheck, der Kauf angemessener Geräte und der Besuch von Sicherheits- und Performancetrainings empfohlen werden. Bei den Hängegleitern wurde als Unfallursache desöfteren eine mangelhaft gepflegte Rettung ausgemacht, die Konsequenzen hier sollten klar sein.
Weiterhin interessant ist, daß es derzeit keine anerkannten Sicherheitstrainings mehr gibt und das an einer neuen Anerkennung nach Muster des Performancetrainings gearbeitet wird.

Aus der Technik gibt es zu berichten, daß wahrscheinlich noch '99 eine europäische Fluggeräteprüfnorm in Kraft tritt, mit der eine Vereinheitlichung auf Niveau des Gütesiegels erreicht wird. Weiterhin verfügt der DHV jetzt über einen neuen Testmesswagen, von dem es vier gleiche Exemplare auf der Welt gibt (USA, England und Australien). Bei den Angaben über das Fahrzeug (Pickup mit 7l Hubraum und 300PS, mit Lachgas auf 400 zu steigern) wollte ich mich schon als Fahrer bewerben...

Und dann das Politikum: Finanzen. Was soll man da schreiben, vielleicht zunächst mal die Fakten. Ab dem Jahr 2000 steigt der Mitgliedsbeitrag um moderate DM 10.-. Der alte Finanzvorstand Thomas Hummels wurde nicht im Amt bestätigt und der neue heißt Lothar Schweizer.

Damit ist es dann aber auch vorbei mit den Fakten, der Rest ist Politik. Es begann mit dem Bericht der Kassenprüfer und damit mit einer heftigen Attacke gegen den Finanzvorstand. Es folgte eine mehr oder weniger sachliche Diskussion, die zunehmend in einer Art Lagerwahlkampf ausartete und endete damit, daß dem Vorstand gerade noch mal so das Vertrauen ausgesprochen wurde. Damit war diese Festung aber so in Brand geschossen, daß eine Stürmung bei der anstehenden Wahl zum Finanzvorstand möglich war. Und so wurde der ehemalige Kassenprüfer mit knapper Mehrheit neuer Finanzvorstand, was seinem Ex-Mitkassenprüfer und Ex-2.-Vorsitzenden einen "Bingo"-Schrei entlockte.

Was genau an politischen Ränkespielchen da abgelaufen ist, kann man als Außenstehender kaum oder gar nicht verstehen und bewerten. Aber die Reaktionen, die waren schon Interessant: Ein "DHV-Urgestein" spricht von "primitivster Art und Weise" und ein ganz aktiver Sportfunktionär zieht ein Gesicht, als ob er die dunklen Wolken am Horizont schon sehen kann.

Und die Delegierten, die Basisvertreter? Hier hörte man "Statisten in einem Schachspiel", "verarschen kann ich mich auch selber" und "blödes Stimmvieh".

Alles in allem bleibt auf jeden Fall ein sehr bitterer Nachgeschmack und meine feste Überzeugung, daß hier nicht jeder der Beteiligten nur das beste für unseren Verein wollte! Und wenn sich schon alle fragen, warum die Mitgliederzahl in letzter Zeit immer weiter sinkt: Hätten alle Mitglieder und Flugschüler diese Debatte gesehen, hätten wir wahrscheinlich eine dramatische Austrittswelle und keinen einzigen  Eintritt mehr!

 

Martin Völkel


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