Ava Tangra Cygnus
Alle wollen wir in der Luft bequem sitzen, möglichst wenig Volumen schleppen und soviel passive Sicherheit wie möglich, wozu eine im Ernstfall leicht zu findende Retterbedienung gehört. Nach Gurtzeugen aller Generationen und Retter-Anbringungen habe ich nach längerem Suchen einen interessante Kompromiß gefunden: Ein Gurtzeug mit 12cm-Protektor, zusätzlichem Airbag und Frontcontainer.
Sicherheit:
Ein reiner Airbag-Protektor hat ja den konstruktiven Nachteil, etwas
"Anlauf" für seine Funktion zu benötigen, deshalb halte ich den
zusätzlichen Protektor für sinnvoll - der Airbag ist ab 18 km/h
Airspeed voll gefüllt, für die bis dahin erreichbare Aufprallhöhe
reicht der "dünne" Protektor sicherlich aus. Beim Transport ist mein
Packsack locker um 1/3 weniger voluminös als von der Sicherheit vergleichbare
Gurtzeuge mit 17-20cm dicken Dämpfern, was sowohl beim Tragen, als
auch am Sessellift und erst recht im Auto von Vorteil ist. Der Frontcontainer
ist groß genug, um die Reserve flott unterzubringen, der Griff dabei
immer in Sicht (weil direkt unterhalb der Pilotennase), aber nie behindernd,
selbst im beschleunigten Flug. Wer allerdings die Velcro-Schicht auf dem
Deckel zur Instrumentenbefestigung nutzen möchte, sollte auf ein Beibehalten
der kantigen Grundform achten, da bei rund gepackter Reserve die Auflage
für Vario etc. "einen Buckel macht".
Bodenhandling:
Trotz des Frontcontainers ist der Gurt schnell angelegt, vier Schlösser
von Cobra verriegeln Beinschlaufen und die Rausfall-Sicherung des Brustgurtes,
auf dem auch der Frontcontainer hängt. Ein zusätzlicher Kunststoffschnapper
hält den Container besser in Position, fertig. Das aufrechte Stehen
ist dann jedoch durch das tiefe - und dadurch in der Luft sehr bequeme
- Sitzbrett kein Vergnügen, auch die paar Schritte zum wieder mal
eingeklappten Stabilo 7-8 Meter weiter oben sind mühsam. Hier wäre
eine flexible Sitzbrettverlängerung eine gute Idee, weil nicht das
gesamte Brett in die Kniekehlen drücken würde.
Start:
Bedenken, daß sich diese Unbequemlichkeit auch auf den Startlauf
auswirkt, wurden bei diversen Tiefschnee-Starts, teilweise bei Nullwind,
zerstreut: Sobald man in Vorlage mit dem üblichen Rundrücken
anläuft, gibt es kein Problem mehr, auch kippt man ganz automatisch
in der Luft in die richtige Position.
Flugeigenschaften/Komfort:
Die Grundeinstellung, die ich schon beim Kauf für mich festgelegt
habe, hat auch im Flug mit verstauten Ausrüstungsteilen gepaßt.
Man wundert sich vielleicht im ersten Moment über wenige Anpassungsmöglichkeiten.
Diese reichen aber völlig aus, um das Gurtzeug sehr bequem anzupassen
und hohen Einfluß auf die Gewichtssteuerung zu ermöglichen.
Wenige Zentimeter Verstellung an der Spannung der Sitzbrett-Durchläufer
machen den Unterschied zwischen nahezu unempfindlichem Druchpflügen
von unruhiger Luft mit entsprechend schwacher Gewichtssteuerung und sofortigem
Annehmen jedes Inputs, ob nun von Pilot oder Schirm, aus. Der jeweilige
persönliche Kompromiß aus leichtem Hebeln, das beim einseitigen
Einfliegen in die Thermik zu spüren ist, und effektiver Gewichtssteuerung
läßt sich, je nach Flugstil und Turbulenz, auch während
des Fluges einfach und effizient verändern. Das mit dem Gurt gelieferte
Speedsystem verfügt über eine ummantelte Stahlschlaufe und Stahlstufe,
kann also zweistufig eingesetzt werden, was bei den häufig langen
Beschleunigerwegen moderner Schirm ein Vorteil ist. Beschleunigt verändert
sich der Winkel des Sitzbretts durch die Durchläufer-Konstruktion,
der Sitzkomfort bleibt erhalten.
Verarbeitung/Preis/Leistung
Die Verarbeitung ist sehr gut, das völlige Fehlen des heute so
beliebten Neoprens ist in der Praxis sehr angenehm, da die Oberfläche
von Neopren sehr empflindlich ist und nach einem Fehlstart oder einer Steißlandung
schnell unansehnlich wird. Der Stauraum am Rücken ist begrenzt, aber
ausreichend, da über dem Rückenzipp der Airbag verläuft,
der durch einen weiteren Reißverschluß zu öffnen ist.
Ausreichend geräumige Seitenfächer an beiden Seiten nehmen Handy/Zigaretten/Schlüssel/Kamera
problemlos auf. Das zweifarbige Design ist in schwarz/rot und schwarz/gelb
erhältlich. Preislich liegt der Ava Tangra Cygnus rund 20% unter dem
vergleichbaren Modell von Sup Air.
Paßform:
Bei einem Körperbau von 184 cm, 76 kg fliege ich den Gurt in Größe
XL. Durch den vergleichsweise engen Schnitt eignet sich das Gurtzeug tendenziell
eher für schlanke Flieger, ein Kollege mit 175 cm und gut 90 kg fand
es für sich zu eng.
Tip:
Für die Befestigung von Vario etc. auf dem Deckel des Frontcontainers
gibt es im Schneidereibedarf die Hakenseite von Klettverschlüssen
als selbstklebende Meterware.
Problem:
Durch die konstruktiv vorgegebene Staudrucköffnung des Cygnus
ist die Mitnahme von Wasserballast (sonst meist unter dem Sitz) problematisch.
Info: www.avasport.at,
hier sind auch die Händler in Deutschland aufgeführt;
Bezugsquelle Österreich: Blue Sky, Silian www.bluesky-paragliding.com