One day stand: Gradient Bliss 26 (Turnpoint) Pflichtenheft

Ich fahnde nach einem Gütesiegel-Gerät im oberen Leistungsbereich. Meine wichtigsten Kriterien:

Wurscht ist mir: Optik, Design, Farbe, Flügelschnitt – er muss mir nur taugen!
 
Warum der Bliss?

Der Bliss 26 (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Schirm von Fly Market aus dem Jahr 1996) vom tschechischen Hersteller Gradient, aus dessen Werkstatt der aktuelle Weltmeister-Schirm Avax kommt fiel mir im DHV-Protokoll durch diese Merkmale auf:

Erster Eindruck

Packsack: Groß genug für alles, Extrataschen, üblicher Tragekomfort mit Beckengurt ect., Packsack aus stabilem, dicken Material; mittels zweier Kompressionsgurte gut in Form zu bringen, auch für meine 1,65 laufenden Meter erträglich einstellbar.

Bedienungsanleitung: gutes, verständliches Deutsch (was ja keine Selbstverständlichkeit ist), Verzicht auf den albernen Zeigefinger (kein ACHTUNG! FLIEGEN IST GEFÄHRLICH blabla), alle nötigen Infos über Manöver samt Leinenplan enthalten.

Tragegurte: Dick und recht steif. Leinen auf vier Ebenen, mit Gummis auf dem Trapez-Schraubschäkel fixiert, farblich deutlich abgesetzt. Die Bremsschlaufen sind mit Druckknöpfen statt mit Magnet befestigt – Geschmackssache, der Beschleuniger ist durchlaufend.

Die Kappe vermittelt wie der Tragegurt auf Anhieb einen soliden, sauber verarbeiteten Eindruck. Keine Fädchen vom Vernähen, saubere Nähte.
 
 

Start

Der erste Start ging total daneben: Die letzte Bahn am Diedamskopf war weg und der maue Wind drehte auf Ost. Kein Problem an der Antenne – wenn nur kein Schnee gelegen hätte und sich der nagelneue knisternde Schirm auf dem abschüssigen Startplatz nicht ständig wie eine Ziehharmonika zusammen gerutscht wäre. Endlich – kurze Nullwind-Phase, vorwärts mit Impuls aufgezogen.

Dann Bliss-typisches Verhalten: Der Schirm ist kurz nicht zu spüren. Drei Schritte gemacht, bis zu den Knien in die Harsch-Decke eingebrochen, steckengeblieben – und, völlig unerwartet: Da ist der Druck des sauber gestiegenen, voll gefüllten Schirms über mir. Mangels Pilotenbewegung und Wind fiel er dann sanft über mir zusammen. Der Durchläufer-Tragegurt verwandelt sich in eine meterlange Gurtschlange, die erst einmal sachkundig entheddert werden will. Zum Glück kringeln die Leinen kein bisschen.

Beim zweiten Mal klappt es dann. Mäßiger Impuls – kein Druck vom Schirm, drei Schritte gemacht – und da steht er über mir. Leider konnte ich nicht herausfinden, ob ein Knoten oder Wuhling beim Vorwärtsstart spürbar ist. Wenn es denn vorwärts sein muss, lege ich mehr Wert drauf, den Schirm zu spüren, als mir den Hals zu verrenken und doch nur ein Drittel zu sehen (=Kontrollblick). Der Schirm kam immer schnurgerade hoch, Kappe neigt nicht zum Überschießen und muss auch nicht groß abgebremst werden. Abhebegeschwindigkeit angenehm mäßig.

Rückwärts: Völlig problemlos auch bei mäßig bis wenig Wind. Gepfeilt ausgelegt, aber auch aus einem Knäuel verwurschtet aufgezogen (bei etwas mehr Wind) füllt der Schirm gleichmäßig und steigt zuverlässig mit überraschender Richtungsstabilität.

Flug Mein erstes subjektives Gefühl in der Luft: satt, sauber, störungsresistent, vertrauenerweckend. Der Bliss braucht Führung – sonst geht er wie ein Dampfer in spurtreues Geradeaustuckern über. Der Flügel steht gut und arbeitet kaum in sich. Kein Eindruck von heruntergetrimmer Nervosität. Auf den ersten zehn Zentimetern bleibt alles recht gemächlich und überschaubar – direkt, griffig und spritzig wird es für meinen Geschmack erst danach. Grobmotoriker können hier zunächst also nicht viel falsch machen. Das von mir bevorzugte Handling stellt sich erst bei Steuerleinenverkürzung ein. Mit gutem Gewichtseinsatz, kürzerem Steuerweg und entschiedenem Bremseinsatz wird aus dem geradlinigen Bliss ein extrem wendiger Spaßflügel. Bei dem wetterbedingt nur schwach thermischen Flügen machte ich die Beobachtung, dass der Bliss im Kreis gehalten werden will und sich ohne Unterstützung sofort wieder aufstellt. Schöne WOs werden dadurch etwas erschwert bzw. erfordern nachhaltigeren Einsatz, Kappe bleibt stabil, Stabis kommen nicht rein. Fazit Ich hatte mit dem Bliss ein rundum gutes Gefühl – und das ist immer noch entscheidend für meine Schirmwahl. Dass die Wendigkeit für meinen Geschmack etwas verzögert kommt, mag Gewohnheit sein. Wie gesagt, wer nachhilft, kann es deutlich direkter haben. Bin gespannt, wie sich der Schirm in kräftiger Thermik verhält – dazu kann ich mangels Gelegenheit leider gar nichts sagen. Wenn man aber Flügel grob in die zwei Klassen "Gleiter" und "Kreiser" einteilt, gehört der Bliss für mich durch seine gezeigten Flugeigenschaften eindeutig in die Klasse "Gleiter".
Ulrike Bäuerlein
 

Infos, Kontakt und Probefliegen von Gradient-Schirmen in D und A:

Turnpoint Fastline

D-82216 Gernlinden

Tel. 08142-41263

turnpoint@t-online.de

www.turnpoint.de
 
 
DHV Testbericht Gleitsegel 
Musterbezeichnung  Gradient Bliss 26 
Hersteller  Turnpoint Fastline GmbH
Inhaber der deutschen Musterprüfung  Turnpoint Fastline GmbH
Musterprüfnummer  DHV GS-01-0900-01 
Klassifizierung  2-3 GH 
Sitzzahl 
Windenschlepp  Ja 
  Verhalten bei min. Fluggewicht (80 kg)  Verhalten bei max. Fluggewicht (100 kg) 
START  1 -- 2  1 -- 2 
Füllverhalten  gleichmässig, sofort  gleichmässig, sofort 
Aufziehverhalten  kommt sofort über Piloten  kommt sofort über Piloten 
Abhebegeschwindigkeit  durchschnittlich  durchschnittlich 
Starthandling insgesamt  einfach  einfach 
GERADEAUSFLUG  1 -- 2  1 -- 2 
Trimmgeschwindigkeit  37 km/h  38 km/h 
Geschwindigkeit beschleunigt    53 km/h 
Rolldämpfung  durchschnittlich  durchschnittlich 
KURVENHANDLING  1 -- 2  1 -- 2 
Trudeltendenz  gering  gering 
Steuerweg  durchschnittlich  durchschnittlich 
Wendigkeit  hoch  hoch 
BEIDSEITIGES ÜBERZIEHEN 
Sackfluggrenze  durchschnittlich 60 cm - 75 cm  durchschnittlich 60 cm - 75 cm 
Fullstallgrenze  durchschnittlich 65 cm - 80 cm  durchschnittlich 65 cm - 80 cm 
Bremskraftanstieg  durchschnittlich  durchschnittlich 
FRONTALES EINKLAPPEN 
Vorbeschleunigung  durchschnittlich  durchschnittlich 
Öffnungsverhalten  selbständig verzögert  selbständig verzögert 
FRONTALES EINKLAPPEN (BESCHLEUNIGT) 
Vorbeschleunigung  durchschnittlich 
Öffnungsverhalten  - -  selbständig verzögert 
EINSEITIGES EINKLAPPEN  2 -- 3 
Wegdrehen  180 - 360 Grad  180 - 360 Grad 
Drehgeschwindigkeit  durchschnittlich  hoch mit Verlangsamung 
Höhenverlust  durchschnittlich  durchschnittlich 
Stabilisierung  selbständig  selbständig 
Öffnungsverhalten  selbständig schnell  selbständig schnell 
EINSEITIGES EINKLAPPEN (BESCHLEUNIGT)  2 -- 3 
Wegdrehen  180 - 360 Grad 
Drehgeschwindigkeit  - -  hoch mit Verlangsamung 
Höhenverlust  durchschnittlich 
Stabilisierung  selbständig 
Öffnungsverhalten  - -  selbständig verzögert 
EINSEITIGES EINKLAPPEN UND GEGENSTEUERN 
Stabilisieren  einfaches Gegenbremsen  einfaches Gegenbremsen 
Steuerweg  durchschnittlich  durchschnittlich 
Steuerkraftanstieg  durchschnittlich  durchschnittlich 
Gegendrehen  einfach, keine Tendenz zum Strömungsabriss  einfach, keine Tendenz zum Strömungsabriss 
Öffnungsverhalten  selbständig verzögert  selbständig verzögert 
FULLSTALL (symmetrische Ausleitung) 
FULLSTALL (asymmetrische Ausleitung) 
TRUDELN AUS TRIMMGESCHWINDIGKEIT 
TRUDELN AUS STATIONÄREM KURVENFLUG  1 -- 2  1 -- 2 
STEILSPIRALE 
Einleitung  einfach  einfach 
Trudeltendenz  gering  gering 
Ausleitung  selbständig  selbständig 
B-LEINEN-STALL  1 -- 2  1 -- 2 
Einleitung  durchschnittlich  durchschnittlich 
Ausleitung  selbständig  selbständig 
LANDUNG  1 -- 2  1 -- 2 
Landeverhalten  durchschnittlich  durchschnittlich 
ERGÄNZUNGEN ZUR FLUGSICHERHEIT