Gut Ding will Weile haben. Auch wenn ich lange den Hohn und Spott meiner Fliegerkollegen aushalten musste, hab ich mir über ein Jahr Zeit gelassen den richtigen Schirm für mich zu finden. (Siehe Swing Arcus M & Apco Sierra) Und um es gleich Vorweg zu nehmen, nach einem knappen Jahr und 60 Flügen mit meinem Epsilon bin ich mir jetzt sicher, dass es sich gelohnt hat. Aber von Vorne:
Aufbau:
Der Epsilon hat einen eher konservativen Aufbau. Sprich, keine Diagonalbänder
und so grosse Zellen, dass glatt eine ganze Kindergartengruppe im Schirm übernachten
könnte. Stabilobremse gibt es keine, dafür zwei kleine Ösen im Stabibereich an der
Austrittskante. Zur Wirkung der Ösen mailte mir Advance folgendes: "Die Ösen
bewirken, daß beim Bremseneinsatz die Hinterkante des Schirms etwas gerafft wird. In
Verbindung mit der übrigen Bremsenanlekung bewirkt das einen harmonischeren
Profilverlauf, wenn gebremst wird. D.h. relativ viel Bremse am Aussenflügel, zur Mitte
hin immer weniger werdend."
Den einzigen wirklich negativen Aspekt des Schirmes gleich am Anfang. Die Tragegurte der
Advance Schirme: Die sind so schlabbrig und lang, dass sie sich ständig in sich und
gegeneinander verdrehen, das kann einen schon mal zum Wahnsinn treiben. Ich möchte nicht
wissen, was die Kollegen am Didamskopf gedacht haben, als ich mich, den Startplatz
blockierend, zum 3ten mal ausgegurtet habe weil schon wieder was verdreht war oder ich das
zumindest dachte. Was soll´s, inzwischen habe ich mich damit abgefunden und komme auch
ganz gut zurecht. Ausserdem, wer sucht sich seinen Schirm schon nach den Tragegurten aus.

Start:
Problemlos in allen Variationen,. vorwärts, rückwärts, mit und ohne Anlauf,
immer steigt der Epsilon zügig, wie auf Schienen hoch ohne hängen zu bleiben oder
überzuschiessen. Beim Vorwärtsstart habe ich allerdings manchmal Probleme zu spüren wo
genau sich der Schirm gerade befindet, ist aber egal, denn er befindet sich eigentlich
immer da wo er hingehört. Ich habe gerade nochmal im Flugbuch nachgeschaut, ich hatte
während der 60 Starts nur einen Startabbruch und den bei sehr kräftigem Wind.
Abstiegshilfen:
B-Stall: Habe ich nie gemacht, soll aber, obwohl im Handbuch davon
abgeraten wird, problemlos sein.
Ohren anlegen: Der Schirm besitzt getrennte A-Gurte zum Ohren anlegen an denen eine
Halteschlaufe angebracht ist. Zuerst dachte ich zwar: "was soll der Scheiss".
Inzwischen habe ich es jedoch zu schätzen gelernt. Die Bedienung ist so doch sehr einfach
und man kann, auch wenn man ungeübt ist, sehr schnell danach greifen. Manchmal geht es
einem ja nicht schnell genug wenn es schon diesig wird.
Steilspirale: Gibt es eigentlich nichts besonderes zu sagen. Die Einleitung ist
sehr einfach und prompt. In der Spirale kann man die Sinkgeschwindigkeit sehr gut mit der
Aussenbremse dosieren. Die Ausleitung mache ich indem ich die Aussenbremse langsam weiter
ziehe und gleichzeitig die Innenbremse nachlasse. Will der Schirm dann aus der Spirale
drücke ich noch mal mit der Innenbremse deutlich nach. So geht der Schirm immer ohne die
geringsten Aufschaukelbewegungen aus der Spirale. Ob der Schirm bei extremen
Sinkgeschwindigkeiten stabil in der Spirale bleibt, weis ich nicht.
Extremflugverhalten:
Frontstall: Das habe ich beim Sicherheitstraining zweimal geflogen. Der
Schirm geht sehr schnell zuerst in der Mitte wieder auf, die Ohren folgen dann etwas
verzögert. Auf Geheis des Instruktors habe ich zur Ausleitung nicht angebremst. Das
scheint mir auch vernünftig, da bei angelegten Ohren die Stallgrenze schneller erreicht
ist. Dass der Schirm zuerst in der Mitte aufmacht finde ich sehr gut, da ich auch schon
Schirme gesehen habe die von der Seite aus wieder geöffnet haben und so von einem
Frontstall in einen Seitenklapper übergegangen sind.
Klapper: Kleinere Klapper bis etwa 60% Eintrittskante sind sehr harmlos, da der
Schirm kaum wegdreht und sofort wieder öffnet, zum Gegensteuern kommt man kaum. Anders
sah es jedoch aus, als ich soweit oben wie möglich in die Leinen griff und sehr beherzt
daran riss. Heidewitzka, der Schirm drehte dann sofort und wehement weg und ging sofort
auf die Nase. Ich habe im Sicherheitstraining dreimal versucht den Schirm nach solchen
über 70% Klappern zu halten, was mir nicht gelungen ist. Positiv jedoch, dass der Epsilon
auch dann keine 180° braucht um wieder zu öffnen und keinerlei Folgereaktionen wie
Negativ, Verhänger oder Gegenklapper zeigte und sich sofort wieder beruhigt hat, auch
wenn ich nicht eingriff. Hier zeigt sich jedoch, dass der Epsilon wie auch von Advance
bestätigt kein Anfängergerät ist.
In der Praxis bleiben einem Klapper, wenn man meint im Mai bei sehr turbulenter Thermik
den Pinzgauer Spaziergang fliegen zu müssen, auch nicht fremd. Aber auch hier zeigte sich
der Schirm sehr angenehm, d.h. sofortige Wiederöffnung und keinerlei andere Sauereien.
Auch einen beschleunigten Klapper habe ich in der Praxis schon erlebt, die Reaktion war
etwa wie bei den sehr grossen Klappern.

Flugleistungen:
Selbst nach einem Jahr finde ich es schwierig genaueres über die Leistung des
Schirmes zu sagen. Sicher ist jedoch, dass man sich von dem etwas behäbigen Aussehen des
Epsilon nicht täuschen lassen sollte. Ein Vergleichsflug mit dem wesentlich schnittiger
aussehenden und mit Diagonalzellen versehenen Booster zeige keinerlei Unterschiede im
Gleitpfad. Der Epsilon war bei etwa gleicher Flächenbelastung sogar etwas schneller im
Trimmspeed. Was das minimale Sinken anbelangt, so war ich beim Soaren zwar immer mit oben
dabei, jedoch selten der Höchste, was natürlich auch an mir gelegen haben könnte.
Der Beschleuniger ist leichtgängig und nicht der Weg nicht besonders lang. Selbst voll
beschleunigt geht die Gleitzahl nicht in den Keller. Gemessen habe ich mit GPS auf etwa
1000 m Höhe 44-45 km/h. Das ist für einen Intermediate nicht gerade Spitze, aber man
kann die Geschwindigkeit bedenkenlos erfliegen. In der Praxis habe ich noch nie einen
schnelleren Schirm vermisst. Zumal 1-2er Schirme bei 50 km/h eine GZ jenseits von gut und
Böse haben.
Handling:
Jetzt kommt das Beste des Epsilon überhaupt. Ich habe vom 1er bis zum
Wettkampfschirm alles schon mehr oder weniger ausgiebig geflogen. Keiner der Schirme kam
an das Handling des Epsilon heran.
Im oberen Bereich sind die Steuerkräfte eher gering um dann aber schnell zuzunehmen. Ein
Überziehen des Schirmes ist so wohl kaum möglich. Auf Steuerimpulse reagiert er prompt
und vor allem wohldosiert. Nach einer kurzen Umstellungszeit, macht der Schirm immer genau
das was man will. Es ist weder ein Wegschmieren in der Kurve festzustellen, noch ein
frühzeitiges Graben. Hat man beim Eindrehen mal zuviel des Guten getan und die Kurve
gerät zu steil, kann man den Schirm durch Stützen mit der Aussenbremse momentan wieder
flach stellen. Bei einigen Schirmen die ich geflogen bin konnte ich einen gewissen
Widerwillen beim Eindrehen in die Thermik bemerken. Es brauchte dann immer etwas Zeit bis
der Schirm in die gewünschte Richtung dreht, man muss sie fast in die Kurve zwingen.
Nichts von dem ist beim Epsilon zu bemerken. Was ich sehr schätze ist die Eigenschaft des
Epsilon beim Einflug in die Thermik nicht nach hinten zu nicken sondern eher leicht nach
vorne zu kommen. Man hat das Gefühl, dass der Schirm förmlich in die Thermik zieht. Das
nennt man dann wohl "Thermikbiss".
Resumee:
Vor allem das Handling macht den Epsilon für mich zum optimalen Schirm. Es macht
einfach richtig Spass diesen Flügel zu fliegen. Man fühlt sich immer als Pilot und nicht
als Passagier.
Es ist zwar eine Floskel die wohl in fast allen Gleitschirmtests steht, aber beim Epsilon
stimmt sie: "Der Schirm ist sehr ausgewogen". Der Epsilon hat wohl keine
wirklichen Schwächen, er ist nicht in Teilbereichen wie Geschwindigkeit oder
beschleunigtem Gleiten auf Höchstleisung getrimmt um dann in Bereichen wie Sicherheit,
Handling oder Startverhalten wieder einzubüssen.
Allen die behaupten Schirme der unteren Kategoriegen seien langweilig und träge, lege ich
ein Flug mit dem Epsilon ans Herz.
Wolfgang