Aus tragischem Anlaß ein trauriges posting über...

1. die Ignoranz

2. die Dummheit + Verantwortungslosigkeit

3. die Stil- und Taktlosigkeit sogenannter "piloten".

4. Dankbarkeit

5. Trauer und Mitgefühl

6. Konsequenzen

 

 

Breitenberg Allgäu, Pfronten, 14.5.00 - ca. 9 Uhr morgens.

Sonniger blauer Himmel, leichte Hochnebelbildung nach heftigen Regenfällen am Vortage, laut Austrocontrol ENE-Lage mit durchaus fliegbaren 10- 20 km/h in 2000 m Höhe bei Breitenberghöhe von ~1800 m.

 

1. die Ignoranz:

Ca 10 Uhr : - bei feuchten Luftmassen stark absinkende Basis mit wolkenbedeckten Startplätzen am Kesselmoos und Engerle ohne Sichtkontakt zum Boden oder zu höher-/tiefergelegenen Startplätzen - auffrischende, teils boeige Winde aus NNE, beginnende Leetendenz an den Startplätzen.

Unter o.g. Bedingungen beobachten wir mehrere Starts aus dem Kesselmoos gegen ca. 10.30h, technisch o.k., Sicht bei kurzen Wolkenlöchern in der Basis nach dem Prinzip: "...wird schon gut gehen, oder eben einfach mal ein paar Meter geradeaus, Sicht wird da hinten schon wieder kommen."

Im Verlauf steigen wir gegen 11 Uhr zum Startplatz Engerle auf, um, nachdem dort bei inzwischen teils turbulenten Böen ohne Sicht keine startbaren Verhältnisse waren, die weitere Wetterentwicklung auf der (Ostler-)Gipfelhütte abzuwarten (die obige Einschätzung entspricht übrigens auch der Einschätzung des hauptberuflichen Piloten des SAR-Rettungshubschraubers, der an diesem Tag aus traurigem Anlaß 3 mal an dieser Stelle landen mußte und nach eigenen Angaben an diesem Tag 2 Schwerverletzte und 1 Toten GS-Piloten bergen mußte.

Im Lechtal waren mittlerweile deutlich labilisierte feuchte und zunehmend quellende Luftmassen erkennbar, die unter zunehmender Windverstärkung aus Nordrichtung turbulente Luft gegen die Nordflanke des Breitenbergs saugten – ein Effekt, der durch die vorgelagerten Rinnen am Taufert in N-S-Richtung eine düsenartige Verstärkung erfahren kann.

Die feuchten Luftmassen des Alpenvorlandes wurden dabei mit sich rasch in der Höhe verändernder Basis nordseitig emporgerissen. Von der angekündigten ENE-Lage war zu diesem Zeitpunkt zwischen 11.30 und ca. 18.00 Uhr keine Rede mehr.

Trotzdem war eine numerisch nicht genau zu erfassende von GS-piloten in der Luft, da in der immer wieder absinkenden und aufreißenden Staubewölkung niemals wirklich zu erkennen war, wieviele Schirme in der Luft waren.

 

ZITAT PRESSEMITTEILUNG POLIZEI PFRONTEN VOM 14.5.00: NACH GELUNGENEM START AM Breitenberg war der GS-PILOT BEREITS EINE Halbe stunde in der luft gewesen. PLÖTZLICH SEI DER MANN ABER IN EINE WOLKE GERATEN, DIE IHM DIE SICHT EINGESCHRÄNKT HABE.

IN DER WOLKE VERLOR DER GS-FLIEGER OFFENSICHTLICH DIE ORIENTIERUNG, SCHLIEssLICH SEI DER MANN IN CA. 1700 meter höhe gegen eine felswand geprallt. DER MANN ERLITT DABEI SCHWERE SCHÄDELVERLETZUNGEN .

 

Um die weitere Wetterentwicklung abzuwarten und die leeseitige Entwicklung beobachten zu können entschieden wir uns, das weitere Geschehen auf der Ostlerhütte zu verfolgen.

 

 

2. die Dummheit + Verantwortungslosigkeit :

 

Ca. 13.30 Uhr wollten wir wieder zum Engerle-Startplatz absteigen, als der Funkmelder des anwesenden und diensthabenden Bergwachtlers einen GS-Pilotenabsturz meldete. Selbiger stieg dann umgehend unter eigener Lebensgefahr zu einem bewußtlos im Gutzeug mit dem Gesicht zur Wand hängenden Piloten ab. Die Eintrittskante des Schirms zeigte dabei nach Norden, der Schirm hatte sich mit den Leinen im Fels zwischen Ostlerhütte und Startplatz Engerle verfangen. Unmittelbar darauf wurde mein Freund und (Notarzt-)Kollege Volker von der Bergwacht zu dem Verunfallten abgeseilt, wo er leider nur noch den Tod des Piloten feststellen konnte.

Parallel zu diesen Vorgängen erfolgte die Benachrichtigung und Anflug des in Kempten stationierten BGS-Rettungshubschraubers Christoph 17. Begleitet wurden diese Abseilaktionen von mehrfach( 2 piloten mindestens 4mal ) in einer Entfernung von 50-100m vorbeisoarenden Schirmen mit SICHTKONTAKT ZUR LAUFENDEN BERGUNG !!! Der Unfallbereich wurde von diesen piloten erst nach mehrmaliger lautstarker Aufforderung verlassen. Zu keinem Zeitpunkt konnte einer dieser piloten über den Gesundheitszustand des Verunfallten etwas wissen, geschweige denn davon ausgehen, dass medizinische Hilfe nicht mehr erforderlich sei.

Gleichzeitig erfolgte die telefonische Benachrichtigung der Bergbahn und das Anschalten der Liftwarnlampen, über die an der Talstation FÜR JEDEN DER IN FREMDEN FLUGGEBIETEN FLIEGT NACHZULESEN STEHT, was SIE BEDEUTEN :STARTVERBOT !!! Ignorant dieser Bestimmung sind mindestens nach Bergwachtaussage 2 weitere piloten vom Kesselmoos gestartet, wo man die Warnlampen deutlich sieht.

...aber vielleicht kann man sie ja wirklich nicht erkennen, wenn man bei Nebel fliegt ?!?

Der anfliegende Christoph 17 konnte nach Angaben des Piloten über Funk wegen der dichten Wolkendecke und der turbulenten Windsituation nicht in den Unfallbereich einfliegen. Nachdem über Funk geklärt war, daß lediglich der Leichnam geborgen werden mußte, wurde in der Folge derSAR-BW-Hubschrauber aus Landsberg angefordert. Aufgrund mehrer Folgeeinsätze konnte der zwischenzeitlich von den Männern der Pfrontner Bergwacht geborgene Leichnam des Piloten erst gegen 18.00Uhr ins Tal geflogen werden.

Trotz 2 verschiedener anfliegender Hubschrauber mit insgesamt 3 Gipfellandungen am Breitenberg war über einen weiten Zeitraum immer wieder Flugbetrieb zu beobachten. Die Fairneß gebietet aber zu sagen , dass wir nicht wußten, ob und wenn ja wann die Liftwarnlampen wieder abgeschaltet wurden. Fakt ist jedoch , dass die meteorologischen Bedingungen sich bezüglich der Wind-und Böenstärke eher noch verschlechterten.

Den Gipfel der Ignoranz lieferte dann ein den Piloten der Region sicher einschlägig bekannter pilot, der sich gegen 18.00 Uhr humpelnd in einer Knieschiene (nach Gleitschirmunfall ??) von der Ostlerhütte kommend dem Startplatz Engerle näherte, und erst nach massivem Drängen von 3 Personen davon abgehalten werden konnte, seinen Schirm im Landebereich des über Funk angekündigten SAR-Hbschraubers auszulegen.

ZITATE DES O.G . piloten u.a.: ICH BIN SCHON SAR GEFLOGEN; DA HAST DU NOCH IN DIE WINDELN GESCHISSEN ! oder " BIS DER HUBSCHRAUBER KOMMT BIN ICH SCHON WEG..."

Vielleicht sollte man den Namen nennen, aber das würde nur wieder zu einem Schlagabtausch auf eben diesem Niveau im Forum führen – darum geht es mir hier aber nicht – mancher der dieses posting liest , wird Person und Vorgang einzuschätzen wissen.

 

 

3. die Stil- und Taktlosigkeit sogenannter "piloten":

 

Obigem piloten war es dann aber doch noch vorbehalten, sich unmittelbar neben dem a m Startplatz Engerle im Bergesack ruhenden tödlich verunfallten GS-Piloten auf seinen "Genußflug" ins Tal vorzubereiten, während wir mit dem Toten auf den HS-Abfliug ins Tal warteten es steht mir nicht zu , den Moral-und Tugendapostel am Startplatz zu geben, dafür schreibe ich auch nicht diese Zeilen – aber selbst nach Überschlafen der Situation ( sonst wäre hier manches verbal sehr viel drastischer ausgefallen) ist dies eine der größten Takt- und Stillosigkeiten, an die ich mich erinnern kann – möge jeder sich eine eigene Meinung über solches Verhalten bilden und ob wir auch noch so etwas wie Ethik, Moral und Anstand in unserem Sport brauchen .

 

 

4. Dankbarkeit:

 

Den Männern der Pfrontner Bergwacht und der Rettungsteams in den Hubschraubern, der Leitstelle und den Helfern am Boden für ihren hervorragenden, schnellen und professionellen Einsatz, und dafür, dass die Bergwachtler ehrenamtlich ihr Wochenende opfern und ihren Hals riskieren, um die schlimmsten Folgen der oben beschriebenen Ignoranz möglichst zu verhindern – GS-Piloten gefährden eben nicht nur sich selbst, sondern in erheblichem Maße auch die , die sie wieder rausholen müssen aus der Misere.

 

 

5. Trauer und Mitgefühl: Über den wie ich glaube unnötigen Tod eines Fliegerkameraden, den ich nur entfernt kannte, mein Beileid den Angehörigen und seinen Freunden, verbunden mit dem Wunsch und der Hoffnung, dass zumindest alle, die an diesem Tag an diesem Berg geflogen sind, aus diesem Tod etwas gelernt haben.

 

 

6. Konsequenzen: Kann, soll, müssen solch e Vorfälle Konsequenzen haben !? Und wenn ja welche ?

Mein erster Gedanke am Unfalltag war : Es muß einen Startleiter für jedes Fluggebiet geben, der die Kompetenz besitzt, aus gegebenen Gründen ein Startverbot zu verhängen, wenn piloten offensichtlich nicht in der Lage sind, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen, die ein sicheres Fliegen im Rahmen der Geraetegrenzen und des eigenen realen Könnens ermöglichen ( der dies schreibt ist sich seiner eigenen fliegerischen Grenzen und bereits gemachten Fehler wohl bewußt und sieht sich nur als einen unter Gleichen )

Betrachtet man die Tatsache, dass mindestens ein weiterer Pilot mit operationspflichtigen Wirbelkörperbrüchen der Brust-und Lendenwirbelsäule in einem Schwerpunktkrankenhaus der Region liegt und in einem unmittelbar benachbarten Fluggebiet verunglückt ist, erscheint mir eine Diskussion über dieses Thema auf breiter Ebene sinnvoll.

 

Das oben geschilderte Geschehen ist eine im Bewußtsein der Subjektivität des Autors dargestellte Wahrnehmung der Vorgänge am Sonntag, den 14.5.00 am Breitenberg zu Pfronten und verträgt durchaus kritische Stellungnahmen – ich vertrete hier aber auch die Meinung, dass wir einen vermeidbaren toten GS-Piloten und mehrere Schwerverletzte zu beklagen haben, während ich Piloten von einem SUPERFLUGTAG habe sprechen hören.

 

SEHR NACHDENKLICH Henning


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