Wie funktionieren Protektoren ?
Der Schwächere gibt nach !
Von Helmut Hintner. > hintner@aon.at <
Dieser Artikel erschien bereits in "Gleitschirm" Nov. 98, daraus wurde dann ein (verkürzter)Wenn sich Mutter Erde schneller nähert als geplant und die Beine vom Aufprall überfordert oder - noch schlimmer ! - gar nicht "ausgefahren" sind, dann gibt´s eine mehr oder weniger harte Po-Landung. Dafür ist aber der menschliche Körper absolut nicht gebaut - schon geringe Fallhöhen können zu schweren Verletzungen, den sog. Kompressions-Brüchen der Wirbelsäule, führen.
Experten haben festgestellt, daß die Vertikal-Geschwindigkeit beim Aufprall selten mehr als 5 m/s, das sind 18 km/h, beträgt. Das entspricht einer Fallhöhe von 1,50 m, mit der auch der DHV Protektoren prüft.
Und jetzt wird´s ein bisserl physikalisch :
Im Piloten-Körper (seiner Masse) ist kinetische Energie E. der Bewegung - gespeichert und die will beim Aufprall Verformungs-Arbeit leisten - sie bricht Flieger-Knochen , wenn sie nichts anderes zum Knautschen findet - also muß der Protektor als "Schwächerer" nachgeben, bevor´s die Knochen tun !
Der vom DHV gesetzte 20 "g" Grenzwert entspricht Erfahrungswerten aus der Flugmedizin (Öffnungs-Stoß beim Fallschirm, Flugzeug-Schleuder-Sitz, Helicopter-Crash) - und bedeutet, daß der Rumpf des Piloten für Bruchteile von Sekunden mit dem 20-fachen seines Gewichtes auf den Protektor drückt und der dabei geknautscht wird. Dabei kommt´s auf den eingebauten "Bremsweg" - der stets geringer als die Bauhöhe ist - an : ist der doppelt so groß, gibt´s halbe "g"-Werte und umgekehrt, oder : je dicker ein Protektor, desto "Knochen-schonender" ist er.
Im Folgenden seien die verschiedenen Dämpfungs-Methoden vorgestellt :
1.1. Füllung durch Staudruck : "Cygnus" (Oliver Meyer).
Vorteil : besonders kleines Packmaß, leicht zu verstauen.
Nachteil : evtl. ungenügende Füllung in der Startphase, größere
Bauhöhe systembedingt - nur eine Druckkammer, die vom Po
bis zu den Schultern reicht, läßt die Luft vom Aufprallort
entweichen.
1.2. Füllung durch Schaumstoff : "Permanent-Airbag"
(Helmut Hintner).
Vorteil : Immer voll gefüllt, getrennte Druckkammern
verhindern, daß die Luft vom Aufprall-Ort entweicht,
Nachteil : größeres Transport-Volumen.
Vorteil : Volle Bremswirkung vom ersten Eintauchen an, dieser
"Start-Vorsprung" gegenüber dem Airbag wird aber durch die
größere Restblocklänge, das ist die Material-Dicke bei voller
Kompression, z. T. wieder kompensiert.
Prallplatte verzichtbar (?)
Nachteil : höhere Jolt-Werte, evtl. Temperaturabhängigkeit,
versteift das Gurtzeug, Volumen für den Transport nicht
reduzierbar
2.1. Dauerhaft verformbare Dämpfungs-Körper - "Eincrash"
Protector".
Wird bei Fahrrad-Helmen aus EPS seit Jahren erfolgreich
angewandt : Sturz Delle im Helm Kopf ganz, Helm
entsorgen.
Vorteil : leicht, billig.
Nachteil : "schleichende" Verformung, mechanisch, aber
auch durch Benzin- Dämpfe (Kofferraum), möglich.
2.2. Elastische Dämpfungs - Körper.
Das sind Schaumstoffe, wie man sie z. B. von der
Armaturenbrett Polsterung im Auto oder Motorrad-
Schutzanzügen kennt.
Nach dem Crash "erholt" sich das Material wieder.
Vorteil : unempfindlich.
Nachteil : steif
Outlook :
Alle vom DHV zugelassenen Protektoren haben einen hohen Entwicklungs-Standard erreicht und die passive Sicherheit wesentlich verbessert.
Der nächste Schritt könnte im vermehrten Einsatz von Seiten-Protektoren und der Einführung einer Prallplatte, die zugleich als "Landekufe" eingesetzt werden kann, bestehen.
Auch die Zulassung nach Gewichts-Klassen - hier "leichte" Mädchen, da "schwere" Jungs - scheint überlegenswert....
Sicherheits - Philosophie :
Aktive Sicherheit heißt, so zu fliegen, daß es gar nicht zum Crash kommt,
Passive Sicherheit soll die Crash Folgen mildern, wenn "es" doch passiert....
Helmut Hintner hat den Schaumstoff-Airbag 1989 erfunden und dafür das österr. Patent AT 397950B erhalten.
Seit 1998 enge Zusammenarbeit mit Sup`Air (Bumpair).
Weitere Lizenznehmer :
Turnpoint, Skyline, High Adventure, Perché (derzeit kein Permanent-Airbag im Programm)
.
Diese Graphik aus "Martin Baker Helicopter Crashworthy Seat" zeigt, was passiert, wenn kein Protektor als "Knautsch-Zone" vorhanden ist.

Bei den obigen "Bremswegen" ist zu beachten, daß sie kleiner als die Bauhöhe des jeweiligen Protektors sind :
Beim Airbag muß erst die eingeschlossene Luft komprimiert werden, bevor Verzögerung einsetzt,
Beim Permanent-Airbag und Hartschaumstoff-Protektor muß die Restblockstärke, das ist die Dicke des voll zusammengedrückten Schaumstoffes, abgezogen werden.
Man kann davon ausgehen, daß die Restblockstärke beim Weichschaum geringer als beim Hartschaum ist.