Mit so pessimistischem
Ansatz hatte es also am 2.April der Carbon S, Novas aktueller performance
1-2er nicht eben leicht, mich in der Luft wie am Boden zu überzeugen.
Als Testgelände diente diesmal das Neunerköpfle im Tannheimer
Tal bei gemischten Bedingungen und thermisch-dynamischem Steigen bis 3,5
m/s.
Vorab möchte ich noch mal betonen, dass Ich hier hauptsächlich den Carbon S mit dem Arcus S und anderen S Schirmen nach persönlichem Geschmack vergleiche. Rückschlüsse auf größere Schirme sind mit Vorsicht zu genießen.
Mit meinem Startgewicht von 82 Kg liege ich gut in der Mitte des zulässigen Bereiches, der sich von 75 -95 Kg erstreckt. Hier ist endlich mal eine für leichte Piloten praxisgerechtere Spanne als üblich gewählt worden.
Über die Verarbeitung möchte ich mich im Gegensatz zu manch anderen Testern nicht groß auslassen. Ich setze einfach voraus dass eine Traditionsfirma wie Nova tadellos nähen kann. Ob irgendwo dieses ominöse Nahtschutzband ist weiß ich auch nicht, weil es mich selbst bei einem 5 Jahre alten Schirm noch nie interessiert hat und ganz sicher meine Kaufentscheidung so wenig beeinflusst wie die ewige Metall/Kunststoffrollen Frage oder die Diskussion um heilige Plastikteilchen in den Leinenschlössern.
Die breiten Tragegurte sind mit geteilten A-Gurten ausgestattet, wobei ein Klettband beide Teile verbindet. So kann jeder selber entscheiden wie er die Sache bevorzugt.

Der Start...., die Kappe steigt schön geschmeidig und flott hoch bis knapp vor die Senkrechte und bleibt dann kurz hängen. Konsequentes Führen bis zum höchsten Punkt ist hier angesagt, bevor der Takeoff ganz locker weitergeht. Ein Startwunder ist der Carbon S nicht, aber nach kurzer Eingewöhnungszeit sollte das auch kein Thema mehr sein. Immerhin startet man mit so einem Schirm nur einmal am Tag. Vom Sicherheitsaspekt scheint mir so ein Verhalten sogar recht günstig zu sein, weil das immer noch weit verbreitete unkontrollierte Hinterherspringen bei vorschiessenden Schirmen automatisch entschärft wird.
Im Flug....., sofort ein gutes Gefühl. Die Kappe steht prall und äußerst schnittig über dem Piloten. Wer das stete aber harmlose in sich Arbeiten des Arcus nie mochte, verzeichnet hier einen Pluspunkt.
Der Schirm fühlt sich etwas kippeliger an und hat mehr Leben als ich im ersten Moment gewohnt bin, aber die Bewegungen sind in einem sehr überschaubaren Rahmen und letztendlich lässt er sich fast genauso unaktiv Fliegen wie der Arcus. Ich hatte das Gefühl dass die Dämpfung zwar erst ab einer gewissen Auslenkung der Kappe einsetzt, dann aber stark ist und eine hohe Sicherheit vermittelt.
Der Steuerdruck ist gut definiert und steigt mit zunehmendem Weg sehr deutlich an. Die tatsächlich genutzten Wege sind dabei mittel und ohne es bis zur Grenze ausprobiert zu haben scheint mir die Sicherheitsreserve sehr groß zu sein.
Mit Gewichtsverlagerung (wer fliegt eigentlich ohne?) und mäßigem
Bremseneinsatz dreht der Carbon flach steigoptimiert und neutral um die
Kurve. Will man enger und steiler eindrehen genügt etwas mehr Bremse
und die Kappe geht sehr schön dosierbar weiter auf's Ohr. Treibt man
das weiter ist allerdings bald feinfühliges Agieren mit beiden Bremsen
und dem Hintern gefragt um nicht mit erhöhtem Sinken bestraft zu werden.
Keinesfalls verhält sich der Schirm hier unangenehm, aber er
liebt es eben nicht so flugs um enge Ecken gejagt zu werden. Laut Leuten
die es wissen müssen ist dies eine übliche und von Novakunden
geschätzte Steuercharakteristik.
Das nützliche, definierte Feedback in der Thermik ist ok, und sollte bei einem Schirm dieser Klasse vielleicht auch nicht zu deutlich sein. Es gibt aber Schirme die einem klarer anzeigen wo der Hammer hängt. Kappenentlastungen kommen dadurch einerseits deutlich, aber eben auch nicht zu heftig am sensiblen Fliegerpopo an und es bleibt auch dem nicht so versierten Piloten genug Zeit zum reagieren. Eine gut ausgewogene Mischung aus Sensibilität und sicherem Feeling. Das Verhalten in der Thermik in Verbindung mit der Steuercharakteristik ist insgesamt nicht ganz mein persönlicher Geschmack und in irgendwelchen leeigen Rippen, knapp über den Wipfeln, kurz vor dem Absaufen nach 50 km würde ich eindeutig den Arcus S (allerdings an der oberen Gewichtsgrenze) bevorzugen, weil der, wenn's denn sein muss, die ultimative Kurve vor dem Fels eher noch schafft. Objektiv ist die Leistung in der Thermik etwas entgegen meinem Gefühl aber offensichtlich Tip Top, war ich doch nicht selten der höchste, schönste, beste.....
Wingover wie Steilspirale gelingen leicht und schnell, beides habe ich allerdings nur mäßig ausgereizt. Besonderheiten gab es da keine und auch bei der Spiralausleitung verhielt er sich normal bis brav. Positiv aufgefallen ist mir hier das für die Klasse schöne Umsetzen von Speed in Höhe, was ich bisher bei 1-2ern so nicht kannte.
Beschleuniger.......Bisher mag dem Leser aufgefallen sein, dass ich
mit Superlativen geizte. Der Tritt in den Beschleuniger allerdings ließ
mein Herz höher schlagen.Bei geringen bis mäßigen Kräften
und normalem Weg hält der Beschleuniger bei diesem Schirm endlich
mal was der Name verspricht. Ohne Messungen gemacht zu haben bin ich überzeugt,
dass das Gleiten im oberen Geschwindigkeitsfenster einfach klasse ist.
Ich war sehr angenehm über das Sinken von ca. 2,3 - 2,8 m/s bei voller
Geschwindigkeit überrascht, was ungefähr einem Gleitwinkel von
5-6 entspricht. Diese Werte sind mit sehr großen Unsicherheiten behaftet,
aber zumindest in Relation zu meinem alten Schirm einfach deutlich
besser. Trotz der hohen Geschwindigkeit schien mir die Kappe tadellos stabil
zu sein und ich hatte über den Beschleunigerdruck gutes Feedback über
die Zustände über mir. Hier vergebe ich gerne ein dickes Doppelplus
und erinnere mich an einen Testflug mit dem Bagheera.
Störungen ...... kommen immer wieder mal vor und vergällen
vielen Piloten der Zielgruppe gelegentlich den Spaß. Ich hatte trotz
einiger Turbulenzen nur ein paar Entlaster und etwas Geraschel, weil das
steife Tuch jede poplige Bewegung gleich
akustisch weiterleitet. So musste ich schon in die Leinen greifen um
etwas über das Klappverhalten zu lernen.
Mit gehaltener Bremse bekommt man beim Carbon S keinen nennenswerten
Klapper hin, also die Bremse drangeklickt und mal ordentlich die roten
Gurte runtergezogen.2/3 Eintrittskante klappen zu und mit gemäßigtem
Abkippen im Gurtzeug dreht der Schirm zwar ohne Zögern weg, aber nach
kaum 90° hört sie schon wieder auf um bei etwas Gegenbremsen spätestens
sofort wieder geradeaus zu fliegen. Die Vorbeschleunigung ist gering und
die offene Seite kaum abzureissen.
Hier zeigt sich eine Parallele zum Verhalten in der Thermik. Kleinere
Bewegungen über dem Kopf des Piloten macht der Schirm schnell, dann
setzt die schöne Stabilität ein.Das Wiederöffnungsverhalten
ist gemächlich, sehr überschaubar und nicht dynamisch. Auch wenn
mal ein Ohr ohne Bremse drinbleibt ist das eher ein optisches als ein aerodynamisches
Problem. Ein "echter" Klapper aus einem missglückten Wingover zeigte
auch kein anderes Verhalten.Wie die Sache beschleunigt aussieht habe ich
Schisser nicht getestet, aber die Reaktionen dürfen schon deutlich
heftiger sein ohne die Zielgruppe zu überfordern.
Landung....mein Gott, Volte, Durchbremsen, Stehen. Alles Paletti.
Alles in Allem....ein optisch toller Schirm mit erstklassiger Leistung
speziell im oberen Geschwindigkeitsbereich. Perfekt geeignet um endlich
die 100km zu zu machen und dabei mit sehr schönem Sicherheitspolster
ausgestattet.
Vom Thermikhandling eher was für Leute die was in der Hand haben
wollen und weniger für supernervöse feinfühlige Rumflitzer.
Der Start kostet eine Stunde am Übungshang, dann sollte die Sache
ein für alle Mal sitzen und man hat was fürs Leben gelernt.Die
Einstufung C im Gleitschirm -Test finde ich übertrieben.
PS: Der Mann der am Testtag meistens mit Abstand am höchsten war hatte einen ausgebleichten Graffity. So viel zum Verhältnis Können-Schirm-Glück solange man am Hausberg bleibt.
DHV-Testprotokoll
Nova CARBON-Seite