Geräteerfahrungen: Bonanza M von GinGliders
High!
4 Flugstunden mit dem Bonanza M, Startgewicht 100kg plus.
Bedingungen: mäßige (max. Steigen 3 m/s) bis keine Thermik, geringe (max. Vwind 15km/h)
bis keine Dynamik. Startplatzhöhe knapp 700 m MSL. Luftdruck:"variabel".
Gurtzeug: WoodyValley X-Act. Gewohnter Flügel und damit Bezugspunkt: Omega 4.
Leistung: nicht ausgesprochen schnell (Vtrimm 35 - 37 km/h, Vmax > 47 km/h), aber gut mit dabei. Gutes Gleiten, auch beschleunigt und im Vergleich zu anderen Flügeln. Hält in dieser Beziehung mit Hochleistern mit. Gemessen an der Flächenbelastung akzeptables min. Sinken und Kurvensinken. Speziell beim engen bis sehr engen Drehen merkt man aber dann doch den Unterschied zu "echten" Hochleistern, da fehlt dann das eine oder andere Zehntel. Große Flächen mit geringerer Flächenbelastung (der Bonanza ist ja eher zierlich) sind beim Steigen im Vorteil; insgesamt jedoch keine wirklichen Probleme auch bei schwächeren Bedingungen mit aktuellen Hochleistern (O4, Ventus 2, ...) mitzuhalten bzw. sie auch mal zu toppen. Aber das gelingt heute mit den meisten Leistungsintermediates.
Sicherheit: stabil und unempfindlich, Gegendrehen auch bei
großen Klappern (gehaltener A-Gurt) völlig unproblematisch (eher schon, diese Klapper zu
simulieren...). Nach simulierten Klappern ohne sofortige Pilotenreaktion nach meinem
Empfinden gemächliches Wegdrehen. Echte Klapper kamen nicht vor. Der Stabilo winkt
allerdings schon hin und wieder mal den anderen Piloten zu. Beschleunigte Klapper habe ich
nicht simuliert.
Ohrenanlegen: bei gleichzeitigem Ziehen der äußeren A-Leinen zweimal in den
Frontstall(!); mit ein Grund dafür dürfte sein, daß schon mit je einer A-Leine viel
Fläche wegklappt. Der Frontstall selbst ist (wie alle anderen Figuren, die ich probiert
habe) aber nicht im geringsten ein Problem; mit ein wenig Gefühl bemerkt man die
Einrolltendenz der Eintrittskante schon beim ersten Ziehen an den A-Leinen, läßt dann
eben wieder nach und die Kiste kommt nichteinmal ins Pendeln. Beim sukzessiven Anlegen der
Ohren mit kurzer "Gedenksekunde" zwischen den beiden Seiten tritt dieses
Phänomen sowieso nicht auf. Die Ohren öffnen nicht selbständig (angenehm), sondern
müssen freigebremst werden.
Die Spiraleinleitung ist simpel, ohne deutliche Gewichtsverlagerung muß man dem
Flügel aber etwas Zeit lassen, bis er Schräglage aufnimmt, es treten dann schnell hohe
Fliehkräfte auf und trotz mitgebremster Außenseite "schlackert" der Flügel
mit dem Außenohr. Da ich immer aktiv Ausleite habe ich keine Infos über stabiles
Weiterspiralen.
Schneller Kurvenwechsel, Wingover: schneller Richtungswechsel und ausgeprägtes
Aufschaukeln (ohne Einklapper) sind schon mit vergleichsweise geringem Brems- und
Gewichtseinsatz möglich. Rein gefühlsmäßig hatte ich immer `nen großen Abstand zum
Trudeln. Die Stallgrenze habe ich zumindest beim Ausflaren auch mit voll gezogener Bremse
nicht erreicht; dafür muß die Bremse wohl länger so tief gehalten werden. Insgesamt
kann ich mir nicht vorstellen, daß man mit diesem Flügel selbst in turbulenten
Luftmassen nennenswerte Sicherheitsprobleme bekommt (jedenfalls solange es überhaupt noch
fliegbar ist). Und das gilt m.E. auch weniger routinierte Piloten. Die Kiste ist einfach
kreuzbrav.
Steuerkräfte: eher gering mit kontinuierlichem
Kraftzuwachs über dem Bremsweg; ab ca. 40 % dann schon recht ordentlich (man/frau bedenke
aber: ich bin ein halbes Hemd und kein Kraftprotz). Der Beschleuniger ist recht
leichtgängig.
Handling: beim "normalem" Kurvenflug dreht der Flügel ausgesprochen flach, auch ausgeprägter Gewichtseinsatz kann mit wenig Außenbremse gut kompensiert werden. Der Flügel mag es jedoch durchaus, wenn er primär mit den Bremsen und wenig Gewichtsverlagerung gesteuert wird (ungewohnt!). Bei Bedarf geht er schnell um`s Eck, ohne bewußtes Aufschaukeln dreht er auch dabei noch vergleichsweise flach. Bei angelegten Ohren läßt er sich mit Gewichtsverlagerung sehr präzise steuern, allerdings darf man sich nicht davor scheuen, sich auch "richtig" in die Kurve zu legen.
Allerdings (und das ist der Punkt, der mir am wenigsten gefällt): so unempfindlich die Fläche auf Störungen reagiert, so "undeutlich" meldet sie die gewünschten Informationen weiter; man spürt recht wenig davon, was über dem Kopf so vorgeht (was nicht heißt, daß die Fläche z.B. Steigen nicht annimmt; nur merkt man es nahezu fast früher am Steigton vom Vario, als an irgendeiner bemerkenswerten Flächenreaktion). Dies gilt im Grundsatz für alle Flugsituationen, also auch für`s Kurvenfliegen usw. Es kann aber sein, daß ich da vom Hochleisterfliegen ein wenig verwöhnt bin (oder daß nicht der Flügel, sondern ich zu unsensibel bin).
Subjektiv ist das Handling jedenfalls nicht eben aufregend, da kenne ich deutlich spritzigere Schirme (Sigma 4/27!). Irgendwie blieb ich beim Bonanza immer "unbeteiligt". Objektiv steht dem aber z.B. die oben geschilderte spontane Reaktion beim Fliegen von Wingovern gegenüber. Und womöglich wird man in starker Thermik diese Ruhe erst richtig schätzen lernen.
Start: wirklich nichts besonderes, richtig schlechte Startschirme gibt's aber heute (seit dem Minoa?) eh` nicht mehr (oder?). Der Kraftaufwand ist etwas höher als ich es gewöhnt bin, die Kappe steigt bei Nullwind eher gemächlich hoch. Auch hier fehlt mir (beim Vorwärtsstarten) aber die Rückmeldung der Kappenreaktion über die Tragegurte. Bei stärkerem Wind steigt sie dann recht flott und kann eine ordentliche Portion Bremse vertragen. Das könnte bei wirklichem Starkwind für die eine oder andere Überraschung gut sein... Insgesamt kommt die Kappe unter allen Bedingungen kontinuierlich hoch, also ohne Hängenbleiben o.ä.. Irgenwelche Tricks beim Auslegen brauchte ich nicht. Die Leinen neigen zur Schlaufenbildung und der Tragegurt verdreht sich gerne in sich. Aber das ist in meinen Augen nun wirklich kein Qualitätskriterium.
Sonstiges: zumindest das Untersegel schaut im Flug toll aus, keine auffälligen Falten o.ä.. Auch die Austrittskante steht sehr sauber. Das Obersegel habe ich nicht gesehen... Generell finde ich die Flügelform wirklich hübsch, aber das ist ebenso wie das Farbdesign natürlich Geschmackssache. Ganzundgarnicht gefallen haben mir die außenliegenden Nähte an Ober- und Untersegel; da treiben andere Hersteller mehr Aufwand bei vergleichbarem Preisniveau.
Alles in allem: ein gemessen an seinem hohen Leistungsniveau wirklich außergewöhnlich gutmütiger Flügel, der allerdings (nur mir?) ein etwas "indirektes" Fluggefühl vermittelt.
P.S.: ...nur damit`s klar ist: das sind meine ganz persönlichen Eindrücke von diesem Flügel und ich bin nun weder ein Profi, noch definiere ich mich oder mein Flugkönnen als irgendeine Art von Maßstab ... im Gegenteil: wer den Flügel anders kennengelernt hat, sollte nicht nur weiterhin gut schlafen, sondern mir seine abweichenden Eindrücke mitteilen. Wäre durchaus interessant ...