Portrait: Bodo Genz

Von Armin Appel
Tach alle zusammen. Beim PWC in Portugal hatte ich die Gelegenheit mit Bodo Genz ein ausführliches Gespräch zu führen. Da ich immer wieder mal gefragt werde, wer ist Bodo Genz??? Oliver Rössel???? Torsten Siegel???? Jürgen Gaudera??? Versuche ich mal den einen oder anderen Wettkampf oder Streckenpiloten vor zustellen. Die meisten Piloten denken, das diese Cracks eh den ganzen Tag unter einem Schirm hängen und das dann auch noch bezahlt bekommen. Leider sieht die Realität ganz anders aus. Die meisten Piloten verdienen sich ihr Geld mit ganz normaler Arbeit und müssen selber zusehen, wie sie zu der Zeit und dem Geld für die Wettkampffliegerei kommen. Auch handelt es sich bei Wettkampf und Streckenpiloten nicht um arrogante Halbgötter, sondern um ganz normale Menschen mit ganz normalen Ängsten und Sorgen. Ich habe mir erlaubt, das Interview von Bodo Genz in der ich Form zu schreiben, dann habe ich den  gesammten Text  Bodo zugemailt und dieser hat ihn mir korrigiert zurück gemailt.

Also: Bodo Genz, geb. März 1973

STELLVERTRETENDER VORSITZENDER DES DHV

1.  PLATZ  GERMAN CHAMPIONSHIP  2000
1.  PLATZ OSTIROL OPEN 2000
2.  PLATZ  BAVARIAN OPEN 2000
2.  PLATZ  GERMAN OPEN 2000
1.  PLATZ PWC GRANADA SINGEL TASK 2000

1.  PLATZ  BAVARIAN OPEN 1999
2.  PLATZ  NORDIC OPEN 1999
3.  PLATZ  WORLD CHAMPIONSHIP / SINGLE TASK 1999
7.  PLATZ  WORLD CHAMPIONSHIP 1999
3.  PLATZ WORLD CHAMPIONSHIP / TEAM 1999
2.  PLATZ  GERMAN CHAMPIONSHIP 1999
1.  PLATZ ASPEN OPEN 1999

12. PLATZ  GERMAN CHAMPIONSHIP 1997

7.  PLATZ  GERMAN CHAMPIONSHIP 1996
3.  PLATZ  GERMAN OPEN 1996
5.  PLATZ  JUNIORCHALLENGE 1995

Ich habe mich schon in jungen Jahren für das Segeln auf dem Wasser und die Modellfliegerei begeistert. Mit 5-6 Jahren habe
ich mein erstes kleines Segelflugzeug gebastelt, im laufe der Zeit kamen grössere, ferngesteuerte Modelle bis hin zumModellhubschrauber. Als ich zum Studium nach München kam, war mir klar, das ich "nur Studieren" nicht kann. Ich brauche noch irgend eine andere Beschäftigung. Da in meiner Wohnung keinen Platz zum Modelle bauen war, kam Modellfliegen nicht in Fragen. Weil mich die Fliegerei sowieso sehr interessiert hat, habe ich mich über das Segelfliegen informiert, allerdings hat mir die ganze Vereinsmeierei, die Arbeitsstunden und der ganze Aufwand nicht gefallen. Die nächste Überlegung war, ob ich nicht das Segeln auf dem Wasser intensivieren könnte. Dran störte mich, das man eine Zweite Person, einen Vorschoter braucht. Ich wollte bei meinem Zukünftigen Hobby absolut unabhängig sein. Durch einfache logische Überlegungen bin ich auf's Gleitschirmfliegen gekommen. Man ist einfach unabhängig, an niemanden gebunden und man kann diesen Sport mit relativ geringen Aufwand betreiben. Das man mit diesen Geräten sogar in der Thermik aufdrehen kann, war mir bis dahin gänzlich unbekannt. In den ersten Semesterferien 1993 habe ich den A-Schein gemacht. Anfänglich Studierte ich Elektrotechnik, leider machte mir dieses Studium wenig Spass, dadurch interessierte ich mich mehr für das Gleitschirmfliegen als für das Studium und ging sehr viel zum Fliegen. Wenn man mehr Spass am Fliegen als am Studium hat, dann lernt man weniger und damit macht einem das Studium noch weniger Spass, somit war es nur eine Frage der Zeit, bis ich beschloss, im Studium auf Maschinenbau zu wechseln.
Mein erste Schirm war ein P40, den ich schon während der Schulung pilotieren durfte. Für mich war es sehr wichtig, das ich in der Schulung den Schirm hatte, den ich "nachher" auch fliegen werde. Ich möchte nie mehreren Faktoren gleichzeitig umstellen. Wenn ich aus der Schulung heraus komme, möchte ich mich zumindest mit meinem Gerät schon auskennen. Da ich etwas Geschick während der Schulung gezeigt habe und mein Fluglehrer meinte, das ich für dieses Gerät durchaus geeignet sei, bin ich auch damit geflogen. Auch nach der Schulung habe ich sehr viel Aufziehübungen gemacht. Ein Guter Flug fängt mit einem gutem Start an. wenn man eine schlechten Start hat, versaut man sich die ersten 5-10 Minuten des Fluges. Gerade nach der Schulung wenn man noch nicht so lange fliegt belastet einen soetwas sehr stark. Ende ´93 klappte das thermische Fliegen schon ganz gut. Leider war der P40 ein etwas langsamerer Schirm. Ich wollte vom Gerät her schon mal die Basis zum Streckenfliegen schaffen. Beim Umhören und Nachfragen in der Flugschule kristallisierte sich der Sphinx heraus. Das war schon ein sehr extremer Sprung von einem sicheren Intemediat auf einen Hochleister. Allerdings begann ich mit dem Umstieg im Herbst, so dass ich in der thermiklosen Zeit schon 20-30 Flüge auf diesem Gerät hatte, bevor es mit der Thermik wieder anfing. Im Frühjahr bekam ich meinen ersten beschleunigten Einklapper, dabei merkte ich, das dieser Schirm doch deutliche Anspruchsvoller ist. Durch das langsame herantasten an diesen Schirm war das ganz OK. Für mich ist es sehr wichtig, das ich mich erst in ruhiger Luft an die Kiste gewöhnen kann. Einen Gerätewechsel im Frühjahr halte ich für riskant.
Da das Landen auch unter schwierigen Bedingungen sehr gut klappte,  fühlte ich mich ermutigt, auch mal in Unbekanntes Terrain vor zu stossen. Mit dem Sphinx bin ich öfters auf Streck gegangen, wobei die Strecken nie sehr weit waren, immer wieder mal um die 15 km. Meine erste Strecke war von Monte Baldo (Gardasee), 14 Km. Es machte mir sehr viel Spass mit dem Schirm auf einen Berg zu laufen um sich diesen Berg zu "erarbeiten". Ich fing an Bücher über das Streckenfliegen zu lesen: Das Thermik Handbuch vom Kreipl M. ISBN 3-613-01267-7, Wolken Wind und Wellenflug von............... Segeln über den Alpen von Jochen Kalckreuth ISBN 3-613-02047-5.
Ein sehr schönes Erlebnis hatte ich, als ich in Kössen im Lee abgesoffen bin. Danach wusste ich was ein Lee ist. Einige Tage später konnte ich bei einem Abendflug, als die Thermik nur noch sehr schwach war, 30 km Soarenderweise im Talwind von einem Grat zum nächsten fliegen. Nun wusste ich, dass man den Talwind nutzen kann. So habe ich mir das Streckenfliegen selber beigebracht. In den Wintermonaten kaufte ich mir sehr viele Karten von den Alpen und arbeitete die eine oder andere Aufgabe aus. Ich machte mir Gedanken darüber, wie die Windsysteme bei welchen Wetterlagen funktionieren. Alleine das theoretische, sich damit Befassen, war sehr aufschlussreich. An Wettkampffliegen habe ich damals überhaupt noch gar nicht gedacht. Streckenfliegen war für mich der Inhalt des Gleitschirmfliegen. Thermikfliegen ist zwar auch ganz nett, aber nach einer Stunde ist es echt fad und man versucht weg zukommen. In Kössen kamen die ersten richtigen Streckenflüge mit 50-60km. In und um Kössen herum kann man überall landen. Das ist für mich super wichtig. Ich fliege auch heute noch nirgends rein, wo ich nicht sicher landen kann. Wenn ich von oben erkennen kann, das eine sichere Landung im Gelände nicht gewährleistet ist, dann fliege ich da einfach nicht rein. Ende `94 war es dann wieder Zeit für einen Gerätewechsel. Im Herbst, kam der Omega 3. Dieser Schirm war anspruchsvoller bezüglich des Flugrhythmus. Während man den Sphinx noch rumwürgen konnte war das bei dem Omega schon nicht mehr möglich, diese Kiste erforderte eher "vorausschauendes weiches" fliegen.
1995 habe ich mich zur Bayrischen Meisterschaft angemeldet, welche leider ins Wasser fiel. Dadurch hatte ich die Möglichkeit an den German Open teil zu nehmen. Durch das tolle Wetter konnten wir sehr schöne Aufgaben fliegen. Einmal bin ich sogar ins Ziel gekommen. In der Gesamtwertung belegte ich den 38 Platz, eine Platz hinter Thorsten Siegel. Auf der German Open wurde ich angesprochen, ich solle doch mal an der Junior Challenge in Greifenburg teilnehmen, welches ich auch machte. Die hat tierisch Spass gemacht. Einmal musst ich bei der Speckalm einlanden weil die Bäume am Ende der Alm in einem Tempo gewachsen sind das einfach "übernatürlich" war. Als fünfter der Juniorcallenge habe ich mich gerade so noch für die Liga qualifiziert.
1996 sollte mein erstes Ligajahr werden. Ich bin ganz ohne irgendwelche Erwartung an diese Jahr herangetreten. Ende `95 schaute ich mich nach einem geeigneten Wettkampfschirm um. Die Leute von UP war sehr aufgeschlossen. Der damals aktuelle Sharp hat mir sehr gut gefallen. Von Avance wartete ich auf den Omega4, allerdings verzögerte sich die Fertigstellung dieses Gerätes. In Neuseeland bin ich Thomas Neff begegnet welcher mir den neuen FeeX Hochleister wärmstens empfahl. Da die Fertigstellung des UP Hochleister auch auf sich warten liess, entschloss ich mich für einen Spark Pro von FreeX. Mein erstes Ligajahr war gezeichnet von wenigen Durchgängen. In der German Open kam ich auf Platz3, in der Liga war ich auf Platz 8, somit ward ich für 1997 wieder in die Liga qualifiziert. Allerdings sind diese Plazierungen überhaupt nicht aussagekräftig. Es hat insgesamt nur 3 Ligadurchgänge gegeben. Dadurch, das ich an meinem Wettkampfgerät (nach Absprache mit Christoph Kirsch Konstrukteur und Chef von FreeX) immer wieder mal etwas verändert habe und aufgrund der guten Plazierungen wurde ich von Christoph Kirsch ein kleinwenig in die Entwicklung mit eingebunden. 1997 wurde mir von FreeX zum erster mal ein Schirm gestellt. In diesem Jahr fing ich mit World-Cup fliegen an. Mein ersten
PWC war sehr frustrierend. Mit meinen eigenen Stiel konnte ich den PWC-Jungs und Mädels nicht das Wasser reichen, also versuchte ich hinterher zu fliegen. Das war schon etwas besser allerdings auch nicht so richtige gut. In diesem Jahr war ich hin und her gerissen zwischen eigenem Stiel und hinter her fliegen. ´97 habe ich viel viel lernen müssen.
1996 lernte ich Tibor Berki über meine damalige Freundin kennen. Als Tibbe dann 1997 auch zu FreeX kam haben wir uns Nächtelang über Schirme und Schirmkonstruktionen unterhalten. Wir haben 2 Seiten an Ideen zusammengetragen und die dann mit Christoph Kirsch diskutiert, welcher sie dann in den Proto 98 hat einfließen lassen.

Ende 1998 ist Tibbe zu GinGlider gewechselt. Nachdem der neue Schirm von FreeX sehr lange auf sich warten lies, bin ich auch zu GinGlider gewechselt und habe mir einen Boomerang gekauft. 1999 ging's sehr steil Bergauf. Eigentlich wollte ich nicht mehr an den Internationalen Wettbewerben Teilnehmen, weil der Aufwand und die Kosten in keinem Verhältnis zum Spass standen. Es mach sehr wenig Spass immer nur hinterher zu fliegen ohne Land zu sehen. Anfang`99 konnte ich den 2. Platz bei der Salzburger Landesmeisterschaft erringen. Nun fing es wieder an Spass zu machen, ich habe meinen eigenen Stil gefunden, der Schirm war Klasse und der Erfolg kam auch. Bei der Bayrischen Meisterschaft in Hindelang errang ich den Titel des Bayrischen Meisters. Durch die Verletzung von Oliver Rössel wurde ich für die WM Pinzgau in die Nationalmannschaft berufen. Dort lief es auch "Schweine gut," viel besser als ich es jemals erwartet hatte. Mein Ziel war es eigentlich auch mal für das Deutsche Team zu Punkten. Zum Abschluss der Saison kamen die Amerikanischen Meisterschaften in Aspen. Das war der Oberhammer. Es waren viele von den ganz guten Jungs da, Schweizer, Österreicher, Engländer....... Ich bin einfach meinen eigenen Stiefel geflogen, nicht aggressiv sondern eher auf Sicherheit und die Rechnung ging auf, ich habe die Amerikanische Meisterschaft gewonnen. Ende ´99 und Anfang 2000 war eine schwierige Zeit für mich, im Studium mußte ich vom Sommer einiges nachhohlen und musste mich entscheiden wie ich meine Diplomarbeit gestalte. Ich entschloss mich dazu im Frühjahr meine Prüfungen ab zu schliessen und die Diplomarbeit auf Ende 2000 zu verscheiben. Somit habe ich 6 Monate Zeit mich auf die Wettkämpfe zu konzentrieren. Das Winterhalbjahr war wegen der Prüfungsvorbereitung, der Semesterarbeit,... , sowieso Super Stressig. Am 30 März hatte ich dann meine letzte Prüfung, am 31. März eine DHV-Vorstandssitzung und am 1. April war ich schon auf dem Weg zur japanischen Meisterschaft. Dorthin wurde ich Aufgrund meines Sieges in Aspen/Amerika eingeladen. Mittlerweile trägt sich die Fliegerei durch die Unterstützung von Turnpoint und Gin Gliders und das eine oder andere Preisgeld fast selbst. Ohne die finanzielle Unterstützung die ich von meinem Vater für das Studium bekomme, würde es aber trotzdem nicht gehen. Aus diesem Grund habe ich auch versucht das Studium Maschinenbau in der gleichen Zeit und mit mindestens vergleichbarem Erfolg zu beenden wie der "Durchschnittsstudent".

Ich find man kann durch die Fliegerei sehr viel fürs Leben lernen. In der heutigen Zeit versuchen sich viele ihrer Verantwortungzu entziehen und wollen für ihre Fehlentscheidungen nicht gerade stehen. Wenn man beim Fliegen eine Fehlentscheidung macht, bekommt man die Quittung dafür sofort. Hier ist die Fliegerei einfach ehrlich. Um voran zu kommen muss man ehrlich zu sich selber sein, seine Fehler erkennen und akzeptieren erst dann hat man die Möglichkeit, es beim nächsten mal besser zu machen. Man lernt durch die Wettkampffliegerei mit verschieden Dingen um zu gehen, mit Druck, mit Stress, mit Angst, man muss schnell die richtige Entscheidung treffen und immer vorausschauend denken. Ein Wettkampf ist ein ständiger Optimierungsprozess. Wo muss ich Zeit investieren um anderswo Zeit einzusparen. Auch muss man versuchen emotional immer im Gleichgewicht zu bleiben. Es bestehen allgemein sehr viele Analogien zum normalen Leben. Bevor ich mit der Fliegerei angefangen habe, hätte ich im Leben nie daran gedacht mal einen Berg zu Fuss hinauf zu gehen. Erst mit einem Gleitschirm auf dem Rücken lernte ich die Schönheit der Berge kennen. Durch das Mountainbiken lernte ich die Berge auch von einer ganz anderen Perspektive kennen. Die Bergwelt bietet so viel, sie ist so vacettenreich, so genial. Hätte ich nicht mit Gleitschirmfliegen angefangen so wäre ich vielleicht niemals einen Berg hinauf gewandert oder geradelt.

Bodo Genz


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