Beyond tomorrow: Eine Flugsafari in die Zukunft
(ein fantastisches Abenteuer einer Lahmen Ente)

 

"Willkommen im George Orwell-Flight-Park" schallt es aus dem Lautsprecher als wir aus unserer Magnetschwebebahn steigen und tief durchatmend die herrlich frische Luft der Alpen geniessen. Kaum zu glauben, daß noch vor 10 Jahren Smog hier an der Tagesordnung war, man hatte mit dem totalen Verkehrsverbot einfach zu lange gewartet. Endlich mal wieder fliegen gehen, ‘raus aus dem Alltag, dem Grau der Megacity entfliehen, die totale Freiheit geniessen. Die Formalitäten sind schnell erledigt, Schein vorzeigen, Versicherungsnachweis, Chipkartenflugbuch auslesen, im Kontrollzentrum einloggen und den Transponder einsetzen. Einige in meiner Warteschlange haben die erforderliche Flugstundenzahl nicht, um in einem class-2-flying-park zu fliegen, doch ohne Überdachung ist man natürlicher Sonneneinstrahlung und damit unkontrollierbaren thermischen Turbulenzen ausgesetzt, wie in den Anfangsjahren der Fliegerei. Natürlich stellen diese durch ABS (automatic balance system), ESS (emergency steering system) und SSS (safety stabilizing system), die je nach Dämpfungsgrad mehr oder weniger schnell in die Leinen eingreifen, kein Problem mehr da, aber sicher ist eben sicher. Gottlob war ich vor kurzem noch im J. Edgar Hoover-Flying-Center, einem class-1-flying-park mit Kuppeldach und kontrollierten Windsystemen sowie Aufwinden, und habe meine erforderliche Flugstundenzahl gesammelt.

Aufgrund meines B-Scheins wird der Gleitwinkeltracker der groundcontrol disabled, damit darf ich nach Herzenslust Strecke fliegen, ohne das mich mein Operator stets ermahnt "entering outer limit of aspect ratio zone" oder die ATU (active telemetric unit) meinen Schirm einfach wendet, um den Auflagen eines A-Schein-Inhabers gerecht zu werden. Ich entscheide mich für einen kleinen Streckenflug außerhalb des flight-parks und buche daher das Komplettpaket "AlfaCentauri", das mir ein flaches Dreieck von 30km bescheren wird. Seit dem das Management des flight-parks mit den selbständigen Thermikquellenbetreibern in der Peripheri kooperiert, macht Streckenfliegen hier wieder richtig Spass.

In wenigen Minuten sind wir mit der Magnetschwebekabine am Startplatz und mein Operator nimmt mit mir Kontakt auf. "Noch einmal willkommen im Flight-Park, wir werden zusammen einen schönen Flug erleben" säuselt mir eine Frauenstimme ins Ohr, "ich gebe Sie jetzt ab an den Start-Operator." "Start-Operator – bitte warten!" heißt es nun, während ich mich ein wenig umsehe. Gerade entdecke ich einen alten Bekannten und will mit ihm einen Plausch halten, da bin ich auch schon dran: "Startplatz 18, bitte." Hastig verabschiede ich mich und betrete das mir zugewiesenen Areal, meine Ausrüstung habe ich natürlich schon in der Umkleidekabine angelegt, schließlich muß ja jeder durch den start-check, in dem auch die Schließen des Gurtes bis zur Freigabe durch den Operator elektromagnetisch verriegelt werden. Schön sauber stellt sich mein Schirm in den stahlblauen Himmel, dank ASS (automated start system) gehört steuern, laufen oder gar unterlaufen schon lange der Vergangenheit an. "Sie haben Startfreigabe, beschleunigen Sie und fliegen Sie geradeaus weg vom Hang."

 

Das Gefühl zu fliegen ist immer wieder unbeschreiblich und schnell trägt mich der Startbart weit über den Startplatz. "Nur nicht zu lange kurbeln" denke ich mir, "die Thermikminute hier ist ganz schön teuer geworden". Rasch habe ich die erforderliche Höhe zum Abfliegen und gleite auf die nächste Krete zu. Ein großer roter Kreis markiert die Thermikquelle, wie überall in diesem Park. "Welche thermal-class möchten Sie wählen" fragt mich mein Operator und im Überschwang der Gefühle antworte ich "3 – heute ist ein Hammertag!". Während ich das sage zucke ich zusammen, noch nie bin ich Klasse 3 geflogen, aber irgendwann ist immer das erste Mal. "Confirm, thermals class 3" stutz mein Operator, selbstbewußt und mit fester Stimme antworte ich "affirmativ". So ganz genau weiss ich ja nicht, was die Jungs da unten jetzt in ihren Thermikofen packen, aber es wirkt: Mächtig reißt es an den Gurten und fast hatte ich den Eindruck, der Schrim klappt ein, aber das gibt es natürlich nicht mehr. Eifrig surren die Servos meines ABS, ESS und SSS und ich vergesse fast durch ziehen der Bremsleine dem System einen Steuervorschlag zu unterbreiten, dann geht es aber satt in Kreisen aufwärts. Mein Blick schweift über die unbeschreibliche Weite der Berge und auf den großen, blauen See unter mir, als plötzlich mein Operator sich zu Wort meldet: "Sie haben die vertraglich garantierte Maximalhöhe des George Orwell-Flight-Parks erreicht, zum weiteren Steigen nennen Sie bitte jetzt Ihre credit-card-number." "Negativ" antworte ich und gleite aus dem Steigen heraus, obwohl mir mein flight-master-computer signalisiert, daß es bis zur nächsten privat bewirtschafteten Thermikquelle zu weit ist. Aber was genug ist, ist genug, denen muß man nicht auch noch den letzten Euro in den Rachen werfen.

 

Ganz klein kauere ich im Gurtzeug und gleite mit dem dahin, was mein Supersporthobby-Normklasse-4b-Schirm eben so gleitet, gerade mal Gleitzahl 14 springt da heraus. "Sie werden unterhalb der Minimalhöhe am Hang ankommen und die gebuchte Thermikquelle nicht erreichen" warnt mich scharf mein Operator. "Das werden wir doch mal sehen, murmele ich, es sieht doch gar nicht schlecht aus." "Sie fliegen direkt auf das Drachenfliegerdenkmal zu, das anläßlich des 20. Jahrestages des letzten Hängegleiterstarts gebaut wurde. Dort beträgt die Minimalhöhe über Grund nach Flight-Park-Verordnung §3c 175m und die werden Sie nicht haben." Weiter fliege ich auf den Hang zu, Piloten ist schließlich nichts verboten, als mein Schirm unweigerlich abzudrehen beginnt. Auch meine Steuervorschläge werden nicht mehr berücksichtigt und am Ende des U-turns kommentiert mein Operator hämisch "kleiner Anarchist, wie?".
Das ist natürlich eine ganz neue Situation und mir droht ein Absaufen, wie ich es nur aus historischen Büchern kenne. Unbarmherzig kommt der Erdboden näher, Meter für Meter verliere ich mit meinen heftigen 0,7m/s Sinken, "jetzt ein Intermediate" denke ich noch, da meldet sich wieder mein Operator: "Gegen einen geringen Aufpreis stellen wir Ihnen eine mobile Thermikquelle zu Verfügung, damit erreichen Sie spielend den heimischen Landeplatz." Murrend willige ich ein und nenne meine credit-card-number nebst einer transaction-number für special-services, dafür gleite ich schon Minuten später mit Null-Sinken dahin, bis schließlich mein Operator säuselt "Es war sehr spannend mit ihnen zu fliegen, ich übergebe Sie an die groundcontrol und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag." Der Tower übernimmt meinen Schirm und ich habe in der Warteschleife noch gut fünf Minuten Zeit darüber nachzudenken, was ich den anderen jetzt erzähle, bis ich in das Luftpolster weich gelandet werde.

Die anderen sind auch schon da, zwar haben sie Unsummen in ihr 80er FAI investiert (schließlich ist dieses lange Wochenende ihr Jahresurlaub), jedoch war bereits die erste privatwirtschaftliche Thermikquelle durch einen Computervirus defekt, was ihnen eine Rückfahrt mit dem Wasserstoffbus einbrachte. Natürlich will niemand den Schaden bezahlen, aber versucht ist versucht, schlafen kann man nur, wenn man’s probiert hat! Alles in allem sind wir aber zufrieden, es war ein schöner Tag. Wir beschließen den Nachmittag mit einem Besuch im Flug-Museum ausklingen zu lassen, lustige Fotos gibt es da, zum Beispiel von Baron Manfred von Richthofen und Guido Gehrmann mit ihren abenteuerlichen Fluggeräten. Oder von Mike Küng mit einem Gleitschirm mit weniger als 200 Zellen – nicht zu fassen. Als besondere Attraktion gibt es einen Cyber-Flug in einem sogenannten Sicherheitstraining, das bei den Behelfsschirmen der ersten Stunde groß in Mode war. Unglaubliche Sachen passieren da mit dem Schirm und der Operator sagt immer nur "ausleiten - ausleiten - ausleiten - Rettung - Rettung - Rettung - fliegt wieder - das war ja lebensgefährlich!" Gut, daß es soetwas nicht mehr gibt.

Wie gesagt es war ein schöner Tag – es geht doch nichts über die ganz große Freiheit – und die gibt es eben nur noch beim Fliegen !

 


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