Mein Feind der Bergtourist - Wir Kinder vom Startplatz Zoo

Wer es liebt, lange Wanderungen aufsich zu nehmen, wird desöfteren in den Genuß leerer und ruhiger Startplätze kommen, an denen sich nur einige Flieger konzentriert oder locker plaudernd auf ihren Start vorbereiten. Die Mehrzahl von uns - und da nehme ich mich selbst nicht aus - zumal alle Deltapiloten, werden aber die Bahnen oder Straßen zum take off benutzen und sich dort einer größeren Zahl Piloten und einer noch viel gößeren Zahl von Neugierigen gegenüber sehen. Mit den Fliegerkollegen kommt man ja meist noch klar, hat man das Rudelfliegen doch schon in der Schule gelernt. Und wenn einer nun zum zehnten Mal vor einem startbereiten Delta toplandet, versteht er es vielleicht nach ein paar netten Worten.

Was mich aber zunehmend in den Wahnsinn treibt ist das arrogante und blinde Auftreten der Fußgänger in manchen Gebieten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin gerne bereit, jede auch noch so dumme Frage zu beantworten - solange sie nicht bei der Fragestellung schon meine geistige Verfassung in Frage stellt. Und genau das ist der Punkt, man wird behandelt wie ein lustiges Exponat im Zoo. Das eine hat eine lange graue Nase, das andere einen langen gefleckten Hals und das da springt in Schluchten.
Fragen wie "Was wiegt denn so eine Ausrüstung?" oder "Haben Sie für Notfälle einen zweiten Schirm?" spiegeln doch schon eine gute Reflektion des Beobachteten wieder aber bilden leider auch die intellektuelle Highend-Zone der Fragen.

An der Wasserkuppe ist es mir passiert, ich lag an meinen Packsack gelehnt und sonnte mich, das zwei Besucher sich direkt neben mich stellten und sagten: "Früher war es ja ganz nett anzusehen - aber jetzt ist es eine richtige Seuche." Aha, ich bin also eine Seuche, naja. Schlimmer die Hochalpinspezialisten. Mit Badeschlappen und freiem Oberkörper bezwingen sie jeden Gipfel, das die Kinder in den Kleidchen fast erfrieren stört den Expeditionsleiter dabei wenig, schließlich ist er durch etliche Kilo bestes Fett geschützt und die Obstler wärmen auch grandios. Und dann kommt die Stunde des alleswissenden Vaters oder Opas. "Das ist wie bei einem Bombenentschärfer - irgendwann geht's schief." "Manche lassen die Stangen weg - damit es noch gefährlicher wird." "Jetzt ist er in ein Luftloch gefallen." Na hoffentlich erstickt er nicht, murmelt die Fliegergemeinde.

Fassen wir also mal kurz zusammen: Ich bin also eine Seuche, die - um die Gefahr zu erhöhen - seine Stangen im Gleitschirm wegläßt und irgendwann geht's ohnehin schief. Na gut.

Jetzt kommt, nach zwanzig zunächst abgebrochenen Blickkontakten, die Frageattacke der Neugierigen: "Können Sie das auch steuern?" "Was machen Sie, wenn Sie sich nicht mehr festhalten können?" Und selbst diese Fragen habe ich immer nett beantwortet, leider wollte meine Antwort niemand hören, war wohl nur ein Test, ob ich sprechen kann oder grunze. Direkt vor mir stehend sagt der wackere Fragesteller zu seinen Begleitern: "Wenn Du mich fragst sind die alle verrückt, hoffentlich zahlt dafür keine Krankenkasse."

Für wie verrückt muß ein Mensch einen anderen halten, der sich - wie ein Turner an den Ringen - an einem nichtlenkbaren Fallschirm festhält und von einem 1500m hohen Berg stürzt? Muß ich solche Fragen beantworten? Was würde der Tourist am Parkplatz der Talstation sagen wenn ich ihn frage: Können sie so ein Auto auch lenken? Natürlich ist ein Auto verbreiteter als ein Gleitschirm und ich zwinge niemanden, sich mit der Materie auseinanderzusetzen, ich hätte lediglich gern ein wenig Respekt bei der Wahl der Worte.

Abschließend betrachtet bin ich also eine absolut verrückte Seuche, für die hoffentlich keine Krankenkasse zahlt, da es ja - besonders wenn ich ohne Stangen fliege - irgendwann ohnehin schief geht. Würde ich das dem Autofahrer sagen, der bei meiner Heimfahrt auf dem Beschleunigungsstreifen stand, um seinen Außenspiegel einzustellen und in den ich fast gefahren wäre, hätte ich jetzt wohl einen Prozeß wegen Beleidigung am Hals...

Was also tun? Wie wäre es mit einem Flugblatt zur Information? Das könnte jeder Club für sein Gebiet erstellen und an den Talstationen auslegen. Der Inhalt könnte dem Interessierten in einfachen Worten die Eigenheiten unseres Sportes klarmachen, unterstützt von Bildern. Dabei reicht es ja, wenn erklärt wird, daß es Deltas und Schirme gibt, daß jeder Pilot einen Flugschein hat, einen Notschirm mitführt und einen Helm trägt und daß die Geräte gegen den Wind gestartet werden und präzise zu steuern sind. Abschließend ein kleiner Hinweis auf ein wenig Abstand zum startenden Piloten und freie Bahn in Laufrichtung. Und wer dann noch Fragen hat, ist herzlich willkommen.

Martin


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