Selbstrettung bei unverschlossenen BeinschlaufenStartcheck vergessen oder als sowieso immer als unnötig eingestuft? Schnell noch einmal abgegurtet, um doch den Pullover anzuziehen? Bei den Startvorbereitungen von wißbegierigen Passanten, anderen Fliegern oder den unzähligen Funktionen des neuen GPS abgelenkt worden? Situationen, in denen die meisten von uns schon einmal waren. Dabei können fatale Irrtümer passieren, wie zum Beispiel mit unverschlossen Beingurten zu starten. Wie die folgende Geschichte zeigt, ein Fehler wie er jedem passieren kann, auch wenn die meisten Piloten das Gegenteil behaupten würden. Heinrich und sein Kollege planen nach Feierabend einen kurzen Genußflug im nächstgelegenen Fluggelände. Schon bei der Auffahrt war die Stimmung ausgelassen. Während sein Kollege sofort gut starten kann und schon die ersten Wingover dreht, sitzt Heinrich bei leichtem Rückenwind am Starthang fest. Nachdem er dann neugierigen Passanten Rede und Antwort gestanden hat, setzt endlich ein günstiger Startwind ein. Nach einigen Schritten des Startlaufes beginnt das Fluggerät zu tragen und Heinrich bemerkt, daß etwas nicht stimmt. Plötzlich hat er das Trapez seines Hängegleiters auf Kinnhöhe - er hat vergessen sich einzuhängen. Heinrich hat einfach losgelassen aber sein Hängegleiter wird nach einem kurzen Alleinflug bei der anschließenden Bruchlandung schwer beschädigt. Bei Gleitschirmpiloten besteht jedoch nicht die Möglichkeit "einfach loszulassen". Durch unverschlossene Beingurte verunglückten bereits etliche Paragleiter. Auch die Hersteller haben diese Problematik erkannt, und bieten Verschlußsysteme an, die derartige Irrtümer entschärfen. Wer bei einem herkömmlichen Gurtzeug vergißt die Beingurte zu schließen, findet sich nach dem Abheben in folgender Situation wieder: Der Sitz rutscht sofort ins Kreuz, der Pilot hängt mit den Armhöhlen an den Schultergurten. Je nachdem, wie das Gurtzeug eingestellt ist, hängt man auch mit dem Kinnschutz des Helmes am Brustgurt. Es ist nun unmöglich, sich in den Sitz zu begeben. Eigene Versuche haben ergeben, daß man sich nur wenige Minuten in dieser Situation halten kann. Danach verlassen den Piloten die Kräfte und ein tödlicher Absturz droht. Wer seinen Irrtum schon während des Abhebens bemerkt und einfach aus dem Gurtzeug rutschen möchte um "Abzuspringen", wird durch die Reibung der Kleidung oder eben durch den Brustgurt daran gehindert. Außerdem befindet man sich meistens schon wenige Augenblicke nach dem Start in lebensbedrohlicher Höhe. Die Bilder beschreiben einen Versuch, sich aus dieser lebensbedrohlichen Situation zu retten.
Es muß aber deutlich gesagt werden, daß diese Methode nicht prinzipiell funktioniert. Die zuvor erwähnte Deformation der Kappe kann durchaus zu unvorhergesehenen Flugzuständen führen (vor allem bei ungleichmäßiger Belastung der Tragegurte). Außerdem ist das Verhalten in Extremsituationen bei den meisten Menschen eine unbekannte Größe. Niemand kann vorhersagen, ob man selber in Panik gerät, Kurzschlußhandlungen setzt oder ob die Kraft für einen Klimmzug überhaupt reicht. Zweifelhaft erscheint es auch, ob sich ein Tandempilot oder -passagier auf diese Weise retten könnte, da der Bewegungsspielraum hier eingeschränkt ist. Unter dem Motto "auf das Beste hoffen - mit dem Schlimmsten rechnen" empfiehlt es sich trotzdem die beschriebene Methode auszuprobieren - beispielsweise indem man sein Gurtzeug auf einer Kinderschaukel einhängt. Fazit: Auf den Startchek zu verzichten "denn im Falle eines Falles gibt's ja eh' einen Trick" ist sicher die falsche Einstellung. Tandempiloten müssen auch die Beingurte des Passagiers unmittelbar vor dem Startlauf (!) kontrollieren. Sorgfalt und Konzentration bei den Startvorbereitungen ist und bleibt oberstes Gebot. |