Petrus war fair und leistete Abbitte für den ziemlich
mißlungenen letzten B-Liga-Durchgang. Jedenfalls hatten wir endlich mal ein paar Tage mit
schönem Streckenwetter. Versammelt hatten sich die Bayrischen Drachenflieger zu ihrer
Landesmeisterschaft, zu denen sich noch die B-Liga-Piloten gesellten. Hierdurch war das
Teilnehmerfeld mit 64 Startern recht umfangreich. Am Himmelfahrtstag (nomen est
omen) sollte es gleich ganz hoch hinauf gehen. Zunächst allerdings nicht auf den ganz
hohen Rauschberg (der war von Männertagsmännern
okkupiert), sondern auf seinen kleineren Nachbarn, den
Unternberg. Gemütlich schaukelten wir mit dem Sessellift nach oben, die Drachenlast wurde
kleinen Seitengepäckträgern anvertraut, fast konnte man es komfortabel nennen. Emsige
Mitglieder des Bajuvarischen Drachenfliegerclubs hatten bereits Startgassen und
Aufbaufelder abgesteckt, so dass bald in wohlgeordneten Reihen bunte Drachen ihre Flügel
in die Junisonne spreizten. Noch galt es sich in Geduld zu fassen, der Thermikofen musste
erst gründlich angeheizt werden, war doch sein "Holz" in jüngst vergangenen
Regentagen erst völlig durchnässt worden. Langeweile sollte jedoch nicht aufkommen,
standen doch verschiedene Gerätschaften zur Verfügung, mit denen auch ohne Thermik
Kreisbahnen durchmessen werden konnten, von besonders mutigen Piloten sogar solche mit
einer senkrechten Bahnebene. Als der Hohe Rat der Tafelrunde die Tagesaufgabe festlegte,
kam Bewegung in die Schar der fast 70 Piloten. Es galt
zunächst den Sprung hinüber zum Rauschberg zu vollbringen, dann ohne dem
losen Treiben der trunkenen Männer auf seinem Gipfel sonderliche Beachtung zu schenken,
rasch weiter zu fliegen zum Reichenhaller Haus, hoch auf dem Gipfel des Hochstaufen und an
seinen Grat geschmiegt. Weiter sollte es zurück gehen zum Unternberg und dann nach
weiterer Schleife über Inzell beim Fischerwirt enden.
Launisch war der Unternberg und nur wenigen spendete er
üppige Höhe für den Sprung zum Rauschberg. Viele Piloten mussten sich mit der
Startplatzhöhe begnügen, was nach erfolgter Talquerung Kratzen über dem Schotterkegel
bedeutete, oft in banger Nähe zu den Tragseilen der Kabinenbahn. Ausreichende Geduld
wurde jedoch regelmäßig belohnt und endlich spürte man das satte Saugen eines guten
Bartes. Kein Problem dann die Querung zu Zwiesel und Hochstaufen, weiter über dessen Grat
entlang zum Gipfel, wo sich der Wendepunkt wie ein Schwalbennest vor
den
suchenden Blicken unserer Himmelshelden zu verbergen suchte. Wehe den Unvorsichtigen, die
sich auf der Suche nach üppiger Thermik auf die Südseite wagten. Unerbittlich schlug das
Lee zu, spülte sie alle herunter an den Fuß der Feste Staufeneck. Den anderen gelang
jedoch die Rückkehr zum Unternberg, schnell noch den Haken über Inzell geschlagen und
dann über die Ziellinie beim Fischerwirt gebraust. Am schnellsten war heute Gerolf
Heinrichs, unser Gast aus Österreich. Danach folgen in je 5 Minuten Abstand Jobst Bäumer
und Bob Baier. Aus den Reihen der B-Liga zeigten die Starrflügler, was in ihnen steckt.
Ulf Neu- und Ernst Lehmann waren heute besonders flink und nur Karlheinz Vogel konnte den
Rückstand zu ihnen in Grenzen halten. Youngster Erik Rau setzte als 4. wieder ein
Achtungszeichen. Insgesamt zählte man im Ziel 32 Piloten, zeitweise kam sich die
Zielbandcrew vor wie in der Pförtnerloge eines Taubenschlages.
Hatten viele diesen Tag und die Flieger
besonders den Abend genutzt, um sich ausgiebig zu durchfeuchten, trocknete die Sonne
Hänge und Täler und bereitete somit die Basis für einen erfolgreichen zweiten
Wettkampftag vor. Die Wolkenbasis zog sich in lichtere Höhen zurück und ein Flug tief
ins Gebirge der Alpen sollte möglich sein. So befand der Hohe Rat und wählte ein Dreieck
mit dem Peter Wiesentaler Haus bei Saalfelden und der Bergstation auf dem Gipfel der
Steinplatte als Wendepunkte. Mittlerweile hatten sich viele Schaulustige eingefunden und
harrten geduldig der Dinge. Zwischendurch werden immer mal wieder die üblichen 5 Fragen
gestellt, woraufhin man das Antwortband abspult. Endlich geht es los, doch haben die
vielen jungen Frauen ringsumher unsere mutigen Mannen verunsichert? Fast jeder nimmt sich
viel Zeit vor dem Startlauf, der dann trotzdem recht oft unbeholfen ausfällt, nicht
unähnlich ersten Hopsern neuflügger Drachengössel. Doch erst einmal in der Luft wird
eifrig aufgedreht, Startzeichen auf den Film, noch mal Höhe nachgetankt und ab
gehts zum Sonntagshorn. Da wirds schon diesem und jenem mulmig beim Blick
hinunter ins tiefe Tal, bar jeder Landefläche. Doch liegen gut 1000 Höhenmeter
dazwischen, also weiter nach
Süden, der Sonne
entgegen. Eigentlich braucht man nur das Saalachtal entlang zu fliegen, das scheint aber
nicht so einfach zu sein. Jedenfalls rieseln aus dem Teilnehmerfeld deltaförmige
Flöckchen aus, das schmale Tal weiß sprenkelnd. Nicht überall ist die Thermik so üppig
wie am Rauschberg, das Tal ist eng, somit klein die Thermikpfanne. Auch wird der Ofen
jetzt schlechter beheizt, man muß nach Sonnenlöchern Ausschau halten. Und dann nach dem
Wendepunkt. Erst ist gar keiner zu sehen, man zweifelt schon am GPS (dem Blindenhund des
Drachenfliegers), da sieht man ein schönes großes Haus mit vielen Tischen herum, an
denen Wanderer der Atzung frönen, bereit dem mutigen Flieger zuzuwinken. Also Film
belichtet und über dem Haus aufgedreht. Schade(nfreude?), dass sich da unten bei
Saalfelden ein Nest gebildet hat
mit weniger Glücklichen. Die können sich jetzt nicht über den
Schneewellen des Steinernen Meeres schaukeln lassen. Doch da ist ja noch eine
Hütte, ein bisschen bescheidener als die bereits fotografierte, dafür aber in der
versprochenen Höhe, also noch mal draufgehalten. Rudl wird schon die Richtige
herausfinden. Wie nun zum zweiten Wendepunkt weiter? Mit großem Risiko, auch als
Talbodenpflaster zu enden, könnte man wieder das Saalachtal zurückfliegen, aber da
dringt kaum noch ein Sonnenstrahl rein, also direkt über die Leoganger und Loferer
Steinberge zur Steinplatte. Viele schaffen den weiten Talsprung zu den Leogangern,
aufdrehen am Birnhorn, und dann schlägt das Herz höher, wenn man von oben auf die noch
schneebedeckten Phantasiegebilde der Natur blickt. Über der Steinplatte kann man noch
einmal komfortabel Höhe tanken, dabei das letzte WP-Foto schießen und schon mal an den
Endanflug denken. Leider geht es nicht ganz so hoch hinauf
wie hierzu nötig, die letzten Höhenmeter holt man sich dazu über einem der
fast schwarzen Torfflächen auf der Hochebene der Steinplatte. Dort wird jeder Lichtquant
der müde gewordenen Abendsonne besonders effektiv in Wärme umgemünzt und noch einmal
geht es nach oben. Jetzt reicht es ganz sicher, schon mal einen Funkspruch abgesetzt, in
10 Minuten wird ein kühles Bier benötigt. Das haben sich heute besonders die 14
Drachenritter verdient, die wieder zum Fischerwirt heimgefunden haben. Heute siegte ein
Starrer unserer Zunft, Kurt Schumann war auf E7 am schnellsten, gefolgt von Jobst und
Gerolf. Bei den B-Liga-Piloten sind es die drei ersten von gestern, allerdings heute Neu-
vor Lehmann. Abends lädt der DCB ein zu leckerem Gegrillten mit Bier oder anderen
Flüssigkeiten. Rudl Bürger hat die Ergebnislisten in beispielhaftem Tempo fertig und der
Zwischenstand des Turniers wird eifrig diskutiert.
Am Samstag ist
wieder prächtiges Wetter angesagt und Petrus hält sich an das Orakel seiner Jünger. Die
Tafelrunde holt noch weiter aus und legt noch 10 km auf die gestrige Strecke drauf. Damit
wir noch möglichst viele der schönen Alpenberge kennen lernen, sollen wir heute nach
Südwesten fliegen. Mit einem kleinen Umweg über das Grubhörnl ist das Hauptziel der
Wilde Kaiser, wo die Waller Alm aufzusuchen ist. Natürlich geht es dann wieder zum
Fischerwirt zurück. Großmeister Rudl übt jedoch vorerst noch Kritik am dillettantischen
Startablauf des gestrigen Tages. Heute soll es nicht nur schneller gehen, sondern auch den
vielen Zuschauern der Eindruck vermittelt werden, dass der Drachenstart nicht unbedingt
auf Lebensmüdigkeit der Akteure schließen lässt. Nach einem dem Funktionieren eines
Reißverschlusses entliehenem Prinzip zuckeln die Drachen aus mehreren Richtungen zur
Rampe, um sich dann, ähnlich den Tröpfchen aus einer Sprayflaschendüse eilig in den
Luftraum zu zerstreuen. Dort geht es heute noch höher hinauf , so dass man der Querung
zum Sonntagshorn schon mit ruhigerem Herzen entgegensehen kann. Durch die rasche
Startfolge ist die Luft ziemlich dick, besonders vor dem Umlegen des Startzeichens wimmelt
es unter der
Wolkenbasis wie im Mückenschwarm. Der
erste Streckenabschnitt zum Grubhörnl ist kein Problem, dann geht es an der
Sonnenwendwand unter einer schönen Wolkenstraße zur Steinplatte, wo man wieder tief Luft
holen kann. Am Fellhorn muß man das dann auch, denn jetzt gibt es bis zum Wilden Kaiser
nur noch flache Hügel. Die liefern zwar auch ihre Thermik ab, doch nicht jeder kann hier
zulangen sondern muß tief unten des Wilden Kaisers Staub lecken. Ich selbst hatte Glück,
folgte den Kreiszeichen eines Ritters aus der befreundeten Zunft der Segelflieger und kam
am Kaiser in komfortabler Höhe an. Welch Eindruck, an den riesigen Felswänden entlang zu
segeln! Dann eine gewaltige Ausbuchtung, könnte das nicht der "Thron" des
Kaisers sein? Mein Höhenmesser fordert bereits Aufbesserung, also VG locker und rein,
weit unter mir denkt das ein "Starrer" auch. Und genau so geht es ihm wie mir,
mein Drachen gebärdet sich plötzlich wie beim Rodeo und der Kaiser knallt dazu noch mit
der Peitsche. Nach etlichen Bocksprüngen und Schleuderkreisen wird mir klar, das ist
nicht mein Platz hier. Gedemütigt trolle ich mich und suche zu Füßen des Kaisers nach
ruhigerem Auftrieb. Der Kaiser ist aber heute allen gnädig und spendet jedem davon
üppig. Hurtig geht es weiter zur Waller Alm, weithin sichtbar auf einem Ausläufer des
Kaisers, daraufhin gleich zurück und wieder
Höhe tanken über dem Kaiser. Dessen lange Flanken werden von
der Sonne so gewärmt, dass die an ihnen aufsteigende Warmluft noch geheizt wird,
diabatisch aufsteigt, wie es die Meteorolügen gelehrt bezeichnen. Dadurch wird der
Taupunkt erst ein paar hundert Meter höher erreicht, als bei Thermik, die sich im
Talgrund ablöst. Dieser Umstand bescherte mir ein wunderbares Schauspiel. Nachdem ich
über dem Kaiser bis zur Basis in 3300m Höhe gestiegen war, flog ich Richtung Kössen ab.
Nach etwa 1 km über flacherem Gelände wurde die Luft unter mir plötzlich trübe, um
gleich darauf Konturen einer Wolke anzunehmen, die wie eine riesige Qualle zu mir
aufstieg. In ihrer Mitte der scharf umrissene Schatten meines Drachens, umgeben von einer
kreisrunden Aureole. Ich war so platt, dass ich versäumte, rechtzeitig den Fotoapparat zu
zücken. Werde ich jemals wieder so etwas erleben?
Am Unterberghorn
schwärmten die Gleitis von Kössen. Notgedrungen musste man ihnen etwas Thermik abnehmen,
dann rüber zum Fellhorn und vor der Steinplatte in ein böses Lee geraten. Ein kleiner
Hügel vor Waidring rettete mich knapp vor dem Absaufen. Nach mühevollem und
zeitraubendem Hochkämpfen waren über der Steinplatte plötzlich wieder 7 Drachen in
gleicher Höhe beieinander. Als mein Endanflugrechner 600m Überflughöhe anzeigte, hörte
ich auf zu kreisen und sah mich schon beim Fischerwirt. Bob Baier flog auch ab, sicher 10
km/h schneller als ich bei kaum stärkerem Sinken. Werde mir wohl doch für die nächste
Saison einen Neuen Knitterfreien zulegen müssen. Trotzdem gebe ich Gas, Höhe genug ist
da und ich habe ja den Bayrischen Wind gegen mich. Plötzlich gibt die Luft unter mir
nach, noch 2 km zu fliegen, 400m Höhe und es geht runter wie im Fahrstuhl. Die
Schotterhalde am Rauschberg liegt in der Sonne, noch näher ran an den Hang, keine
Änderung. Mit 50m über die Talstation, dann noch
der Campingplatz und eine Frau holt weit aus der Sand spritzt auf und ich habe mich
genau im Bunker eingelocht. "Nur gut, dass Sie noch gerufen haben", die Frau
legt den Golfschläger wieder weg und glättet mit einem Rechen die entweihte Sandfläche.
Ich trage den Drachen die restlichen 100m zur Ziellinie. Über mir fliegen ein paar
Drachen in guter Höhe ins Ziel. Sie waren knapp hinter mir geflogen und waren auf die
andere Talseite ausgewichen, als sie mein Missgeschick sahen. Der Grund hierfür war
lebhafter Ostwind, ich flog dadurch voll ins Lee des Rauschbergs. Schnellster war heute
Jobst Bäumer vor Gerolf Heinrichs und Kurt Schumann. Bei den B-Liga-Piloten gab es die
schon übliche Führungstroika, heute mit Leh- vor Neumann.
Abends gibt es fröhliches Beisammensein mit lautstarker
Musik. Die Dorfschönheiten vermuten knackige Sportshelden und finden Männer im besten
Alter. Aber die haben es in sich!!
Petrus hat sein Pulver verschossen, am Sonntag
türmen sich schon früh die Wolken, gejagt von lebhaftem Ostwind. Für die Siegerfotos
lugt dennoch die Sonne hervor. Erster der Gesamtwertung wird Gerolf Heinrichs knapp vor
unseren "Drei großen B" Jobst Bäumer und Bob Baier. Ulf Neumann liegt einen Punkt vor Ernst
Lehmann und Karlheinz Vogel ist Dritter der B-Liga. Bei den Amazonen siegt Monique Werner
vor Sybille Bäumer-Fischer und Monika Schönsteiner. Olga Lüders als beste
B-Liga-Pilotin verpasst als Vierte knapp ihren ersten Pokal.
Wieder haben wir einen gemütlichen Heimfahrtsonntag wie
so oft schon mit Regenschauern, aber keine Traurigkeit nach solch tollen Flugtagen.