Bavarian Open 2000 HG vom 1. 6. – 4. 6. in Ruhpolding
(Bayrische Meisterschaften und B-Liga)

Petrus war fair und leistete Abbitte für den ziemlich mißlungenen letzten B-Liga-Durchgang. Jedenfalls hatten wir endlich mal ein paar Tage mit schönem Streckenwetter. Versammelt hatten sich die Bayrischen Drachenflieger zu ihrer Landesmeisterschaft, zu denen sich noch die B-Liga-Piloten gesellten. Hierdurch war das Teilnehmerfeld mit 64 Startern recht umfangreich.  Am Himmelfahrtstag (nomen est omen) sollte es gleich ganz hoch hinauf gehen. Zunächst allerdings nicht auf den ganz hohen Rauschberg (der war von Männertagsmännern Tafelrunde beim horizontalen Kreisenokkupiert), sondern auf seinen kleineren Nachbarn, den Unternberg. Gemütlich schaukelten wir mit dem Sessellift nach oben, die Drachenlast wurde kleinen Seitengepäckträgern anvertraut, fast konnte man es komfortabel nennen. Emsige Mitglieder des Bajuvarischen Drachenfliegerclubs hatten bereits Startgassen und Aufbaufelder abgesteckt, so dass bald in wohlgeordneten Reihen bunte Drachen ihre Flügel in die Junisonne spreizten. Noch galt es sich in Geduld zu fassen, der Thermikofen musste erst gründlich angeheizt werden, war doch sein "Holz" in jüngst vergangenen Regentagen erst völlig durchnässt worden. Langeweile sollte jedoch nicht aufkommen, standen doch verschiedene Gerätschaften zur Verfügung, mit denen auch ohne Thermik Kreisbahnen durchmessen werden konnten, von besonders mutigen Piloten sogar solche mit einer senkrechten Bahnebene. Als der Hohe Rat der Tafelrunde die Tagesaufgabe festlegte, kam Bewegung in die Schar der fast 70 Piloten. Es galt Lothar in vertikalem Kreiszunächst den Sprung hinüber zum Rauschberg zu vollbringen, dann ohne dem losen Treiben der trunkenen Männer auf seinem Gipfel sonderliche Beachtung zu schenken, rasch weiter zu fliegen zum Reichenhaller Haus, hoch auf dem Gipfel des Hochstaufen und an seinen Grat geschmiegt. Weiter sollte es zurück gehen zum Unternberg und dann nach weiterer Schleife über Inzell beim Fischerwirt enden.

Launisch war der Unternberg und nur wenigen spendete er üppige Höhe für den Sprung zum Rauschberg. Viele Piloten mussten sich mit der Startplatzhöhe begnügen, was nach erfolgter Talquerung Kratzen über dem Schotterkegel bedeutete, oft in banger Nähe zu den Tragseilen der Kabinenbahn. Ausreichende Geduld wurde jedoch regelmäßig belohnt und endlich spürte man das satte Saugen eines guten Bartes. Kein Problem dann die Querung zu Zwiesel und Hochstaufen, weiter über dessen Grat entlang zum Gipfel, wo sich der Wendepunkt wie ein Schwalbennest vor im Mückenschwarmden suchenden Blicken unserer Himmelshelden zu verbergen suchte. Wehe den Unvorsichtigen, die sich auf der Suche nach üppiger Thermik auf die Südseite wagten. Unerbittlich schlug das Lee zu, spülte sie alle herunter an den Fuß der Feste Staufeneck. Den anderen gelang jedoch die Rückkehr zum Unternberg, schnell noch den Haken über Inzell geschlagen und dann über die Ziellinie beim Fischerwirt gebraust. Am schnellsten war heute Gerolf Heinrichs, unser Gast aus Österreich. Danach folgen in je 5 Minuten Abstand Jobst Bäumer und Bob Baier. Aus den Reihen der B-Liga zeigten die Starrflügler, was in ihnen steckt. Ulf Neu- und Ernst Lehmann waren heute besonders flink und nur Karlheinz Vogel konnte den Rückstand zu ihnen in Grenzen halten. Youngster Erik Rau setzte als 4. wieder ein Achtungszeichen. Insgesamt zählte man im Ziel 32 Piloten, zeitweise kam sich die Zielbandcrew vor wie in der Pförtnerloge eines Taubenschlages.
 

das geht alle anHatten viele diesen Tag und die Flieger besonders den Abend genutzt, um sich ausgiebig zu durchfeuchten, trocknete die Sonne Hänge und Täler und bereitete somit die Basis für einen erfolgreichen zweiten Wettkampftag vor. Die Wolkenbasis zog sich in lichtere Höhen zurück und ein Flug tief ins Gebirge der Alpen sollte möglich sein. So befand der Hohe Rat und wählte ein Dreieck mit dem Peter Wiesentaler Haus bei Saalfelden und der Bergstation auf dem Gipfel der Steinplatte als Wendepunkte. Mittlerweile hatten sich viele Schaulustige eingefunden und harrten geduldig der Dinge. Zwischendurch werden immer mal wieder die üblichen 5 Fragen gestellt, woraufhin man das Antwortband abspult. Endlich geht es los, doch haben die vielen jungen Frauen ringsumher unsere mutigen Mannen verunsichert? Fast jeder nimmt sich viel Zeit vor dem Startlauf, der dann trotzdem recht oft unbeholfen ausfällt, nicht unähnlich ersten Hopsern neuflügger Drachengössel. Doch erst einmal in der Luft wird eifrig aufgedreht, Startzeichen auf den Film, noch mal Höhe nachgetankt und ab geht’s zum Sonntagshorn. Da wird’s schon diesem und jenem mulmig beim Blick hinunter ins tiefe Tal, bar jeder Landefläche. Doch liegen gut 1000 Höhenmeter dazwischen, also weiter nach Raimund holt gleich SchwungSüden, der Sonne entgegen. Eigentlich braucht man nur das Saalachtal entlang zu fliegen, das scheint aber nicht so einfach zu sein. Jedenfalls rieseln aus dem Teilnehmerfeld deltaförmige Flöckchen aus, das schmale Tal weiß sprenkelnd. Nicht überall ist die Thermik so üppig wie am Rauschberg, das Tal ist eng, somit klein die Thermikpfanne. Auch wird der Ofen jetzt schlechter beheizt, man muß nach Sonnenlöchern Ausschau halten. Und dann nach dem Wendepunkt. Erst ist gar keiner zu sehen, man zweifelt schon am GPS (dem Blindenhund des Drachenfliegers), da sieht man ein schönes großes Haus mit vielen Tischen herum, an denen Wanderer der Atzung frönen, bereit dem mutigen Flieger zuzuwinken. Also Film belichtet und über dem Haus aufgedreht. Schade(nfreude?), dass sich da unten bei Saalfelden ein Nest gebildet hat Ist nun diese Hütte der richtige WP?mit weniger Glücklichen. Die können sich jetzt nicht über den Schneewellen des Steinernen Meeres schaukeln lassen. Doch – da ist ja noch eine Hütte, ein bisschen bescheidener als die bereits fotografierte, dafür aber in der versprochenen Höhe, also noch mal draufgehalten. Rudl wird schon die Richtige herausfinden. Wie nun zum zweiten Wendepunkt weiter? Mit großem Risiko, auch als Talbodenpflaster zu enden, könnte man wieder das Saalachtal zurückfliegen, aber da dringt kaum noch ein Sonnenstrahl rein, also direkt über die Leoganger und Loferer Steinberge zur Steinplatte. Viele schaffen den weiten Talsprung zu den Leogangern, aufdrehen am Birnhorn, und dann schlägt das Herz höher, wenn man von oben auf die noch schneebedeckten Phantasiegebilde der Natur blickt. Über der Steinplatte kann man noch einmal komfortabel Höhe tanken, dabei das letzte WP-Foto schießen und schon mal an den Endanflug denken. Leider geht es nicht ganz so hoch hinauf Oder sollte man lieber diese anfliegen?wie hierzu nötig, die letzten Höhenmeter holt man sich dazu über einem der fast schwarzen Torfflächen auf der Hochebene der Steinplatte. Dort wird jeder Lichtquant der müde gewordenen Abendsonne besonders effektiv in Wärme umgemünzt und noch einmal geht es nach oben. Jetzt reicht es ganz sicher, schon mal einen Funkspruch abgesetzt, in 10 Minuten wird ein kühles Bier benötigt. Das haben sich heute besonders die 14 Drachenritter verdient, die wieder zum Fischerwirt heimgefunden haben. Heute siegte ein Starrer unserer Zunft, Kurt Schumann war auf E7 am schnellsten, gefolgt von Jobst und Gerolf. Bei den B-Liga-Piloten sind es die drei ersten von gestern, allerdings heute Neu- vor Lehmann. Abends lädt der DCB ein zu leckerem Gegrillten mit Bier oder anderen Flüssigkeiten. Rudl Bürger hat die Ergebnislisten in beispielhaftem Tempo fertig und der Zwischenstand des Turniers wird eifrig diskutiert.
 

Drachenhorst mit AblegerAm Samstag ist wieder prächtiges Wetter angesagt und Petrus hält sich an das Orakel seiner Jünger. Die Tafelrunde holt noch weiter aus und legt noch 10 km auf die gestrige Strecke drauf. Damit wir noch möglichst viele der schönen Alpenberge kennen lernen, sollen wir heute nach Südwesten fliegen. Mit einem kleinen Umweg über das Grubhörnl ist das Hauptziel der Wilde Kaiser, wo die Waller Alm aufzusuchen ist. Natürlich geht es dann wieder zum Fischerwirt zurück. Großmeister Rudl übt jedoch vorerst noch Kritik am dillettantischen Startablauf des gestrigen Tages. Heute soll es nicht nur schneller gehen, sondern auch den vielen Zuschauern der Eindruck vermittelt werden, dass der Drachenstart nicht unbedingt auf Lebensmüdigkeit der Akteure schließen lässt. Nach einem dem Funktionieren eines Reißverschlusses entliehenem Prinzip zuckeln die Drachen aus mehreren Richtungen zur Rampe, um sich dann, ähnlich den Tröpfchen aus einer Sprayflaschendüse eilig in den Luftraum zu zerstreuen. Dort geht es heute noch höher hinauf , so dass man der Querung zum Sonntagshorn schon mit ruhigerem Herzen entgegensehen kann. Durch die rasche Startfolge ist die Luft ziemlich dick, besonders vor dem Umlegen des Startzeichens wimmelt es unter der unsere HausaufgabeWolkenbasis wie im Mückenschwarm. Der erste Streckenabschnitt zum Grubhörnl ist kein Problem, dann geht es an der Sonnenwendwand unter einer schönen Wolkenstraße zur Steinplatte, wo man wieder tief Luft holen kann. Am Fellhorn muß man das dann auch, denn jetzt gibt es bis zum Wilden Kaiser nur noch flache Hügel. Die liefern zwar auch ihre Thermik ab, doch nicht jeder kann hier zulangen sondern muß tief unten des Wilden Kaisers Staub lecken. Ich selbst hatte Glück, folgte den Kreiszeichen eines Ritters aus der befreundeten Zunft der Segelflieger und kam am Kaiser in komfortabler Höhe an. Welch Eindruck, an den riesigen Felswänden entlang zu segeln! Dann eine gewaltige Ausbuchtung, könnte das nicht der "Thron" des Kaisers sein? Mein Höhenmesser fordert bereits Aufbesserung, also VG locker und rein, weit unter mir denkt das ein "Starrer" auch. Und genau so geht es ihm wie mir, mein Drachen gebärdet sich plötzlich wie beim Rodeo und der Kaiser knallt dazu noch mit der Peitsche. Nach etlichen Bocksprüngen und Schleuderkreisen wird mir klar, das ist nicht mein Platz hier. Gedemütigt trolle ich mich und suche zu Füßen des Kaisers nach ruhigerem Auftrieb. Der Kaiser ist aber heute allen gnädig und spendet jedem davon üppig. Hurtig geht es weiter zur Waller Alm, weithin sichtbar auf einem Ausläufer des Kaisers, daraufhin gleich zurück und wieder alle schauen auf Karl SchumannHöhe tanken über dem Kaiser. Dessen lange Flanken werden von der Sonne so gewärmt, dass die an ihnen aufsteigende Warmluft noch geheizt wird, diabatisch aufsteigt, wie es die Meteorolügen gelehrt bezeichnen. Dadurch wird der Taupunkt erst ein paar hundert Meter höher erreicht, als bei Thermik, die sich im Talgrund ablöst. Dieser Umstand bescherte mir ein wunderbares Schauspiel. Nachdem ich über dem Kaiser bis zur Basis in 3300m Höhe gestiegen war, flog ich Richtung Kössen ab. Nach etwa 1 km über flacherem Gelände wurde die Luft unter mir plötzlich trübe, um gleich darauf Konturen einer Wolke anzunehmen, die wie eine riesige Qualle zu mir aufstieg. In ihrer Mitte der scharf umrissene Schatten meines Drachens, umgeben von einer kreisrunden Aureole. Ich war so platt, dass ich versäumte, rechtzeitig den Fotoapparat zu zücken. Werde ich jemals wieder so etwas erleben?
Jetzt geht's aber los!Am Unterberghorn schwärmten die Gleitis von Kössen. Notgedrungen musste man ihnen etwas Thermik abnehmen, dann rüber zum Fellhorn und vor der Steinplatte in ein böses Lee geraten. Ein kleiner Hügel vor Waidring rettete mich knapp vor dem Absaufen. Nach mühevollem und zeitraubendem Hochkämpfen waren über der Steinplatte plötzlich wieder 7 Drachen in gleicher Höhe beieinander. Als mein Endanflugrechner 600m Überflughöhe anzeigte, hörte ich auf zu kreisen und sah mich schon beim Fischerwirt. Bob Baier flog auch ab, sicher 10 km/h schneller als ich bei kaum stärkerem Sinken. Werde mir wohl doch für die nächste Saison einen Neuen Knitterfreien zulegen müssen. Trotzdem gebe ich Gas, Höhe genug ist da und ich habe ja den Bayrischen Wind gegen mich. Plötzlich gibt die Luft unter mir nach, noch 2 km zu fliegen, 400m Höhe und es geht runter wie im Fahrstuhl. Die Schotterhalde am Rauschberg liegt in der Sonne, noch näher ran an den Hang, keine Der Wilde Kaiser aus der NäheÄnderung. Mit 50m über die Talstation, dann noch der Campingplatz und eine Frau holt weit aus – der Sand spritzt auf und ich habe mich genau im Bunker eingelocht. "Nur gut, dass Sie noch gerufen haben", die Frau legt den Golfschläger wieder weg und glättet mit einem Rechen die entweihte Sandfläche. Ich trage den Drachen die restlichen 100m zur Ziellinie. Über mir fliegen ein paar Drachen in guter Höhe ins Ziel. Sie waren knapp hinter mir geflogen und waren auf die andere Talseite ausgewichen, als sie mein Missgeschick sahen. Der Grund hierfür war lebhafter Ostwind, ich flog dadurch voll ins Lee des Rauschbergs. Schnellster war heute Jobst Bäumer vor Gerolf Heinrichs und Kurt Schumann. Bei den B-Liga-Piloten gab es die schon übliche Führungstroika, heute mit Leh- vor Neumann.Das ist nur Eine!
Abends gibt es fröhliches Beisammensein mit lautstarker Musik. Die Dorfschönheiten vermuten knackige Sportshelden und finden Männer im besten Alter. Aber die haben es in sich!!
- und aus der Ferne
Petrus hat sein Pulver verschossen, am Sonntag türmen sich schon früh die Wolken, gejagt von lebhaftem Ostwind. Für die Siegerfotos lugt dennoch die Sonne hervor. Erster der Gesamtwertung wird Gerolf Heinrichs knapp vor unseren "Drei großen B" – Jobst Bäumer und Bob Baier. Ulf Neumann liegt einen Punkt vor Ernst Lehmann und Karlheinz Vogel ist Dritter der B-Liga. Bei den Amazonen siegt Monique Werner vor Sybille Bäumer-Fischer und Monika Schönsteiner. Olga Lüders als beste B-Liga-Pilotin verpasst als Vierte knapp ihren ersten Pokal.
Wieder haben wir einen gemütlichen Heimfahrtsonntag wie so oft schon mit Regenschauern, aber keine Traurigkeit nach solch tollen Flugtagen.
unsere Sieger

 

 

 

 

Konrad Lüders

 


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