Geräteerfahrungen: Apco Bagheera S

Die Location:
Am Sonntag, den 9.5.99 fuhr ich in gespannter Erwartung zum Tegelberg um den Bagheera zu testen. Leider war’s wie immer bei mir in diesem Gebiet, Wolken um die Bergstation bei schönstem Sonnenschein im Flachland. Am Startplatz natürlich feiner Rückenwind. Klasse. Um halb vier war endlich Take off angesagt und ich konnte nach zwei oberpeinlichen Fehlstarts auf dieser Rampe ein halbes Stündchen bei leichter Thermik bis 3 m/s und dynamischem Aufwind rumgurken. Später ging´s dann noch mal eine gute Stunde recht ordentlich mit vereinzelt mäßiger Turbulenz.
Mein Abfluggewicht betrug ca. 80 Kg.

Der Schirm:
Der Bagheera ist tatsächlich schon am Boden für einen 2er eine beeindruckende Sichel. Die Kappe hat eine aufwendige Konstruktion mit V-Rippen in der vorderen Hälfte der Fläche und Finnen im hinteren viertel. Jede Zelle wird dadurch vorne am Obersegel dreigeteilt, hinten oben und unten halbiert. Das gibt natürlich ein recht sauber stehendes Profil. Die Hauptrippen sind vorne ganz aus verstärkter Mylarfolie. Die Leinen sind in der obersten Galerieebene aus geflochtenem Dyneema und direkt über kleine innenliegende Flares an die Kalotte genäht. Über den Sinn kann man streiten, besonders negativ finde ich es aber auch nicht. Die Bremsleinen sind eingeschlauft. Die weiteren Leinen sind aus Aramid, schön dünn und leider nicht farblich getrennt. Trotzdem ist die Übersichtlichkeit Tip Top und mit leichtem Schütteln ist die Sortiererei beendet. Schlaufen gibt’s praktisch nicht. Erleichtert wird alles durch lediglich 3 Leinen auf dem D-Gurt, die oben auf C- und D-Ebene aufgegabelt werden. Einen C-Gurt gibt’s zwar, aber da hängt nur der Stabilo drauf. Nur 10 Leinen pro Seite ist schon klasse.

Ein bißchen seltsam fand ich die vielen harten Schrumpfschläuche an den Vernähungen und den Leinenschlössern. Hatten wir da nicht mal Probleme mit Knickbelastung? Der 2 fach umgelenkte Beschleuniger mit ca. 18 cm Weg ist wie in Europa inzwischen fast üblich mit Schnellverschlüssen ausgestattet. Also nicht diese Apco Konstruktion wie beim Sierra. Die A und B Gurte sind beschriftet, was ich recht clever gefunden habe, und farbig kodiert. Was allerdings die farbig markierte innerste B-Leine soll ist auch mir verschlossen geblieben.

Der Start:
Auf der leicht geneigten Wiese und wenig Wind ließ sich der Bagheera rückwärts wirklich problemlos und gutmütig, vorwärts eher tricky aufstellen. Mit meiner üblichen Lehrbuch-Startmethode zog ich nur einen Treibanker hinter mir her. Gott sei Dank hat ja Mike Küng mal in einem "Thermik"-Bericht geschrieben, die neuen Schirme müßte man anders aufziehen. Was dem Mike recht ist, sollte mir auch taugen und so versuchte ich es mit 2 Schritten Anlauf und Händen an der Schulter. Schaut zwar mistig aus, funktioniert aber bestens. Das Ding steigt so wirklich tadellos hoch. Trotzdem finde ich den Vorwärtsstart nicht besonders leicht, vielleicht auch wegen der langen Leinen. Rückwärts ist auch mit etwas laufen einfach mein Favorit nicht nur beim Bagheera. Der Schirm schießt kaum vor und zieht den Piloten bei normaler Geschwindigkeit sanft weg.

Das Feeling in der Luft:
Bei mäßiger Trimmgeschwindigkeit lässt sich Mowglis Freund locker um die Ecken bugsieren. Flach oder steil liegt ganz im Belieben des Reiters und ist mir kleinen Steuerausschlägen und Hinternwackeln stets gut zu kontrollieren. Wenn gleich die Kappenreaktionen direkt und unmissverständlich selbst an verschwielte Pilotenhintern gemeldet werden hat man nicht das Gefühl einen schwarzen Panther zu reiten. Eigentlich fliegt er sich recht gemütlich, wenn einer keine Angst vor dem Kippeln hat. Im Gegenzug lässt sich Gewichtskraft zum steuern schön einsetzen. Die Steuerwege sind im Normalflug eher klein und die Kräfte gering. Nach unten hin ist aber subjektiv noch eine große Reserve und definitiv ansteigende Steuerkräfte lassen keine Unklarheiten aufkommen.

Ein kurzer Blick nach oben zeigt eine tadellos stehende Kalotte, mit 3 Ebenen Querbändern zwischen den Hauptzellen. Die Leinen sind äusserst übersichtlich. Alles recht nett, da wollen wir doch mal einen A-Gurt runterreissen. Die Reaktion ist sehr gutmütig, es klappt kaum mehr als die halbe Eintrittskante ein und der Flügel entleert sich nur widerwillig. Dagegenbremsen ist einfach, und der notwendige Steuerweg hier nur gering. Die Kappe entfaltet sich wieder selbständig. Das war viel besser als erwartet!

Beim Wingovern allerdings konnte ich kaum 60° überschreiten, ohne daß mir die halbe Seite einrollte. Irgendwie habe ich das noch nicht so im Griff. Die Schirmreaktionen hier waren schon eher prägnant und irgendwie schwant mir, daß das harmlos schnurrende Kätzchen unter wirklich üblen Bedingungen schnell die Krallen ausfahren könnte. Sonst wär’s auch kein ausgereizter 2er sondern nur 1-2er. Aber nota bene, das sind Spekulationen eines alten Angsthasen.

Die Leistung:
Bei 1h Pulk-Vergleichsfliegen in meist großräumigen schwachen Bedingungen war ich oft längere Zeit der höchste. Nachdem ich das mit meinem Aspect so nicht bin und weder ich neuerdings so toll fliege, noch die Leute am Tegelberg besonders schlecht sind schiebe ich das auf den Schirm. Tritt man in den sehr leichtgängigen Beschleuniger tut sich wirklich was. Habe ich mit dem geliehenen Schleppsensor noch ca. 30-33km/h Trimmgeschwindigkeit gemessen, hatte ich bei 70% Beschleuniger ca. 43km/h erreicht. Länger waren meine Beine leider nicht. Die Werte sind relativ zu sehen, da ich einen 30er Trimm schon unrealistisch langsam finde und das Gerät vielleicht geeicht gehört. Das wirklich gute ist aber die flache Polare, die bei meiner Höchstgeschwindigkeit immer noch gute Sinkwerte von ca. 2 m/s brachte. Subjektiv war das ganz klar besser als mein Aspect und eine deutliche Abgrenzung zu dem letzte Woche getesteten Arcus.

Resümee:
Ein geiles richtungsweisendes Schirmchen für Leute die klasse Leistung wollen und wissen was sie in der Luft tun. Zumindest im Normalflug absolut harmlos, aber natürlich nicht so narrensicher in allen Lebenslagen wie ein 1-2er. Wer seinen Body über den Winter gebuildet hat, um der neuen Maschine Herr zu werden hat sich umsonst geschunden.
Mit dem Schirm kann sich Apco sicherlich ein Stück aus dem hoffentlich wieder aus der Versenkung aufdrehenden 2er Markt rausschneiden.

Markus Schmidt

 


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