Ausprobiert: Seminare mit Armin Harich

Fortbildungsangebote und Reisen gibt es unüberschaubar viele auf dem Markt, nahezu jede Flugschule hat derartige Flugtechnikseminare, Flugsafaris, Streckenfluglager oder betreute Pauschalreisen im Angebot.

Von zwei Tagen in den Vogesen bis zu exotischen Offerten wie Namibia oder Brasilien reicht dabei die Palette, eigentlich ist für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. Nur glaubt eigentlich schon lange niemand mehr die Versprechungen der bunten Kataloge, überall kann man stundenlang sorgenfrei Fliegen, überall ist die Betreuung erstklassig, überall lernt man noch gratis dazu. Doch was erwartet einen wirklich in den schönsten Wochen des Jahres? In Castelluccio traf ich einmal zwei Busladungen voller Flieger, die an einer organisierten Reise eines professionellen Anbieters teilnahmen. Scheinbar hatte man die Teilnehmer über die klimatischen Bedingungen in den Abruzzen im September nicht so recht aufgeklärt, auf alle Fälle waren bei der Campingaktion bei Minusgraden bereits einige mit Lungenentzündung ausgeschieden...

In einer Zeit, als sich Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt bzgl. meiner Wenigkeit nicht so recht finden wollten, bewarb ich mich spaßeshalber bei einem Veranstalter für Fliegerlager in Spanien als Tourguide. In einem Telefonat wurde mir mitgeteilt, ich solle auch Interessierte in's Motorgleitschirmfliegen einweisen. Mein Einwand, ich habe leider keine Ahnung vom Motorgleitschirmfliegen wurde mit den Worten "Du sollst ja nicht selber fliegen, nur einweisen..." abgetan...

 

Ich selber habe jetzt zum zweiten Mal ein Seminar bei Paragliding Armin Harich besucht und
möchte meine Erfahrungen kurz zusammenfassen:

Mein erster Kontakt mit dem Flachlandcrack und Ligapiloten Armin Harich kam - wie sollte es anders sein - über das Internet zustande. Alsbald entschied ich mich zur Teilnahme an einem 4tägigen Flachlandstreckenflugseminar im Frühjahr '97. Nun ist es natürlich immer sehr schwierig die Qualität eines Seminars von den herrschenden Wetterbedingungen zu entkoppeln, ist das Wetter gut, war das Seminar meist klasse (außer der Veranstalter findet den Startplatz nicht...), regnet es junge Hunde, sinkt die Stimmung rapide. Das Wetter war an diesen vier Tagen eher durchwachsen - das Seminar aber trotzdem gut, was schon ein Prädikat ist. Auch bei eher zu starkem Wind paßte das Programm, gut vorbereiteter Theorieuntericht samt Unterlagen tröstete über das "gegroundet sein" hinweg. Insgesamt fiel mir sehr schnell die individuelle Betreung auf, kam ein Teilnehmer nicht zu einem Erfolgserlebnis, kümmerte sich Armin zunehmend um diesen, damit jeder seinen "benefit" mit nach Hause nehmen konnte. Ein gehöriges Maß an Flexibilität sollte allerdings jeder mitbringen, der Standort wird immer aktuell je nach Wetter bestimmt. So waren wir z.B. zwei Tage in der Nähe von Karlsruhe schleppen und wechselten dann in die Rhön, Monate vorher Hotel buchen o.ä. entfällt also.

Allgemein sollte jeder Teilnehmer über einen gesunden Teamgeist und gewisse Selbständigkeit verfügen, die Seminare verstehen sich nicht als "all inclusive"-Urlaub mit Bedienung und Schirmpackpersonal.
So soll es tatsächlich schon bei der Anfahrt bei einigen Probleme gegeben haben...

...und da wären wir auch schon bei Seminar II, einem Flugstundenseminar in der Provence im September '98:
Wie immer gewohnt locker meldete ich mich per email an und bekam einige Tage vorher eine Teilnehmerliste sowie eine Anfahrtskizze, der ein paar dpi mehr nicht geschadet hätten, zugemailt. Da ich aber schon groß bin und Karten lesen kann, kam ich irgendwann etwas geschafft auf dem Campingplatz am Lac de Serre-Poncon bei St-Vincent-les-Forts an. Da ich noch nie in Südfrankreich war und von den legendären Gebieten um Digne, Gap, St-André u.s.w. schon vieles gehört hatte, kam mir eine betreute Reise wie gerufen.

Wie auch immer, auf alle Fälle landeten die Teilnehmer der ersten Seminarwoche gerade bei meiner Ankunft direkt am See, und als ein Tandem über dem See Fulstalls flog, konnte Armin nicht mehr weit sein. Etwas durcheinander verließ der Passagier nach seinen ersten Zerlegern das Gurtzeug, Armin schwärmte vom einfachen Verhalten des Tandemschirms. Nun landete auch das Boot an, das zur Sicherheit auf dem See war - denn auch in Südfrankreich und bei ausgelassener Stimmung gilt "nie ohne Schwimmweste und Boot". Nach kurzer Begrüßung baute ich Auto und Zelt in's große Fluglager und schlief erstmal ein wenig, während die anderen wieder zum Startplatz eilten.

Das Gebiet bei St. Vincent ist vielfältig, als erstes sticht die Soaringkante dirket am Startplatz in's Auge. Hier kann man wirklich problemlos die Flugstunden vermehren und soaren üben, oder nach vorheriger Absprache und mit Schwimmweste etwas Höhe tanken und dirket über den See fliegen, um mal einen Klapper zu trainieren oder etwas zu spiralen. Natürlich ersetzt das Seminar kein Sicherheitstraining, aber die meisten Elemente der modernen Performance-Trainings kann man schon üben, wenn man möchte. Richtig üble Aktionen und Sauereien hebt man sich aber lieber für Karl, Fabian, Walter oder sonstwen auf.
Hat man fliegerisch mehr vor, wird es etwas trickreich. Ab und an blubbern zwar nette Blasen am Soaringhang herauf, allerdings ist bei dem meist herrschenden starken Talwind das Eindrehen nicht einfach, vorausgesetzt man möchte das Lee meiden. Auch verläßt einen der Gott der Thermik meist recht schnell wieder, richtige "Durchreißer" sucht man vergebens. Höhe machen kann man eventuell auch im Flachen vor dem Soaringhang, hier ist Flachlandtaktik angesagt. Im Nullschieber herausgleiten und suchen, findet man nichts, schnell zurück zum Hang und aufsoaren. Klingt alles in allem logisch, ist aber nicht einfach und hervorragend geeignet, sich zu versenken. Aber auch das macht nichts, eine halbe bis eine Stunde später steht man wieder am Start. Hat man - wie auch immer - etwas Höhe, bietet sich die Möglichkeit die Dormillouse zu erklimmen und dort weiterzufliegen oder aber die Seeseite zu wechseln und sich dem Pic de Morgon zu widmen.
Ersteres führte bei einigen aus der Gruppe zu einem tollen Streckenflugerlebnis, ich selber stellte mich wohl immer zu tapsig an, da half auch die wiederholte Ausschreibung eines netten flachen Dreiecks nichts. Dafür habe ich jetzt eine Menge toller Bilder der Kiche St. Vincent. Trotzdem halte ich das flD "Kirche St. Vincent - Batterie Dormillouse - Pic de Tete - Kirche St. Vincent" für gut machbar und empfehlenswert.

Die zweite Möglichkeit - der Pic de Morgon - wurde nicht so häufig probiert und auch nicht so häufig geschafft. Im Normalfall soart man an den vom Talwind angeströmten Westflanken auf und arbeitet sich so zum Gipfel vor. Hervorragende Steigwerte liefern auch die thermisch aktiven Südflanken, die ich unbedingt probieren mußte - nicht ohne vorherige Warnung von Armin per Funk, der seine Schäfchen stets gut im Blick hatte. Nun ja, was soll ich sagen, wenn der Wind aus West kommt fängt eben im Süden das Lee an und so kam ich in den "Genuß" eines sehr realistischen Sicherheitstrainings, als ich meine zu neugierige Nase über einen Grat steckte...
Da eine vergleichbare Erfahrung einem anderen Freiflieger wenige Tage vorher auch wiederfuhr, kann man nur raten, vor Befliegung des Morgon das Gehirn aus dem standby-Betrieb zu wecken. Im Prinzip ist der Berg aber in Ordnung.

Alles in allem war aber wirklich für jeden etwas dabei, vom ersten Probieren des Speedsystems bis zum Streckenfliegen, von ersten Klapperchen bis Thermikfliegen. Besonderes Highlight für alle Teilnehmer (neben dem inbegriffenen Fondueessen!), egal ob Einsteiger oder etwas Erfahrenere, war das Tandemfliegen mit Armin. Hier konnte jeder mal sehen, was so ein Gleitschirm alles leisten kann, wie es doch noch hoch geht, wenn jeder sagt "vergiß es", wo die Grenze eines WingOvers ist und wie man toplandet. Ein Tandemflug mit einem Toppiloten ist wirklich keine Spielerei sondern eine sehr gute Fortbildungsmöglichkeit!
Erwähnenswert ist auch das Funkvario, das Armin am Boden immer über steigen und sinken des Teilnehmers informiert und so hervorragend zu ersten Thermikübungen geeignet ist.

Vorbildlich auch das morgendliche Wetterbriefing: Mit Handy und Notebook samt PC-Met- und Internet-Zugang standen stets die besten und aktuellsten Karten und Infos zur Verfügung, und das in einer Gegend, in der man selbst meist mit der Wetterkarte der SZ planen muß. Dabei beschränkte sich die Analyse aber nicht nur auf "wir haben Hochdruck, wir können fliegen" sondern es wurde immer die Entwicklung betrachtet, in loops analysiert und erklärt. Auch Wettererscheinungen, die unsere Gegend gar nicht betrafen, wurden exemplarisch erläutert, damit jeder auch für den nächsten Urlaub noch etwas mitnehmen konnte.

Das abgesehen davon das Wetter klasse war, wir an nahezu allen Tagen fliegen konnten und auch die Gruppe sehr gut funktionierte war zwar sehr erfreulich, liegt aber nicht in der Verantwortung des Organisators. Die Wahl des Gebietes ist aber geschickt, erlaubt St. Vincent doch noch Flüge, wenn ringsrum der Wind monströse Formen annimmt.

 

Fazit: Bei Armins Seminaren handelt es sich um qualitativ hochwertige Angebote für selbständige und teamfähige Flieger, die ihr Geld wirklich wert sind (die Angebote!). Jeder Teilnehmer wird bis zu einem gewissen Grad hervorragend betreut, ohne dabei bevormundet oder verhätschelt zu werden. Der Einsteiger lernt Flugtechnik wie aktives Fliegen und soaren und kann ohne Risiko erste "Extrem"-Flugmaneuver über dem See versuchen. Der Fortgeschrittene erhält wertvolle Tips zu Thermiksuche, Streckenfliegen und weiterführender Flugtechnik wie hohe WingOver oder ähnlichem. Und wenn der Wind am Startplatz auffrischt, kann auch so mancher Fortgeschrittener - oder der sich bis kurz davor noch dafür hielt - Tips zu seiner Starttechnik bekommen... :-)

 

Auf Anregung der Teilnehmer findet 1999 im Anschluß an die zwei Wochen Flugstundenseminar noch eine Woche Streckenflugseminar statt, um den Zielsetzungen der Piloten noch besser gerecht zu werden. Außerdem erhät jeder Teilnehmer eine Anfahrtskizze, mit der er garantiert nicht am Gardasee landet...(ist aber auch so keinem passiert)
Infos und Termine gibt es bei Paragliding Armin Harich.

Eine gute Karte ist Blatt 1 der Alpes du sud Reihe, Ubaye - Mercantour Nord, 1:50000 von Didier Richard

Martin

 

Um eines nochmal gaaaaanz klar zu stellen: Dem Bericht liegt KEINE Kungelei oder sonstige Vorteilsregelung
zu Grunde, wenn irgendwas nicht gepaßt hätte, würde ich es nicht verheimlichen!! Entenehrenwort!


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