Airwave
Magic3 L – Schaf im Wolfspelz?
von
Markus
Haubt
Was für eine Überschrift ... was treffenderes fiel mir allerdings nicht ein, um
diesen Schirm zu charakterisieren. Was mich zu dieser Formulierung verleitet,
dazu später mehr.
Zu meiner Erfahrung bislang mit diesem Gerät:
Ich hatte Ende Juli das Vergnügen, diesen Schirm zum Testen in die Finger zu bekommen. War eigentlich ziemlicher Zufall, da ich ursprünglich einen Cayenne bestellt hatte der dann allerdings nicht vorhanden war. Den Magic3 wollte ich ohnehin irgendwann mal testen, da er vom gleichen Konstrukteur (Bruce Goldsmith) stammt wie mein alter, vom Flugverhalten her sehr geliebter Proton.
Kurzum, das Gerät hat mich auf zwei Streckentagen im Pinzgau derart überzeugt, daß ich ihn umgehend bestellte und seither auf insgesamt fünf Streckenflügen von bis zu 80km und mehreren Flugstunden austesten konnte.
Um die subjektiven Aussagen etwas greifbarer zu machen, werde ich des öfteren Vergleiche zu meinem bisherigen Gerät, dem Proton ziehen.

Zum Gerät an sich
Was sofort auffällt, ist eine sehr saubere und robuste Verarbeitung der Kappe, die aus dem bewährten Gelvenortuch besteht, ziemlich dick und robust am Obersegel, etwas dünner am Untersegel. Abgesehen vom Stabilobereich sind pro Seite noch fünf weitere Zellen geschlossen. Hierbei werden interessanter Weise die offenen Bereiche zur Mitte hin breiter bzw. analog die Eintrittskante Richtung Außenflügel immer geschlossener. Hierin vermute ich unter anderem eine Ursache für das später noch ausführlich behandelte außergewöhnliche Flugverhalten ...
Die Leinengeometrie ist klassisch aus vier Tragegurten aufgebaut, welche dankenswerterweise über geteilte A-Gurte zum Aufziehen und Ohrenanlegen verfügen. Die Stabileinen sind im Gegensatz zum Proton wieder auf der B- und nicht der C-Ebene eingehängt. Die Bremsgriffe sind wie auch bei den Ozone-Schirmen weich ohne Versteifung ausgeführt, erscheinen mir aber etwas dicker und daher angenehmer als bisher, die Hand wird nicht mehr so sehr „zusammengeschnürt“. An den Tragegurten werden sie über Magnetklipse befestigt.
Sonst bietet der Schirm keinerlei auffällige Neuerungen oder sonstigen Hokuspokus.
Der Start
Kurz: Keinerlei Problem. Zumindest für mich als ausschließlichen Rückwärtsstarter nicht. Die Kappe läßt sich trotz geschlossener Zellen relativ zügig füllen wobei der Schirm natürlich kein Spontanaufknaller wie manches Einsteigergerät ist. Im ersten Moment der Steigphase tendiert die Kappe gelegentlich dazu mittig etwas einzuknicken, was aber nicht weiter stört und sich in der Regel sogar ohne Nachhilfe mit der Bremse selbst schnell behebt und strafft. Danach steigt der Schirm sehr sauber und zügig über den Piloten, eine übermäßige Schießtendenz konnte ich hierbei nicht feststellen. Festzustellen ist, daß der Magic3 längst nicht mehr so schwerfällig aus der Wiese kommt, wie mein alter Proton etwa. Trotzdem macht sich das schwerere Gelvenortuch natürlich bemerkbar, indem die Kappe nicht ganz so easy und federleicht hochzuführen ist, wie einige aktuelle 2er mit leichtem Tuch die ich getestet habe, etwa den Quarx2 oder den FreeX Blade.
Über dem Piloten angekommen steht die Kappe prinzipiell sehr ruhig und stabil, tendiert aber etwas zum (natürlich stabilisierbaren) Gieren und nimmt bei Seitenwind auch schon mal gerne die Stabilos wieder rein – alles nicht weiter dramatisch aber erwähnenswürdig.
Das Flugverhalten
Nun zum Geilsten (man möge mir verzeihen). Ich will ehrlich gestehen, bei keinem anderen Schirm habe ich so lange gebraucht, ihn wirklich zu verstehen – und abschließend tue ich dies noch immer nicht ganz. Warum? Das Verhalten und die Charakterisitk im offenen Zustand widersprechen anfangs scheinbar dem Verhalten im Extremflug bei Einklappern und Frontstalls. Außerdem: Fans der alten Goldsmith-Lappen Proton und Octane werden äußerst überrascht über diesen Flügel sein
Aber ausführlich:
Ist man das erste mal mit der Kiste unterwegs und erwischt die ersten Bärte, fällt einem sofort ein sehr direktes, sportliches, teils hartes Feedback von der Kappe bzgl. Turbulenzen auf. Der Flügel zeigt kleinste Unebenheiten durch kurze, manchmal harte Rupfer an den Tragegurten an, hebelt bei einseitigem Einfliegen sehr direkt und unverzüglich, ohne dabei aber aus dem Bart zu ziehen. Wer mit dem Flügel noch irgendein Lupferchen verpaßt, fliegt definitiv mit Arm- und Gesäßprotesen ...
Ich fand mich umgehend an meinen alten, sehr brettartigen und stabilen Proton erinnert. Wie dieser, so bleibt auch der Magic3 in solchen kleineren Turbulenzen lange stabil und scheinbar unbeindruckt über dem Piloten.
Das Kurbeln dann ist eine einzige Freude und war für mich ein Hauptkaufargument. Trotz der Hebelei läßt sich der Schirm sehr leicht in den Bart ziehen, sehr exakt zentrieren und dann auch problemlos im Bart halten, auch wenns bei sehr großen Gradienten des Steigens zur Bartmitte hin mal etwas nach außen drängen sollte. Die Steuerwege hierbei sind extrem kurz, das muß ganz klar festgestellt werden! Ich habe diesen Schirm bislang kaum weiter als 30cm gebremst zum Drehen, ich erreichte teils nicht mal die Hauptkarabiner zum bequemen Einhängen des Daumens beim Kurbeln. Und dies wäre aufgrund etwas höherer Steuerdrücke als bei meinem Proton schon hilfreich gewesen.
Das überraschendste hierbei aber für mich: Er gräbt nicht. Aber auch nicht im geringsten! Und wenn man Proton und Octane kannte, nimmt einen dies schon etwas Wunder. Vor allem, wenn man dann noch feststellt, daß der Flügel eher mäßig auf Gewichtsverlagerung anspricht. Dafür reagiert er umso direkter und spritziger auf die wie gesagt sehr effektive und kurze Bremse.
Der Schirm legt sich beim Drehen in der Thermik ca. 30-45° auf die Seite und verbleibt dann ruhig und konstant in dieser Position ohne auch nur ansatzweise dabei auf die Nase zu gehen. Ich hatte auf Anhieb den später mehrfach bestätigten Eindruck, daß dieser Schirm sehr willig und gut das Steigen annimmt, viel weniger verschenkt als mein alter und allein dort schon einiges an Mehrleistung aufweist.
Es soll nicht verschwiegen werden, daß dieser große Vorteil beim Kurbeln analog auch ein gewisser Nachteil beim dynamsichen Spaßfliegen, speziel beim Wingovern darstellt. Ich hatte schon sehr große Mühe, die Kiste wirklich auf die Nase zu legen um Fahrt aufnehmen zu können. Mein erster Wingover – wegen des identischen Konstrukteurs ähnlich optimistisch wie mit meinem Proton voll aus dem Hintern geflogen – endete denn auch prompt in einem hoffnungslosen Unterschneiden nach dem oberen Totpunkt, einem mächtigen Klapper sowie einem Fast-Negativabriß, da ich den Flügel - ebenfalls wie meinen Proton - markant stützen wollte, was wie ich mittlerweile weiß überhaupt nicht nötig gewesen wäre, dazu gleich mehr. Die sehr kurzen und auch noch extrem kurz eingestellten Bremsen haben sicherlich ihr übriges getan. Ich vermute, daß ein deutlich stärkerer Einsatz der Innenbremse am oberen Punkt um den Schirm wieder gen Erde zu drehen dieses Problem beheben könnten.
Extremflug
Hier gab es dann die fetteste Überraschung für mich. Bestellt hatte ich den Lappen, ohne allzuviel rumgetestet zu haben in der Hinsicht. Dem Flugverhalten nach ging ich davon aus, daß sich der Flügel sehr ähnlich wie mein Proton, d.h. ordentlich dynamisch und vor allem ziemlich digital verhalten würde, was das Klappverhalten angeht, evtl. noch eine Spur anspruchsvoller. Man sollte meinen, stabile Kappen, die auch härtere Entlastungen noch ohne Raschler wegstecken, klappen dann um so heftiger wenn es doch mal soweit ist – im Falle dieses Gerätes ein ziemlicher Trugschluß.
Es stellte sich nach Erhalt meines gekauften Gerätes sehr schnell heraus, daß die Kappe doch geringfügig mehr arbeitet als bei meinem Proton, dabei aber keinesfalls unruhig in sich wirkt. Speziell um die Hochachse verkümmt sich die Kappe gelegentlich in Form einer leichten gleichmäßigen Biegung (kein mittiges Knicken), d.h. die Ohren kommen etwas nach vorne. Außerdem rollt die Eintrittskante doch etwas leichter und früher mal ein bei Entlastungen als beim Proton, keinesfalls aber in der Form und Häufigkeit, wie es bei manchen Geräten niedrigerer Kategorien der Fall ist. Der Proton war halt diesbzgl. einfach schon saustabil.
Beim provozierten einseitigen Einklappen erlebte ich dann eine faustdicke Überraschung:
Der Flügel zeigt so gut wie keine Wegdrehtendenz! Ich konnte es anfags kaum glauben und habe es darauf mehrfach, auch impulsiv wiederholt – es blieb dabei, die 180° Wegdrehwinkel aus dem GüSi-Protokoll sind keine Lüge sondern bilden scheinbar den oberen Grenzwert des möglichen. Und das beste dabei, der Flügel scheint hierbei nicht sonderlich dynamisch zu sein. Nur bei impulsivem Ziehen der Gurte schießt er mehr als 60° nach vorne und legte bei vollkommen passivem Verhalten auch mal etwas das Gegenohr mit an. Die Wiederöffnung erfolgt gleichmäßig und sehr gemächlich, läßt sich – das muß angemerkt werden – auch nur sehr begrenzt durch Pumpen beschleunigen. Die Bremse bietet hierbei sehr schnell einen hohen Widerstand, den ich vorerst mal nicht überschreiten wollte. Das Gegenbremsen, falls überhaupt nötig fällt sehr leicht, sollte daher auch keinesfalls (s. oben ;-) übertrieben werden.
Hält man den Klapper und stabilisiert ihn in den Geradeausflug (was sehr leicht fällt), wirkt der Schirm sehr ruhig und stabil. Ich habe dann die Außenbremse gelöst und versucht den Schirm eingeklappt anzuspiralen – keine Chance! Der Schirm dreht kaum an, auch massives Nachinnenschmeißen des Gewichts konnte die Kappe nur zu einer sehr moderaten Drehung bewegen. Ich bin sicher, ich werde dies über tieferes Ziehen des Klappers noch hinbekommen, das Verhalten an sich hat mich allerdings schon sehr beeindruckt.
Nun keimte in mir die Befürchtung: „Provoziert mag er ein Lamm sein, in der Thermik wird er mir dann schon die Hochleisterharke zeigen“. Dieses Verhalten kannte ich bereits vom Proton, der ebenfalls beim provozierten Klappen eher zahm war was allerdings bei diesem Gerät etwas andere Gründe hatte.
Am Venet sowie am Acherkogel im Ötztal hatte ich dann bei ruppigster, nordwindzerissener Thermik (Steigen bis 7m/s) ausgiebig Gelegenheit, dies herauszufinden. Bevor der Schirm klappt, zeigt das Gerät eindeutig Hochleistercharakter, er geht agil zur Sache, teilweise wirft es einen schon ordentlich rum, aktives Fliegen ist gefragt. Aufbäumen oder Schießen tut die Kappe hierbei weniger, die Nickdämpfung ist wie auch die Rolldämpfung relativ hoch.
Eingeklappt ist mir die Kappe dann auch mehrfach, sowohl einseitig bis etwas über 50% als auch frontal, teils auch aufgrund bewußt etwas vernachlässigtem aktivem Fliegen.
Ergo: Auch hier verliefen ALLE Klapper beeindruckend unspäktakulär. Die Kappe schießt deutlich weniger dynamisch an als ich es vom Proton gewohnt war und auch hier fiel die Wegdrehtendenz äußerst gering aus. Bezeichnend war hier für mich vor allem ein Klapper, bei welchem die abwindbetroffene Seite über 50% einklappte, während die andere noch voll im Bart stand. Anstatt ordentlich anzuschießen und massiv aus dem Bart zu drehen wie ich dies erfahrungsgemäß erwartet hätte, blieb die Kappe relativ ruhig in der Richtung und öffnete gemächlich – wie bereits gewohnt – wieder und flog weiter.
Frontstalls verliefen ebenfalls komplikationsfrei ohne besondere Dynamik. Die Wiederöffnung erfolgt gleichmäßig in durchschnittlichem Zeitrahmen, ein Verhalten wie man es mittlerweile bei fast allen Geräten, speziell den druckfrischen Testschirmen mit unverbrauchtem Tuch fesstellt.
Abstiegshilfen
Hier gibt es nicht viel zu sagen. Der Schirm spiralt sich hochleistertypisch geil, läßt sich dabei gut in der Sinkgeschwindigkeit dosieren und relativ mühelos jenseits der 20m/s bringen. Die Ausleitung erfodert geringfügig mehr Bremseinsatz als beim Proton, ist aber insgesamt unproblematisch. Die Einleitung – speziell über den Seitenklapper – machte mit dem Proton aufgrund dessen Grabens (Auf die Nase Gehens) etwas mehr Spaß.
Ohrenanlegen ist absolut unproblematisch und sehr komfortabel dank geteilter A-Gurte, die Ohren öffnen selbständig sehr gleichmäßig ohne Hängen oder Rupfen. Die Sinkwerte halten sich dabei allerdigns auch beschleunigt sehr in Grenzen, mehr als 3m/s waren für mich kaum zu erreichen. Den B-Stall halte ich für altmodisch und habe ich demnach auch nicht getestet, das GüSi sagt hier 1-2.
Das Wesentliche – die Leistung
Der Grund für mich, doch wieder einen Hochleister zu nehmen. Ich hatte ja bereits diverse 2er vorher getestet und war von einigen wie etwa dem Blade auch durchaus angetan bzgl. der Speed. Mit einem Aeron etwa habe ich in alle Richtungen gemittelt eine Topspeed von ca. 55km/h gemessen.
Beim Magic allerdings bekam ich (wohl auch, weil ich diesen auf Strecke maß) beim ersten beherzten Tritt in den Beschleuniger feuchte Augen – ca. 42km/h im Trimm und 60km/h voll beschleunigt, ich würde aber auch die im Datenblatt und Testbericht angegebenen 55km/h gelten lassen, liege mit 120-125kg Startgewicht auch am obersten Ende des Gewichtbereiches. Das beste dabei war ein Sinken, welches bis fast zum Ende des gesamten Beschleunigerweges kaum mehr als 2m/s erreichte. Hierbei läßt sich der Beschleuniger sehr leicht treten und benötigt auch nicht allzuviel Fußweg. Die Gleitstrecken legt man dank der stabilen Kappe äußerst entspannt und mit – in meinem Fall zumindest – spürbar mehr Reserve zurück.
Fazit
Auch wenn ich nie gedacht hätte, daß mir nochmal ein Flügel mit weniger Agilität bzgl. des Gewichteinsatzes und des Antauchens in den Kurven wie mein Proton solch einen Spaß machen könnte – mit dem Magic3 habe ich ihn gefunden. Die fehlende Neigung zum Graben macht er über eine umso direktere Bremse gut wett und hat dadurch eindeutige Vorteile beim Kurbeln, ist trotzdem sehr wendig. Außerdem verlaufen Toplandungen viel stressfreier (man muß nicht mehr in 10m Höhe zur finalen engen Kurve ansetzen;-) und man verschätzt sich beim Landen erstmal ziemlich heftig in der Länge nach hinten.
Ich halte den Magic3 für einen äußerst gelungenen Streckenflügel, der speziell im Klappverhalten wohl deutlich angenehmer ist, als die Leistung und das direkte Hochleisterfeeling es auf den ersten Blick vermuten lassen. Da hierbei natürlich künftige negativere Eindrücke diesbzgl. zwar meiner Meinung nach unwahrscheinlich aber dennoch nicht auszuschließen sind, werde ich diesen Bericht bei Bedarf dann entsprechend ergänzen oder korrigieren.
Markus Haubt