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Geräteerfahrung: FreeX Joker
von
Michael Stübing

 


Startplatz

 

 

Flugschein seit April 1996, B-Schein seit Mai 1998 und dann einen DHV-Einser probefliegen? Warum nicht. Insbesondere, wenn einem das Flugbuch die traurige Tatsache offenbart, dass man seit zwei Jahren nicht mehr in die Luft gekommen ist.

So jedenfalls kam es, dass ich mir für den ersten Urlaub seit zwei Jahren den Joker von freeX zum Probefliegen ausgeliehen habe. Super Service, da mir der Schirm von freeX-Geschäftsführer, Dirk Vielhuber direkt nach Kössen gebracht wurde.


Am 17.08.2002, d.h. auf den Tag genau zwei Jahre nach meinem letzten Flug am Krippenstein war es dann soweit. Glücklich, wenn auch etwas nervös den Schirm geschnappt und auf das Unterberghorn. Noch ein paar Meter aufgestiegen (wer möchte sich schon beim ersten Flug, vor der versammelten Mannschaft blamieren) und den Schirm in Augenschein genommen.


Leine Joker

Sauber verarbeitet, für den Laien keine Kritikpunkte zu entdecken. Beim Schirm sind bis auf die äußeren Zellen alle offen und ob geschlossene Zellen bei einem Einser-Gerät wirklich Sinn machen, darüber kann wohl trefflich gestritten werden.

Die drei Leinenebenen sind farblich sauber voneinander abgehoben, der A-Gurt (drei Stammleine) ist geteilt, zum Ohrenanlegen ist eine Leine vorgesehen. Die Bremse ist mit einem Magnetklipp am Tragegurt befestigt.

Leinen sortierenBeim Leinensortieren gab es keine Schwierigkeiten, die Leinen neigen nicht zum Kringeln und ob der geringen Anzahl der Stammleinen ist dieser Punkt auch mit der notwendigen Sorgfalt bald abgehakt. Jetzt noch schnell den Beschleuniger montiert und grob auf die richtige Länge gebracht. Statt des einfachen Beschleunigers habe ich meine selbstgebastelte Treppe genommen, mehrere Stufen sind einfach praktischer. Vielleich kann freeX hier beim Lieferumfang noch zulegen. Beim Preis für den Joker, sollte man allerdings auch privat die 30 oder 40 € für einen anderen Beschleuniger ausgegeben können, ohne dass man gleich am Hungertuch nagen muß. Dann ins Gurtzeug eingehakt und den Beschleuniger eingehängt.

Und hier jetzt der einzige echte Kritikpunkt bei der Materialwahl. Die Bremsen lösten sich vom Tragegurt. Nicht nur bei einem Flug, sondern fast bei jedem. Ärgerlich, wenn man sich jedesmal nach den Bremsen bücken muß und kontrollieren, ob die Bremsleine sich nicht um verheddert hat. Dirk Vielhuber darauf angesprochen hat sich das Gerät angeschaut und meinte, dass bei meinem Joker wohl die Magnete zu schwach seien und man danach schauen würde. Ähnliche Probleme seien trotz der hohen verkauften Stückzahl des Jokers aber noch nicht bekanntgeworden. Dennoch werde freeX dieses Detail im Auge behalten.

Bei leichten Seitenwind bin ich dann gestartet. Der Joker steigt sauber über den Piloten, will hierfür bei schwachwindigen Verhältnissen aber etwas Zeit haben. Dafür besteht keinerlei Tendenz zum Vorschießen oder Ausbrechen. Zeit für Korrekturen hat man genug, so dass das Startverhalt als wirklich easy bezeichnet werden kann. Die Startstrecke war trotz den schwachen Windes gering.

Doppeldecker
 

Ob man es jetzt Glück nennen will oder ob die "magic air" von Kössen dafür verantwortlich war, jedenfalls konnte ich den Schirm gleich beim ersten Flug 1 ½ Stunden ausprobieren.
Der Schirm läßt sich ohne Schwierigkeiten manövrieren. Bereits leichte Steuerimpulse setzt er zügig um. Mit etwas Gewichtssteuerung kommt man zügig um die Kurven, durch Mitbremsen der Außenseite läßt sich der Joker flach drehen. Die Steuerkräfte, die man einsetzen muß, um ums Eck zu kommen, sind im oberen Bereich angenehm moderat und nehmen "einsertypisch" Richtung Stallpunkt gewaltig zu. Ein angenehmes Sicherheitspolster für Wenigflieger und Wiedereinsteiger.

Der Schirm ist relativ stark gedämpft, ohne dass man dabei aber die Reaktionen des Schirms vermissen würde. Ohne großes Geschaukel zeigt er an, was er gerade macht oder vom Piloten haben möchte. Dies vermittelt ein Gefühl von Sicherheit, das keinen Stress aufkommen läßt. Selbst mit wenig Flugerfahrung macht es Spaß, sich in die Thermik zu stürzen und die Grenzen des Machbaren auszuloten.

Wolke
Am 20.08.2002 konnte ich dies dann richtig erleben. Nachdem der wohl beste der Tag der Woche, der Montag für die Familie reserviert war, waren die Verhältnisse am Dienstag immer noch super. Steigwerte von über 5 m/s und eine maximale Höhe von knapp 2.300 m mögen hierfür als Beweis dienen. Trotz der, für ungeübten Piloten wie mich, doch schon heftigeren Steigwerte, habe ich mich nie unsicher gefühlt oder einen übermäßigen Adrenalinausstoß hinnehmen müssen. Und das während des gesamten Flugs kein einziger Klapper aufgetreten ist, spricht für die passive Sicherheit des Jokers. Wäre mir an diesem Tag irgendein Pilot vorausgeflogen, wäre ich auf Strecke gegangen und hätte bei meinem 2ten Flug nach 2 Jahren die Gegend unsicher gemacht. Alleine habe ich mich mangels Geländekenntnis dann aber doch nicht getraut.

Leistungsmäßig fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten, lediglich einmal konnte ich einem 2er hinterherfliegen, der mir auf einer Strecke von ca. 1,5km vielleicht 50 Höhenmeter abgenommen hat. 50 Höhenmeter, auf die ich für das sichere Gefühl unterm Joker aber gerne verzichtet habe.

Der Beschleuniger ist leicht zu bedienen, der Geschwindigkeitszuwachs ist beachtlich. Zwar hatte ich meinen Flügelradsensor nicht dabei, aber es hat ordentlich gerauscht. Und das tut es bei 40 km/h noch nicht. Die Ohren wollen (beschleunigt und unbeschleunigt) gehalten werden, selbst beim Nachziehen gehen sie ohnen Piloteneingriff wieder von alleine auf. Durch Gewichtssteuerung ist der Joker dabei einfachst zu steuern, wer es darauf anlegt, kann so sicherlich auch schöne Wingovers fliegen.
Die Warnung von Karl Slezak im DHV-Info befolgend habe ich auf großartige Schnellabstiegstests verzichtet. Lediglich das beschleunigte Ohrenanlegen habe ich ausprobiert. Sinkwerte von ca. 4 m/s hat mein Vario dabei augezeichnet.Das Verhalten des Schirms war dabei völlig unspektakulär.

Die Landung selbst war ist ebenfalls einfach. Bei allen sechs Flügen mit dem Joker habe ich den Landewürfel nie um mehr als 1 Meter verpasst und das trotz zum Teil wechselhaften Winden. Wegen des tiefen Stallpunktes ist es günstig vor der Landung die Bremsen zu wickeln (oder die Bremsen etwas zu verkürzen).

Nachdem am 24. ein anderer Pilot den Joker probefliegen wollte, habe ich im Tausch dafür dessen Renegade bekommen. Und sorry, Airea, mir gefällt der Joker deutlich besser. Sauberer und einfacher zu steuern, nicht so wacklig und dennoch besser anzeigend. Aber Geschmäcker sind ja verschieden.

Mein Fazit: Für Einsteiger, Wiedereinsteiger, Genußflieger und Piloten denen Sicherheit vor das letzte bißchen (Hoch-)Leistung geht, ein Schirm der getestet werden muß.

 

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