Praxistest:  Fingerhandschuhe von Schwenkel
von Markus Schmidt

 


Eigentlich war ich ja gar nicht auf der Suche nach neuer Ausrüstung für die Fingerchen, als ich so über die Messe in Garmisch schlenderte. Am Turnpoint -Stand aber stand da ein Mensch, der mit solcher Begeisterung seine Handschuhe anpries, dass ich mich gerne in ein Gespräch verwickeln ließ. 

Ich bin ja eher verfroren, schmächtig und dickköpfig und über meine Eisbären-Fausthandschuhe lasse ich deshalb so leicht nichts kommen, aber Herr Wagner von der Fa. Schwenkel ließ nicht locker in seinem Bemühen mich von seinem Produkt zu überzeugen. Er zog alle Register und krönte die Argumentation damit, dass sogar Weltklasse-Reiter oder Kutschenfahrer mit Schwenkelhandschuhen siegen. 

Irgendwie sympathisch, und der Mann war offensichtlich total überzeugt von dem was er mir da von Isolierung, Kevlarverstärkungen etc. erzählte. Da hatte er mich schon fast rumgekriegt.

Na ja dachte ich mir, Reiter gibt’s immerhin schon länger als Flieger, und als ich sah, dass auf den Dingern auch noch Achim Joos draufstand, war das Eis gebrochen und ich zog mit echten „Schwenkel sprint“ davon.

In Laveno über Ostern war dann genug Zeit die Streckentauglichkeit der Handschuhe in der Praxis zu prüfen. Bullenhitze am Startplatz, 10m/s Steigen und minus 4°C in 3300m gaben angemessene Rahmenbedingungen ab. 

 

Zuerst ein paar Punkte zur Konstruktion:

In unseren Breiten können meist nur trockene Hände warm sein. Es muss also nicht nur die Isolierung stimmen sondern auch der Transport des Angstschweißes nach außen.
Ersteres übernimmt eine synthetische Daunenfaser die sich wirklich anfühlt wie mein Kuschelschlafsack, zweiteres eine atmungsaktive PES-Membrane die den Fahrtwind abhält aber die Handfeuchte ungehindert verdampfen läßt.

Die Aussenhaut ist teils aus Mikrofaser und teils aus robustem künstlichem Wildleder gefertigt. Insgesamt eine differenzierte, erstaunlich leichte und bewegliche Konstruktion. 

Man kennt ja Beschichtung und gefühlsechte Noppen aus der täglichen Praxis als Apres-Pilot. An einem Handschuh habe ich die Silikon-Noppenbeschichtung bis dato allerdings noch nicht gesehen. Tatsächlich gewährleistet sie neben dem allgemeinen Unterhaltungswert einen erstaunlich rutschfesten, kräftigen und doch sensiblen Griff auch bei aufkommender Feuchtigkeit.
Vielleicht folgt hier nächstens noch ein Detailbericht. 

An allen besonders beanspruchten Stellen sind noch kräftige Kevlarverstärkungen angebracht. Hier unterscheiden sich auch die Modelle Como für Gleitschirmpiloten und Chamonix für Drachenflieger.
Ein Kollege der mit dem Drachenhandschuh am Schirm unterwegs war, war der Meinung, dass gerade die speziellen Drachenverstärkungen besonders für ihn als Durchgreifer und Wickler besonders günstig seien. Also nicht unbedingt an der Herstellervorgabe kleben! 

Die Verarbeitung macht einen tadellosen Eindruck, mit viel Liebe zum Detail.
Da gibt es zum Beispiel eine Aussparung in den Noppen an der Zeigefingerspitze, dass sich die Instrumentenknöpfe nicht so leicht abnutzen.
Ich bin zwar von der Notwendigkeit nicht so ganz überzeugt, aber es ist immerhin ein Zeichen, dass sich die Konstrukteure hier viel Mühe gegeben haben und es dann wahrscheinlich an weniger sichtbaren Stellen genauso hielten. 

  

Doch nun zur harten Realität. 

Die Aufteilung ist leicht überschaubar und gliedert sich übersichtlich in rechten und linken Handschuh. Der verbindende Kunststoff-Karabiner ist kräftig, geht aber bei versehentlichem Hängenbleiben ohne Beschädigung auf. Ein echtes Sicherheitsplus wie ich meine.

Im Aufziehverhalten präsentiert sich der neue Schwenkel durch halbwegs glattes Innenfutter anfängertauglich, selbst dynamisches Hineinlaufen führt nicht mal bei starkem Wind zum gefürchteten Überschießen. Das Gerät bleibt exakt am Ende der Finger stehen und stabilisiert sich selbständig.

Jetzt noch die elastische Gelenkmanschette geschlossen, damit der Achim Joos Schriftzug voll zur Geltung kommt sowie den großzügigen Windfang am Stulpenende zugezogen und dem Takeoff steht nichts mehr im Wege.

 

 

Airborne zeichnet sich der hier getestete COMO durch eine einzigartige Innovation aus. Dem eingebauten Fingerzeig wo’s rauf geht!

Ich folge gerne dem deutlichen Schriftzug BASIS, der an meinen Zeigefingern angebracht ist und unmissverständlich dahin weist wo sich der fortschrittliche Streckenjäger bevorzugt aufhält. Hier offenbart sich auch dem Laien die konstruktive Mitarbeit von Achim Joos an der Konzeption dieser Wettkampfmaschine und ich nähere mich dadurch im heftigsten Steigen das ich je hatte dem Kältepol meines Test-Fluges Laveno – Belinzona und fast zurück.

An der Basis bei –4°C und 2,5h Flug schlottere ich am ganzen Körper. Anfang April eben! Die Füße werden trotz dicker Stiefel taub, das GPS fällt aus und ich kann nicht behaupten, dass die Hände nun den restlichen Körper gewärmt hätten. Immerhin, ich fror an den Fingern nicht mehr als überall sonst und das scheint mir ein ausgesprochen gutes Ergebnis zu sein.

Kaum 500m weiter unten war’s schon wieder gemütlich und ich hatte genug Zeit mich auf die Außenlandung vorzubereiten. Leider war diese stehend so dass ich hier zum Extremflugverhalten nichts sagen kann. Auch Schnellabstieg habe ich keinen versucht, denke aber dass der  COMO ohne reaktionsschnellen Piloteneingriff ansatzlos abtaucht und man mit einer stabilen asymetrischen Spirale bis zum Aufschlag rechnen muss.
Bei einem Performance-Handschuh dieser Kategorie ist dieses Verhalten allerdings durchaus klassentypisch.

Im Ernst, man mag über Handschuhe viel philosophieren, letztendlich zählt wie warm und bequem sie sind. Diese Teile sind wärmer, als ich mir Fingerhandschuhe je vorstellen konnte und dabei erstaunlich leicht und beweglich.  Den Ingenieur in mir freut die äußerst durchdachte Konstruktion bei der man einfach merkt, dass Profis am Werk waren.

Den 100km steht jedenfalls mit Schwenkel sprint nichts im Wege.  

          

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