Geräteerfahrung: Mit dem Cayenne auf Strecke
von Achim Warbruck
Intro
Zu Ostern fahre ich schon
seit mehr als 10 Jahren nach Sillian. Kaum irgendwo geht zu dieser Zeit
fliegerisch mehr die Post ab, wenn das Wetter stimmt. Das Blue-Sky-Team um
Susanne und Stefan veranstaltet Ostern regelmäßig ein Testival. 80 – 90 Schirme
warten darauf, probegeflogen zu werden. Rekordverdächtig.
Einen neuen Schirm hatte ich mir erst vor einem Jahr gegönnt, aber man kann ja
mal schauen, nur so …. Also besorge ich mir einen Cayenne. Das Wetter schaut
nach Streckenflugtag aus. „Genau richtig, da weiß man hinterher, wo man dran ist
mit dem Schirm“, denke ich mir.
Start
Rückwärts bei leichtem Wind. Die Kappe kommt ziemlich spurtreu nach oben, leicht anbremsen, los geht’s. Das Startverhalten ist easy, nichts worüber man mehr Worte verlieren müsste. Dieser Eindruck bestätigt sich später bei weiteren Starts.
Thermikfliegen
Der Weg führt direkt in die Südflanke vom Thurntaler. Das Vario piepst, ich warte kurz, dann ziehe ich links die Bremse, lege mich auf die Innenseite und gebe etwas Bremse auf der Außenseite. Der Bart ist schnell zentriert, es geht zügig nach oben. Ich entspanne mich und denke beim Kurbeln darüber nach, ob ich den Schirm „richtig“ fliege. Aber da ist nichts, woran ich mich erst gewöhnen müsste.
Ab geht es auf Strecke in Richtung Italien. Mit dem Ostwind im Rücken habe ich leichtes Spiel. Immer wieder aufdrehen und dann mit ca. 50 km/h Groundspeed zum nächsten Bart. Der Schirm zeigt schön, wo das Steigen ist und „hilft“ beim zentrieren, auch in versetzten Bärten. Allererste Sahne.
Auf Strecke
Unterwegs wird es hin und wieder auch mal turbulenter. Die Kappe steht relativ stabil. Nicht so „brettartig“ wie ein Sigma 5, aber auch nicht so „weich“ wie der Astral 3. Der Schirm vermittelt ein gutes, stabiles Gefühl, zeigt aber trotzdem sehr gut an, wenn er sich „deformieren möchte“. Aktiv fliegende Piloten können so die Masse der Klapper im Ansatz vermeiden.
Klapper
Den einen oder anderen Klapper habe ich dennoch kassiert. Der Schirm dreht langsam weg, meist nicht mehr als 90 Grad. Mit etwas Bremse öffnet der Schirm wieder. Das Ganze läuft eher gedämpft ab, kein impulsives Schnalzen, kein Gegenklapper, kein Rumschaukeln. Hat man den Klapper im Ansatz gespürt und war lediglich einen Tick zu spät auf der Bremse, kann man meist ohne wegdrehen geradeaus weiterfliegen, den Klapper aufbremsen und das war’s. Ziemlich unspektakulär.
Beschleunigtes Fliegen
Nach ca. 55 km wende ich am Gitsch bei Meransen. Nun geht es retour und damit gegen den Wind. Jetzt kommt der Beschleuniger regelmäßig zum Einsatz. Der Kraftaufwand ist eher gering. Ich kann den kompletten Weg mit einer zweistufigen Leiter treten, ohne mich dabei im Gurtzeug groß verrenken zu müssen. Die Kappe steht absolut stabil, der Schirm vermittelt auch hier ein sicheres Gefühl. Also gebe ich meistens „Vollgas“ auf den Gleitstrecken.
Trotz Beschleunigereinsatz geht es oft nur mit 30 Sachen oder weniger voran. Und ich weiß, irgendwann kommt der Talwind, der von Sillian heraufweht dazu. Das Tauferer Tal bei Bruneck schaffe ich noch, aber bei der nächsten Talquerung erwischt es mich. So stehe ich ca. 25 km vor Sillian im Antholzer Tal.
Ein 82-km-Dreieck bei meinem ersten Flug mit dem Cayenne. Kein Grund unzufrieden zu sein. Aber es sollte noch besser kommen …..
2. Versuch
Am nächsten Tag bin ich wieder mit meinem alten Schirm unterwegs. Die Gedanken an den tollen Flug mit dem Cayenne lassen aber keine Ruhe. Also stehe ich am 16.04. wieder mit einem Cayenne auf dem Thurntaler. Die Bedingungen sind ähnlich wie zwei Tage zuvor. Gutes Streckenwetter, aber einen Tick zuviel Ostwind.
Der gute Eindruck vom ersten Flug bestätigt sich.
Diesmal wende ich erst nach knapp 65 km. Auf dem Heimweg das gleiche Spiel wie zwei Tage zuvor. Diesmal fange ich mir allerdings bei Vollgas einen satten Klapper. Nach einem unfreiwilligen Vollkreis ist der Schirm wieder offen und ich fliege einfach geradeaus weiter. Wieder gefällt mir, dass der Schirm nicht „aufschlägt“, sondern relativ sanft öffnet.
Heute schaffe ich das Tauferer Tal nicht und muss nach knapp 97 km kurz hinter Bruneck landen.
Mein „Neuer“: ein Cayenne!
Der Ostertrip nach Sillian war bald darauf zu Ende. Ich habe noch ein wenig hin und her überlegt, aber als ich am 16.05. zu meinem dritten Cayenne-Flug am Hochfelln starte, hänge ich bereits unter meinem eigenen Schirm.
Mein Weg führt auf der Südroute über die Steinplatte und die Loferer zu den Leogangern. Der Wind in der Höhe kommt aus Südwest und anfangs tue ich mich sehr schwer. Für die ersten 25 km brauche ich knapp 4 Stunden. Erst als ich nach den Loferern etwas Rückenwind bekomme, geht es zügiger voran. Vorbei am Hochkönig, Bischofshofen, die Tauernautobahn, … Nach 8 Stunden und 112 km lande ich am Fuß der Dachstein-Südwand neben der Türlwandhütte.
Der Tag war teils mühsam, teils „sportlich“. Der Eindruck aus den Sillian-Flügen bestätigt sich: auf den Schirm kann man sich verlassen, auch wenn es mal mehr zur Sache geht. Gleichzeitig hat sich gezeigt, dass der Cayenne auch für schwache und schwächste Bedingungen taugt. So konnte ich zweimal aus ganz niedriger Höhe, als ich mir die Landeplätze schon ausgesucht hatte, doch noch schwaches Steigen finden und langsam wieder aufsoaren. Hat man erst einmal einen Bart, und sei er noch so klein, so lässt sich dieser mit dem Cayenne meist mühelos zentrieren.
Mein Fazit
Mein Fazit zum Cayenne nach 3 Flügen mit knapp 19 Flugstunden und ca. 290 XC-Kilometern: wer gerne „entspannt“ auf Strecke geht und einen gutmütigen XC-Flügel mit ansprechender Leistung sucht, sollte sich den Cayenne auf jeden Fall anschauen.
Zu den herausragenden Merkmalen des Cayenne gehören für mich die Thermikflugeigenschaften und die (für einen 2-er) relativ harmlosen Reaktionen auf Klapper.
Genau dies bestätigen auch die Testpiloten von „Fly & Glide“ und „Gleitschirm“, die zum Schluss noch kurz zu Wort kommen sollen.
Andere Meinungen
Andi Pfister (F&G): „Bereits bei den ersten Testflügen überzeugte uns das exakte und leistungsstarke Thermikhandling. Der Schirm zieht sehr aggressiv und mit gleichbleibendem Anstellwinkel in die Thermik hinein. … Zudem bleibt der Cayenne auch bei engen Drehradien lange flach und punktet so auch leistungsmäßig.“
Gerald Haas (Gleitschirm) schreibt, dass das Klappverhalten „einem 1-2er zur Ehre gereichen würde“ und er „…dem Schirm hier das allerbeste Zeugnis ausstellen muß.“
Weitere Infos
Weitere Infos zum Cayenne gibt es natürlich bei Skywalk.
Die DHV-GüSi-Testprotokolle für die Größen XS, S, M und L.
Testberichte zum Cayenne gibt es im Mai-Heft von „Fly & Glide“ und im Juni-Heft von „Gleitschirm“.
Probefliegen
Meine Empfehlung für einen
Probeflug:
Auf der Nordseite:
„Flugschule Chiemsee“, Thomas Beyhl, Tel. +49 (0) 8052 / 9494.
Auf der Südseite:
„Blue Sky“, Stefan Zorn, Tel. +43 (0) 4842 / 5176.