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Doppeltest: Boxtair M und Stream M
von Bernd Iben

 

 


Jetzt habe ich mich also doch überreden lassen, in der lahmen Ente über meine Flügen mit dem Stream und dem Boxtair, beide von Flight Design, zu berichten. Dabei war nichts von alledem geplant. Den Astral3 – S wollte ich probieren, doch der stand leider beim Testival am Osterwochenende in Bezau nicht zur Verfügung. Neben Swing war auch Flight Design vertreten, mit dem 1er Boxtair, den ich beim Stubai-Cup in einem kaum 10-minütigen Sinkflug schon mal kurz probiert hatte, und dem 1-2er Stream, der mir bis dahin völlig unbekannt war, aber von der Beschreibung her für mich interessant zu sein schien.

Schon seit zwei oder drei Jahren nutze ich jede Gelegenheit, andere Schirme zu fliegen, um herauszufinden, welches Gerät der Nachfolger für meinen Aspect S (DHV2), den ich jetzt fünf Jahre fliege, werden könnte (zuvor drei Jahre P40 und zwei Jahre JaguarXC11) Einen Nachfolger suche ich, weil ich zum Einen entspannter unterwegs sein möchte (der kleine Aspect will in guter Thermik sehr aktiv und konzentriert geflogen werden, sonst klappt er öfter als jedes andere Gerät, das ich kenne), zum Anderen weil ich in schwachen Bedingungen und im Gleiten mit aktuellen Geräten nicht mehr mithalten kann.

 

Ich persönlich beurteile neue Schirme an folgenden Eigenschaften, die wichtigsten zuerst:

Mein Startgewicht liegt bei knapp 90 kg.

 

Den Boxtair bin ich nur etwa 40 Minuten in schwacher Thermik geflogen, daher kann ich nur einen ersten Eindruck wiedergeben. Trotzdem kann ich schon sagen, das Gerät hat absolut nichts mit einem langweiligen 1er Schirm zu tun! Er ist unglaublich agil bei eher niedrigen Steuerkräften und (für meine Bedürfnisse ein bisschen zu) langen Steuerwegen. Wenn man die enorme Wendigkeit ausnutzt, taucht der Schirm in der Kurve deutlich ab, setzt die Fahrt aber wieder recht ordentlich in Höhe um. Aus meiner Sicht ein echter Spaß-Schirm, und das mit DHV 1! Ein Schirm durchaus für die engere Wahl! Das Design des Boxtair wurde übrigens seit dem Stubai-Cup, wo ich ihn schon mal unter die Lupe genommen habe, komplett geändert -  sehr zu seinem Vorteil, wie ich meine!

 

Nach dieser ersten positiven Erfahrung mit einem Flight Design Gerät war ich gespannt auf den Stream. Den konnte ich ausgiebiger testen. In mehreren Flügen war ich insgesamt 2,5h mit ihm unterwegs bei Steigwerten bis 4,5m/s.

Der Start: die Leinen des Stream sind, wenn man den Boxtair vorher in den Fingern hatte,  unwahrscheinlich dünn und zahlreich, absolut gesehen aber ziemlich  normal für einen Leistungs- 1-2er (als solchen schätze ich ihn ein). Ein bisschen Sorgfalt beim Leinensortieren ist hier angebracht. Beim Boxtair war der Eindruck das genaue Gegenteil: selten hatte ich so ein so übersichtliches Leinenbündel in der Hand! Kurz geschüttelt, und schon kann’s losgehen!

Beim Rückwärtsstart, der mir näher liegt als der Vorwärtsstart (bin kein einziges Mal vorwärts raus), fiel mir auf, dass man die A-Gurte des Stream nicht sehr stark verkürzen darf, sonst steigt er überhaupt nicht. Wenn man das beachtet, kommt er aber ohne die Tendenz, irgendwo hängen zu bleiben, hoch. Der Boxtair ist in dieser Hinsicht ein Traum: man kann ihn beim Rückwärts Aufziehen und geeignetem Wind durch Regulierung des A-Leinen-Zugs beliebig steigen oder sinken lassen wie ein Lenkdrachen. Über eine Schießtendenz kann ich bei beiden Geräten nicht viel sagen, da ich das nicht explizit getestet habe und mir Schießer sowieso besser liegen als Hinten-Hängenbleiber.

 

Im Flug mit dem Stream fallen sofort die gegenüber dem Boxtair nochmal deutlich geringeren Steuerkräfte auf. Anfangs hat mich das irritiert, da ich bei meinem Aspect undgefähr dreimal so stark ziehen muß, um eine Kurve zu fliegen. Die Steuerwege fand ich lang, im DHV-Protokoll steht mittel. Eigentlich bin ich ein Freund von eher kurzen Steuerwegen, aber wenn die Steuerkräfte so bizepsfreundlich sind, fand ich es auch nicht schlimm, für enge Kurve etwas weiter ziehen zu müssen. Zur Landung ist Wickeln angesagt. Auffallend auch, dass es nur minimaler Kraft bedarf, um die Ohren reinzuholen. Mit den geteilten A-Gurten geht das  leicht, aber eine hohe Einklapptiefe konnte ich mit einer von drei Leinen pro Seite nicht erreichen. Durch schlagartiges Ziehen soll mehr Fläche wegklappen, habe ich mir sagen lassen.

Ich befürchtete, dass ein Schirm, bei dem alles so leicht geht, keine hohe Stabilität haben kann, und war anfangs in der Thermik sehr angespannt unterwegs. Da sich aber nie ein Klapper auch nur andeutete, entspannte ich mich zusehends. Endlich kein Krafttraining mehr beim Fliegen! Der Schirm machte mir immer mehr Spaß. Beim Einfliegen in die Thermik stellte er sich nicht so stark auf, wie ich es gewohnt war, und hatte immer das Gefühl, der Schirm will fliegen. Die Wendigkeit ist nicht ganz so hoch wie die des Boxtair, aber für meine Begriffe absolut ausreichend. Die Kappe wirkt mittelsteif - nicht wie ein Brett, aber sie arbeitet auch nicht so stark in sich wie z.B. die Swing Schirme vor dem M2/A2

Der Schirm dreht offensichtlich auffallend flach – ich wurde darauf angesprochen!, geht aber dennoch willig in die Spirale, wenn man weiter zieht. Zur Spirale: ich habe nicht wirklich heftig spiralt, muss ja nicht gleich am ersten Tag sein, und kann daher nichts über Sinkwerte sagen. Die Ausleitung war einfach, was bei den mäßigen Sinkwerten auch nicht anders zu erwarten war.

Der Beschleuniger ist leichtgängig, hat aber einen langen Weg. Ich konnte ihn nicht voll durchtreten, was aber durch eine bessere Einstellung wahrscheinlich zu beheben gewesen wäre. Bei maximaler Flächenbelastung hat der DHV 52km/h gemessen. So schnell war ich bestimmt nicht.

Wingovers waren sehr schön zu fliegen. Ich bin selten mit einem so guten Gefühl (für meine Begriffe) so dynamische Wingovers geflogen. Gut gefallen hat mir, dass der Schirm im Hochpunkt des WO nicht herumgewürgt werden muss, wie ich es von meinem Schirm kenne. Eine asymmetrische Spirale habe ich auch probiert, doch in dieser Figur schien mir der Stream irgendwie gedämpft, ich konnte ihn nicht richtig aufschaukeln. Naja, es war der erste Versuch mit diesem Schirm. Vielleicht hätte ich doch noch weiter ziehen müssen.

Summa Summarum kann ich sagen, dass ich schon viele Jahren nicht mehr so viel Spaß mit einem Schirm hatte und so entspannt geflogen bin. Das einzig Unangenehme an den Probeflügen mit dem Stream war der Umstieg zurück auf meinen alten Aspect! Ich dachte, mir fallen die Arme ab...! Das ist vielleicht der einzige Nachteil dieses Schirmes: wenn man den erst mal eine Weile geflogen ist, tut man sich wirklich schwer, einen Nachfolger zu finden, der einem von den Steuerkräften her zusagt.

 

Materialien:

Beim Stream:
obere Galerie: DSL 70 (Dynnema)
Mittlere Galerie: TSL 115 (Aramid)
Stammleinen: TSL 190 - 220 (Aramid)
Tuch: Toray - Nylon
Beim Boxtair:
obere Galerie Edelrid 80 Kg (Aramid)
mittlere Galerie: Edelrid 120 Kg (Aramid)
Stammleinen: Edelrid 240 Kg (Aramid)
Tuch: NCV - Porcher Marine - Nylon

 

 

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