Angelockt von recht vielversprechenden Berichten habe ich mir schon lange vorgenommen im Herbst mal in die Dolomiten zu fahren. Geklappt hat es erst dieses Jahr im Oktober. Ein stabiles Herbsthoch das viel Sonne und wenig Thermik verspricht lockt uns für ein Wochenende in die Dolomiten. Die schlechte Thermikvorhersage schockt uns wenig, da den Berichten zufolge in den Dolomiten immer Thermik ist.
Am Samstag morgen kommen wir auf dem Sellapass an. Allein schon der strahlend blaue Himmel und die herrliche Landschaft lässt und sicher sein, dass sich der Weg hierhin gelohnt hat.
Zuerst müssen wir uns erst einmal orientieren, da keiner von uns Enten je hier war. Ein freundlicher DHV-Info Redakteur informiert mich über alles wichtige, nämlich wie ich zum Startplatz komme.
Eine schweißtreibende
halbe Stunde und wir sind am Startplatz des Col Rodella angekommen. Ein träumerischer
Blick nach oben zum Langkofel - da werde ich in Kürze drüberschweben - . Zuerst ist aber
mal Parawaiting angesagt. Der Wind sieht zwar recht vielversprechend aus, die ersten
Starter verschwinden aber alle recht schnell im Tal. Ich muss wohl einsehen, dass auch in
den Dolomiten die Gesetze der Physik gelten. Es hätte uns wohl doch stutzig machen
sollen, daß wir heute morgen auf dem Pass in kurzen Hosen frühstücken konnten.
Nur wenige schaffen es an diesem Tag vom Rodella Startplatz aufzudrehen. Woher kommen denn dann die vielen Piloten die über dem Langkofel hängen? Ein Blick ums Eck bestätigt meine Befürchtungen, es gibt noch einen anderen Startplatz direkt am Pass, von dem aus es kein Problem zu sein scheint aufzudrehen. Was latschen wir Trottel auch hier hoch.
Irgendwann schreitet die Zeit voran und ich stürze mich auch in die schwache Thermik, der ich kurz danach erliege. Morgen werden wir besser machen.
Das haben sich natürlich auch die anderen gedacht und so tut man sich heute schon
schwer einen Stehplatz am Startplatz direkt unter den Sellawand zu finden. Entsprechend
angespannt ist die Stimmung und den einen oder anderen scheint das so zu überfordern das
nicht mal mehr vor Androhung von körperlicher Gewalt gegen Frauen abgesehen wird. Auch
mich lässt das nicht kalt. Dazu kommt noch die Tatsache, dass man, sucht man zu lange
nach Thermik, von diesem Startplatz nicht mal mehr ins Tal kommt. Die zur Verfügung
stehenden Notlandeplätz sind recht "sportlich". So bin alles andere als
entspannt als ich mich ins "Vergnügen" stürze. Die Sorge abzusaufen dauert
allerdings nicht lange, die Felswände scheinen die Luft richtiggehend nach oben
zu
saugen. Und so gehts unaufhaltsam, teilweise beängstigend nah an den Felswänden
nach oben. Wow! Durchaus beeindruckend. Angesichts meiner nicht allzu guten psychischen
Verfassung machen mir die Felswände allerdings eher Angst, als dass ich das
uneingeschränkt genießen könnte. Was bin ich doch für ein Weichei, ich beisse mich vor
Verkrampfung fast in den Tragegurten fest und Markus Schmidt der zeitgleich mit mir
gestartet ist hat die Nerven die Kamera zu zücken und mich mehrmals abzulichten.
Bald haben wir den Sellastock überhöht und können zur ersten Talquerung Richtung
Marmolada ansetzen, ein Ziel das ich mir nicht wirklich ernsthaft erhoffe. Auf den anderen
Talseite sind viele fliegende Bojen die die Thermik anzeigen und bei der Querung verlieren
wir nicht übermäßig Höhe. So kann ich mich während der Querung gut entspannen und
langsam und Tief durchatmen. Der Trick funktioniert, auf der anderen Talseite angekommen
bin ich wieder der Alte und von da ab beginnt der Traum! 
Wieder zusammen mir Markus drehe ich in grossflächiger sanfter Thermik auf über 3000
m auf um dann zur nächsten Talquerung anzusetzen. Direkt in die südseitigen Felswände
eines Marmolada-Vorgipfels fliegen wir ein. Hier braucht es zum ersten mal etwas Geduld
und Geschick die Thermik richtig auszufliegen. Es wird jedoch belohnt mit einer kräftigen
Überhöhung der Marmolada. Ich traue meinen Augen fast nicht als ich mir den Gipfel
betrachte. Wo bin ich denn hier - in Andelsbuch - in Kössen? Fast ein bisschen beleidigt
ob der Flut an Gleitschirmen am Gipfel überlege ich mir ob ich überhaupt toplanden soll.
Ach was solls, es wird da ja wohl auch noch ein Plätzchen für mich übrig sein. 
Nach der Landung fällt mir gleich Markus um den Hals und in wenigen Sekunden greift die euphorische Stimmung hier oben auf mich über. Alle grinsen breit, in Gedenken an den Escape-Film wird ein Fläschen Wein aufgemacht. Auch Armin landet. Es herrscht ein großes Hallo und man sieht den Menschen an, dass sich für viele heute ein Traum erfüllt hat. Nur eine Frau sitzt etwas abseits und betrachtet sich das Treiben. Ein Blick auf ihre Schuhe erklärt alles. Die Steigeisen sind ein eindeutiger Hinweis. Sie ist hier wohl die einzige die tatsächlich zu Fuß hier hoch gekommen ist. Das hatte sie sich wohl anders vorgestellt. Die Steigeisen weisen mich allerdings auch darauf hin, dass wir alle, sollte der Wind drehen, ein richtiges Problem haben. Der Winterraum in der Hütte wäre mit der Menge an Fliegern glatt überfordert.
Nach einer guten
Stunde entschließe ich mich, mich wieder auf den Heimweg zu machen. An dem Vorgipfel geht
es noch mal auf 3700 m. Die anderen krebsen allerdings alle recht tief bei Belvedere
herum, ein eindeutiger Hinweis, dass die Thermik schwach geworden ist. So gleite ich mit
wenig Höhenverlust allerdings auch ohne verwertbares Steigen Richtung Sellapass. Ein
gigantischer Heimflug. Ruhig geht es zuerst über und dann an den beeindruckenden
Felswänden der Sella entlang. Ich kann das jetzt aus vollen Zügen geniessen.
Die Landung 3 Meter neben unserem VW-Bus am Pass und als erstes ein spontaner
Glücksschrei. Armin kommt kurz danach. Wir grinsen uns beide einen ab.
Nur zwei "Chracks" die unweit von uns sitzen schauen ein bisschen bedröppelt.
Ein Mythos scheint gefallen, bis heute waren sie sich wohl sicher, dass eine Landung auf
der Marmoloda nur den Besten vorbehalten bleibt. Tja, so kanns gehen.

Wolfgang J.
Bilder: Armin A., Markus S.